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Software-Test PC-File:dB

Ein hervorragendes Preis/Leistungs-Verhältnis bietet PC-File:dB, ein Datenbankprogramm in englischer Sprache. Die beiden leicht verständlichen und gut geschriebenen Handbücher helfen, die Sprachbarriere zu überwinden. Die kontextabhängige Hilfsfunktion und der zuschaltbare „Lehrmodus“ erleichtern den Einstieg.

PC-File überrascht den Anwender mit einer Vielzahl an Funktionen und pfiffigen Ideen. Dabei begnügt sich das Programm mit 416 KB RAM und knapp einem Megabyte an Speicherplatz. Das „dB“ im Namen weist darauf hin, dass die erzeugten Dateien voll kompatibel mit dem Standardformat dBase sind. Umgekehrt kann PC-File diese Dateien auch ohne weiteres lesen und bearbeiten. Der reibungslose Datenaustausch mit anderen Programmen ist damit sichergestellt.

Die Dateneingabe erfolgt in Standardtabellen oder in frei gestaltete Masken. Auf Knopfdruck werden ganze Datensätze oder einzelne Felder dupliziert. Felder können automatisch (z.B mit dem aktuellen Datum) gefüllt werden oder konstante Werte aufweisen, die aus anderen Tabellen importiert werden. Diese Möglichkeiten ersparen viel Schreibarbeit. Bis zu zehn Indexfelder pro Datei erlauben die schnelle Suche nach Informationen – auch ähnlich lautende Begriffe werden dabei gefunden.

Beim Sortieren hat Autor Jim Button ebenfalls weiter gedacht. Wer schon einmal eine Adressenliste nach Geburtstagen ordnen wollte, kennt das Problem: Die ältesten Freunde stehen oben, weil sich das Geburtsjahr nicht ignorieren lässt. PC-File schafft hier Abhilfe, erkennt außerdem auch römische Zahlen oder mischt eine Startliste mit Hilfe des Zufallgenerators.

Für die Erstellung von Serienbriefen steht ein eigener Editor zur Verfügung, ein Zusatzprogramm erlaubt den Ausdruck von Adressaufklebern. 22 Makros pro Datei sind möglich und als Zugabe erstellt PC-File auch noch Graphiken, einschließlich Logarithmusskala und Regressionsgeraden.

PC-File:dB 1.0″; ButtonWare, Inc., P.O. Box 96058, Bellevue, WA 98009, USA; für IBM PC und PS/2 Computer und Kompatible; 89,95 Dollar.

(Offenbar unveröffentlichter Text aus dem Jahr 1990)

Software-Test WordPerfect 5.1

Stark verbessert gegenüber dem Vorläufer präsentiert sich WordPerfect 5.1 als professionelles Textverarbeitungsprogramm. Die Installation des Paketes (elf Disketten á 360 KB) ist einfach, die Dokumentation mit rund 1800 Seiten umfangreich.

Obwohl WordPerfect über eine Fülle von Funktionen verfügt, begnügt sich das Programm mit 384-KB-Arbeitsspeicher und kann auch noch von (720-KB-)Disketten betrieben werden. Die Hilfefunktion ist erstmals kontextsensitiv; die wichtigste Neuerung aber besteht in Pull-Down-Menüs, die auch mit der Maus angesteuert werden können. So wird dem Benutzer die verquaste Funktionsauswahl über F-Tasten erspart.

Was die Qualität des Ausdruckes anbelangt, überzeugt WordPerfect hundertprozentig. Wichtig besonders für Wissenschaftler: Ein Formeleditor steht zur Verfügung, mit dem mehr als 1500 Zeichen dargestellt und in Spitzenqualität ausgedruckt werden können. Natürlich bietet WordPerfect erweiterten Komfort, wie man ihn bei dieser Preisklasse erwarten darf. Hier sind die gelungene Druckvorherschau, Makroeditor, Rechtschreibprüfung und Synonymwörterbuch zu nennen.

Schön, dass Grafiken problemlos in den Text integriert werden können. Für die Praxis ist dies allerdings weniger wichtig als eine hervorragende, frei programmierbare Mischfunktion zum Verfassen von Serienbriefen und Listen. Zeitsparend ist auch die Verknüpfung von Text und Tabellenkalkulation: Tabellen aus Lotus 1-2-3, MS-Excel, Symphony, Quattro und PlanPerfect können in den Text integriert und vor dem Ausdruck automatisch neu berechnet werden. Die Kommunikation mit anderen Schreibprogrammen dagegen ist beschränkt auf DOS-Textdateien.

WordPerfect 5.1, WordPerfect GmbH; für IBM-PC/XT, IBM-PC/AT und PS/2-Computer und Kompatible; 1812,60 DM

(erschienen in der WELT am 10. September 1990)

Was ist daraus geworden? Die ehemalige Nummer 1 unter den Textverarbeitungen ist heute – zumindest am Umsatz gemessen – gegenüber Microsofts Word klar im Nachteil. WordPerfect wurde jedoch konsequent gepflegt und weiterentwickelt, sodass zumindest die aktuelle englischsprachige Version heute über viele Funktionen verfügt, die dem Konkurrenzproduckt fehlen.

Software-Test Quattro Pro

Die Berechnung und Analyse großer Datenmengen bewältigt Quattro Pro von Borland. Das Programm verbindet Tabellenkalkulation und Präsentationsgrafik in vorbildlicher Weise. Dabei kann der erstaunliche Leistungsumfang bereits ab 512 KB RAM genutzt werden – Festplatte vorausgesetzt.

Eine hervorragend gestaltete Benutzeroberfläche mit Pull-Down-Menüs, Fenstertechnik und Mausunterstützung sowie eine sorgfältige und umfangreiche Dokumentation erleichtern den Zugang auch zu gehobenen Funktionen. Beim Rechnen glänzt Quattro Pro vor allem bei den mathematischen und Finanzierungsfunktionen.

Matrizenberechnungen, Regressionsanalysen und lineares Optimieren sind möglich, die Eingabe der jeweiligen Formeln wird durch die ausgeklügelten Menüs erheblich erleichtert. Bis zu 64 Dateien können miteinander verknüpft werden, auf Wunsch holt sich das Programm weitere Informationen direkt aus den Datenbanken Paradox, Reflex und dBase.

Die Grafiken – zehn verschiedene Typen sind möglich – können in die Arbeitsblätter integriert und durch Verknüpfung mit den zugehörigen Daten ständig aktuell gehalten werden. Auch wer gesteigerten Wert auf die Präsentation seiner Daten legt, ist mit Quattro Pro gut beraten. Denn die erstellten Grafiken können auf einem „Zeichenbrett“ weiterbearbeitet werden.

Zusätzlich zu Hunderten von Schriftarten werden 3-D-Effekte, Füllmuster, Pfeile, Rasterlinien und Schattierungen sowie geometrische Elemente unterstützt. Eine Bildschirmvoranzeige mit Zoomfunktion gibt einen Vorgeschmack dessen, was Quattro Pro zu Papier bringt: Die Qualität der Ausdrucke ist nämlich schon mit einem 24-Nadel-Drucker bestechend.

Quattro Pro, Borland GmbH; für IBM-Computer und Kompatible; bis 30.9. 282,72 DM, dann 1482 DM.

(erschienen in der WELT vom 4. September 1990)

Was ist daraus geworden? Noch so ein Programm, das einstmals führend war und sich doch nicht durchsetzen konnte. Quattro Pro war einst nicht nur preiswerter, sondern auch besser als Excel. Inzwischen wurde die Software jedoch an Corel verkauft und fristet nun laut Wikipedia nur noch ein Schattendasein in deren Office-Packet.

Software-Test PC Tools 6.0

Komfortable Benutzeroberfläche und Organisationswerkzeug in einem ist das englischsprachige Programm PC Tools 6.0. Es fällt schwer, Funktionen zu finden, die in diesem Softwarepaket nicht enthalten sind. Einmal in den Arbeitsspeicher geladen, wartet PC Tools darauf, auf einen Knopfdruck hin den Benutzer bei allen erdenklichen Funktionen zu unterstützen: Eine „Desktop Utility“ stellt Notizblock, Terminkalender, diverse Taschenrechner und eine leistungsfähige Datenbank zur Verfügung. Der Gebrauch verschiedener Telekommunikationseinrichtungen wird erleichtert, ein Makroeditor hilft bei der Automatisierung komplexer Funktionsabläufe, und ein Clipboard ermöglicht den Transfer von Daten zwischen verschiedenen Programmen.

Diese Leistungen können dank Mausunterstützung, Pull-Down-Menüs und einer kontextsensitiven Hilfefunktion ohne lange Einarbeitungszeit in Anspruch genommen werden. Die Benutzeroberfläche kann an das Niveau des Anwenders angepasst werden und lässt die gebräuchlichen Betriebssysteme im Vergleich erblassen. Das Jonglieren mit Dateien und ganzen Verzeichnissen wird zum Vergnügen. Jede beliebige Zeichenkette kann gesucht und anschließend editiert werden.

Unbefugten Manipulationen lässt sich durch Passwortschutz und Verschlüsselung von Dateien ein Riegel vorschieben. Zeit spart der Benutzer durch ein Cache-Programm, das die Zugriffszeiten auf die Festplatte reduziert. Ein Dateibetrachter macht die Inhalte der meisten Dateien in ihrem Originalformat sichtbar. So können etwa dBase-, Word- oder Lotus-123-Dateien eingesehen werden, ohne die zugehörigen Programme zu starten. Eigene Anwendungen lassen sich leicht in die Menüs der Benutzeroberfläche integrieren. Wünschenswert wäre eine deutschsprachige Version des vielfältigen Programms.

PC Tools Deluxe 6.0, Computer 2000 AG, für IBM PC, XT, PS/2 oder kompatible, 398 DM

(erschienen in der WELT vom 29. August 1990)

Was ist daraus geworden? Mir hat das Programm einige Jahre gute Dienste geleistet. Aber: „Den Sprung in das 32-Bit-Zeitalter haben die PC Tools nicht mehr geschafft“, so die Wikipedia. Aus PC Tools war zuletzt eine ganze Sammlung von Programmen geworden, die von der Firma Symantec vertrieben wurde. Offenbar kamen diese Tools aber nicht so gut an wie die früheren Versionen,  und das Angebot wurde am 4. Dezember 2013 eingestellt.

Chaos und Evolution: Die Anfänge des Lebens

Unser Körper besteht zu rund zwei Dritteln aus Wasser. Dazu kommen noch Kohlenstoff, Stickstoff und eine Vielzahl von selteneren Elementen. Aus dem komplexen Zusammenspiel dieser unbelebten Bausteine sind über Milliarden von Jahren hinweg die vielfältigsten Lebensformen entstanden, von den „primitiven“ Urbakterien bis hin zur „Krone der Schöpfung“, Homo sapiens – der vernunftbegabte Mensch – hat sich nicht nur die Erde untertan gemacht; wir sind auch als einzige Art in der Lage, über unsere Entstehung‘ nachzudenken.

Wie entsteht Ordnung aus Chaos, Leben aus toter Materie? Aristoteles, der die Entstehung von Fischen und Insekten aus Schlamm gelehrt hatte, irrte ebenso wie Johan Baptista van Helmont, der im Mittelalter ein Rezept für die „Erzeugung“ von Mäusen aus Getreide und schmutziger Wäsche entwickelte.

Stanley Miller im Jahr 1999. In seinen Experimenten zur Entstehung des Lebens erzeugte der Biochemiker aus einfachsten Zutaten die Bausteine des Lebens. (Quelle: NASA/Wikipedia)

Bereits in den fünfziger Jahren wurde nachgewiesen, wie aus den einfachen Gasen der Uratmosphäre so hochkomplizierte Moleküle des Lebens wie Eiweiße und Nukleinsäuren entstanden sein könnten. Stanley Miller, damals noch Chemiestudent in Chicago, erhitzte eine Mischung aus Kohlendioxid, Methan, Ammoniak und Wasserstoff mit Wasser. Die Gewitter der Uratmosphäre wurden durch elektrische Entladungen, das Sonnenlicht durch UV-Lampen ersetzt.

Zum großen Erstaunen der Fachwelt gelang es Miller, nicht nur Zucker und Fettsäuren, sondern auch Nukleotide und Aminosäuren herzustellen, die Bausteine der Nukleinsäuren und Eiweiße also. Schließlich produzierten die Wissenschaftler in ihren Glaskolben sogar kurze Nukleinsäuren und Eiweißketten.

Aus dem Zusammenwirken von einigen simplen Gasen konnten also Moleküle mit überraschenden neuen Eigenschaften entstehen; eins plus eins ist manchmal mehr als zwei. Eiweiße und Nukleinsäuren sind nämlich in der Lage, Informationen zu speichern und zu vermehren. Die Reihenfolge ihrer Bausteine liefert die Betriebsanleitung, nach der alle Lebewesen funktionieren.

Das Wechselspiel zwischen diesen beiden Molekülklassen macht Leben überhaupt erst möglich. Ein Naturgesetz – der zweite Hauptsatz der Thermodynamik – besagt nämlich, dass unser gesamtes Universum unaufhaltsam einem Zustand völliger Zufälligkeit und Unordnung zustrebt, den wir Wärmetod nennen. Nukleinsäuren und Eiweiße schaffen dagegen Inseln der Ordnung, Lebewesen also, indem sie die Unordnung im Universum durch ihren Stoffwechsel vergrößern.

Nachdem also die Entstehung der ersten primitiven Nukleinsäuren und Eiweiße geklärt scheint, bleibt die Frage nach dem Urahn aller Lebewesen. Irgendwann müssen die vorhandenen Bauteile sich selbständig zum ersten zellähnlichen Gebilde organisiert haben, von dem wir alle abstammen. Ein ganz unwahrscheinlicher Zufall soll nach Ansicht des Nobelpreisträgers Jacques Monod alle Bestandteile der „Urzelle“ zusammengeführt haben. Wenn Monod recht hat, wäre die Urzeugung ein mit Sicherheit einmaliger Vorgang. Die Erde als der einzige bewohnte Planet im Universum?

Thomas R. Cech fand Hinweise, wonach die einfache Nukleinsäure RNA gleichzeitig als Informationsträger funktioniert und biochemische Reaktionen ausführen kann. (Von Jane Gitschier [CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons)

Die Entdeckung eines anderen Nobelpreisträgers zeigt einen Ausweg aus dem Dilemma: Der Amerikaner Thomas Cech fand heraus, dass sich unter günstigen Umständen eine einzelsträngige Nukleinsäure (RNA) selbst verdoppeln kann, und dafür nicht auf Eiweiße angewiesen ist. Diese molekularen Vielzweckkünstler sind also gleichzeitig Träger von Information und Funktion; befehlendes und ausführendes Element in einem. Viele Experten glauben darum, dass RNA-Moleküle an der Schwelle zum Lebendigen stehen.

Diese Beobachtung kann allerdings nur die Entstehung relativ kurzer RNA-Moleküle erklären, denn die Verdoppelung der RNA ist sehr fehleranfällig, Auch die einfachsten Lebewesen tragen heute tausendmal längere Erbfaden mit sich, die aus einer zweisträngigen Nukleinsäure – der DNA – bestehen. Diese „Doppelhelix“ ist stabiler und bei der Verdoppelung weniger fehleranfällig als die RNA, dafür aber längst nicht so vielseitig.

Mit seinen Experimenten am Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie will ein dritter Nobelpreisträger diesen „Knackpunkt“ der Evolution erhellen. Professor Manfred Eigen hat mit seiner Arbeitsgruppe einen ganzen Maschinenpark entworfen, mit dem die Evolution der ersten RNA-Moleküle simuliert werden soll. Der 62jährige Physiker glaubt, dass verschiedene Typen von RNA-Molekülen sich zu Anfang gegenseitig bei der Vermehrung halfen. Diese Art von Teamwork – Eigen spricht von einem „Hyperzyklus“ – ist ein weiteres Beispiel dafür, wie aus der Kombination bekannter Bausteine neue Eigenschaften entstehen könnten.

Chaosforscher sprechen von „Nichtlinearität“, was besagt, dass neue Wechselwirkungen zwischen den Teilen des Systems auftreten, die nicht vorherzusehen sind. Der Physiker und Philosoph Dr. Bernd Olaf Küppers bringt diese Beobachtung auf den Punkt, indem er sagt: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Evolution läuft demnach gesetzmäßig ab, ist aber nicht voraussagbar.

„Evolution ist Chaos mit Rückkopplung“, meint der amerikanische Physiker Joseph Ford, einer der Pioniere der Chaosforschung. In den Versuchen am Göttinger Max-Planck-Institut besorgen Roboter diese Rückkopplung. Bei der Verdoppelung der verschiedenen RNA-Moleküle in ihren Reagenzgläsern schleichen sich Fehler ein. So entstehen Nachkommen mit veränderten Eigenschaften. Eigens Maschinen suchen nun automatisch diejenigen RNAs heraus, die sich am schnellsten vermehren und bieten diesen Molekülen die Möglichkeit zur weiteren Vermehrung. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit entstehen so RNA-Typen, die sich an ihre künstliche Umgebung optimal angepasst haben.

Vieles spricht dafür, dass sich vor rund vier Milliarden Jahren auf der Erde ein ähnlicher Prozess abgespielt hat. Mehrere erfolgreiche RNA-Moleküle bildeten vielleicht einen Hyperzyklus, zu dem später auch primitive Eiweiße hinzutraten.

Die Einzelheiten dieser Entwicklung werden sich wohl nie genau aufklären lassen. Es bleiben Lücken in unserer Vorstellung, die momentan noch mit recht diffusen Ideen verdeckt werden. So ist es beispielsweise immer noch unklar, wie sich ein erfolgreicher Hyperzyklus samt Eiweißen von seiner Umgebung abgrenzen und so die erste Zelle bilden konnte. Auch der Übergang von der RNA zur DNA als Träger der Erbinformation verschwimmt im Rückblick auf geschätzte 4000 Millionen Jahre Entwicklung.

(erschienen in der WELT am 20. August 1990. Letzte Aktualisierung am 19. März 2017)

Chemiker entdecken die Chaosforschung

Chaos im Reagenzglas? Eine chemische Reaktion, die scheinbar ziellos mal in die eine, mal in die andere Richtung läuft? Die Beobachtung des Sowjetrussen Boris Belousow schien grundlegenden Naturgesetzen zu widersprechen. Sein Cocktail aus Schwefel und Malonsäure, Bromidionen und Cersulfat funktionierte als „chemisches Pendel“: Bei Zugabe des Farbstoffes Ferroin färbte sich die Lösung abwechselnd blau und rostrot – ein Schauspiel, das sich über Stunden hinzog.

Als Belousow vor 30 Jahren seine Kollegen auf dieses spektakuläre Verhalten aufmerksam machen wollte, schenkte man ihm keine Beachtung. Fachzeitschriften lehnten seine „angebliche“ Entdeckung als Hirngespinst ab. Erst 1964 – nach dem Tod des unglücklichen Belousow – konnte Anatoli Schabotinski beweisen, dass die Reaktion „echt“ war.

Die B-Z-Reaktion wird auch heute noch heiß diskutiert. Sie bietet ein gutes Beispiel für Rückkoppelung: Die zuerst gebildeten Reaktionsprodukte beeinflussen den weiteren Verlauf des Experimentes. Wenn man in einem Reaktionsgefäß nun ständig neue Chemikalien zugibt und gleichzeitig die Reaktionsprodukte entfernt, hat man fast schon ein Modell für eine lebende Zelle. Interessanterweise kann man jetzt die Konzentration der „Nährstoffe“ und die Durchflussgeschwindigkeit so einstellen, dass die periodischen Farbumschläge der B-Z-Reaktion immer unregelmäßiger werden und schließlich ins Chaos münden.

Diese Übergangsphase spielt sicher auch in der belebten Natur eine wichtige Rolle. Denn obwohl Ökosysteme und innere Uhren, Herzschlag und Stoffwechsel durch Rückkoppelung stabilisiert werden, kann eine winzige Störung oft fatale Folgen haben. Chemische Reaktionen eignen sich besonders als Modelle für die Entstehung von Chaos, weil die Ausgangsbedingungen eines Experimentes genau eingestellt werden können.

Beispiel für eine fraktale Reaktion: Das „Apfelmännchen“ (Verm. von Fedi CC-BY-SA-3.0 )

Umgekehrt profitiert auch die Chemie von den Erkenntnissen der Chaosforschung. Synthetische Polymere etwa, die Oberflächen von Katalysatoren und sogar die hochkomplizierten Eiweißmoleküle weisen eine Art von Ordnung auf, die erst durch die Entdeckung des amerikanischen Mathematikers Benoit Mandelbrot sichtbar wurde. All diese Systeme sind nämlich „selbstähnlich“.

Die Chaosforschung benutzt diesen Begriff, um deutlich zu machen, dass ein Teil des Ganzen bei entsprechender Vergrößerung so aussieht wie das Ganze. Ein anschauliches Beispiel ist die Struktur eines Baumes, von dem zunächst große Äste abzweigen. Betrachtet man einen Ast, so stellt man fest, dass dieser sich auf identische Weise in einzelne Zweige gliedert. Diese Verästelung setzt sich dann buchstäblich bis in die Blattspitzen fort, wo das gleiche Ordnungsprinzip den An- und Abtransport von Nähr- und Schadstoffen regelt.

Die Selbstähnlichkeit lässt sich nun in Zahlen (Fraktale) fassen, mit denen sich rechnen lässt. Ein spektakuläres Produkt dieser Art von Mathematik sind faszinierende Computergrafiken wie das berühmte „Apfelmännchen“. Die „fraktale Dimension“ lässt sich aber auch als Maß für die versteckte Symmetrie unregelmäßiger Materialien nutzen. Während eine Fläche die Dimension zwei, ein Raum die Dimension drei besitzt, findet man im Experiment beispielsweise für die Oberfläche von Aktivkohle einen Wert von 2,34.

Oft reicht die Kenntnis der fraktalen Dimension aus, um das Verhalten von Molekülen an der jeweiligen Oberfläche vorauszusagen. Die Gesetzmäßigkeiten, die für chemische Reaktionen in Lösung gelten, verlieren nämlich teilweise ihre Gültigkeit, wenn die Prozesse auf fraktalen Strukturen stattfinden. Mit Hilfe der fraktalen Dimension können die Experten beispielsweise Berechnungen über Reaktion und Transport von Schadstoffen im Platin-Katalysator anstellen, ohne dessen genaue Oberflächenstruktur zu kennen.

Auch für verschiedene „Biokatalysatoren“, für Eiweißstoffe also, wurde im Computerexperiment bereits die fraktale Dimension bestimmt. Sie liegt meist um 2,2, was einem ziemlich lockeren Aufbau entspricht. Berechnungen deuten darauf hin, dass dieser verhältnismäßig hohe Wert eine Voraussetzung für die schnelle Arbeit dieser Makromoleküle darstellt. Während die Analyse fraktaler Strukturen in der Chemie schon weit fortgeschritten ist, steckt die Produktion noch in den Kinderschuhen. An dieser Front ist noch wahre Pionierarbeit zu leisten.

(erschienen in der WELT vom 6. August 1990)

Gen für Blutgruppen entdeckt

Ein einziges Gen bestimmt beim Menschen die Blutgruppe. Wie amerikanische Forscher herausfanden, kommt dieses Gen in drei Varianten vor, die sich nur minimal unterscheiden. Zwei Varianten, das A-Gen und das B-Gen, enthalten die Information für einen Eiweißstoff (Transferase), der Zuckerreste auf den Zelloberflächen verändern kann.

Die Art dieser Zuckerreste bestimmt die Blutgruppen (A, B, AB oder 0) des Menschen. Obwohl sich A- und B-Gen nur in vier von fast 1000 Bausteinen unterscheiden, entstehen zwei verschiedene Transferasen, die unterschiedliche Zuckermoleküle übertragen. Transferase A „macht“ Blutgruppe A, Transferase B Blutgruppe B. Werden beide Transferasen produziert, so entsteht Blutgruppe AB. Bei der dritten Variante des Blutgruppengens (O-Gen) fehlt nur ein einziger Baustein. Dies führt zu einem Eiweißstoff, der überhaupt keine Zucker mehr übertragen kann. Daraus folgt die Blutgruppe Null.

OriginalliteraturYamamoto F, Clausen H, White T, Marken J, Hakomori S. Molecular genetic basis of the histo-blood group ABO system. Nature. 1990 May 17;345(6272):229-33.

Das aktuelle Fachbuch: PC-Einkaufsführer

Die Unsitte vieler „Fachverkäufer“, teure Waren mit viel Geschwätz und wenig Sachverstand an den Kunden zu bringen, kann den Computerkauf zum traumatischen Erlebnis machen. Der „PC-Einkaufsführer“ bietet dagegen eine willkommene Entscheidungshilfe für alle, die sich entschlossen haben, die Schwelle zum elektronischen Zeitalter zu überqueren. Witzig und sehr kenntnisreich geschrieben, gibt das Buch Tipps für die Praxis. Welcher Computer ist der richtige für mich, lohnt es sich, 1000 Mark für einen Farbbildschirm zu investieren, brauche ich einen Laserdrucker? Wozu RAM und ROM, CAD und DTP, Maus und Modem? Nach der Lektüre ist man mit Sicherheit schlauer und in die Lage versetzt, teure Fehlentscheidungen zu vermeiden.

„PC-Einkaufsführer – Einsteigen ohne auszusteigen“, von Christian Spanik und Hannes Rügheimer. Markt und Technik Verlag, Haar bei München. 347 Seiten, 39 Mark.

(erschienen in der WELT am 18. Juni 1990 und als Rezension bei Amazon.de)

Software-Test Psion-Chess

Geduldiger als jeder menschliche Schachpartner ist Psion-Chess. Dieses Programm – ein Klassiker – überzeugt durch Spielstärke und eine Reihe von Manipulationsmöglichkeiten, die ein Gegenspieler aus Fleisch und Blut niemals zulassen würde. Eine Installation ist nicht nötig, die knappe Dokumentation ist – Schachkenntnisse vorausgesetzt – ausreichend.

Das Spielbrett lässt sich umdrehen und nach Belieben zwei- oder dreidimensional darstellen. Die Figuren müssen recht umständlich mit dem Cursor bewegt werden. Eine Maus ist leider ebenso wenig vorgesehen wie die direkte Eingabe von Zügen über die Tastatur. Dafür erlaubt Psion-Chess aber die Wahl zwischen 14 Spielstufen, bei denen die Bedenkzeit von beliebig bis zum sofortigen Zugzwang verkürzt werden kann. Während des Spiels ist ein Seitenwechsel jederzeit möglich, eigene Züge können ebenso wie die des Computers zurückgenommen werden. Derartige „Fouls“ werden gerechterweise mit dem Verschwinden der „Turnierstatus“-Anzeige vom Bildschirm bestraft.

Das Programm erlaubt den Aufbau von Stellungen und gibt auf Wunsch auch Tipps für den „optimalen“ Zug. Sofern möglich, löst Psion-Chess auch Aufgaben wie Matt in zwei, drei und sogar acht Zügen. Die gespielten Partien lassen sich abspeichern und an einem beliebigen Punkt fortsetzen oder ändern. Dadurch eignet sich Psion-Chess hervorragend als Trainingspartner.

Trotz des großen Erfolges bei Markteinführung wurde die Produktpflege leider vernachlässigt. So wäre es sicher keine große Mühe gewesen, einen Dateimanager hinzuzufügen, mit dem sich der Verlauf abgespeicherter Partien kommentieren ließe. Dies und die fehlende Möglichkeit, Spiele auch in Kurznotation einzugeben, machen den Aufbau einer Privatbibliothek lehrreicher Partien unnötig schwer.

„Psion-Chess“, Psion GmbH, für IBM-PC und Kompatible; 89,50 DM.

(erschienen in der WELT am 13. Juli 1990)

Was ist daraus geworden? Psion-Chess gibt es immer noch, inzwischen sogar kostenlos. Im DOSGamesArchive.com kann man es herunterladen – eine Gewähr gibt es von mir dafür aber nicht!

Wespe gegen Feuerameise

Amerikanische Wissenschaftler haben eine Wespenart entdeckt, die in den Bau der berüchtigten Feuerameise (Solenopsis invicta) eindringen kann und deren Larven auffrisst. Die Feuerameisen, gefürchtet wegen ihrer äußerst schmerzhaften Stiche, waren in den dreißiger Jahren aus Südamerika in die USA eingeschleppt worden. Dort haben die Insekten sich trotz jahrzehntelanger Abwehrmaßnahmen rapide vermehrt und wurden mittlerweile zu einer regelrechten Landplage.

Beißende und stechende Landplage: Die Feuerameise Solenopsis invicta (Von April Nobile und www.antweb.org, CC BY-SA 3.0)

Die aus Brasilien stammende Schlupfwespe Orasema ist die einzige Tierart, die lebend in den Bau der Feuerameise gelangt. Dies gelingt, weil die winzigen Wespenlarven sich an nahrungssuchende Ameisen anhängen und so unbemerkt bleiben. Im Inneren des Ameisenbaus nehmen die Wespenlarven dann auf noch unbekannte Weise den Geruch ihrer unfreiwilligen Gastgeber an. Anschließend bohren sie sich in Ameisenlarven und warten ab, bis diese eine gewisse Größe erreicht haben. Möglicherweise durch Hormone werden die Parasiten dann wieder aktiv und fressen die Ameisenlarven von innen heraus auf. Der Schaden, den die Wespen auf diese Weise anrichten, ist allerdings nicht groß genug, um die Feuerameisen wirksam zu bekämpfen.

(erschienen in der WELT am 7. Juli 1990)

Quelle: Beard J. Fire ants deceived by killer wasps. New Scientist 5. Mai. 1990