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Reiche Frauen leben am längsten

Über Ungleichheit wird zu Recht viel diskutiert. Beim wertvollsten Gut – unserer Lebenserwartung – gibt es mindestens zwei Dinge, die entscheidend sind.

Reich zu sein ist das Eine. Eine Frau zu sein das Andere. Und am besten ist die Kombination aus beidem: Wie jetzt eine Studie ergab, leben die reichsten Norwegerinnen im Durchschnitt fast 16 Jahre länger als die ärmsten Norweger.

Hintergrund der Studie war eigentlich die Frage, ob soziale Ungleichheit in einem Land das Leben verkürzt. Dafür verglich man Norwegen, wo das reichste Prozent der Einwohner acht Prozent des Gesamteinkommens bezieht, mit den USA, wo die entsprechende Gruppe 20 Prozent des Gesamteinkommens auf sich vereinigt.

Jonas Minet Kinge vom Norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit und seine Kollegen nutzten dafür die Informationen zum Haushaltseinkommen pro Person, zur Lebenserwartung und zur Todesursache aus vier miteinander vernetzten norwegischen Datenbanken. Um Verzerrungen durch Kinder zu vermeiden, die auf Kosten ihrer Eltern leben, beschränkten sie die Analyse auf Personen ab 40 Jahren.

Am längsten lebten demnach mit 86,4 Jahren jene Frauen, die zu dem einen Prozent der Top-Verdiener zählten. Frauen mit maximal 10 Prozent des Durchschnittseinkommens lebten dagegen im Schnitt 8,4 Jahre weniger, also 78 Jahre. Damit konnten sie sich aber immer noch deutlich länger des Daseins freuen als Männer in der gleichen Einkommensgruppe. Die hatten nämlich im Durchschnitt nur 70,6 Jahre zu erwarten – also 7,4 Jahre weniger als die „armen“ Frauen; 13,8 Jahre weniger als die reichen Männer und 15,8 Jahre weniger als die reichen Frauen.

Soziale Ungleichheit alleine reicht nicht aus, um die frappierenden Unterschiede zu erklären. So hatten Norweger mit geringem und mittlerem Einkommen zwar eine höhere Lebenserwartung als US-Amerikaner im gleichen Einkommensbereich. Betrachtet man jedoch die Gesamtbevölkerung, so waren die Unterschiede im Verhältnis zum Einkommen in beiden Ländern ähnlich stark ausgeprägt. Diese, in beiden Ländern ähnlich große „Schere“ spricht gegen die Annahme, dass ein staatliches Gesundheitswesen (wie in Norwegen) per se gerechter sein muss. Auch die soziale Ungleichheit der beiden Gesellschaften taugt nicht für eine Erklärung. Die lässt sich nämlich mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten messen – und da müsste Norwegen auf Platz 4 eigentlich viel besser abschneiden als die USA auf Platz 31.

Kinge JM et al.: Association of Household Income With Life Expectancy and Cause-Specific Mortality in Norway, 2005-2015. JAMA. 2019 May 13.

Sich regen? Von wegen!

Eine, vom Nationalen Krebsinstitut mitfinanzierte, Langzeitstudie zeigt, dass US-Amerikaner unverändert lange auf ihrem Hintern sitzen. Damit verbringen sie sechs bis acht Stunden täglich – eine Zeitspanne, die sich zwischen 2001 und 2016 kaum verändert hat.

Herausgefunden hat dies ein Team um die Epidemiologin Dr. Lin Yang von der Forschungsstelle Cancer Epidemiology and Prevention Research, CancerControl Alberta (Kanada). Sie wertete die Daten aus einer regelmäßig stattfinden landesweiten Umfrage aus, dem National Health and Nutrition Examination Survey. Unter den fast 52000 Studienteilnehmern waren 10359 Kinder, 9639 Jugendliche und 31898 Erwachsene. Die Daten beruhten allerdings nicht wie heute üblich auf der Auswertung von Fitnessarmbändern, sondern auf der Selbsteinschätzung der Befragten.

Dabei kam heraus, dass im letzten Erfassungszeitraum 2015/2016 unter den Kindern 62 Prozent täglich mindestens zwei Stunden Fernsehsendungen oder Videos anschauten.  Unter den Jugendlichen war dieser Anteil mit 59 Prozent und bei Erwachsenen mit 65 Prozent ähnlich groß, und bei den Rentnern ab 65 Jahren lag er sogar bei 85 Prozent.

Im Vergleich der Jahre seit 2001 hatte es bei den Kindern zwar eine leichte Abnahme gegeben (um 3,4 Prozentpunkte), dafür schauten die Senioren im Schnitt aber 3,5 Prozent länger, sodass die Gesamtbilanz unverändert blieb.

In allen Altersgruppen zugenommen hat der Anteil derjenigen, die täglich außerhalb der Arbeit oder Schule für mindestens eine Stunde am Computer saßen. Bei Kindern stieg dieser Anteil von 43 auf 56 Prozent, bei Jugendlichen von 53 auf 57 Prozent, und bei Erwachsenen gar von 29 auf 50 Prozent.

Experten und Fachgesellschaften haben wiederholt vor den Gefahren des zu langen Sitzens gewarnt („Sitzen ist das neue Rauchen“). Klar ist, dass zu wenig Bewegung insbesondere das Risiko für Herzkrankheiten erhöht. Genutzt haben die Appelle jedoch wenig. Im Gegenteil lief der Trend – zumindest in den USA – im vergangenen Jahrzehnt in die falsche Richtung. Als die Forscher für die aktuelle Erhebung die Gesamtsitzzeiten in den Jahren 2007 bis 2016 verglichen, fanden sie bei den Jugendlichen eine Zunahme von 7 auf 8,2 Stunden täglich und für Erwachsene von 5,5 auf 6,4 Stunden täglich. Selbst diese Zahlen könnten das wahre Ausmaß der „Sitzepidemie“ noch unterschätzen. Für die aktuelle Auswertung hatte man nämlich weder die Zeit am Telefon noch das Lesen von Büchern berücksichtigt.

Yang L et al.: Trends in Sedentary Behavior Among the US Population, 2001-2016. JAMA. 2019 Apr 23;321(16):1587-1597. doi: 10.1001/jama.2019.3636.

USA: Pharmawerbung nimmt Patienten ins Visier

Umgerechnet 8,5 Milliarden Euro haben Pharmafirmen, Gerätehersteller und Verbände im Jahr 2016 in den USA ausgegeben, um direkt bei kranken Menschen und anderen „Verbrauchern“ für ihre Produkte zu werben. Die Ausgaben für diese sogenannte „Direct-to-Consumer (DCT)“-Werbung haben sich damit in nur 20 Jahren mehr als vervierfacht. Insgesamt wurden rund 30 Milliarden Dollar ausgegeben – das entspricht 26 Milliarden Euro.

Dies ist das Ergebnis einer Analyse der Gesundheitsforscher Lisa M. Schwartz und Steven Woloshin, die im Fachblatt JAMA des US-amerikanischen Ärzteverbandes veröffentlicht wurde. Während es in Deutschland und fast allen anderen Ländern verboten ist, rezeptpflichtige Medikamente direkt beim Verbraucher zu bewerben, ist dies in den USA erlaubt. Alleine für diesen Bereich wurden im Jahr 2016 insgesamt 4,6 Millionen Anzeigen geschaltet, davon 663.000 im Fernsehen. Der Trend, so berichten Schwartz und Woloshin, geht dabei immer mehr zu besonders teuren Behandlungen wie Immuntherapien gegen Krebs und biotechnologisch hergestellten Medikamenten.

Mit 20 Milliarden Dollar waren die Werbemaßnahmen für medizinische Fachkräfte zuletzt zwar etwa doppelt so hoch wie für die DTC-Werbung. Deren Anteil ist aber von ursprünglich 12 Prozent auf 32 Prozent gewachsen. Bei den Kampagnen geht es nicht nur darum, Ärzte und Patienten vom Nutzen bestimmter Pillen, Untersuchungen oder Labortests zu überzeugen. Teilweise zielen sie auch darauf ab, die Definition bestimmter Krankheiten zu verändern, sodass mehr Personen für eine Behandlung in Frage kommen.

Unter allen Ländern der Welt haben die USA im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt mit 16,8 Prozent die zweithöchsten Gesundheitskosten. In Deutschland sind es 11,2 Prozent.

Kombiprogramm hält Senioren länger fit

Wie kann man die Selbstständigkeit von Senioren erhalten, die noch in ihrer eigenen Wohnung leben, aber schon Probleme mit Alltagsaktivitäten haben, wie zum Beispiel kochen, das Bett oder die Wäsche zu machen? Diese Frage haben sich Forscher und Ärzte an der Johns-Hopkins-Universität im US-amerikanischen Baltimore gestellt. Das Besondere daran ist, dass das Team um Professor Sarah L. Szanton sich nicht mit gut gemeinten Ratschlägen begnügte, sondern die Wirkung der vorgeschlagenen Maßnahmen systematisch ausgetestet und bewiesen hat.

In einer sogenannten randomisierten klinischen Studie verteilten sie 300, meist weibliche, Senioren ab 65 Jahren nach dem Zufallsprinzip auf 2 Gruppen. Beide Gruppen bekamen innerhalb von 5 Monaten 10 Mal Besuch. Während jedoch in der einen Gruppe lediglich ein Forschungsassistent vorbei schaute, der mit den Senioren darüber sprach, welche Aktivitäten sie gerne lernen oder ausüben möchten, bekam die andere Gruppe Besuch von bis zu 3 Spezialisten, die sich untereinander über die beste Vorgehensweise abstimmten: Ein Ergotherapeut, eine Krankenschwester, und ein Handwerker.

Das Programm trägt den Namen “Community Aging in Place—Advancing Better Living for Elders”, was sich etwa mit “Altern daheim – für ein besseres Leben der Senioren“ übersetzen lässt und mit CAPABLE (englisch für „fähig“) abgekürzt wird. Zuerst prüft der Ergotherapeut dabei, unter welchen Einschränkungen die Betroffenen leiden, welche Ziele sie haben, und inwiefern die Wohnungseinrichtung dabei hinderlich ist. Die Krankenschwester fragt nach Beschwerden wie Schmerzen, Depressionen, den eingenommen Medikamenten sowie Kraft und Balance. Gemeinsam wird dann überlegt, wie man den Senioren helfen kann, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen – einschließlich von Reparaturen im Haus und baulichen Veränderungen, die das Leben erleichtern sollen.

Gemessen wurde das Ergebnis auf einer Skala, die die Fähigkeit beschreibt, Aktivitäten des täglichen Lebens (engl. Activities of daily live, ADL) zu bewältigen. Die Schwere der so erfassten Behinderungen verringerte sich dabei in der intensiv betreuten Gruppe um 30 %. Jeweils etwa 80 Prozent der Senioren in dieser Gruppe sagten auf Nachfrage, ihr Leben sei jetzt leichter geworden, sie könnten sich jetzt besser um sich selbst kümmern, und sie hätten mehr Vertrauen darin, die täglichen Aufgaben zu meistern. In der Vergleichsgruppe hatten dagegen nur etwa halb so viele Senioren (etwa 40 %) entsprechende Verbesserungen bemerkt.

Gekostet hat das „Rundum-Paket“ etwas weniger als € 2500 pro Teilnehmer. Darin eingeschlossen waren die Reparaturen und Veränderungen der Wohnung, die man auf etwa € 1100 Euro begrenzt hatte. Finanziert wurde die Studie von den US-Nationalen Gesundheitsinstituten (National Institutes of Health, NIH).

Begeistert kommentieren die beiden Altersmediziner Marlon J.R. Aliberti und Kenneth E. Covinsky die der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine erschienene Studie: CAPABLE sei ein innovatives Programm, um die Behinderungen und Einschränkungen bei älteren Menschen mit niedrigem Einkommen zu verringern. Außerdem rechnen sie vor, dass CAPABLE zumindest in den USA auch helfen könnte, die Kosten für das Gesundheitswesen zu senken. Ein Platz in einem Pflegeheim wird dort nämlich mit umgerechnet etwa € 4400 Euro pro Monat veranschlagt. Man würde also fast das Doppelte der Programmkosten einsparen, wenn es damit gelänge, die Einweisung um durchschnittlich auch nur einen Monat zu verzögern.

Quellen:

  • Szanton SL et al.: Effect of a Biobehavioral Environmental Approach on Disability Among Low-Income Older Adults: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2019 Jan 7. doi: 10.1001/jamainternmed.2018.6026.
  • Aliberti MJR, Covinsky KE. Home Modifications to Reduce Disability in Older Adults With Functional Disability. JAMA Intern Med. 2019 Jan 7. doi: 10.1001/jamainternmed.2018.6414.

Lehrreicher Krankenhausreport

Wie gut sind unsere Krankenhäuser? Diese Frage hat Utta Seidenspinner im Auftrag des ZDF untersucht, und weil mich diese Frage beruflich ebenso wie privat interessiert habe ich die gleichnamige 45 Minuten lange Sendung angeschaut, kritisch hinterfragt und – auch für Sie – das Wichtigste mitgeschrieben.

Beginnen wir mit einigen Fakten: Fast 2000 Krankenhäuser gibt es in Deutschland, jeweils etwa ein Drittel davon sind kommunale Einrichtungen, sie haben gemeinnützige Träger, oder es handelt sich um Privatkliniken. In den 2000 Krankenhäusern stehen eine halbe Million Betten, etwa 30 Prozent davon sind leer.

Geht Profit vor Patientenwohl? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Sendung, und dazu sollte man wissen, dass fast 40 Prozent aller Häuser Verluste machen und 20 Prozent die Schließung wegen Pleite droht. Das Geld ist also knapp, obwohl jeder dritte Euro aus unseren Kassenbeiträgen in die Krankenhäuser fließt. Eine mögliche Lösung wären vielleicht höhere Beiträge – aber wer will die schon bezahlen? Schon jetzt erhalten die Kliniken jährlich 87 Milliarden Euro.

Ursprünglich hatten die Kliniken bei der Abrechnung ihrer Leistungen Tagessätze zugrunde gelegt. Vor 13 Jahren wurde das System dann umgestellt auf Fallpauschalen. Das bedeutet, dass es für jede Diagnose bzw. jeden Eingriff (wie z.B. einen entzündeten Blinddarm, der in einer Operation entnommen wird), einen festen Betrag gibt, egal wie lange der Patient dafür in der Klinik bleiben muss. So entstand der wirtschaftliche Anreiz, schneller und effizienter zu arbeiten, aber auch mehr Eingriffe zu machen. Vor allem solche mit besonders attraktiven Fallpauschalen.

Die Folgen waren absehbar: Früher mussten die Kliniken ihre Patienten möglichst lange behalten, wenn sie viel Geld verdienen wollten. Heute kommt es darauf an, möglichst viele in möglichst kurzer Zeit zu „verarzten“. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Klinik ist drastisch gesunken. Wie das Statistische Bundesamt kürzlich berichtete waren es im Jahr 2015 nur noch 7,4 Tage gegenüber fast doppelt so vielen (14) im Jahr 1991. Die Zahl der Klinken verringerte sich im gleichen Zeitraum von 2411 auf 1980. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Operationen auf 16 Millionen im Jahr. Die ambulanten Eingriffe verdreifachten sich sogar im Zeitraum 2003 bis 2013, wie eine weitere Statistik belegt.

Jetzt aber genug der Zahlen. Der Verdacht steht im Raum, dass der wirtschaftliche Druck auf den Krankenhäusern zu Lasten der Patienten geht, und dass sich eine Zwei-Klassen-Medizin entwickelt, bei der die besser zahlenden Privatpatienten gegenüber den gesetzlich Versicherten bevorzugt werden.

Getestet haben die Macher der Sendung ihre Vermutung, indem sie zwei verschiedene Patienten in einem Münchner Klinikum begleiteten: Eine gesetzlich versicherte Hausfrau und ein privat versicherter Geschäftsmann, die aber beide wegen eines Bandscheibenvorfalls operiert werden mussten. Tatsächlich wurden beide im selben OP von dem selben Chirurgen operiert. Das Team umfasste jeweils sechs Personen und auch die benutzten Gerätschaften waren identisch. „Wir stellen fest: Der medizinische Aufwand ist der Gleiche.“ Dies bescheinigt auch der befragte Experte, Prof. Klaus-Dieter Zastrow.

Bei Verpflegung und Unterkunft gab es sehr wohl Unterschiede. Einzel- versus Mehrbettzimmer, mehr oder weniger gutes Essen,. Und natürlich die freie Arztwahl als „Bonus“ für die Privatversicherten. Dabei muss eine Chefarztbehandlung nicht unbedingt besser sein, sagt der Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske.

Ein weiterer Test soll die Frage beantworten, ob wegen der finanziellen Anreize zu viel operiert wird. Dieser Verdacht besteht insbesondere bei den jährlich 155000 Knie- und 212000 Hüftoperationen, sowie den 150000 Bandscheiben-Operationen.

Also lässt man einen Testpatienten mit vorgeschädigtem Knie zunächst bei einem medizinischen Gutachter beraten.  Der hält eine Operation für unnötig und rät eher zu einer Physiotherapie. Den gleichen Rat erhält der Testpatient in allen drei Kliniken, die er besucht. Dies obwohl doch eine Physiotherapie für die Klinik viel weniger Einnahmen bedeutet, als eine Operation…

Die These von den kommerzgetriebenen Kliniken (und Ärzten) ist damit aber nicht vom Tisch. Es folgt ein Bericht über einen frühgeborenen Jungen, der offenbar zu spät in eine Spezialklinik verlegt wurde, weil das Geburtskrankenhaus seine Möglichkeiten überschätzte. Ob bei der Verzögerung wohl eine Rolle spielte, dass die Versorgung von Frühchen besonders gut honoriert wird?

Der Abbau des Pflegepersonals wird ebenfalls angesprochen. Die wohl schwächsten Glieder in der Versorgung-Kette sind doppelt so häufig krank wie der Durchschnitt der Berufstätigen; ein Drittel sei vom Burn-Out gefährdet. Spätestens an dieser Stelle wird es fast unmöglich, dies nicht am Personalabbau und falschen finanziellen Anreizen für die Klinikbetreiber festzumachen.

Dass wir Patienten ebenfalls kräftig an der Kostenspirale drehen, zeigt ein Blick in eine Notaufnahme. Hier finden sich nämlich auch zahlreiche Mitmenschen ein, die mit ihren eher harmlosen Beschwerden nicht warten wollen, bis sie einen Termin beim Facharzt bekommen. Und jeder fünfte Patient hier könnte ebenso gut zu seinem Hausarzt gehen, so das Ergebnis einer Auswertung.

Schließlich wird auch noch eine Sorge diskutiert, die meines Erachtens wegen einer oft reißerischen Berichterstattung viele Menschen umtreibt: Wie groß ist die Gefahr durch Keime im Krankenhaus? Schön, dass man hier einen Rückblick eingebaut hat, der auf die enorm gestiegene Lebenserwartung von mittlerweile 80 Jahren verweist. Hygienemaßnahmen hätten erheblich dazu beigetragen, erinnert die Sprecherin. Doch das Problem ist ungelöst.

„Bis zu 900000 Menschen infizieren sich jährlich bei einem Klinikaufenthalt, schätzungsweise 30000 sterben daran.“

Dass die Keime gegen Arzneien unempfindlich werden ist der oftmals zu häufigen und ungenauen Gabe von Antibiotika geschuldet. Weil Hygienemaßnahmen wie das ständige Händewaschen und Desinfizieren zeitaufwändig sind, fällt es Ärzten und Pflegepersonal schwer, alle Regeln einzuhalten, berichtet anonym eine Krankenschwester aus eigener Erfahrung.

Wie sich die Keime verbreiten, wird anschaulich dargestellt. Dazu gehört auch der Hinweis, dass Bakterien und Viren häufiger von außen eingeschleppt werden, als in der Klink abgeholt. Etwa fünf Prozent der Patienten tragen jene Erreger am Leib, mit denen das Personal dann zu kämpfen hat. Sie verbreiten sich zum Beispiel über Türgriffe oder die Knöpfe im Aufzug, aber auch durch Ärzte, die auf Visite von einem Krankenhauszimmer zum nächsten gehen.

Dass eine Reporterin sich als Reinigungskraft getarnt in einem Krankenhaus umsieht und heimlich Proben zieht, darf man wohl als investigativen Journalismus bezeichnen. Später berichtet sie, dass sie statt einer fachgerechten Einweisung ein Formblatt erhalten hat mit dem Hinweis, sie müsse das zwar unterschreiben, aber jetzt nicht alles durchlesen.

Eine obligatorische Pflichtschulung drei Wochen nach Dienstbeginn sei aber eingeplant gewesen, rechtfertigt sich das Klinikum. Experte Zastrow stuft bestimmte Sparmaßnahmen wie eine zu geringe Anzahl an Putzlappen und unterdosierte Desinfektionsmittel als „skandalös“ ein. Ähnliche Zustände herrschen wohl auch an anderen Krankenhäusern, sagen die Experten. Die beanstandete Klinik relativiert die Ergebnisse des verdeckten Test und argumentiert, es seien nur geringe Keimbelastungen gewesen und keine Ansteckungen bekannt geworden.

Trotzdem lautet die Schlussfolgerung: „Das Risiko, sich mit einem Krankenhauskeim anzustecken, ist in Deutschland relativ hoch. Viele Fälle wären durch eine gründlichere Desinfektion vermeidbar. Regeln gibt es genug, doch die Umsetzung kostet Geld, und der Sparzwang ist groß.“

Zur besseren Einordnung hätte man meines Erachtens aber durchaus erwähnen können, dass Zastrow Mitglied dreier Fachgesellschaften ist, die schon seit langem für eine Besserstellung von Hygienikern in deutschen Kliniken kämpfen. Samt entsprechender Bezahlung, versteht sich. Im Abspann werden dann die entdeckten und vermuteten Mängel nochmals aufgezählt, doch endet der Beitrag mit einer positiven Note:

„andererseits werden in unseren Krankenhäusern in jedem Jahr Millionen Menschen behandelt und geheilt. Auch Dank innovativer Spitzenmedizin“.

Insgesamt eine wohltuend unaufgeregte Sendung zu einem lebenswichtigen Thema. Aufklärung und verantwortungsvoller Journalismus im besten Sinne. Wäre da nicht die reißerische, klischeebeladene Ankündigung der Sendung gewesen, hätte ich fast gesagt: „Na also, ZDF. Geht doch.“

Quelle: Wie gut sind unsere Krankenhäuser? ZDF, 1.3.2016. Im August 2016 noch unter ZDFmediathek

Schlacht kann auf Bildschirm verfolgt werden

Amerikanischen Spionagesatelliten wird in der allseits erwarteten Bodenoffensive der alliierten Streitkräfte im Golfkrieg eine entscheidende Rolle zufallen. Diese Ansicht vertraten mehrere hochkarätige Experten auf der Tagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) in Washington. Danach steht der irakischen Armee im besetzten Kuwait, die über keinerlei Möglichkeiten der Aufklärung verfügt, die bestinformierte Streitmacht aller Zeiten gegenüber.

Wie William Burrows von der Universität Washington erläuterte, gelang es den Vereinigten Staaten in jüngster Zeit, alle wesentlichen Herausforderungen an die Technik der Spionagesatelliten zu erfüllen. So sind die Satelliten des Typs Keyhole (Schlüsselloch) in der Lage, Bilder zu liefern, die von den Bodentruppen der Alliierten direkt empfangen werden können. Die Amerikaner, welche im Besitz der geeigneten Empfangsgeräte sind, könnten die Schlacht quasi am Bildschirm verfolgen – zumindest so, wie sie sich aus großer Höhe darbietet.

Die kleinsten Details, die so mit Unterstützung von bildverarbeitenden Computern noch ausgemacht werden können, haben eine Größe von etwa zehn Zentimetern. Für radargestützte Satelliten beträgt die Auflösung etwa 30 Zentimeter. Auf die Frage, warum es trotz dieser teuren High-Tech-Geräte nicht gelingt, etwa alle Abschußrampen für die sowjetischen Scud-Raketen zu entdecken oder gar Saddam Hussein selbst rund um die Uhr zu überwachen, bot Burrows eine einleuchtende Erklärung:

Das Nadelöhr ist schon lange nicht mehr die Aufzeichnung der Daten, sondern deren Auswertung. Praktisch alle Angehörigen der Nationalen Sicherheitsbehörde NSA, die des Arabischen mächtig sind, befinden sich derzeit am Persischen Golf. Dennoch können bei weitem nicht alle abgehörten Gespräche ausgewertet werden. Bei rund 11.000 Telefongesprächen, die der Satellit Rhyolite schon 1970 synchron aufzeichnen konnte, verwundert das nicht.

(erschienen in „DIE WELT“ am 20. Februar 1991)

Ölfeld explodiert nicht bei Angriffen

Der Zustand der Ölfelder in Kuwait ist wegen widersprüchlicher Meldungen unklar. Die kuwaitische Exilregierung spricht in Zusammenhang mit der angeblichen Zerstörung von Ölfeldern von einer „neuen verbrecherischen Handlung“ der Iraker. Dagegen liegen britischen Militärkreisen keine Informationen über brennende Ölfelder vor.

Ein Sprecher der US-Streitkräfte in Saudi-Arabien hatte erklärt, Luftaufnahmen zeigten, daß der Irak seine Drohungen wahr gemacht habe, Ölquellen und Vorratstanks anzuzünden. Bei der Deutschen Shell AG wollte man sich nicht an Spekulationen beteiligen; es fehle dazu an konkreten Kenntnissen über die geographischen Voraussetzungen in der Krisenregion.

Der Sprecher der Deutschen Shell AG Karl-Wilhelm Lott erklärte: „Es ist nicht einfach, ein Ölfeld in Brand zu stecken.“ Die allermeisten Öl- und Gasvorkommen sind an unterirdisches Trägergestein gebunden und dort in mikroskopisch feine Poren eingelagert. Nur bei einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Lagerstätten (sogenannte eruptive Ölfelder) ist der unterirdische Druck groß genug, um einen regelrechten Ausbruch zu erzeugen. Bei „klassischen“ Ölfeldern muß der Druck dagegen von Pumpen bereitgestellt werden, ohne deren Hilfe der Strom nicht aufrecht erhalten werden kann.

Eruptive und klassische Lagerstätten sind gleichermaßen mit Ausbruchschiebern gesichert. Im Fachjargon werden diese Ventile, die einen „Blow-Out“ verhindern sollen, Christbäume genannt. Bei Sprengung der Ventile eruptiver Lagerstätten schießt ein Gemisch aus Öl, Gas, Sand und Schlamm an die Oberfläche.

„Dieses Gemisch“, so Lott, „kann man entzünden. Das Ganze brennt dann wie eine Fackel“. Saddam Hussein könnte diesen Mechanismus bereits in Gang gesetzt haben, mit dem vorrangigen Ziel, den alliierten Luftstreitkräften durch die enormen Rauchschwaben den Zielanflug zu erschweren.

Ein Explodieren ganzer Ölfelder – sie liegen in der Krisenregion mehrere hundert Meter tief – ist allerdings auch dann nicht zu erwarten, wenn die Förderanlagen massiven Bombenangriffen ausgesetzt sind. Entgegen der Erwartung ist Rohöl nur schwer zu entzünden.

Dennoch darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, die vor allem von den überirdischen Installationen ausgeht. Dort befinden sich, oft über mehrere Quadratkilometer verteilt, neben den Fördertürmen auch Sammeltanks von etwa 50000 Kubikmetern Fassungsvermögen, Entgasungsanlagen und kleinere Raffinerien.

„Diese Anlagen kann man natürlich sprengen oder in Brand setzen; das gibt dann ein ordentliches Feuer“, so Lott. Auch die Ölbohrplattformen vor der Küste bieten Angriffspunkte. Bei einem Angriff auf Plattformen oder Sammelstationen an der Küste, in denen die Pipelines zusammenlaufen, gelänge Öl in größeren Mengen ins Meer. Die Möglichkeit einer verheerenden Ölpest bestünde allerdings auch in diesem Fall „nur“ bei eruptiven Feldern.

(leicht korrigierte Version eines Artikels, veröffentlicht in „DIE WELT“ am 24.1.1991)

Klimakatastrophe durch Golfkrieg?

Nachdem die internationale Streitmacht sich bereits am ersten Tag der kriegerischen Auseinandersetzungen die Lufthoheit über den Irak und Kuwait gesichert hat, gibt es nach wie vor Befürchtungen, daß die Kämpfe zu einer ökologischen Katastrophe ohnegleichen führen könnten.

Schätzungsweise ein Drittel der 1000 kuwaitischen Ölquellen wurde durch die irakischen Besatzungstruppen vermint. Nach unabhängigen Schätzungen könnten bei einer Sprengung täglich 1,5 Millionen Barrel Rohöl verbrennen, das entspricht etwa 140 Millionen Litern.

Ausgelöst wurden die Spekulationen über eine drohende Umweltkatastrophe, in deren Gefolge auch ein „nuklearer Winter“ nicht ausgeschlossen werden könne, durch eine Konferenz, die vor zwei Wochen in London von Penny Kamp organisiert wurde. Kamp war bisher vornehmlich als Autor zu Umweltthemen in Erscheinung getreten.

In Anwesenheit von Vertretern der Ölindustrie, Mitgliedern der Friedensbewegung und einer Reihe von Umweltingenieuren beschrieb John Cox, Vizepräsident der Kampagne für Nukleare Abrüstung und Berater einer Ölfirma, ein Weltuntergangsszenario und warnte vor einer ökologischen Katastrophe ohne Beispiel. Dieser Vermutung wiedersprach unter anderem John Houghton, Direktor des Britischen Wetteramtes: „Wir glauben nicht, daß es ein größeres Klimaproblem geben wird.“

Nach den wissenschaftlichen Grundlagen für die widersprüchlichen Äußerungen befragte die WELT einen der renommiertesten deutschen Klimaforscher. Professor Christian-Dietrich Schönwiese ist Direktor des Instituts für Meteorologie und Geophysik der Goethe-Universität in Frankfurt und Mitglied des IPCC, (Intergovernmental Panel on Climate Change), einer weltweiten Vereinigung von Klimaexperten.

Die Äußerungen des britischen Chemieingenieurs John Cox haben in der Öffentlichkeit große Besorgnis über die möglichen Folgen eines Golfkrieges hervorgerufen. Cox behauptet unter anderem, daß eine Sprengung der kuwaitischen Ölquellen durch irakische Truppen gewaltige Brände hervorrufen würde. Das brennende Öl und die entstehenden Rußwolken. so Cox, würden zu einem Ozonloch von gigantischen Ausmaßen führen, möglicherweise würde auch der Monsunregen ausbleiben und so eine Milliarde Menschen mit dem Hungertod bedrohen.

Schönwiese: Das halte ich für äußerst spekulativ, auch für sehr unwahrscheinlich.

Glauben Sie, daß sich hier ein kompetenter Wissenschafller geäußert hat? Herr Cox scheint bisher noch nicht als Umweltexperte in Erscheinung getreten zu sein.

Schönwiese: Es ist leider so, daß sich jetzt viele selbsternannte Wissenschaftler äußern. Ich habe die Namensliste der letztjährigen Weltklimakonferenz durchgesehen; das waren immerhin 150 Leute weltweit plus 200 weitere, die die Texte kritisch durchgesehen haben. Dabei ist mir dieser Name nie untergekommen. Ich kenne ihn (Cox) also schlicht nicht. Es passiert häufiger, daß ich Meinungsäußerungen höre zu Klimaproblemen von Leuten, die mir aus der klimatologischen Wissenschaft her vollkommen unbekannt sind.

Werden die Gefahren eines Golfkrieges in den Medien realistisch dargestellt?

Schönwiese: Zwar habe ich nicht alles verfolgt, was da geschrieben und gesagt wurde, aber das, was ich höre, scheint mir übertrieben zu sein.

Die Ölmengen, die schlimmstenfalls in Kuwait verbrennen (Schätzungen gehen von 1,5 Millionen Barrel täglich aus), scheinen im Vergleich zum weltweiten Verbrauch von täglich 50 Millionen Barrel eher klein. Wie kann man da zu der Behauptung gelangen, über dem indischen Subkontinent drohe ein riesiges Ozonloch?

Schönwiese: Mit dem Ozonloch hat das gar nichts zu tun, höchstens mit dem Treibhauseffekt. Durch die Verbrennung wird Kohlendioxid (CO2) freigesetzt. Durch die Energienutzung, indirekt auch durch die Brandrodungen werden jährlich 26 Milliarden Tonnen diese Treibhausgases freigesetzt. Ich schätze, daß in Kuwait nur etwa ein Tausendstel dessen entstehen könnte. Das heißt, es dürften einige Millionen Tonnen sein, die in die Atmosphäre gelangen und dann auch nicht ein ganzes Jahr lang, sondern, wenn man Pech hat, einige Monate, vielleicht aber auch nur einige Tage. Mit anderen Worten: Das Ausmaß der CO2-Freisetzung im Zuge des Golfkrieges ist viel viel kleiner als die Freisetzung durch die Weltenergienutzung. Außerdem entstehen durch brennende Ölfelder auch Rußpartikel.

Zu diesem Szenario gibt es Modellrechnungen zum sogenannten nuklearen Winter im Falle eines weltweiten Atomkrieges. Man geht dabei von ähnlichen Annahmen aus, allerdings mengenmäßig und auch räumlich sehr viel umfangreicher. Bei diesen Berechnungen ergibt sich, wie der Name schon sagt, eine Abkühlung. Wenn ich das Szenario „Weltatomkrieg“ jetzt mit dem Golfkrieg vergleiche, so ist im Falle des Golfkrieges das Ausmaß sehr viel geringer; entsprechend geringer ist auch der Einfluß auf das Weltklima. Meine Studenten haben mich heute bereits um eine kurze Stellungnahme gebeten. Ich meine: Die durch einen Golfkrieg verursachten Klimaänderungen sind verschwindend gering, wenn überhaupt welche auftreten. Die ökologischen Folgen, insbesondere wenn es zu einem Einsatz biologischer Waffen kommt, könnten nach meiner Meinung verheerend sein. Allerdings bin ich nicht der Fachmann, um diese Frage im Einzelnen zu beurteilen.

Ihr Kollege, Prof. Paul Crutzen vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie verweist darauf, daß der Rauch die Ozonschicht dennoch bedrohen könne, indem die Rußpartikel – wenn sie bis in diese Schichten der Atmosphäre vordringen – das Ozon dort „wegdrücken“.

Schönwiese: Dem kann ich nicht folgen. Die Rußpartikel und das Ozonloch haben miteinander überhaupt nichts zu tun. Der Abbau des Ozons in der Stratosphäre hängt mit den Fluorchlorkohlenwasserstoffen zusammen, insbesondere den Chloratomen, die in diesen Substanzen enthalten sind. Ich halte Herrn Crutzen für einen sehr kompetenten Fachmann, aber dieser Argumentation kann ich nicht folgen.

(erschienen in „Die WELT“, am 18.1.1991)

Blick in den Elfenbeinturm

Es ist später Abend im Neuenheimer Feld. Die meisten der phantasielosen Zweckgebäude liegen im Dunkeln verborgen. Aus einigen wenigen Instituten aber dringt noch Licht nach draußen: Hier arbeiten Menschen, deren Tätigkeit den meisten Mitbürgern nur schwer verständlich, vielen sogar unheimlich ist. „Meine Mutter ist davon überzeugt, daß ich am Untergang der Menschheit arbeite“, beschreibt Manfred Gossen die Gefühle, die ihm oft entgegenschlagen, wenn er von seiner Arbeit erzählt.

Manfred ist einer von 250 Mitarbeitern am Zentrum für Molekulare Biologie (ZMBH) der Universität Heidelberg und macht eigentlich nicht den Eindruck eines Dr. Frankenstein. Hinter den Brillengläsern beginnen Manfreds Augen zu leuchten, während er von seiner Forschung erzählt. Mit Begeisterung erläutert er die neuesten Forschungsergebnisse. krakelt Reaktionsabläufe auf einen Kaffeefilter.

Manfred ist Gentechniker; aus Interesse an den Naturwissenschaften, wie er sagt. „Ein Job wie jeder andere, der mir Spaß machen würde.“ Ein Job wie jeder andere? Den Besucher dieser High-Tech-Laboratorien erwartet eine völlig fremde Welt: Hunderte von Flaschen füllen die Regale, gewaltige Zentrifugen sind zu sehen, Chemikalien und Computer, Kühlschränke und Kaffeemaschinen, Meßzylinder und Mikroskope, Plastikröhrchen und Photozubehör. Daneben andere Gerätschaften, deren Sinn dem Betrachter vollends verborgen bleibt. Während auf einer blitzblanken Laborbank Hunderte von kleinen Plastikröhrchen ordentlich in Reih und Glied ausgerichtet sind, scheint wenige Meter weiter völliges Chaos zu herrschen.

All diese „Zutaten“ aber sind nötig, um der mit bloßem Auge unsichtbaren Erbsubstanz DNA ihre Geheimnisse zu entlocken. Denn die Wissenschaftler, die einen Großteil ihres Lebens mit dem Zerschneiden, Vermischen und Zusammenkleben von Genen verbringen, bekommen diese fast nie zu Gesicht.

Die meisten Manipulationen finden in Reaktionsgefäßen statt, die nicht einmal die Größe eines Fingerhutes haben. Mit Spezialwerkzeugen werden Eiweißstoffe zur DNA gegeben, die gezielte Veränderungen der Erbsubstanz ermöglichen. Die Trennung der Reaktionsprodukte kann unter Umständen Tage dauern; oft befindet sich die Arbeit von Wochen in einem winzigen Tropfen Flüssigkeit. Ein falscher Handgriff unter Hunderten, und das Experiment muß von vorne begonnen werden.

Das Gerangel um das Gentechnikgesetz, welches zum 1. Juli des vergangenen Jahres in Kraft getreten ist, wurde hier – wie auch in der Industrie – mit großer Sorge verfolgt. Wie dergeschäftsführende Direktor des ZMBH, Professor Hermann Bujard, erläuterte, ist das Institut aber „noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen“. Letztlich sei aus Sicht der Forschung doch noch eine einigermaßen akzeptable Lösung durchgesetzt worden.

Obwohl in diesem Vorzeigeinstitut primär Grundlagenforschung betrieben wird, ergeben sich aus dem Verständnis dieser Vorgänge doch häufig Erkenntnisse, die beispielsweise die gezielte Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe ermöglichen. Während nämlich Infektionskrankheiten in westlichen Ländern in den Hintergrund getreten sind, leiden vor allem in Asien Hunderte von Millionen an einer ansteckenden Leberentzündung, die durch das Hepatitis-B-Virus hervorgerufen wird und zu Leberschrumpfung und Krebs führen kann.

Obwohl ein Impfstoff schon lange vorhanden ist, mußte dieser bis vor wenigen Jahren aus dem Blut bereits befallener Menschen gewonnen werden. Ein solches Verfahren ist aber mit dem Risiko verbunden, weitere Krankheitserreger zu übertragen, außerdem für die hauptbetroffenen Entwicklungsländer viel zu teuer.

Gentechniker waren es, die Teile der Erbinformation aus dem Hepatitisvirus herausschnitten und auf Hefezellen übertrugen. Widerspruchslos produzieren diese Zellen nun Teile des Virus, die zwar keine Krankheit, wohl aber einen Impfschutz hervorrufen können. „Dies ist das erste rational entwickelte Pharmakon auf dem Weltmarkt“, so Bujard.

Derartige Erfolge fallen den Forschern nicht in den Schoß. Am ZMBH ist eine 60-Stunden-Woche eher die Regel als die Ausnahme; Nachtschichten und Wochenenden im Labor sind keine Seltenheit. Denn die Bakterien und Zellen, die sich tagaus, tagein in Wärmeräumen und Brutschränken vermehren, müssen mit Nährstoffen versorgt werden. Viele Experimente sind sehr langwierig und können nicht einfach unterbrochen werden; Abgabefristen für Diplomarbeiten und Dissertationen halten zur Arbeit an; die Konkurrenz schläft nicht.

„In meiner WG fühle ich mich als Exote. Für die bin ich ein Workaholic mit meinem Zehn-Stunden-Tag“, berichtet Gerhard König, der hier über die Grundlagen der Alzheimer-Krankheit forscht. Ein Kollege pflichtet ihm bei: „Man eckt schon manchmal an mit der Meinung, die Arbeit ginge nur von Montag bis Freitag.“

Was bewegt diese Menschen dazu, ihr Leben in den Dienst der Forschung zu stellen? Geld, Karriere, Macht? Yuppies im Laborkittel? Manfred ist 28 Jahre alt und erhält während seiner Doktorarbeit knapp 1500 Mark monatlich. Ein Trinkgeld, gemessen an dem, was er mit seiner Ausbildung in der freien Wirtschaft verdienen könnte. « Ich mache das auch nicht, weil ich karrieregeil bin. Mit dem Arbeitsaufwand wäre ich woanders an der besten Stelle.“

Der Aufruf in einer sogenannten Szenezeitschrift, den Wissenschaftlern ruhig mal „ins Knie zu schießen“, gefolgt von einer langen Liste von biologischen Labors und den Namen bundesdeutscher Spitzenforscher war ebenfalls nicht dazu angetan, diese Menschen aus dem Elfenbeinturm zu locken, in den sie sich wohl manchmal gerne zurückziehen würden.

Natürlich ist den Gentechnikern die Unruhe und Technologieangst in weiten Teilen der Bevölkerung nicht verborgen geblieben. In einer gemeinsamen Erklärung haben sich bereits im letzten Jahr fast 2000 deutsche Wissenschaftler und Ärzte dazu verpflichtet, die Gentechnik unter keinen Umständen für militärische Zwecke einzusetzen. Eingriffe in die menschliche Keimbahn wurden in dem Appell an Regierung und Öffentlichkeit ebenfalls kategorisch abgelehnt.

Obwohl sechs Prozent des Etats dieses Instituts – etwa 1,1 Millionen Mark – ohne Auflagen durch die BASF bestritten werden, ist eine weitergehende Förderung durch die Industrie nicht geplant, denn „Drittmittel, die in größerem Umfang durch die Industrie bereitgestellt werden, machen unfrei, wenn man warnend seine Stimme erheben will“, so Bujard.

(Eine Reportage aus dem Institut, an dem ich einige zuvor meine Diplomarbeit gemacht hatte. Erschienen in „DIE WELT“, 10. Januar 1991)

Tumor Nekrose Faktor wird demnächst auch in Deutschland produziert

Ein vielgelobter Eiweißstoff, von dem man sich Erfolge bei der Be­handlung von Krebserkrankungen verspricht, darf jetzt auch in Deutsch­land hergestellt werden. Mit soforti­ger Wirkung wurde der BASF die Er­laubnis erteilt, jährlich 500 Gramm Tumor Nekrose Faktor (TNF) zu pro­duzieren, der mit Hilfe von gentech­nisch veränderten Bakterien gewon­nen wird.

Damit setzte die Stadt Ludwigsha­fen als zuständige Genehmigungsbe­hörde den Schlußstrich unter das Verfahren, das bereits im August 1989 begonnen wurde. In zwei Gutachten, erstellt von der Gesellschaft für Bio­technologische Forschung Braun­schweig und der Biologischen Bun­desanstalt für Land- und Forstwirt­schaft, war der Antrag geprüft wor­den. Dabei standen einerseits Fragen der Sicherheit im Umgang mit gen­technisch veränderten Organismen im Mittelpunkt der Untersuchungen, andererseits wurde auch die Fähig­keit der Mikroben untersucht, in der freien Natur zu überleben und sich auszubreiten.

Auch 634 Bürgereinwendungen ge­gen das Projekt wurden bearbeitet. Die Genehmigungsbehörden haben dabei „keine konkrete Gefahrdung von Arbeitnehmern, Lebewesen oder des Naturhaushaltes“ erkennen kön­nen, so Umweltdezernent Karl-Horst Tischbein. Das Risiko einer Freiset­zung von Bakterien sei als „außeror­dentlich gering“ anzusehen.

Wie Tischbein gestern vor Journali­sten bekanntgab, habe die Stadt den Sofortvollzug der Genehmigung ver­fügt, weil die schnelle Herstellung des neuen Medikamentes auch im öffent­lichen Interesse liege. Klagen gegen die Genehmigung, die mehrere Jahre in Anspruch nehmen könnten, haben dadurch keine aufschiebende Wir­kung mehr. Die Erlaubnis wurde auf der Grundlage des Bundesimmis­sionsschutzgesetzes erteilt. Zwar trat am 1. Juli vergangenen Jahres das Gentechnikgesetz in Kraft, doch war für die Abwicklung des Verfahrens das Datum des Antrages ausschlagge­bend.

TNF ist ein wichtiger Regulator des menschlichen Immunsystems und findet sich in winzigen Mengen im Blut. Durch die Übertragung der Erb­anlagen für TNF auf Bakterien kann die Substanz jetzt in verhältnismäßig großen Mengen hergestellt werden. Die Wirkung von TNF bei verschiede­nen Krebserkrankungen wird seit Jahren intensiv erforscht.

Am weitesten fortgeschritten sind dabei die klinischen Untersuchungen zur Behandlung von tumorbedingter Bauchwassersucht, einer äußerst schmerzhaften Begleiterscheinung mancher Krebserkrankungen. Auch beim Nierenzellkarzinom zeigt TNF bereits – in Kombination mit Interfe­ron – erste positive Ergebnisse. Mittlerweile hat die BASF-Tochter Knoll AG beim Bundesgesundheits­amt (BGA) die Zulassung von TNF als Arzneimittel beantragt. Wie ein Spre­cher der Firma sagte, rechnet man mit einer Bearbeitungsdauer von ca. 18 Monaten. Nach Prüfung durch das BGA soll in Brüssel ein europäisches „High-Tech-Verfahren“ eingeleitet werden. Dies habe den Vorteil, daß eine auf EG-Ebene ergangene Emp­fehlung von den nationalen Behörden unverzüglich in Zulassungsbescheide umgesetzt werden müsse.

„Die Biotechnologie hat sich mitt­lerweile zu einer so bedeutenden Me­thode der Stoffumwandlung gemau­sert, daß auch ein Weltunternehmen wie die BASF nicht darauf verzichten kann“, erklärte der Leiter des Zentra­len Hauptlaboratoriums, Dr. Werner Küsters. In einem brusthohen Stahl­gefäß mit der Nummer R65 könnten genetisch „umprogrammierte“ Coli­bakterien den Weltjahresbedarf von einem Kilogramm TNF binnen einer Woche herstellen, doch ist die Geneh­migung der Stadt Ludwigshafen auf 500 Gramm jährlich begrenzt. Auch diese Menge würde jedoch ausrei­chen, um ganz Europa zu versorgen. Besorgniserregend sei für ihn dabei allein die Tatsache, daß die Zulas­sungsunterlagen für den Betrieb die­ser Anlage mittlerweile mehr Platz benötigen als der Fermenter selbst, sagte Küsters.

(erschienen in „DIE WELT“, 10. Januar 1991)

Was wurde daraus? Als Anti-Krebsmittel sei TNF eine „gen-iale Totgeburt“, höhnte die TAZ etwa ein halbes Jahr nach Erscheinen meines Artikels. Begründung: „Die 20 von der BASF angeführten, mit TNF behandelten Eierstock-PatientInnen überlebten nämlich nur zwischen sechs und 62 Wochen. Der Bändigung der Bauchwassersucht standen zudem erhebliche Nebenwirkungen gegenüber (Fieber, Schocksyndrome)… Und so wartet das angebliche Krebs-Wundermittel noch immer auf seine Zulassung als Pharmakon.“ Zwar wurde eine von Boehringer Ingelheim hergestellte Variante des TNF unter dem Namen Tasonermin / Beromun im Jahr 1999 als Arzneimittel bei Weichteilsarkomen zugelassen, um Amputationen zu vermeiden oder den Patienten Linderung zu verschaffen, nachdem der Nutzen in 4 Studien mit 260 Patienten gezeigt worden war. Dennoch war TNF als Medikament eine Enttäuschung. Die Geschichte der TNF-Forschung ist damit jedoch nicht am Ende. Die BASF hatte nämlich bereits in den 1980er Jahren auch spezifische Hemmstoffe (Antikörper) gegen TNF zum Patent angemeldet. Diese Substanzen (Humira, Enbrel) lindern heute die Schmerzen von mehr als einer Million Rheumapatienten weltweit. Gut zehn Jahre lang – bis zum Auslaufen der Patente – gehörten sie zu den umsatzstärksten Medikamenten weltweit und brachten ihren Herstellern noch im Jahr 2018 Erlöse von mehr als 25 Milliarden Euro ein. Es hätte die größte Erfolgsgeschichte der deutschen Pharmaindustrie sein können. Dumm nur, dass man sich bei der BASF im Jahr 2001 entschlossen hatte, die komplette Pharmasparte zum Preis von 6,9 Milliarden an die US-Firma Abbott zu verkaufen