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Reiche Frauen leben am längsten

Über Ungleichheit wird zu Recht viel diskutiert. Beim wertvollsten Gut – unserer Lebenserwartung – gibt es mindestens zwei Dinge, die entscheidend sind.

Reich zu sein ist das Eine. Eine Frau zu sein das Andere. Und am besten ist die Kombination aus beidem: Wie jetzt eine Studie ergab, leben die reichsten Norwegerinnen im Durchschnitt fast 16 Jahre länger als die ärmsten Norweger.

Hintergrund der Studie war eigentlich die Frage, ob soziale Ungleichheit in einem Land das Leben verkürzt. Dafür verglich man Norwegen, wo das reichste Prozent der Einwohner acht Prozent des Gesamteinkommens bezieht, mit den USA, wo die entsprechende Gruppe 20 Prozent des Gesamteinkommens auf sich vereinigt.

Jonas Minet Kinge vom Norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit und seine Kollegen nutzten dafür die Informationen zum Haushaltseinkommen pro Person, zur Lebenserwartung und zur Todesursache aus vier miteinander vernetzten norwegischen Datenbanken. Um Verzerrungen durch Kinder zu vermeiden, die auf Kosten ihrer Eltern leben, beschränkten sie die Analyse auf Personen ab 40 Jahren.

Am längsten lebten demnach mit 86,4 Jahren jene Frauen, die zu dem einen Prozent der Top-Verdiener zählten. Frauen mit maximal 10 Prozent des Durchschnittseinkommens lebten dagegen im Schnitt 8,4 Jahre weniger, also 78 Jahre. Damit konnten sie sich aber immer noch deutlich länger des Daseins freuen als Männer in der gleichen Einkommensgruppe. Die hatten nämlich im Durchschnitt nur 70,6 Jahre zu erwarten – also 7,4 Jahre weniger als die „armen“ Frauen; 13,8 Jahre weniger als die reichen Männer und 15,8 Jahre weniger als die reichen Frauen.

Soziale Ungleichheit alleine reicht nicht aus, um die frappierenden Unterschiede zu erklären. So hatten Norweger mit geringem und mittlerem Einkommen zwar eine höhere Lebenserwartung als US-Amerikaner im gleichen Einkommensbereich. Betrachtet man jedoch die Gesamtbevölkerung, so waren die Unterschiede im Verhältnis zum Einkommen in beiden Ländern ähnlich stark ausgeprägt. Diese, in beiden Ländern ähnlich große „Schere“ spricht gegen die Annahme, dass ein staatliches Gesundheitswesen (wie in Norwegen) per se gerechter sein muss. Auch die soziale Ungleichheit der beiden Gesellschaften taugt nicht für eine Erklärung. Die lässt sich nämlich mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten messen – und da müsste Norwegen auf Platz 4 eigentlich viel besser abschneiden als die USA auf Platz 31.

Kinge JM et al.: Association of Household Income With Life Expectancy and Cause-Specific Mortality in Norway, 2005-2015. JAMA. 2019 May 13.

Sich regen? Von wegen!

Eine, vom Nationalen Krebsinstitut mitfinanzierte, Langzeitstudie zeigt, dass US-Amerikaner unverändert lange auf ihrem Hintern sitzen. Damit verbringen sie sechs bis acht Stunden täglich – eine Zeitspanne, die sich zwischen 2001 und 2016 kaum verändert hat.

Herausgefunden hat dies ein Team um die Epidemiologin Dr. Lin Yang von der Forschungsstelle Cancer Epidemiology and Prevention Research, CancerControl Alberta (Kanada). Sie wertete die Daten aus einer regelmäßig stattfinden landesweiten Umfrage aus, dem National Health and Nutrition Examination Survey. Unter den fast 52000 Studienteilnehmern waren 10359 Kinder, 9639 Jugendliche und 31898 Erwachsene. Die Daten beruhten allerdings nicht wie heute üblich auf der Auswertung von Fitnessarmbändern, sondern auf der Selbsteinschätzung der Befragten.

Dabei kam heraus, dass im letzten Erfassungszeitraum 2015/2016 unter den Kindern 62 Prozent täglich mindestens zwei Stunden Fernsehsendungen oder Videos anschauten.  Unter den Jugendlichen war dieser Anteil mit 59 Prozent und bei Erwachsenen mit 65 Prozent ähnlich groß, und bei den Rentnern ab 65 Jahren lag er sogar bei 85 Prozent.

Im Vergleich der Jahre seit 2001 hatte es bei den Kindern zwar eine leichte Abnahme gegeben (um 3,4 Prozentpunkte), dafür schauten die Senioren im Schnitt aber 3,5 Prozent länger, sodass die Gesamtbilanz unverändert blieb.

In allen Altersgruppen zugenommen hat der Anteil derjenigen, die täglich außerhalb der Arbeit oder Schule für mindestens eine Stunde am Computer saßen. Bei Kindern stieg dieser Anteil von 43 auf 56 Prozent, bei Jugendlichen von 53 auf 57 Prozent, und bei Erwachsenen gar von 29 auf 50 Prozent.

Experten und Fachgesellschaften haben wiederholt vor den Gefahren des zu langen Sitzens gewarnt („Sitzen ist das neue Rauchen“). Klar ist, dass zu wenig Bewegung insbesondere das Risiko für Herzkrankheiten erhöht. Genutzt haben die Appelle jedoch wenig. Im Gegenteil lief der Trend – zumindest in den USA – im vergangenen Jahrzehnt in die falsche Richtung. Als die Forscher für die aktuelle Erhebung die Gesamtsitzzeiten in den Jahren 2007 bis 2016 verglichen, fanden sie bei den Jugendlichen eine Zunahme von 7 auf 8,2 Stunden täglich und für Erwachsene von 5,5 auf 6,4 Stunden täglich. Selbst diese Zahlen könnten das wahre Ausmaß der „Sitzepidemie“ noch unterschätzen. Für die aktuelle Auswertung hatte man nämlich weder die Zeit am Telefon noch das Lesen von Büchern berücksichtigt.

Yang L et al.: Trends in Sedentary Behavior Among the US Population, 2001-2016. JAMA. 2019 Apr 23;321(16):1587-1597. doi: 10.1001/jama.2019.3636.

USA: Pharmawerbung nimmt Patienten ins Visier

Umgerechnet 8,5 Milliarden Euro haben Pharmafirmen, Gerätehersteller und Verbände im Jahr 2016 in den USA ausgegeben, um direkt bei kranken Menschen und anderen „Verbrauchern“ für ihre Produkte zu werben. Die Ausgaben für diese sogenannte „Direct-to-Consumer (DCT)“-Werbung haben sich damit in nur 20 Jahren mehr als vervierfacht. Insgesamt wurden rund 30 Milliarden Dollar ausgegeben – das entspricht 26 Milliarden Euro.

Dies ist das Ergebnis einer Analyse der Gesundheitsforscher Lisa M. Schwartz und Steven Woloshin, die im Fachblatt JAMA des US-amerikanischen Ärzteverbandes veröffentlicht wurde. Während es in Deutschland und fast allen anderen Ländern verboten ist, rezeptpflichtige Medikamente direkt beim Verbraucher zu bewerben, ist dies in den USA erlaubt. Alleine für diesen Bereich wurden im Jahr 2016 insgesamt 4,6 Millionen Anzeigen geschaltet, davon 663.000 im Fernsehen. Der Trend, so berichten Schwartz und Woloshin, geht dabei immer mehr zu besonders teuren Behandlungen wie Immuntherapien gegen Krebs und biotechnologisch hergestellten Medikamenten.

Mit 20 Milliarden Dollar waren die Werbemaßnahmen für medizinische Fachkräfte zuletzt zwar etwa doppelt so hoch wie für die DTC-Werbung. Deren Anteil ist aber von ursprünglich 12 Prozent auf 32 Prozent gewachsen. Bei den Kampagnen geht es nicht nur darum, Ärzte und Patienten vom Nutzen bestimmter Pillen, Untersuchungen oder Labortests zu überzeugen. Teilweise zielen sie auch darauf ab, die Definition bestimmter Krankheiten zu verändern, sodass mehr Personen für eine Behandlung in Frage kommen.

Unter allen Ländern der Welt haben die USA im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt mit 16,8 Prozent die zweithöchsten Gesundheitskosten. In Deutschland sind es 11,2 Prozent.

Kombiprogramm hält Senioren länger fit

Wie kann man die Selbstständigkeit von Senioren erhalten, die noch in ihrer eigenen Wohnung leben, aber schon Probleme mit Alltagsaktivitäten haben, wie zum Beispiel kochen, das Bett oder die Wäsche zu machen? Diese Frage haben sich Forscher und Ärzte an der Johns-Hopkins-Universität im US-amerikanischen Baltimore gestellt. Das Besondere daran ist, dass das Team um Professor Sarah L. Szanton sich nicht mit gut gemeinten Ratschlägen begnügte, sondern die Wirkung der vorgeschlagenen Maßnahmen systematisch ausgetestet und bewiesen hat.

In einer sogenannten randomisierten klinischen Studie verteilten sie 300, meist weibliche, Senioren ab 65 Jahren nach dem Zufallsprinzip auf 2 Gruppen. Beide Gruppen bekamen innerhalb von 5 Monaten 10 Mal Besuch. Während jedoch in der einen Gruppe lediglich ein Forschungsassistent vorbei schaute, der mit den Senioren darüber sprach, welche Aktivitäten sie gerne lernen oder ausüben möchten, bekam die andere Gruppe Besuch von bis zu 3 Spezialisten, die sich untereinander über die beste Vorgehensweise abstimmten: Ein Ergotherapeut, eine Krankenschwester, und ein Handwerker.

Das Programm trägt den Namen “Community Aging in Place—Advancing Better Living for Elders”, was sich etwa mit “Altern daheim – für ein besseres Leben der Senioren“ übersetzen lässt und mit CAPABLE (englisch für „fähig“) abgekürzt wird. Zuerst prüft der Ergotherapeut dabei, unter welchen Einschränkungen die Betroffenen leiden, welche Ziele sie haben, und inwiefern die Wohnungseinrichtung dabei hinderlich ist. Die Krankenschwester fragt nach Beschwerden wie Schmerzen, Depressionen, den eingenommen Medikamenten sowie Kraft und Balance. Gemeinsam wird dann überlegt, wie man den Senioren helfen kann, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen – einschließlich von Reparaturen im Haus und baulichen Veränderungen, die das Leben erleichtern sollen.

Gemessen wurde das Ergebnis auf einer Skala, die die Fähigkeit beschreibt, Aktivitäten des täglichen Lebens (engl. Activities of daily live, ADL) zu bewältigen. Die Schwere der so erfassten Behinderungen verringerte sich dabei in der intensiv betreuten Gruppe um 30 %. Jeweils etwa 80 Prozent der Senioren in dieser Gruppe sagten auf Nachfrage, ihr Leben sei jetzt leichter geworden, sie könnten sich jetzt besser um sich selbst kümmern, und sie hätten mehr Vertrauen darin, die täglichen Aufgaben zu meistern. In der Vergleichsgruppe hatten dagegen nur etwa halb so viele Senioren (etwa 40 %) entsprechende Verbesserungen bemerkt.

Gekostet hat das „Rundum-Paket“ etwas weniger als € 2500 pro Teilnehmer. Darin eingeschlossen waren die Reparaturen und Veränderungen der Wohnung, die man auf etwa € 1100 Euro begrenzt hatte. Finanziert wurde die Studie von den US-Nationalen Gesundheitsinstituten (National Institutes of Health, NIH).

Begeistert kommentieren die beiden Altersmediziner Marlon J.R. Aliberti und Kenneth E. Covinsky die der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine erschienene Studie: CAPABLE sei ein innovatives Programm, um die Behinderungen und Einschränkungen bei älteren Menschen mit niedrigem Einkommen zu verringern. Außerdem rechnen sie vor, dass CAPABLE zumindest in den USA auch helfen könnte, die Kosten für das Gesundheitswesen zu senken. Ein Platz in einem Pflegeheim wird dort nämlich mit umgerechnet etwa € 4400 Euro pro Monat veranschlagt. Man würde also fast das Doppelte der Programmkosten einsparen, wenn es damit gelänge, die Einweisung um durchschnittlich auch nur einen Monat zu verzögern.

Quellen:

  • Szanton SL et al.: Effect of a Biobehavioral Environmental Approach on Disability Among Low-Income Older Adults: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2019 Jan 7. doi: 10.1001/jamainternmed.2018.6026.
  • Aliberti MJR, Covinsky KE. Home Modifications to Reduce Disability in Older Adults With Functional Disability. JAMA Intern Med. 2019 Jan 7. doi: 10.1001/jamainternmed.2018.6414.

Lehrreicher Krankenhausreport

Wie gut sind unsere Krankenhäuser? Diese Frage hat Utta Seidenspinner im Auftrag des ZDF untersucht, und weil mich diese Frage beruflich ebenso wie privat interessiert habe ich die gleichnamige 45 Minuten lange Sendung angeschaut, kritisch hinterfragt und – auch für Sie – das Wichtigste mitgeschrieben.

Beginnen wir mit einigen Fakten: Fast 2000 Krankenhäuser gibt es in Deutschland, jeweils etwa ein Drittel davon sind kommunale Einrichtungen, sie haben gemeinnützige Träger, oder es handelt sich um Privatkliniken. In den 2000 Krankenhäusern stehen eine halbe Million Betten, etwa 30 Prozent davon sind leer.

Geht Profit vor Patientenwohl? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Sendung, und dazu sollte man wissen, dass fast 40 Prozent aller Häuser Verluste machen und 20 Prozent die Schließung wegen Pleite droht. Das Geld ist also knapp, obwohl jeder dritte Euro aus unseren Kassenbeiträgen in die Krankenhäuser fließt. Eine mögliche Lösung wären vielleicht höhere Beiträge – aber wer will die schon bezahlen? Schon jetzt erhalten die Kliniken jährlich 87 Milliarden Euro.

Ursprünglich hatten die Kliniken bei der Abrechnung ihrer Leistungen Tagessätze zugrunde gelegt. Vor 13 Jahren wurde das System dann umgestellt auf Fallpauschalen. Das bedeutet, dass es für jede Diagnose bzw. jeden Eingriff (wie z.B. einen entzündeten Blinddarm, der in einer Operation entnommen wird), einen festen Betrag gibt, egal wie lange der Patient dafür in der Klinik bleiben muss. So entstand der wirtschaftliche Anreiz, schneller und effizienter zu arbeiten, aber auch mehr Eingriffe zu machen. Vor allem solche mit besonders attraktiven Fallpauschalen.

Die Folgen waren absehbar: Früher mussten die Kliniken ihre Patienten möglichst lange behalten, wenn sie viel Geld verdienen wollten. Heute kommt es darauf an, möglichst viele in möglichst kurzer Zeit zu „verarzten“. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Klinik ist drastisch gesunken. Wie das Statistische Bundesamt kürzlich berichtete waren es im Jahr 2015 nur noch 7,4 Tage gegenüber fast doppelt so vielen (14) im Jahr 1991. Die Zahl der Klinken verringerte sich im gleichen Zeitraum von 2411 auf 1980. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Operationen auf 16 Millionen im Jahr. Die ambulanten Eingriffe verdreifachten sich sogar im Zeitraum 2003 bis 2013, wie eine weitere Statistik belegt.

Jetzt aber genug der Zahlen. Der Verdacht steht im Raum, dass der wirtschaftliche Druck auf den Krankenhäusern zu Lasten der Patienten geht, und dass sich eine Zwei-Klassen-Medizin entwickelt, bei der die besser zahlenden Privatpatienten gegenüber den gesetzlich Versicherten bevorzugt werden.

Getestet haben die Macher der Sendung ihre Vermutung, indem sie zwei verschiedene Patienten in einem Münchner Klinikum begleiteten: Eine gesetzlich versicherte Hausfrau und ein privat versicherter Geschäftsmann, die aber beide wegen eines Bandscheibenvorfalls operiert werden mussten. Tatsächlich wurden beide im selben OP von dem selben Chirurgen operiert. Das Team umfasste jeweils sechs Personen und auch die benutzten Gerätschaften waren identisch. „Wir stellen fest: Der medizinische Aufwand ist der Gleiche.“ Dies bescheinigt auch der befragte Experte, Prof. Klaus-Dieter Zastrow.

Bei Verpflegung und Unterkunft gab es sehr wohl Unterschiede. Einzel- versus Mehrbettzimmer, mehr oder weniger gutes Essen,. Und natürlich die freie Arztwahl als „Bonus“ für die Privatversicherten. Dabei muss eine Chefarztbehandlung nicht unbedingt besser sein, sagt der Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske.

Ein weiterer Test soll die Frage beantworten, ob wegen der finanziellen Anreize zu viel operiert wird. Dieser Verdacht besteht insbesondere bei den jährlich 155000 Knie- und 212000 Hüftoperationen, sowie den 150000 Bandscheiben-Operationen.

Also lässt man einen Testpatienten mit vorgeschädigtem Knie zunächst bei einem medizinischen Gutachter beraten.  Der hält eine Operation für unnötig und rät eher zu einer Physiotherapie. Den gleichen Rat erhält der Testpatient in allen drei Kliniken, die er besucht. Dies obwohl doch eine Physiotherapie für die Klinik viel weniger Einnahmen bedeutet, als eine Operation…

Die These von den kommerzgetriebenen Kliniken (und Ärzten) ist damit aber nicht vom Tisch. Es folgt ein Bericht über einen frühgeborenen Jungen, der offenbar zu spät in eine Spezialklinik verlegt wurde, weil das Geburtskrankenhaus seine Möglichkeiten überschätzte. Ob bei der Verzögerung wohl eine Rolle spielte, dass die Versorgung von Frühchen besonders gut honoriert wird?

Der Abbau des Pflegepersonals wird ebenfalls angesprochen. Die wohl schwächsten Glieder in der Versorgung-Kette sind doppelt so häufig krank wie der Durchschnitt der Berufstätigen; ein Drittel sei vom Burn-Out gefährdet. Spätestens an dieser Stelle wird es fast unmöglich, dies nicht am Personalabbau und falschen finanziellen Anreizen für die Klinikbetreiber festzumachen.

Dass wir Patienten ebenfalls kräftig an der Kostenspirale drehen, zeigt ein Blick in eine Notaufnahme. Hier finden sich nämlich auch zahlreiche Mitmenschen ein, die mit ihren eher harmlosen Beschwerden nicht warten wollen, bis sie einen Termin beim Facharzt bekommen. Und jeder fünfte Patient hier könnte ebenso gut zu seinem Hausarzt gehen, so das Ergebnis einer Auswertung.

Schließlich wird auch noch eine Sorge diskutiert, die meines Erachtens wegen einer oft reißerischen Berichterstattung viele Menschen umtreibt: Wie groß ist die Gefahr durch Keime im Krankenhaus? Schön, dass man hier einen Rückblick eingebaut hat, der auf die enorm gestiegene Lebenserwartung von mittlerweile 80 Jahren verweist. Hygienemaßnahmen hätten erheblich dazu beigetragen, erinnert die Sprecherin. Doch das Problem ist ungelöst.

„Bis zu 900000 Menschen infizieren sich jährlich bei einem Klinikaufenthalt, schätzungsweise 30000 sterben daran.“

Dass die Keime gegen Arzneien unempfindlich werden ist der oftmals zu häufigen und ungenauen Gabe von Antibiotika geschuldet. Weil Hygienemaßnahmen wie das ständige Händewaschen und Desinfizieren zeitaufwändig sind, fällt es Ärzten und Pflegepersonal schwer, alle Regeln einzuhalten, berichtet anonym eine Krankenschwester aus eigener Erfahrung.

Wie sich die Keime verbreiten, wird anschaulich dargestellt. Dazu gehört auch der Hinweis, dass Bakterien und Viren häufiger von außen eingeschleppt werden, als in der Klink abgeholt. Etwa fünf Prozent der Patienten tragen jene Erreger am Leib, mit denen das Personal dann zu kämpfen hat. Sie verbreiten sich zum Beispiel über Türgriffe oder die Knöpfe im Aufzug, aber auch durch Ärzte, die auf Visite von einem Krankenhauszimmer zum nächsten gehen.

Dass eine Reporterin sich als Reinigungskraft getarnt in einem Krankenhaus umsieht und heimlich Proben zieht, darf man wohl als investigativen Journalismus bezeichnen. Später berichtet sie, dass sie statt einer fachgerechten Einweisung ein Formblatt erhalten hat mit dem Hinweis, sie müsse das zwar unterschreiben, aber jetzt nicht alles durchlesen.

Eine obligatorische Pflichtschulung drei Wochen nach Dienstbeginn sei aber eingeplant gewesen, rechtfertigt sich das Klinikum. Experte Zastrow stuft bestimmte Sparmaßnahmen wie eine zu geringe Anzahl an Putzlappen und unterdosierte Desinfektionsmittel als „skandalös“ ein. Ähnliche Zustände herrschen wohl auch an anderen Krankenhäusern, sagen die Experten. Die beanstandete Klinik relativiert die Ergebnisse des verdeckten Test und argumentiert, es seien nur geringe Keimbelastungen gewesen und keine Ansteckungen bekannt geworden.

Trotzdem lautet die Schlussfolgerung: „Das Risiko, sich mit einem Krankenhauskeim anzustecken, ist in Deutschland relativ hoch. Viele Fälle wären durch eine gründlichere Desinfektion vermeidbar. Regeln gibt es genug, doch die Umsetzung kostet Geld, und der Sparzwang ist groß.“

Zur besseren Einordnung hätte man meines Erachtens aber durchaus erwähnen können, dass Zastrow Mitglied dreier Fachgesellschaften ist, die schon seit langem für eine Besserstellung von Hygienikern in deutschen Kliniken kämpfen. Samt entsprechender Bezahlung, versteht sich. Im Abspann werden dann die entdeckten und vermuteten Mängel nochmals aufgezählt, doch endet der Beitrag mit einer positiven Note:

„andererseits werden in unseren Krankenhäusern in jedem Jahr Millionen Menschen behandelt und geheilt. Auch Dank innovativer Spitzenmedizin“.

Insgesamt eine wohltuend unaufgeregte Sendung zu einem lebenswichtigen Thema. Aufklärung und verantwortungsvoller Journalismus im besten Sinne. Wäre da nicht die reißerische, klischeebeladene Ankündigung der Sendung gewesen, hätte ich fast gesagt: „Na also, ZDF. Geht doch.“

Quelle: Wie gut sind unsere Krankenhäuser? ZDF, 1.3.2016. Im August 2016 noch unter ZDFmediathek

Rekordbohrungen nach Öl im Golf von Mexiko

Mit ehrgeizigen Tiefseebohrungen versuchen sich die großen Erdölkonzerne derzeit aus ihrer Abhängigkeit von der krisengeschüttelten Golfregion zu befreien. Die verhältnismäßig leicht zugänglichen Quellen vor den amerikanischen Küsten beginnen sich zu erschöpfen; Ingenieure und Wissenschaftler sehen sich daher gezwungen, Bohrungen auch in großer Tiefe und weit vor der Küste vorzunehmen. Der rapide gestiegene Erdölpreis läßt jetzt auch solche Projekte lukrativ erscheinen, die noch vor kurzem als zu riskant oder teuer galten.

Vor allem im Golf von Mexiko haben die Ölgesellschaften, angeführt von Shell, Texaco, Conoco und Occidental, damit begonnen, Hunderte von Kilometern vor der Küste Bohrinseln zu errichten, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Die dortigen Erdölvorkommen werden auf 36 Milliarden Barrel geschätzt, das entspricht etwa fünf Milliarden Tonnen.

Vor dem Beginn des industriellen Zeitalters hat es auf der Erde etwa 200 Milliarden Tonnen des schwarzen Goldes gegeben, deren Ausbeutung auch wirtschaftlich sinnvoll war. Mittlerweile sind aber bereits 40 Prozent dieser Vorräte erschöpft. Von den verbleibenden 120 Milliarden Tonnen befinden sich nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften nur acht Milliarden Tonnen auf dem Terrain der westlichen Industrieländer. Eine Nutzung der Erdölvorkommen in den Tiefen des Golfes von Mexiko muß unter diesem Gesichtspunkt sehr lukrativ erscheinen, zumal die Vorräte etwa auf das Fünffache derjenigen Alaskas geschätzt werden.

Für die Ölgesellschaften ist das neue Eldorado aber auch aus einem anderen Grund interessant: Die Multis zählen in Texas und Louisiana zu den größten Arbeitgebern, Proteste von Umweltschützern sind hier noch vergleichsweise selten. Schon seit einem Jahr fördert eine Plattform, die von mehreren Gesellschaften gemeinsam betrieben wird, Öl aus 535 Meter Tiefe. Diese „Rekord-Bohrinsel“ befindet sich etwa 240 Kilometer südwestlich von New Orleans und ist mit Baukosten von etwa 600 Millionen Mark beileibe kein Einzelfall.

Derartige Großprojekte stellen höchste Anforderungen an die Ingenieure und Mannschaften der Plattformen. So mußten beispielsweise zwölf Schleppboote und ein Lastkahn von der Größe eines Flugzeugträgers eingesetzt werden, um die 750 Millionen Mark teure „Bullwinkle“¬Plattform der Firma Shell auf Position zu bringen.

Doch die Erdölförderung aus großen Meerestiefen stößt noch lange nicht an ihre Grenzen. Ferngesteuerte Roboter und kleine Unterseeboote übernehmen mittlerweile Aufgaben, die von Tauchern unter diesen Umständen nicht mehr bewältigt werden können. Schon haben die Projekte die Ein-Milliarden-Dollar-Grenze überschritten. Bereits im übernächsten Jahr könnte Shell beginnen, aus 872 Meter Tiefe zu fördern; und wenn die Ölpreise auf der derzeitigen Höhe bleiben, wird auch die magische 1000-Meter-Marke bald erreicht. Die ersten Probebohrungen hierzu sind bereits in Arbeit.

(erschienen in „DIE WELT“ am 9.1.1991)

Was wurde daraus? Zum Text gab es damals eine Grafik, wonach noch 119 Milliarden Tonnen Erdöl sicher übrig wären, nochmals 149 Mia. Tonnen seien „möglicherweise zusätzlich gewinnbar“. Nicht zum ersten Mal wurden diese Mengen offensichtlich unterschätzt. Obwohl mittlerweile fast 30 Jahre vergangen sind, gibt es laut Wikipedia aktuell noch 240 Milliarden Tonnen, die mit gegenwärtigen Preisen und mit heutigen Fördertechnologien gewonnen werden könnten – also mehr als doppelt so viel, wie 1991 geschätzt. Dazu kämen dann nochmals fast 450 Milliarden Tonnen, die theoretisch in der Zukunft mit neuen Techniken förderbar wären.

Kannibalismus umstritten

Einer der wichtigsten „Beweise“ für Kannibalismus unter unseren Vorfahren wurde jetzt widerlegt. Eine gründliche Untersuchung des berühmten Schädels vom Monte Circeo (Italien) zeigt, daß Spuren, die ursprünglich im Sinne eines rituellen Kannibalismus gedeutet wurden, von Hyänen stammen. Der Schädel eines etwa 45 Jahre alten Neandertalers war 1939 in einer Höhle etwa 100 Kilometer südlich von Rom gefunden worden. Der Prähistoriker Alberto Blanc hatte damals einen Schlag gegen die rechte Schläfe als Todesursache vermutet; ein vergrößertes Loch an der Schädelbasis deutete er als Hinweis darauf, daß man dem Toten das Gehirn zum Verzehr entnommen hatte.

Zur Unterstützung seiner Theorie hatte Blanc damals eine Zeichnung „aus dem Gedächtnis“ angefertigt, wobei die Lage und Orientierung des Fundstückes seine Theorie zu stützen schienen. Allerdings weiß man heute, daß Blanc gar nicht der Finder des Schädels war und daß er über dessen ursprüngliche Position nicht Bescheid wissen konnte. Italienische Wissenschaftler haben jetzt anhand der Verfärbung des Schädels nachgewiesen, daß dieser auf der Seite lag und nicht – wie von Blanc gezeichnet – mit der Offnung nach oben, umgeben von einem Kranz aus Steinen. Der Schädel selbst zeigt demnach keinerlei Spuren einer menschlichen Einwirkung; die vergrößerte Öffnung erklärt sich durch Nagespuren von Hyänen, die diese Höhle vor etwa 52000 Jahren bewohnten. Der einzige konkrete Beweis für menschlichen Kannibalismus, nämlich die Anwesenheit menschlicher Überreste in den versteinerten Fäkalien unserer Ahnen, konnte bisher noch nirgendwo entdeckt werden. (Aus „Nature“, Band 348, S. 393).

(Meldung für „DIE WELT“, 5.1.1991)

Was wurde daraus? Und es gibt ihn doch, den Kannibalismus. Auch wenn der eine oder andere Bericht im Rückblick unhaltbar wurde, so finden sich doch bei Wikipedia eine ganze Reihe von Beispielen, die einer kritischen Überprüfung standhalten.

Kommentar: Selbsternannte Propheten

Viele Argumente sprechen gegen einen Krieg am Golf – an erster Stelle sicherlich das Blutvergießen, das mit jeder Kampfhandlung einhergeht. Aber auch steigende Erdölpreise, eine Stärkung der islamischen Fundamentalisten und großflächige Zerstörungen, die weit über das eigentliche Krisengebiet hinausreichen, gehören zu den unvermeidlichen Folgen eines militärischen Schlagabtausches.

Neuerdings wurde von selbsternannten Experten auf einem „Sonderkongreß“ in London allerdings auch eine beispiellose Umweltkatastrophe angekündigt, deren Schrecken alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen soll. Brennende Ölquellen würden den Himmel verdunkeln und ein gigantisches Ozonloch über dem indischen Subkontinent hervorrufen; ein Temperatursturz um 20 Grad und das Ausbleiben des Monsunregen bedrohten eine Milliarde Menschen mit dem Hungertod, so lautet die Prognose, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft an die staunende Öffentlichkeit getragen wurde.

Wenn sich jetzt der eine oder andere die Frage stellt, ob es unter diesen Umständen nicht besser sei, sich mit dem irakischen Diktator zu arrangieren, so hat die Kampagne ihr Ziel bereits erreicht. „Die Kuwaitis waren ja auch nicht gerade aufrechte Demokraten“, so ist zu hören, und gegenüber dem Schlagwort „Kein Blut fürs Öl“ verschwimmen die ungezählten Opfer Saddam Husseins zur gesichtslosen Masse.

Sicherlich wird das Eintreten für die Menschenrechte Opfer erfordern; nicht nur am Golf und leider nicht nur finanzieller Art. Fraglos wird auch die Umwelt Schaden erleiden. Die Größe dieses Schadens allerdings wird von den Londoner Apokalyptikern schamlos übertrieben. Kein seriöser Wissenschaftler würde sich zu derart weitreichenden Prognosen versteigen, wie sie ein dubioses Konglomerat von Altmitgliedern der britischen Kampagne gegen nukleare Abrüstung und der britischen Grünen verbreiten ließ. Im Interesse aller Betroffenen wäre es daher von Vorteil, wenn unausgegorene Spekulationen über das Schicksal der Menschheit künftig nicht mehr mit politischen Interessen verquickt würden.

(erschienen auf der Meinungs-Seite der WELT am 5.1.1991)

Was wurde daraus? Wie erwartet hat der Golfkrieg auch zu massiven Umweltschäden geführt, unter anderem zur bis dato „größten Ölpest aller Zeiten“. Obwohl zahlreiche „Experten“ dazu ihre Meinung verbreitet haben, fand ich keine wissenschaftlich belastbare Analyse. Fakt ist, dass keine einzige der oben zitierten Befürchtungen eingetreten ist.

Eine Impfaktion kann alliierte Truppen nur begrenzt schützen

Arsen und Anthrax, Blausäure und Botulinustoxin, Cholera und Chlorcyan; so könnte das furchterregende Abc des Aggressors lauten, wenn es wirklich in elf Tagen zu einem Krieg am Persischen Golf kommen sollte. Die Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Golfkonfliktes ist zwar noch nicht begraben, doch bereiten sich die multinationalen Streitkräfte auf alle Eventualitäten vor.

Nach Erkenntnissen des amerikanischen Geheimdienstes CIA muß in solch einer Auseinandersetzung mit dem Einsatz von weltweit geächteten Kampfstoffen seitens des Irak gerechnet werden, nämlich mit chemischen und eventuell auch biologischen Massenvernichtungsmitteln. Die Produktion von Impfstoffen, welche die Soldaten vor tödlichen Infektionen bewahren sollen, läuft in den Vereinigten Staaten bereits auf Hochtouren. Ob allerdings Gasmasken und Schutzanzüge, deutsche Spürpanzer und Dekontaminationseinrichtungen auch einen umfassenden Schutz der Zivilbevölkerung gewährleisten können, erscheint fraglich.

Darüber hinaus besteht bei Impfungen das Problem, daß diese meist mehrmals erfolgen müssen. Häufig stellt sich der Körper erst nach Monaten auf den jeweiligen Krankheitserreger ein – er wird immun. Eine Impfkampagne für die derzeit 280.000 Amerikaner im Krisengebiet ist nach Auskunft des Pentagons zwar „innerhalb der nächsten Wochen“ geplant, doch fehlt es noch an Material für die US-Streitkräfte – von den Soldaten anderer Staaten und der Zivilbevölkerung Saudi-Arabiens ganz zu schweigen. Eine Impfung könnte zudem unterlaufen werden, wenn die gefährlichen Krankheitserreger in ihrer Erbsubstanz auch nur geringfügig verändert werden.

Auch ohne den Einsatz der Gentechnik sind selbst kleine Länder in der Lage, eine Vielzahl von tödlichen Bakterien und Viren zu Isolieren und in großen Mengen herzustellen. In sogenannten Kultursammlungen werden zudem weltweit unzählige von Mikroorganismen für die Wissenschaft bereit gehalten, darunter auch viele Krankheitserreger und die Produzenten hochgiftiger Substanzen wie Mykotoxine (Pilzgifte) und Botulinustoxin. Auch die Vereinigten Staaten haben eine derartige Mikrobensammlung in Form der „American Type Culture Collection„. Die gewünschten Bakterienstämme werden in einem Katalog aufgelistet; einzige Voraussetzung für eine Bestellung von Krankheitserregern ist eine schriftliche Bestätigung, daß „alle Risiken und Verantwortlichkeiten aus dem Umgang im Labor übernommen werden“.

Das deutsche Pendant dieser Einrichtung findet sich in Braunschweig bei der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSM). Deren Geschäftsführer Dieter Klaus teilte auf Anfrage mit, Mikroorganismen jenseits der Risikogruppe 2 (es gibt vier Risikogruppen, die nach steigender Bedrohung für den Menschen nummeriert werden) seien in Braunschweig nicht erhältlich. Der Export von Mikroorganismen in bestimmte Länder, darunter auch der Irak, ist der DSM per Gesetz untersagt. Allerdings, warnt Klaus: „Diese Mikroorganismen zu bekommen ist kein Problem. Wenn einer Pilze haben will, die hochgiftige Substanzen produzieren, so kann er sie aus dem Dreck vorm eigenen Haus isolieren.“

Amerikanischen Militärzeitschriften zufolge könnte der Irak über verschiedene Stämme von Milzbrandbakterien, Typhus- und Choleraerregern verfügen. Der Milzbrand (Anthrax) ist eigentlich eine Tiererkrankung und wird von einem sehr widerstandsfähigen Bakterium (Bacillus anthracis) hervorgerufen, das sich von der Umwelt regelrecht abkapseln kann und in der Erde über Jahrzehnte hinweg überdauert.

Eine Infektion des Menschen mit Milzbrandbakterien kann durch die Haut oder über die Atemwege erfolgen. Ist kein Impfschutz vorhanden, so treten innerhalb von zwölf Stunden rot-braune Pusteln auf, die zu Geschwüren führen und von Muskelschmerzen, Fieber und Erbrechen begleitet werden. Ohne eine Behandlung führt die Krankheit binnen drei bis fünf Tagen zum Tode. Die Erreger von Typhus und Cholera dagegen können unter normalen Umständen durch verseuchte Lebensmittel oder nicht desinfiziertes Wasser verbreitet werden, sie eignen sich also nicht für einen Angriffskrieg.

„Das ist mehr etwas für terroristische Anschläge“, beurteilt Klaus die Möglichkeiten des Einsatzes biologischer Waffen. Pilzgifte, sogenannte Mykotoxine, etwa ließen sich dem Trinkwasser beimengen und wären auch durch Desinfektionsmaßnahmen nicht auszuschalten. Im Bonner Verteidigungsministerium ist man ähnlicher Ansicht. Fregattenkapitän Reichenmüller betonte, daß es sich bei der biologischen Kriegsführung um keine neue Idee handelt. „Die Anwendung im militärischen Bereich ist allerdings sehr viel schwieriger, weil der Angreifer ein Risiko für sich selbst nicht ausschließen kann.“ C-Kampfstoffe hält Reichenmüller dagegen für möglich, doch werde die Abwehr dieser Substanzen bei der Bundeswehr bedacht und geübt.

(erschienen in DIE WELT am 4. Januar 1991)

Was wurde daraus? Die Sorgen waren berechtigt, denn in der Tat unterhielt der Irak neben seinem Chemiewaffenprogramm zu diesem Zeitpunkt ein umfangreiches Programm zur Entwicklung und dem Einsatz biologischer Waffen, wie man in der Wikipedia nachlesen kann. Erst nach dem verlorenen Golfkrieg wurde der Irak gezwungen, sein Arsenal zu vernichten. Wie oben beschrieben waren es allerdings wohl eher „praktische“, als moralische Gründe, die verhinderten, dass B-Waffen zum Einsatz kamen.

Impfung gegen Bio-Waffen

Amerikanische Soldaten am Golf sollen geimpft werden, um sie vor den Folgen eines Angriffs mit biologischen Waffen zu schützen. Wie die „New York Times“ berichtete, seien die Impfungen Teil eines umfassenden Programms gegen B-Waffen, zu dem auch der Gebrauch von Masken und Schutzkleidung gehöre. Erkenntnisse des CIA deuten darauf hin, dass der Irak über die Mittel zum Einsatz von Milzbrandbakterien, Typhus- oder Choleraerregern verfügt.

Die Konvention über biologische Waffen aus dem Jahre 1972 verbietet zwar die Produktion und Lagerung von B-Waffen, nicht aber die Forschung zu „defensiven Zwecken“. Unterzeichnet haben 103 Staaten, darunter auch die Vereinigten Staaten; nicht aber der Irak. Die Bakterien, die vermutlich in Salman Pak, 35 Kilometer südöstlich von Bagdad, produziert werden, könnten mittels Granaten verschossen oder aus Flugzeugen abgesprüht werden.

Der Einsatz dieser Mikroben erscheint allerdings unwahrscheinlich, da der Irak kaum in der Lage sein dürfte, die eigene Bevölkerung durch eine groß angelegte Impfkampagne vor einer drohenden Ansteckung zu schützen. Anders dagegen die USA, die schon im Zweiten Weltkrieg mit der Erforschung biologischer Waffen begonnen haben. Sie dürften daher für eine derartige Auseinandersetzung verhältnismäßig gut gerüstet sein.

(erschienen in der WELT am 29. Dezember 1990)