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Google-Technik soll Brustkrebs erkennen

Die Mammographie ist ein Verfahren, bei dem Röntgenbilder der weiblichen Brust angefertigt werden. Ziel ist es, eine Krebserkrankung möglichst früh zu erkennen, genauer zu erfassen, oder auszuschließen. Die schwierige Aufgabe erfordert ein langes Fachstudium, und selbst Radiologen mit großer Erfahrung liegen mit ihren Beurteilungen nicht selten daneben. Die Folge sind falsche Alarme („falsch Positive“), die zur Verunsicherung der Frauen führen und zu Nachuntersuchungen, die sich erst im Rückblick als unnötig herausstellen. Dazu kommen noch Tumoren, die übersehen werden („falsch Negative“), und die weniger gut behandelt werden können, wenn sie schließlich doch auffällig werden.

Genauere Diagnosen erhofft man sich von der Technik der künstlichen Intelligenz (KI), die von Firmen wie Google und Microsoft erforscht und zunehmend eingesetzt wird. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der selbstlernenden Computerprogrammen, die Anhand von Bildern und anderen Mustern Vorhersagen treffen sollen.

Eine Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht – und von Google finanziert – wurde zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Ein Forscherteam trainierte die Software mit Mammographie-Bildern von 26.000 Frauen aus Großbritannien und 3000 aus den USA. Ob die Diagnosen richtig waren, konnte man überprüfen, weil die Frauen etwa 3 Jahre später erneut untersucht wurden.

Beim Vergleich der Vorhersage-Genauigkeit hatte die Software sowohl weniger falsche Alarme verursacht, als auch weniger Tumoren übersehen. Auch als die Forscher das KI-System lediglich mit den britischen Daten trainierten, und anschließend anhand der US-Daten testeten, war „Dr. Google“ überlegen. Gegenüber den US-Ärzten hatte die Software 3,5 Prozentpunkte weniger falsch Positive und 8,1 Prozentpunkte weniger falsch Negative. Dies zeigt, dass die Software länderübergreifend zum Einsatz kommen könnte und nicht nur in jenen Regionen, wo sie ursprünglich getestet wurde. Theoretisch könnten daher weltweit Engpässe in der Versorgung gelindert und vielerorts die Qualität verbessert werden.

Kritisch anzumerken ist allerdings, dass die Studie die Praxisbedingungen in vielen Ländern mit guter Versorgung ignoriert hat. So war die „statistisch signifikante“ Überlegenheit der Google-Software in Großbritannien nicht besonders ausgeprägt und bezog sich nur auf die jeweils ersten Radiologen, die dort die Mammogramme begutachtet haben. Üblich ist im britischen System – wie auch im deutschen – allerdings die Prüfung durch (mindestens) 2 Radiologen, von denen der zweite den Befund des ersten kennt. Legt man diesen Maßstab an, so war KI-System weniger gut als jeweils 2 Fachärzte. Der Unterschied war allerdings gering, und es ist abzusehen, dass lernfähige KI-Systeme wie das hier getestete schon bald zur Ausstattung einer modernen Praxis gehören werden. Wenn schon nicht als „Dr. Google“ dann vielleicht als „Assistent Google“.

Quelle:

McKinney SM, Sieniek M, Godbole V, et al. International evaluation of an AI system for breast cancer screening. Nature. 2020;577(7788):89–94. doi:10.1038/s41586-019-1799-6.

(Publikumsversion eines nur für Ärzte zugänglichen Fachartikels für Univadis.de, erschienen am 5. Januar 2020)

Maschine konserviert Schweinehirn

Ganz schön gruselig wirkt auf den ersten Blick eine Reihe von Experimenten, über die der Neuroforscher Professor Nenad Sestan von der Yale School of Medicine und seine Kollegen in der Fachzeitschrift Nature berichten: Von Dutzenden abgetrennten Schweineköpfen ist da die Rede, die noch vor Ort in der Schlachterei präpariert und später im Labor an eine hochkomplizierte Maschine („BrainEx“) angeschlossen wurden. Zweck der Übung war es, die Gehirne der Tiere möglichst lange funktionsfähig zu halten – und dies ist den Forschern auf spektakuläre Weise gelungen.

Jeweils etwa vier Stunden vergingen vom Zeitpunkt der Schlachtung bis ein Team von Neurochirurgen die Gehirne über die Karotisarterien an BrainEx angeschlossen hatte. Diese Maschine, bestehend aus mehreren Pumpen und Sensoren, einem Filtersystem für Blutschadstoffe, einem Pulsgenerator und einer Temperatursteuerung, übernahm dann für bis zu sechs Stunden die Aufgabe des nicht mehr existenten Schweinekörpers. An dessen Stelle durchspülte die Maschine das Schweinehirn mit einer speziellen Nährflüssigkeit, die ebenfalls für diese Versuche entwickelt worden war.

Wohl niemals zuvor ist es gelungen, ein derart großes Gehirn über so lange Zeit so gut zu konservieren: Beispielsweise konnten die Forscher zeigen, dass der Sauerstofftransporter Hämoglobin alle Blutgefäße in den abgetrennten Hirnen erreichte. Die Gefäßwände waren außerdem noch in der Lage, sich zusammenzuziehen. Als man nämlich das Medikament Nimodipin ins System spritzte, erhöhte sich der Blutfluss, so wie es auch bei einem gesunden und intakten Gehirn geschieht. Unter dem Mikroskop waren die typischen Strukturen der Nervenzellen und ihre Bestandteile klar zu erkennen, und im Gegensatz zu nicht präparierten Hirnen gab es keine größeren krankhaften Veränderungen. Sogar die Funktionen einzelner Nervenzellen waren intakt, und der Austausch elektrischer Signale funktionierte noch über viele Stunden hinweg. Höhere Hirnaktivitäten, die als Hinweis auf ein Bewusstsein in den isolierten Hirnen dienen könnten, gab es keine. Allerdings ist auch nicht klar, ob die Forscher überhaupt nach solchen Zeichen gesucht haben.

Kaum verwunderlich ist, dass kritische Geister gleich in zwei begleitenden Artikeln nach dem Sinn und der Moral dieser Experimente fragten. Klar ist aber auch, dass es den Wissenschaftlern nicht darum ging, abgetrennte Köpfe „unsterblich“ zu machen oder gar Tote ins Leben zurück zu holen. Vielmehr erlaubt ihre Methode zunächst einmal Untersuchungen, die mit herkömmlichen Arten der Präparation nicht möglich sind. Neben einem neuen Blick auf das Gehirn könnte die „Hirnmaschine“ zudem langfristig  dabei helfen, neue Therapien gegen die Schäden zu entwickeln, im Gehirn nach längerem Sauerstoffmangel entstehen – etwa nach einem Herzinfarkt oder bei Ertrunkenen.

Verselja Z et al.: Restauration of brain circulation and cellular functions hours post-mortem. Nature. 18. April 2019 (online). doi: 10.1038/s41586-019-1099-1.

Spinale Muskelatrophie: Hoffnung durch Antisense-Technik

Mithilfe einer neuartigen genetischen Technik ist es Wissenschaftlern erstmals gelungen, das Fortschreiten der Spinalen Muskelatrophie (SMA) bei Säuglingen und Kleinkindern zu verlangsamen – einer fatalen und bislang kaum aufzuhaltenden neurodegenerativen Erkrankung. „Dies ist eine vielversprechende Behandlungsmethode für die häufigste genetische Todesursache im Kindesalter“, so Prof. Christine Klein, Leiterin des Instituts für Neurogenetik an der Universität Lübeck und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Darüber hinaus könne man davon ausgehen, dass die hier genutzte Methode der Antisense-Technik auch für andere Erkrankungen und Indikationen angepasst werden und dort ebenfalls erfolgreich sein könnte.

Den Beweis, dass die Antisense-Technik funktionieren kann, haben nordamerikanische Neurologen mit einer Studie erbracht, über die sie in der Fachzeitschrift The Lancet berichten. Insgesamt 20 Säuglinge, die zwischen der dritten Lebenswoche und dem sechsten Lebensmonat an der Spinalen Muskelatrophie erkrankt waren, haben Richard S. Finkel vom Nemours Children´s Hospital und seine Kollegen behandelt.

Ursache der Erkrankung war in allen Fällen ein fehlendes bzw. defektes Gen für einen Nerven-Schutzfaktor (Survival Motor Neuron 1, SMN1). Ohne dieses Eiweiß gehen die Motoneuronen des Rückenmarks und des Hirnstammes zugrunde, die die Bewegungen einschließlich des Schluckens und des Atmens kontrollieren. Die Folgen sind fatal: Nicht einmal ein Viertel der Kinder überlebte bislang ohne künstliche Beatmung die Diagnose um mehr als zwei Jahre.

Vor diesem Hintergrund erhielten alle Teilnehmer den Wirkstoff Nusinersen in Form mehrerer Injektionen ins Nervenwasser des Rückenmarks. Zwar verstarben vier der 20 Babys trotz der Behandlung. Zum Zeitpunkt des Berichtes aber waren 16 noch am Leben. 13 von ihnen konnten ohne fremde Hilfe atmen, und bei 14 hatte sich die Muskelfunktion gebessert. Teilweise konnten diese Kleinkinder nun den Kopf aufrecht halten, greifen, stehen und sogar laufen. Solche Veränderungen hatte man bislang bei unbehandelten Kindern mit dieser Form von SMA nicht beobachtet. „Eine Heilung bedeutet das nicht“, sagt Prof. Klein, „aber die Therapie scheint wirksam zu sein.“

Die Neurologin hebt hervor, dass der molekulare Mechanismus der Methode wie geplant funktioniert hat: Nusinersen ist ein synthetisch hergestelltes Molekül, das spezifisch konstruiert wurde um ein Ersatzgen für SMN1 zu aktivieren, das fast baugleiche SMN2. Es könnte theoretisch ebenfalls den Nerven-Schutzfaktor liefern, der die Motoneuronen am Leben hält. Allerdings enthält SMN2 einen „Webfehler“, der die Übersetzung der Erbinformation in das rettende Eiweiß um 75 bis 90 Prozent verringert.

Diesen Webfehler konnte Nusinersen offenbar beheben. Das von Wissenschaftlern der Firma Ionis hergestellte synthetische Molekül heftet sich an einer genau vorausberechneten Stelle an ein Zwischenprodukt (Boten-RNS), welches die in SMN2 enthaltenen Erbinformationen an die Eiweißfabriken der Zellen übermittelt. Nusinersen verhindert dadurch, dass aus der SMN2-Boten-RNS ein Abschnitt entfernt wird und die Erbinformation unbrauchbar wird. Die Menge korrekt übersetzter Boten-RNS stieg um das 2,6-fache auf einen Anteil von 50 bis 69 %. Durch Messungen der Eiweißkonzentration im Rückenmark konnten die Forscher schließlich noch zeigen, dass die in dieser Studie behandelten Kinder um durchschnittlich 63,7 % Prozent mehr SMN-Protein bildeten, als unbehandelte Kinder.

Die Nebenwirkungen des Verfahrens wurden von den Patienten gut toleriert, sodass die genetische Therapie von Prof. Klein als „in akzeptabler Weise sicher“ eingestuft wird. Eine weitere, noch nicht veröffentlichte Studie mit Nusinersen bei älteren Patienten mit SMA war ebenfalls erfolgreich, teilte die Hersteller-Firma Ionis mit. Und unmittelbar vor Weihnachten gab die US-Zulassungsbehörde FDA bekannt, dass Nusinersen unter dem Handelsnamen Spinraza für die Behandlung der SMA sowohl bei Säuglingen als auch bei Erwachsenen zugelassen wurde (Inzwischen liegt auch eine Zulassung der europäischen Arzenimittelbehörde EMA vor).

„Als das weckt begründete Hoffnung auf die so lange erwartete Wende in der translationalen Anwendung von Erkenntnissen aus der Molekulargenetik von der reinen Diagnostik hin zu klinisch-therapeutischen Anwendungen im Sinne einer personalisierten Medizin“, so Prof. Klein. Die Antisense-Technik könne auch auf andere Erkrankungen angepasst werden, erwartet die DGN-Vizepräsidentin.

Während bei SMA die Übersetzung eines „schwachen“ Gens gefördert wird, ließe sich stattdessen auch das Ablesen schädlicher Gene verhindern. Im Tierversuch ist dies beispielsweise bei Mäusen schon gelungen, die als Modell für die Huntington´sche Krankheit dienten. Aber auch in klinischen Studien wurde und wird die Antisense-Technik bereits erprobt, beispielsweise gegen die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Rheuma, Asthma, Morbus Crohn sowie eine Vielzahl von Krebserkrankungen.

(Vorlage für eine Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vom 5. Januar 2017)

Quellen:

Gute Laune aus dem Handy

Man mag den Kopf schütteln über den aktuellen Hype um das Handy-Spiel Pokémon Go, aber lassen Sie es uns positiv sehen: Beim Fangen der virtuellen Viecher kommen die Spieler wenigstens in Freie und lernen ihre Umgebung kennen. Das scheint mir allemal besser als Extreme-Couching, Koma-Saufen und andere angesagte Freizeitaktivitäten.

Nun haben Psychologen der Universität Basel zusammen mit Kollegen aus Korea, den USA und Deutschland eine weitere nützliche Anwendung für Smartphones entdeckt: In einer Studie mit 27 gesunden jungen Männern übertrugen sie Übungen aus der Psychotherapie auf die Geräte, und verbesserten damit deutlich die Stimmung der Teilnehmer über die zweiwöchige Übungsphase hinweg.

In einer Pressemitteilung berichten die Forscher um PD Dr. Marion Tegethoff:

Die Probanden hatten die Wahl zwischen verschiedenen bewährten und neueren psychotherapeutischen Übungsbausteinen, sogenannten Mikro-Interventionen. So riefen sich manche der Teilnehmer während der Übungsphase emotionale Erlebnisse in Erinnerung, während andere Probanden kurze Sätze oder Zahlenfolgen kontemplativ wiederholten oder mit ihrer Gesichtsmimik spielten. Ihre Stimmungslage erfassten die Probanden auf ihrem Smartphone, indem sie jeweils vor und nach der Übung kurze Fragen durch Ankreuzen auf einer sechsstufigen Skala beantworteten. Wem es gelang, seine Stimmung durch die kurzen Übungseinheiten unmittelbar zu verbessern, profitierte auch längerfristig: Die Stimmung stieg insgesamt über die zweiwöchige Studienphase an.

Aus ihrer Mini-Studie ziehen die Forscher die Bilanz, dass smartphone-gestützte Mikro-Interventionen psychotherapeutische Angebote unter Umständen sinnvoll ergänzen könnten. „Die Befunde belegen die Nutzbarkeit smartphonebasierter Mikro-Interventionen zur Verbesserung der Stimmung in konkreten Alltagssituationen“, so Tegethoff. Um die Befunde zu erhärten, seien aber weitere Untersuchungen notwendig.

In ihrer Arbeit sieht die Psychologin auch einen Beitrag zur personalisierten Medizin, weil damit jederzeit und an jedem Ort ein Hilfsangebot verfügbar werde. Wer mag, kann sich auf der Webseite der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology“ selbst einen Eindruck von den Übungen verschaffen. Dort können fünf (englischsprachige) Videos betrachtet und somit auch für eigene Entspannungsübungen genutzt werden ( -> Video 1,  Video 2, Video 3, Video 4, Video 5).

Die Videos stehen allen Interessierten frei zur Verfügung, sodass sie auch für zukünftige Studien genutzt werden können, betonen die Forscher. Gleichzeitig warnen sie aber davor, dass diese Videos bei Menschen mit Depressionen oder einer anderen psychischen Erkrankung keine Behandlung durch eine Fachperson ersetzen können!

Quelle: Gunther Meinlschmidt, Jong-Hwan Lee, Esther Stalujanis, Angelo Belardi, Minkyung Oh, Eun Kyung Jung, Hyun-Chul Kim, Janine Alfano, Seung-Schik Yoo und Marion Tegethoff: Smartphone-based psychotherapeutic micro-interventions to improve mood in a real-world setting. Frontiers in Psychology (2016)

D2-Mission: Eigenlob und Fremdkritik

Eine erste Bilanz der zweiten deutschen Spacelab-Mission D-2 zogen der Programmwissenschaftler Peter Sahm und Projektwissenschaftler Manfred Keller im deutschen Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen bei München unmittelbar nach der Landung der Raumfähre Columbia in der vergangenen Woche. Dabei hatten die beiden Forscher nur Positives zu vermelden. Die D-2-Mission sei mit ihren 88 Experimenten die komplexeste und qualifizierteste Spacelab-Mission gewesen, die es je gegeben habe.

Außerhalb des Kreises der unmittelbar Beteiligten wurde die Bedeutung des elftägigen Raumfluges dagegen eher skeptisch beurteilt. Wieviel Neues die knapp 900 Mio. DM teure D-2 Mission wirklich erbracht hat und welche Ergebnisse von praktischem Nutzen sein werden, ist derzeit noch schwer abzusehen. Die intensive Auswertung der gespeicherten Daten wird bis zu einem Jahr in Anspruch nehmen, verlautbarte das DLR aus Oberpfaffenhofen.

Ein Novum für die kommende Weltraumfahrt war der Einsatz eines interaktiven Kommunikationssystems, bei dem Experimente an Bord des Spacelab vom Nutzerzentrum für Mikrogravitation (Muse) in Köln-Porz aus beeinflußt wurden. Die als „Telescience“ bezeichnete Methode erlaubt die Fernsteuerung und Neuprogrammierung von Versuchen anhand von Echtzeit-Daten. Per Telescience nutzten die bodenständigen Forscher in Köln unter anderem das Holografische Optiklabor Holop. Diese Experimentieranlage dient der Aufklärung von Wärme-Stofftransport und Erstarrungsvorgängen zum Beispiel in Salzschmelzen und Flüssigkeiten.

Hauptinteressenten der Holop-Experimente sind Metallurgen und Gießereiforscher. Letztlich dient die Telescience-Technologie auch dem Ziel, in Zukunft mit weniger Astronauten auszukommen. Erdgebundene Wissenschaftler, so die Vision der DLR, könnten dann zu Hause bleiben, während Experten des Muse die hochfliegenden Experimentieranlagen betreuen.

Angesichts der wachsenden Kritik am Kosten-Nutzen-Verhältnis der bemannten Raumfahrt dürften Roboter in Zukunft immer häufiger die Aufgaben „echter“ Astronauten übernehmen. Zumindest eines der 88 Experimente der D-2 Mission wurde denn auch von einem Robotergreifarm ausgeführt, der von einem Team um Gerhard Hirzinger am DLR-Institut für Robotik und Systemdynamik entwickelt wurde. Nachdem Rotex – so der Name des „achten Astronauten“ – einen freischwebenden Aluminiumwürfel im Weltraum wieder eingefangen hatte, konnte Hirzinger nicht mehr an sich halten: „Wir sind begeistert, unsere kühnsten Erwartungen sind in Erfüllung gegangen!“ Das Ergebnis sei „eine Weltsensation“, man habe sich damit in der Robotertechnik einen Spitzenplatz gesichert.

Für Astronomen interessant sind die über 100 Aufnahmen der Ultraweitwinkelkamera Gauss. Mit einem Gesichtsfeld von 145 Grad wurden wie geplant Bilder der gesamten Milchstraße in sechs Spektralbereichen angefertigt. Die Aufnahmen vorwiegend junger Sterne und der von ihnen aufgeheizten Gasmassen liefern den Astrophysikern die Grundlagen für ein besseres Verständnis der Spiralarmstruktur der Milchstraße. Zusätzlich brachte die Gauss-Kamera mehrere stereoskopische Aufnahmen der Erdatmosphäre mit nach Hause.

Als „einzigartig in der Weltraumforschung“ bezeichnet die Deutsche Agentur für Raumfahrtangelegenheiten (Dara) ein mit fünf Objektiven bestücktes elektronisches Kamerasystem. „Mit dem Modularen Optoelektronischen Multispektral-Stereo Scanner Moms-02 erreicht die Beobachtung der Erdoberfläche eine neue Dimension“, sagt Heinz Stoewer, Dara-Geschäftsführer Nutzung, in Köln.

Anfänglich hatte es Schwierigkeiten mit der Kalibrierung des Instruments gegeben, die jedoch durch die Bodenkontrolle in Oberpfaffenhofen gemildert werden konnten. Als Testgebiete dienten während der D-2 Mission die südlichen USA und Mexiko, Nordafrika und Arabien sowie Australien und Südamerika. Im Rahmen eines UNO-Auftrags wurden außerdem kartographische Aufnahmen von Kambodscha gemacht. Begeisterung unter den beteiligten Wissenschaftlern rief vor allem die hohe Auflösung von bis zu 4,5 m hervor.

Moms-02 erlaubt die Erstellung digitaler Geländemodelle und entsprechender Karten im Maßstab bis zu 1:25 000. Dabei können wegen der hohen spektralen Auflösung sowohl Farben als auch Formen der Erdoberfläche erfaßt werden. Für die Umweltforschung interessant dürfte die Kartierung von Wald- und Flurschäden sein. Auch die EG-weit verordneten Flächenstillegungen für die Landwirtschaft könnten im Prinzip mit der Spezialkamera überwacht werden. Schließlich sollen auch Entwicklungsländer bei der Erschließung von Rohstoffen und der Infrastrukturplanung von der Weltraumkamera profitieren, die vom Forschungsministerium und der Dara seit 1977 gefördert wurde.

In Köln erklärte Heinz Stoewer, man wolle keine Datenfriedhöfe produzieren. Die Verteilung der Moms-Daten wird deshalb von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützt. Nach dem erfolgreichen Probelauf soll die Kamera ab Juni nächsten Jahres in deutsch-russischer Kooperation auf der Mir-Plattform Piroda zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zur 11-tägigen D-2 Mission könnte Moms-02 Langzeitdaten liefern. Der Piroda-Einsatz ist auf bis zu 18 Monate ausgelegt.

Außerdem erreicht die russische Weltraumstation auf ihrer Umlaufbahn eine wesentlich höhere geographische Breite als die Raumfähre Columbia auf ihrer letzten Mission. Während Columbia nur Regionen zwischen 28,5 Grad südlicher und nördlicher Breite überflog – also etwa von Ägypten bis Südafrika – erreicht Mir 51,6 Grad, was der geographischen Breite von Berlin entspricht. Erst die Kooperation mit Rußland ermöglicht es also, die meisten interessanten Gebiete der Industrieund Entwicklungsländer zu beobachten.

Im Anthrorack, der fliegenden Miniklinik des Spacelab, untersuchten die deutschen Wissenschaftsastronauten Hans Schlegel und Ulrich Walter unter anderem das Herz-Kreislaufsystem, die Lunge und die Flüssigkeitsverteilung im Körper unter Schwerelosigkeit. Dabei wurde festgestellt, daß die Belüftung der Lunge entgegen der Lehrbuchmeinung nicht von der Schwerkraft abhängig ist.

Mit einem Akzelerometer, einem Meßgerät für Schwerefeldänderungen, wiesen die Astronauten nach, daß die Pumpleistung des Herzens im Prinzip auch ohne Eingriff gemessen werden kann. Ob aus dem spontan erdachten Versuch eine „wichtige und wegweisende medizinische Diagnostikmethode“ erwächst, bleibt abzuwarten; ebenso die Darstellung der DLR, wonach die Ergebnisse der D-2 Mission für die Aidsforschung von Bedeutung seien.

Unter Augenärzten umstritten ist die Behauptung, erst die D-1 Mission habe zur Entwicklung eines Selbsttonometers geführt. Das Tonometer ermöglicht die Messung des Augeninnendrucks, was die Diagnose des Grünen Stars erleichtert. Besonders umstritten sind die Versuche, an Bord des Spacelab Protein-Kristalle wachsen zu lassen.

Diese sollten größer und reiner sein als auf der Erde hergestellte Bio-Kristalle, so jedenfalls die Hoffnung von Professor Volker Erdmann vom Institut für Biochemie der Freien Universität Berlin, der sich mit seinem Team bereits an fünf unbemannten Missionen beteiligt hat und auch auf der D-2 Mission zwei Gestelle mit jeweils 24 Kristallisationskammern an Bord hatte. Diese Eigenschaften erleichtern eine Röntgenstrukturanalyse, mit der sich der Aufbau der hochkomplexen Biokatalysatoren bis in die kleinsten Details erfassen läßt. Die Röntgendaten wiederum fließen heute schon ein in die Entwicklung neuer, maßgeschneiderter Medikamente.

Die Mehrheit der bodenständigen Biochemiker glaubt allerdings nicht an „Medikamente aus dem AII“. So resümierten amerikanische Wissenschaftler kürzlich in der Zeitschritt „Nature“, die Mikrogravitationsforschung habe bisher keinen wesentlichen Beitrag zur Analyse irgendeines Eiweißkörpers geleistet. Auch der Nobelpreisträger Robert Huber vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München stellte die Erfolgsmeldungen aus dem All in Frage. „Es gibt keinen Grund, warum Proteinkristalle unter Schwerelosigkeit besser wachsen sollten als auf der Erde. Es gibt keinen einzigen Fall, bei dem Kristalle aus dem Weltraum für die Analyse besser geeignet waren als solche, die auf der Erde gezogen wurden“, sagte der Nobelpreisträger. „Diese Experimente verlaufen erwiesenermaßen seit über zehn Jahren erfolglos, die Finanzierung sollte eingestellt werden.“

Huber verwies darauf, daß die Kosten der D-2 Mission in etwa dem gesamten Jahresetat der Max-Planck-Gesellschaft entsprechen, und forderte dazu auf, den wissenschaftlichen Nutzen beider Unternehmungen unter diesem Aspekt zu vergleichen.

(erschienen in den VDI-Nachrichten am 14. Mai 1993)

Freilandversuche für „Gen-Rüben“ genehmigt

Rund 14.000 Zuckerrüben und exakt 384 Kartoffeln sollen im Laufe der nächsten Wochen auf niedersächsischen und bayrischen Ackern angepflanzt werden. Nichts Besonderes, sollte man meinen, doch die Pflänzchen haben es in sich: beide Gewächse sind gentechnisch verändert.

Für Reinhard Nehls, Laborchef bei der Kleinwanzlebener Saatzucht (KWS) in Einbeck, liegen die Vorteile der modernen Biologie buchstäblich auf der Hand: In der Rechten hält er eine fette, schwere und offensichtlich gesunde Zuckerrübe, „so wie sie der Bauer haben will“. In der Linken dagegen ein kleines, schwarzes, mit Wurzelhaaren übersätes Gewächs, das sich bei näherer Betrachtung als infizierter Artgenosse der Vorzeigerübe entpuppt. „So kann es aussehen, wenn die Rizomania zuschlägt.“

Dem mittelständischen Unternehmen ist es gelungen, Zuckerrüben mit Hilfe gentechnischer Methoden vor der Viruskrankheit zu schützen. Die Rizomania, auch „Wurzelbärtigkeit“ genannt, hat sich in den letzten Jahren in ganz Europa ausgebreitet und verursacht deutschen Landwirten jährliche Ernteverluste in Millionenhöhe. Hauptbetroffene sind Familienbetriebe, für die die Zuckerrüben eine der wichtigsten Einnahmequellen darstellen.

Rund 5000 Landwirte waren es auch, die in einer Unterschriftenaktion den Antrag der KWS unterstützten, die genmanipulierten Pflanzen dort zu testen, wo sie gebraucht werden – auf dem Acker. Wie berichtet, hat das Berliner Bundesgesundheitsamt jetzt nach einem halbjährigen Genehmigungsverfahren die Einsprüche von rund 3000 Einwendern zurückgewiesen, weil von dem Experiment „nach dem Stand der Wissenschaft keine schädlichen Einwirkungen auf Leben und Gesundheit von Menschen, Tieren und. Pflanzen sowie die sonstige Umwelt“ zu erwarten seien.

Um die Pflanzen gegen den Angriff der schädlichen Viren immun zu machen, isolierten die KWS-Wissenschaftler zunächst ein Gen aus dem Ernteschädling, welches die Informationen zur Herstellung eines Eiweißes der Virushülle enthüllt. Die Anwesenheit dieses, für den Menschen ungiftigen Moleküls in der Zuckerrübe verhindert die Vermehrung des Parasiten in der Pflanze. Ziel der Bemühungen war es deshalb, Zuckerrüben zu züchten, die neben Tausenden eigener Inhaltsstoffe zusätzlich das fremde Eiweiß produzieren. Dabei kam den Forschern die Tatsache zugute, daß die Erbinformationen aller Lebewesen in der gleichen „Sprache“ geschrieben sind. Die virale „Gebrauchsanleitung“ zur Herstellung des Eiweißes kann somit auch von der Zuckerrübe gelesen und in ein fertiges Produkt umgesetzt werden. Einzige Voraussetzung: das entsprechende Gen muß auf die Rübe übertragen und dort möglichst dauerhaft ins eigene Erbgut integriert werden.

Die Molekularbiologen bedienten sich dazu eines Bodenbakteriums, welches auch unter natürlichen Bedingungen in der Lage ist, Erbsubstanz in Pflanzen einzuschmuggeln. Agrobacterium tumefaciens, so der wissenschaftliche Name der Mikrobe, ist deshalb rund um den Globus als „Genfähre“ im Einsatz. Die in Einbeck entwickelten Rüben trotzen – zumindest in Labors, Klimakammern und Gewächshäusern – schon seit Jahren dem Rizomania-Virus. Dort erklärte jetzt inmitten Tausender von Pflanzen der Vorstandsprecher der KWS, Andreas Büchting: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die transgenen Zuckerrüben auch unter den praktischen Bedingungen der Landwirtschaft – in freier Natur also – zu testen.“

Ähnliche Versuche haben im Ausland bisher über l000 mal stattgefunden, in zwanzig Fällen wurde dabei mit Zuckerrüben experimentiert. Gemeinsam mit der KWS erhielt auch das Institut für Genbiologische Forschung Berlin (IGF) die Erlaubnis, gentechnisch veränderte Kartoffeln im Freiland zu testen. Durch das gezielte Abschalten einer Erbanlage ist es den Molekularbiologen gelungen, die Erdäpfel zu potenziellen Rohstofflieferanten für die Stärke-Industrie umzufunktionieren. Sobald die letzten Nachtfröste vorbei sind, sollen exakt 384 transgene Kartoffeln den Zuckerrüben im Freiland Gesellschaft leisten.

Stärke ist ein besonders vielseitiger Rohstoff, der unter anderem in der Papier- und Pappeherstellung, für Chemikalien und‘ Arzneimittel, für Klebstoffe und im Textilbereich benötigt wird. Auch für die Produktion umweltfreundlicher, biologisch abbaubarer Kunststoffe wird Stärke gebraucht. Dieser „Kunststoff“ könnte zukünftig auf dem Acker wachsen, hofft Professor Lothar Willmitzer vom IGF. Besser als gewöhnliche Kartoffeln seien dafür die genmanipulierten Pflanzen geeignet, weil diese nur noch eine statt der üblichen zwei verschiedenen Stärkeformen produzieren.

Der Bauer erhält so einen einheitlichen Rohstoff mit klar definierten Eigenschaften, dem auf dem freien Markt gute Absatzchancen eingeräumt werden. Doch bis dahin ist es für die transgenen Kartoffeln und Zuckerrüben noch ein weiter Weg: vermarktungsfähige Produkte, so heißt es in einer Erklärung der KWS, stehen frühestens um das Jahr 2000 zur Verfügung.

(mein erster Artikel für die „Stuttgarter Zeitung“, erscheinen am 17. April 1993)

Antisense-Medikamente gegen das Aids-Virus

Ein neues Konzept im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids erproben Wissenschaftler am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Mit sogenannten Antisense-Genen will man die Vermehrung des Erregers in menschlichen Zellen verhindern. Wie das funktionieren soll und welche Erfolge man vorzuweisen hat, wollte ich von Dr. Georg Sczakiel wissen, dem Leiter der sechsköpfigen Arbeitsgruppe.

Sczakiel: Das Antisense-Prinzip beruht darauf, daß einzelsträngige Nukleinsäuren, die entscheidend sind für den viralen Replikationszyklus oder für die Expression genetischer Information sozusagen neutralisiert werden durch Doppelstrangbildung mit komplementärer RNA, in unserem Falle eben Antisense-RNA genannt.

Die in Form des Erbmoleküls RNA geschriebenen „molekularen Baupläne“ für das Aids-Virus werden also maskiert und damit unlesbar. Die Wirtszelle kann daher keine neuen Virusbestandteile mehr herstellen, zumindest die Vermehrung des Erregers wird verhindert.

Ein gutes Dutzend dieser Baupläne des Immunschwächevirus sind den Molekularbiologen heute genauestens bekannt. Jedes einzelne dieser RNA-Moleküle kann im Prinzip durch ein paßgenaues Gegenstück – ein Antisense-Molekül – blockiert werden.

Zwei Möglichkeiten gibt es zur Herstellung dieser molekularen Bremsklötze. Variante 1: Die Synthese im Chemielabor, wie sie weltweit von Dutzenden verschiedener Arbeitsgruppen praktiziert wird. Die Jahresproduktion liegt immerhin schon im Kilogramm-Bereich; und neue Geräte, welche die schwierige Synthese erleichtern würden, stehen kurz vor der Markteinführung. Allerdings müssen die Antisense-Moleküle bei diesem Verfahren wie gewöhnliche Arzneimittel auch immer wieder von neuem verabreicht werden.

Variante 2: Man bringt den Zellen bei, ihre Antisense-Moleküle selbst zu produzieren. Bei dieser „biologischen“ Methode müssen allerdings die Erbinformationen zur Herstellung der Antisense-Moleküle – die Antisense-Gene -in die Abwehrzellen eingeschmuggelt und im Zellkern fest eingebaut werden — ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Dr. Sczakiel erinnert sich:

Sczakiel: Die Anwendung von Antisense-Genen wurde noch vor wenigen Jahren sehr skeptisch betrachtet und kaum einer hielt das Konzept für durchführbar und erfolgreich. Inzwischen haben wir gezeigt, daß man mit Antisense-Genen wenigstens im Reagenzglas Zellen vor HIV-Infektion schützen kann und wir denken daß das Konzept es nun wert ist, auch weiter verfolgt zu werden.

Der Gentransfer in die menschlichen Abwehrzellen gelang zwar selten, aber er gelang. Unter jeweils etwa 10000 Zellen fanden die Forscher die eine heraus, bei der das Manöver geklappt hatte. Die Zellen wurden anschließend vermehrt und bei ..

Sczakiel: .. solchen humanen T-Zell-Kulturen, die stabil Antisense-Genen aufgenommen haben, konnten mehr oder weniger stark ausgeprägte Schutzeffekte vor Ausbreitung des Virus gefunden werden. Bei niedrigen Virusgaben war ein Schutz über mehrere Monate zu beobachten. So haben wir zum Beispiel einer geschützten Kultur zwei Monate nach initialer Infektion humane Zellen zugegeben, die besonders leicht infizierbar sind, die sozusagen das Virus aus einer infizierten Kultur aufsaugen und vermehren können. Selbst unter diesen Bedingungen konnten wir kein infektiöses HIV-Partikel mehr nachweisen.

In Zellkulturen also hat man das Virus zum Schweigen gebracht. Trotz dieser beachtlichen Leistung ist keineswegs sicher, ob das Prinzip der Antisense-Gene auch bei menschlichen Patienten greifen würde, die von dem Immunschwäche-virus HIV befallen sind.

Sczakiel: Nun zunächst müssen wir auf diesen Befunden aufbauen und – ich fürchte in Kleinarbeit – solche Antisense-Gene weiter optimieren. Es ist zu erwarten, daß durchaus noch Spielraum für weitere Steigerungen von Hemmeffekten gegeben sind.

Erst wenn wir der Überzeugung sind, daß wir nun – in Anführungszeichen – optimale Konstrukte erzeugt haben oder nahe daran sind, würden wir diese abgeben, in eine klinische Phase eintreten und dann wohl in Zusammenarbeit mit Klinikern dieses anwenden wollen.

Denkbar wäre es zum Beispiel, Antisense-Gene mittels harmloser Viren in die Abwehrzellen von HIV-Infizierten einzuschmuggeln, eine Form der Gentherapie also. Dagegen arbeiten Wissenschaftler der Firmen Bayer und Hoechst gemeinsam an der Herstellung von Antisense-Molekülen im Chemielabor. Professor Wolf-Dieter Busse, Leiter des Fachbereichs Forschung bei der Bayer AG ließ durchblicken, daß man hier bei der Entwicklung eines Aids-Medikamentes „an vorderster Front“ mitmache.

(gesendet im Deutschlandfunk Anfang April 1993)

Grüne Gentechnik hat viele Schwellenländer erreicht

Während in Deutschland noch heftig darüber gestritten wird, ob gentechnisch veränderte Nutzpflanzen unter freiem Himmel angebaut werden dürfen, erfreuen sich die Produkte der grünen Gentechnik weltweit zunehmender Akzeptanz. Mehr als 800 Genehmigungen wurden seit 1985 allein in den OECD-Staaten für Freilandversuche erteilt. Auch viele Schwellenländer setzen die Gentechnik mittlerweile in der Pflanzenzucht ein; nicht zuletzt erhoffen sie sich davon einen Beitrag zur Ernährung ihrer wachsenden Bevölkerung.

Die Liste der freigesetzten Gewächse reicht heute schon von Alfalfa und Apfelbäumen über Kohl und Kartoffeln, Papayas und Petunien bis zur Zuckerrübe. Mindestens 26 Arten von Kulturpflanzen wurden bisher gentechnisch verändert. Die Ziele der Züchter und Chemiekonzerne, die sich an dieser Art von Forschung beteiligen, sind dabei ebenso vielfältig wie die Probleme der weltweiten Landwirtschaft.

Spitzenreiter der Entwicklung sind die Vereinigten Staaten und Kanada, wo jeweils über 300 Freilandversuche genehmigt wurden. Schlagzeilen machte in jüngster Zeit die Firma Calgene, die unter dem Namen „Flavr savr“ eine Tomate mit verlängerter Haltbarkeit entwickelte. Der „Geschmacksretter“ der kalifornischen Molekularbiologen stieß jedoch beim Verbraucher auf wenig Gegenliebe; die Markteinführung wurde zunächst verschoben.

Erfolgreicher war die Firma Monsanto aus dem Bundesstaat Missouri mit ihren Versuchen, Baumwollpflanzen vor verschiedenen Schmetterlingsraupen zu schützen. Per Gentransfer übertrugen die Wissenschaftler die Fähigkeit, ein insektentötendes Eiweiß herzustellen, vom Bacillus thuringiensis auf die Baumwolle.

Der „Genuß“ der Blätter wird für die gefräßigen Raupen des Eulenfalters so zur Henkersmahlzeit. Nach dem gleichen Prinzip wehren transgene Kartoffeln ihren ganz speziellen Freßfeind ab, den Kartoffelkäfer. Für andere Insekten ist das Bacillus-Toxin ebenso ungefährlich wie für den Menschen. Der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln ließe sich mit dieser Methode deutlich reduzieren und gilt deshalb in Forscherkreisen als umweltfreundliche Alternative.

Umstritten ist dagegen der Nutzen Herbizid-resistenter Pflanzen. Neben Baumwolle ist man hier auch bei Tomaten, Sojabohnen, Raps und Mais schon weit fortgeschritten. Durch die Übertragung von Erbanlagen, die aus natürlich vorkommenden Bakterien stammen, trotzen diese Pflanzen verschiedenen Breitbandherbiziden, die sämtlichen Wild- und Unkräutern den Garaus machen.

Bei Monsanto und Calgene, aber auch bei Hoechst, Du Pont und der belgischen Firma Plant Genetic Systems wird argumentiert, der Gesamtverbrauch an so nannten Pflanzenschutzmitteln würde beim Einsatz Herbizid-resistenter Pflanzen zurückgehen. Unter dem Strich, so heißt es, würden mehrere Herbizide mit jeweils begrenztem Wirkungsspektrum durch ein einziges Breitbandherbizid ersetzt. Zudem seien Substanzen wie „Roundup“ (Monsanto) und „Basta“ (Hoechst) umweltverträglicher als heutige Herbizide, weil sie im Boden schnell zu ungefährlichen Verbindungen zerfallen.

Dem widersprechen praktisch sämtliche Umweltverbände, von Greenpeace über das Freiburger Öko-Institut bis zum Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland. Sie erwarten einen deutlichen Mehrverbrauch an Unkrautvernichtungsmitteln und halten die neue Technik für eine bloße Rationalisierungsmaßnahme. Zur Hungerbekämpfung in der Dritten Welt könne der Einsatz Herbizid-resistenter Pflanzen ebenfalls keinen nennenswerten Beitrag leisten.

Auch wenn einzelne Anwendungen weiter umstritten sind, kann die Sicherheitsbilanz der grünen Gentechnik sich durchaus sehen Jassen. Über Zwischenfälle, bei denen Mensch oder Umwelt zu Schaden kamen, ist bisher nichts bekannt. Befürchtungen, wonach transgene Pflanzen sich unkontrolliert ausbreiten oder die Existenz einheimischer Wildpflanzen gefährden könnten, haben sich ebenfalls nicht bewahrheitet.

„Die Wissenschaft ist sich einig darüber, daß die Risiken der Gentechnik denen herkömmlicher Zuchtmethoden vergleichbar sind“, bilanzierten deshalb die Veranstalter des 2. Internationalen Symposiums zur Sicherheit genmodifizierter Organismen, das letztes Jahr in Gosslar stattfand. In den USA wird sogar geprüft, ob die Genehmigungsverfahren für Freilandexperimente teilweise durch eine schriftliche Anmeldung ersetzt werden können.

Innerhalb Europas erstreckt sich das Spektrum transgener Pflanzen von Raps und Kartoffeln, die als Quelle hochwertiger nachwachsender Rohstoffe dienen sollen, bis zu gelben, violetten und cremefarbenen Chrysanthemen der Varietät „Moneymaker“. In der Statistik führt Frankreich mit bisher 77 genehmigten Freisetzungen, gefolgt von Belgien (62), Großbritannien (45) und den Niederlanden (22).

Die flächenmäßig größten Freisetzungen genmanipulierter Organismen aber fanden bisher in der Volksrepublik China statt, wie Professor Zhang-Liang Chen, Pflanzengenetiker an der Universität Peking, seinen staunenden Kollegen in Gosslar berichtete.

Im Reich der Mitte hielt man sich dabei nicht lange mit Überlegungen zum Risikopotential der neuen Technik auf. Genehmigungsverfahren oder einschlägige Gesetze gibt es bisher nicht. Die ohnehin schon positive Haltung der chinesischen Behörden gegenüber der Gentechnik wurde noch verstärkt, seit beim Aufbau von Reis und Sojabohnen Ertragssteigerungen zwischen 5 % und 10 % erzielt wurden.

Erreicht wurde dies auf Versuchsflächen von über einer Million Hektar durch genmanipulierte Bakterien der Gattung Rhizobium. Die Mikroben, die auch als „Knöllchenbildner“ bekannt sind, können Luftstickstoff zu Ammonium reduzieren. Sie liefern der Pflanze dadurch einen lebenswichtigen Nährstoff und ersetzen teuren Kunstdünger.

Allerdings funktionierte die Symbiose zwischen natürlich vorkommenden Bakterien und Pflanzen bisher fast ausschließlich bei Gewächsen aus der Familie der Leguminosen wie Luzerne, Klee, Bohnen und Erbsen.

Englische und australische Arbeitsgruppen mühten sich bisher vergebens, die Rhizobien auch zur „Zusammenarbeit“ mit Reis, Raps und Weizen zu bewegen. Sollten die Chinesen tatsächlich beim Reis erfolgreich gewesen sein, käme dies einer wissenschaftlichen Sensation gleich. Langfristig könnten dann eine Milliarde Menschen, die weltweit ihre Reisfelder bewirtschaften, von der grünen Gentechnik profitieren.

(erschienen in den „VDI-Nachrichten am 2. April 1993)

Software-Test: Lotus Organizer

Zeit ist nicht nur Geld, sondern auch die Voraussetzung dafür, das Leben zu genießen. So gesehen ist konsequente Pla­nung ein Ausdruck von Weis­heit, ein nobles Unterfangen, bei dem jede Hilfe willkommen sein sollte. Hierbei bekommen Terminka­lender der gehobenenen Preis­klasse zunehmend Konkurrenz durch Computerprogramme wie den „Organizer“ der Firma Lo­tus. Voraussetzung für den Ein­satz dieser pfiffigen Software ist das Betriebssystem Windows. ·

Für 400 Mark bietet der Or­ganizer dann nicht nur einen hervorragenden Bedienungs­komfort, sondern auch eine an­sprechende Optik: Auf dem Farbbildschirm erscheint bei Start des Programms ein Ring­buch mit verschiedenen Regi­stern wie Adressen, Notizen, Jahrestage, Aktivitäten und dem eigentlichen Terminkalender.

Hier endet auch schon die Ähnlichkeit zu den klassischen Vertretern dieser Sparte. Per Knopfdruck kann beispielswei­se von täglicher auf wöchentli­che Darstellung umgeschaltet, oder das Zeitraster neu einge­stellt werden. Neue Register las­sen sich problemlos hinzufügen, um etwa private von geschäftli­chen Informationen zu trennen.

Auf Wunsch erinnert der Or­ganizer mit verschiedenen Melo­dien an bevorstehende Termine. Nach Erledigung werden diese automatisch durchgestrichen. Will man einen Eintrag, wie die Adresse eines unzuverlässigen Geschäftspartners, löschen, so steht dafür auf dem Bildschirm ein kleiner Papierkorb zur Ver­fügung. Mit der Maus wird der Datensatz auf den elektroni­schen Abfalleimer gezogen, wo er stilvoll in Flammen aufgeht.

Eine Suchfunktion sorgt da­für, daß sämtliche Informatio­nen blitzschnell wiederzufinden sind. Kleine Ikonen zeigen auf dem Bildschirm Drucker, Frage­zeichen, Notizblock oder andere einleuchtende Symbole und er­leichtern dadurch die Bedie­nung ungemein. Überzeugend ist auch die Möglichkeit, bereits vorhandene Daten aus anderen Programmen zu übernehmen. Abgerundet wird der positive Gesamteindruck durch eine vor­bildliche Druckfunktion.

(erschienen in der Beilage zur Computermesse CEBIT, „DIE WELT“, 24. März 1993)

Was wurde daraus? Der Wikipedia entnehme ich, dass der Organizer zwar seit dem Jahr 2013 nicht mehr verkauft wird, bei kleinen und mittleren Unternehmen aber beliebter sein soll, als Outlook. Ziemlich bemerkenswert, für ein bald 30 Jahre altes Produkt, finde ich. Habe ihn aus Spaß nochmals installiert und bin immer noch angetan von diesem Klassiker.

 

Computerkauf: Service ist Glücksache

Der Test einer Fachzeitschrift bestätigt die eigenen Erfahrungen und ist für mich Anlaß zu einer Abrechnung mit der Computer-Branche, deren unausgereifte Produkte mich gefühlt mehrere Jahre meines Lebens gekostet haben. Wer glaubt, dass früher alles besser war, ist offenbar zu jung, um jemals einen Drucktreiber von Hand installiert zu haben…

Fast jeder Computerneuling stellt sich vor dem ersten Schritt ins elektronische Zeitalter die gleiche Frage: Warum kostet Gerät A nur 2000 Mark, Gerät B aber mehr als das Doppelte – bei gleichen technischen Daten?

Meist wird der Anfänger dann belehrt, daß man bei B ja gleich noch die Sicherheit einer großen Marke mitgeliefert bekomme. “Wenn da mal ‚was schiefläuft, können Sie sich voll und ganz auf den erstklassigen Kundenservice verlassen“, lautet eine der häufigsten Lügen in der Branche.

Die Wahrheit sieht dagegen ganz anders aus, wie die Fachzeitschrift PC Professionell in einem aufwendigen Werkstattest herausfand. Die Bilanz der Prüfer: Service ist Glückssache. Wer bisher glaubte, bei Edelmarken wie IBM und Compaq in jedem Fall besser aufgehoben zu sein als bei den Billiganbietern Vobis und Escom, wird seine Meinung ändern müssen.

Genauso falsch ist allerdings der Umkehrschluß, wonach die höchste Qualität und der beste Service ausgerechnet bei den Handelsketten mit den niedrigsten Preisen zu finden wären. Die für die Branche wenig schmeichelhafte Conclusio lautet vielmehr, daß die wenigsten Firmen halten, was sie versprechen.

In Frankfurt, Köln und München fühlten die Tester, getarnt als Geschäftskunden mit bescheidenen PC-Kenntnissen, jeweils einer Niederlassung der genannten Firmen auf den Zahn. Die Qualität der Beratung schwankte dabei auch bei Vertretern des gleichen Anbieters zwischen exzellent und nicht existent.

Nur wenige Verkäufer waren in der Lage, kaufmännisches Know-how mit soliden Fachkenntnissen zu verbinden. Bei den Discountern waren die PC-Profis in der Überzahl, bei den Edelmarken eher die geschulten Verkäufer. Auch der telefonische Beratungsdienst, die sogenannte Hotline, erwies sich meist als wenig hilfreich. Im Test waren – vorwiegend bei Billiganbietern – manchmal 50 Versuche erforderlich, um überhaupt einen Gesprächspartner ans Telefon zu bekommen.

Mit den relativ einfachen Problemen, welche die Tester dann schilderten, waren wiederum die meisten Kundenberater überfordert. Die Verluste, welche in der Geschäftswelt durch diese haarsträubenden Zustände entstehen, sind kaum zu beziffern.

Zu allem Übel ist das Problem nicht auf Verkauf und Service begrenzt. Immer wieder werden Computerprogramme auf den Markt geworfen, bei denen offensichtlich mehr Geld für das Marketing als für die eigentliche Entwicklung ausgegeben wurde. Software, die nach x-facher Ankündigung mit teilweise jahrelanger Verspätung in den Fachhandel kommt, weist allzu oft gravierende Mängel auf. Da kann es dann schon mal passieren, daß man steckenbleibt, weil eine bestimmte Tastenkombination dem Textprogramm nicht gefällt. „Er hat sich aufgehängt“, diagnostiziert der Insider und freut sich, wenn seine Daten nach solch einem Systemabsturz noch zu retten sind.

Auch ein intensives Studium der gängigen Computerzeitschriften schützt nicht immer vor bösen Überraschungen. Viele Programme vertragen sich nämlich nicht miteinander. Der Anwender muß sich dann entscheiden, ob er beispielsweise Wert legt auf einen allzeit bereiten elektronischen Terminkalender, oder ob er lieber ein Virenschutzprogramm in den Speicher lädt. So geschieht es nicht selten, daß ein System, welches jahrelang reibungslos funktionierte, seinen Dienst verweigert, sobald ein neues Programm hinzugefügt wird.

Obwohl sicherlich auch beim Kauf einer Kamera oder einer Stereoanlage gewisse Vorkenntnisse von Nutzen sind, befindet sich der Computerneuling doch in einer besonders mißlichen Lage: Wie das Gerät funktioniert oder warum es im Zweifelsfall nicht funktioniert, das muß er schon selbst wissen.

(erschienen in der CEBIT-Beilage „DIE WELT“ am 24. März 1993 )