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Gekaufte Patienten?

Habe mir gerade eine Reportage von Klaus Balzer in der ARD angesehen, zur der ich unbedingt meinen Senf geben möchte. Das Ganze hatte den Titel: Der gekaufte Patient? – Wie Pharmakonzerne Verbände benutzen und lief unter dem Etikett „Die Story“. Nun ja, Geschichten erzählen ist das Eine, Journalismus – investigativer zumal – ist eine andere Sache. Warum geht´s?

Die Firma Roche - hier der Hauptsitz in Basel - unterstützt wie viele andere Pharmaunternehmen Patientenorganisationen. (Foto Wladyslaw Sojka www.soyka.photo, Lizenz Freie Kunst 1.3)

Die Firma Roche – hier der Hauptsitz in Basel – unterstützt wie viele andere Pharmaunternehmen Patientenorganisationen. (Foto Wladyslaw Sojka, Lizenz Freie Kunst 1.3)

In Selbsthilfegruppen sollen Patienten Patienten beraten, sagt der Sprecher- „und zwar unabhängig“. Dies mache die Selbsthilfegruppen so attraktiv für die Pharmaindustrie. Vorgestellt wird zunächst die „Frauenselbsthilfe nach Krebs“, die etwa 40000 Patienten erreicht. Deren (damalige) Vorsitzende Hilde Schulze mache Lobbyarbeit für bessere Krebsmedikamente. Dafür bekomme sie von den Krankenkassen und aus anderen öffentlichen Töpfen wenig Geld. Das reiche aber nicht, um zum Beispiel Kongresse mit unabhängigen Experten zu finanzieren.

Einer Patientin wurde aus der Klinik heraus die Teilnahme an einer klinischen Studie mit dem neuen, aber auch sehr teuren Wirkstoff Letrozol (Handelsname Femara) nahegelegt und sie wurde von dort an mamazone – Frauen und Forschung gegen Brustkrebs, verwiesen. „Was nicht in der Broschüre steht: mamazone erhält auch Spenden von der Pharmaindustrie.“

Man filmt auf einem Kongress von mamazone, wo binnen drei Tagen „Diplompatientinnen“ ausgebildet werden. Die Vorsitzende Ursula Goldmann-Posch räumt ein, dass Diplompatientinnen teurer sind für das gesamt Gesundheitswesen, weil sie mehr einfordern. „Gewinner dieses Drucks ist die Pharmaindustrie.“

Die Unternehmen zahlen auf der Veranstaltung Standgebühren an mamazone. Goldmann-Posch spricht von der Kooperation mit dem Pharmakonzern Roche, „eine gute Möglichkeit, unsere Stimme in einen Konzern einzubringen.“ Dafür habe mamazone in 2014 von Roche 100000 Euro bekommen, sagt der Reporter – knapp die Hälfte aller Einnahmen. In der Bilanz seien aber nur 1600 Euro direkte Spenden von der Pharmaindustrie ausgewiesen.

Sowohl die Firma Roche als auch der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA), dessen Mitgieder insgesamt 5,6 Millionen Euro pro Jahr an Patientenorganisationen spenden, wollen dazu nicht vor laufender Kamera Stellung nehmen.

Spätestens ab hier verlässt die Reportage meines Erachtens den Boden einer soliden Berichterstattung zugunsten einer Vorabverurteilung. Kritisiert wird beispielsweise, dass die Patienten auf der VfA-Webseite „vor allem auf Arzneimittelstudien verwiesen werden, die ausschließlich von der Industrie finanziert werden“. Man „vergisst“ aber zu erwähnen, dass aus öffentlichen Mitteln fast keine derartige Studien bezahlt werden, und dass es den Krankenkassen nur in Ausnahmen erlaubt ist, solche Studien zu unternehmen.

Statt nun aber die Politik zu kritisieren, die mit ihren Weichenstellungen diese vermeintliche Schieflage erst geschaffen hat, geht es munter weiter mit dem Pharma-Bashing: 70000 Patienteninitiativen gibt es in Deutschland, hat Reporter Klaus Balzer herausgefunden und fragt: „machen diese sich abhängig?“. Das scheint mir ziemlich unwahrscheinlich, zumal eine einfache Rechnung ergibt, dass jede dieser Initiativen im Durchschnitt gerade einmal 80 Euro pro Jahr erhält (5,6 Millionen durch 70000).

Am Institut für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln spricht man mit Klaus Koch, den ich als früheren Kollegen schätze und der sich seit Jahren mit der Problematik beschäftigt. Ja, dies sei gängige Praxis und Teil des Marketings, bestätigt er. Zitiert wird eine Untersuchung des IQWiG, wonach neue Medikamente zu 60 % „keine neue Wirksamkeit gegenüber Alten hätten“. Wir lernen, dass die Pharmakonzerne sich schon sehr früh Gedanken machen, wie sie ihre Produkte vermarkten und zu welchen Gruppen sie dafür Kontakt aufnehmen müssen.

Dr. Jutta Scheiderbauer begründet für die Selbsthilfegruppe TIMS (Trierer Informationsstelle Multiple Sklerose), warum man keine Kooperationen mit der Pharmaindustrie betreibt: „man sollte sich nicht in Verdacht bringen.“ Eine direkte Bestechung sieht sie nicht, befürchtet aber einen Gewöhnungseffekt.

Befragt wird auch die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) die ihre Zusammenarbeit verteidigt und auf die hauseigenen Leitlinien verweist: Unterstützung wird angenommen, ein Mitspracherecht gibt es aber nicht. Der Anteil der Unterstützung am Gesamtbudget der Gesellschaft liegt demnach bei 1 – 1,8 Prozent für die Jahre 2012- 2014.

Auch ein Patient mit Myasthenie dient zur Illustration des Verdachts: Hans Rohn von der Deutschen Myasthenie Gesellschaft (DMG). Aus eigener Erfahrung spricht er über die Nebenwirkungen der vielen Medikamente, die er einnehmen muss. Jetzt lautet der Vorwurf, die Pharmaindustre entwickle zu wenige Medikamente gegen Krankheiten wie die Myasthenie, weil nur wenige Menschen daran leiden und damit kein Geld zu verdienen wäre. Auf den Veranstaltungen der DMG liegen auch Informationsmaterialen über neue bzw. (noch) nicht zugelassen Medikamente aus und solche, die über klinische Studien informieren.

Bin ich der Einzige, dem diese Aneinandereihung widersprüchlich erscheint? Jedenfalls hat die DMG ein Konzept erstellt, wonach ihre Patienten ohne Einfluss der Industrie in Zusammenarbeit mit ausgewählten Kliniken an Studien mitwirken sollen – und ich bin gespannt, zu welchem Ergebnis diese Initiative führen wird.

Am Schluss steht das Fazit: „Geld von der Industrie zu nehmen macht es schwer, unabhängig zu bleiben.“ Die Frauenselbsthilfe nach Krebs unter Hilde Schulte hat deshalb die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie aufgekündigt. Deren Dachverband, die Deutsche Krebshilfe, lehnt derartige Kooperationen ohnehin an.

Europaweit könnte der Trend jedoch in eine andere Richtung gehen. Die European Patients´ Academy on Therapeutic Innovation (EUPATI) mit Sitz in Bern wird nur etwa zur Hälfte aus Steuern finanziert, die andere Hälfte – nämlich 5 Millionen Euro kommen wiederum von der Industrie. Und das ist gut so, befindet David Hans-U. Haerry. Der ist nicht nur Mitglied eines Verbandes von AIDS-Betroffenen, sondern wird auch noch von EUPATI bezahlt, stellt der Sprecher fest.

Haerry erklärt, dass die Pharmaindustrie nunmal diejenigen seien, die einen Wirkstoff am schnellsten zum marktreifen Medikament entwickeln könnten. Auch dass diese Zusammenarbeit es den Patienten erleichtert, in klinische Studien aufgenommen zu werden, sei absolut richtig.

Ja aber… kommt es erneut aus dem Off: Auch neue, zugelassene Medikamente seien in zwei Drittel aller Fälle nicht besser, als schon vorhandene. Das ist bedauerlich, denke ich mir. Solange man aber nicht im Voraus weiß, welches Drittel der Arzneien nicht nur neu und teuer ist, sondern auch noch besser als der Standard, ist der Einwurf wenig hilfreich.

Fast schon im Abspann höre ich: „Forschung ist ja nicht grundsätzlich schlecht für den Patienten. Es geht auch nicht um eine pauschale Verurteilung.“ Eine Selbstverpflichtung, die Zahlungen offenzulegen sei aber nicht genug, moralisiert der Sprecher noch aus dem Off, und dann sind sie vorbei die 45 Minuten Reportage, von der ich mir neue Erkenntnisse erhofft hatte. Vergeblich.

Denn immer wieder schoß mir bei dieser Reportage die Frage durch den Kopf: „Ja und?“. Warum sollten Pharmafirmen denn nicht mit den Patienten reden? Wer hat denn die aktuellsten Informationen über die neusten Medikamente? Und welchen konkreten Beweis gibt es dafür, dass irgendjemand bestochen wurde oder durch den Informationsaustausch zu Schaden gekommen wäre?

Nein, liebe Kollegen, kritisieren alleine genügt mir nicht. Es fehlen mir Ideen, wie man das System besser machen kann und ich würde mir wünschen, dass ihr mit meinen Zwangsgebühren einen ganz alltäglichen Interessenkonflikt nicht ohne harte Beweise zu einem Skandal hochstilisiert. Das Ganze lief ja unter dem Etikett „Die Story im Ersten“ und das war leider ein ganz schön dünne Story. Eurer Forderung im letzten Satz des Films stimme ich dennoch zu: „Das Mindeste wäre es, dass jeder Patient in einer Initiative erfährt, wer sie mitfinanziert.“

Die erste Gentherapie

Der weltweit erste Versuch zur Gentherapie am Menschen scheint ein Erfolg zu werden. Behandelt wurde ein vier Jahre altes Mädchen, dessen Identität noch geheim ist. Es produziert nach dreimonatiger Therapie jetzt wieder aus eigener Kraft einen Eiweißstoff, der sie vor einer tödlichen Stoffwechselkrankheit schützt. „Dies sind nur die ersten vorläufigen Ergebnisse, aber wir sind darüber sehr aufgeregt“, sagte French Anderson vom Nationalen Herz-, Lungen- und Blutinstitut der USA.

Bei der ADA-Defizienz, so der Name der äußerst seltenen Erbkrankheit, wird aufgrund eines Gendefekts keine Adenosindeaminase (ADA) produziert. Der Mangel an diesem Eiweiß führt zu einer Vergiftung der menschlichen Abwehrzellen und zum Zusammenbruch des Immunsystems. Der Körper ist dann den Angriffen von Bakterien und Viren schutzlos ausgeliefert. Weltweit sind nur 25 Patienten bekannt, die unter der ADA-Defizienz leiden. Ihre Lebenserwartung reicht bisher nicht über die frühe Kindheit hinaus.

Die Krankheit war schon sehr früh als aussichtsreicher Kandidat für eine Gentherapie auserkoren worden. Bereits 1986 hatten Anderson und seine Kollegen Michael Blaese und Kenneth Culver ihre Methode im Reagenzglas erfolgreich durchgeführt. Dann mussten sie ihr Behandlungsschema noch einem Dutzend Komitees zur Begutachtung vorlegen, bis endlich im September die Genehmigung für den Eingriff erteilt wurde. Noch im gleichen Monat spritzen die Ärzte dem Mädchen rund zehn Milliarden gentechnisch veränderte Immunzellen in die Blutbahn.

In die Zellen, die zuvor der Patientin entnommen worden waren, hatten die Mediziner ein gesundes Gen mit der Information zur Herstellung von ADA eingeschmuggelt. Die Ärzte bedienten sich dabei eines Mäusevirus als „Genfähre“, die das kleine Stückchen Erbinformation in die Immunzellen einbrachte.

Gegen diese Methode des Gentransfers hatte es vorher Einwände von Kritikern gegeben. Bei der Übertragung von Genen, die im Tierversuch schon mehrfach erfolgreich erprobt wurden, besteht die Schwierigkeit darin, nur die gewünschten Zielzellen zu treffen. Das Gen sollte dann im Idealfall genau an die Stelle platziert werden, an der es natürlicherweise vorkommt. Da beispielsweise die menschliche Erbinformation in jeder Zelle ungefähr einen Meter lang ist und sich dort etwa 100.000 Gene befinden, ist die Gentherapie eine herausragende Aufgabe.

Zusätzliche Probleme können entstehen, wenn das eingebrachte Fremdgen sich zwischen wichtige Erbinformationen einschiebt und diese dadurch unleserlich macht. Auch fürchten Kritiker, dass durch solch einen Vorgang sogenannte Onkogene aktiviert werden könnten, die unter ungünstigen Umständen zur Bildung von Tumoren führen.

Bisher sieht alles danach aus, als ob sich diese Befürchtungen nicht bestätigen. Während das Mädchen bislang fast ständig krank war, erlitt es seit Beginn der Behandlung nur einen Schnupfen. Vorläufig allerdings warnt Blaese vor übertriebenen Hoffnungen. „Wir wissen noch nicht, ob dies auf unsere Behandlung zurückzuführen ist – dennoch, die Resultate sind ermutigend.“

Sollte sich die gute Nachricht bewahrheiten, könnte die Gentherapie auch bei vielen anderen Krankheiten zum Einsatz kommen. Ein zweites Experiment an einer kleinen Gruppe von Patienten mit normalerweise tödlichem Hautkrebs (Melanom) ist bereits angelaufen.

(Original erschienen in der WELT am 19. Dezember 1990. Überarbeitet am 5. Juni 2017)

Was ist daraus geworden? French Anderson gilt heute zu Recht als Pionier der Gentherapie. Allerdings wurde er 2004 wegen Kindesmissbrauch verhaftet und 2007 dafür zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Gesundheitszustand des Mädchens (inzwischen weiß man, dass sie Ashanti DeSilva heißt), stabilisierte sich. Laut einem Bericht im Deutschlandfunk war sie 2015 mit 29 Jahren noch bei guter Gesundheit. Geheilt wurde sie aber nicht. Die eingeschleusten Gene verschanden über die Jahre wieder aus ihrem Körper und sie erhält jetzt Medikamente, die den Enzymmangel ausgleichen.

Software-Test Turbo-Anti-Virus

Computer-Viren sind kleine Programme, die sich selbständig an andere Dateien anhängen. So getarnt können sie Daten zerstören und die Leistung des PCs vermindern. Ein vollständiger Schutz vor den heimtückischen „Erregern“ wird wohl niemals möglich sein, doch verleiht das Programm Turbo-Anti-Virus ein Höchstmaß an Sicherheit.

Schon vor der Installation wird der Arbeitsspeicher überprüft, dann auf Wunsch veranlasst, dass bei jedem Anschalten des Computers die wichtigsten Speicherbereiche auf Viren durchsucht und gegebenenfalls gereinigt werden. Weitere Wächterprogramme lassen sich automatisch in den Arbeitsspeicher (RAM) laden und schlagen dann Alarm, wenn während der Arbeit verdächtige Aktivitäten festgestellt werden.

Das Hauptprogramm schließlich präsentiert sich mit einer benutzerfreundlichen Oberfläche samt Pull-Down Menüs und erkennt in der getesteten Version 187 Viren. Der Prüfbereich kann frei definiert werden, auf Wunsch wird ein Bericht erstellt, an dem sich das Ausmaß der Verseuchung und die Zahl der gefangenen Viren ablesen lässt. Besonders wertvolle Dateien können in einer Prüfliste zusammengestellt werden, so dass jede Veränderung sofort angezeigt wird. Das deutschsprachige Handbuch ist kurz gehalten, aber ausreichend.

Richtig spannend ist die Übersicht der verschiedenen Viren, in der hunderte von Gemeinheiten und Programmierkniffs aufgezählt werden. Nicht nur Freitag der Dreizehnte, auch Dienstag der Erste kann demnach gefährlich sein, ebenso wie Oropax-, MachoSoft- und Data Crime Virus, um nur einige zu nennen. Für den Einsatz auf PCs mit häufig wechselndem Diskettenverkehr ist diese Software daher uneingeschränkt zu empfehlen.

„Turbo-Anti-Virus“ von EPG, Hans-Stießberger-Str. 3, 8013 Haar. Für IBM-PC und kompatible, 299 Mark. Die Firma EPG hat sich 1998 vom Anti-Virus-markt zurückgezogen.

(erschienen in der WELT am 2. November 1990. Aktualisiert am 1. Mai 2017)

Benzin-Ersatz Methanol soll Ozon-Werte senken

Auch wenn die wenigsten Auto­fahrer es wahrhaben wollen: Kraftfahrzeuge sind eine der Haupt­quellen für die zunehmende Luftver­schmutzung. Bei der Verbrennung von Benzin und Diesel setzen unsere fahrbaren Untersätze Schadstoffe frei, die für den Smog in Ballungszen­tren und gesundheitsgefährdende Ozonkonzentrationen am Boden ebenso verantwortlich sind wie für sauren Regen und den Treibhaus­effekt.

Viele Alternativen zu den her­kömmlichen Treibstoffen wurden be­reits erwogen: Wasserstoff und Bioal­kohol, komprimiertes und verflüssig­tes Erdgas, Solarenergie und Strom aus der Steckdose. Keine Substanz aber vereint derart viele Vorteile in sich wie der simple Alkohol Metha­nol. Zu diesem Schluss kam jedenfalls die Kalifornische Energiekommis­sion, die bis zum Jahr 1993 rund 5000 methanolgetriebene Autos auf den Highways des amerikanischen Bun­desstaates testen wird. US-Präsident George Bush wollte die Autoherstel­ler sogar dazu verpflichten, schon ab 1997 eine Million Fahrzeuge, angetrieben von „sauberen“ Kraftstoffen, auf die Straßen amerikanischer Großstädte zu bringen – ein Vorstoß, der beim Gerangel um die Neufassung des Luftreinhaltungsgesetzes allerdings auf der Strecke blieb.

Warum die Aufregung? Bei der Verbrennung von Methanol entsteht deutlich weniger Ozon als mit herkömmlichen Kraftstoffen. Diese Form des Sauerstoffs, die in rund 30 Kilometer Höhe als Schutzschild gegen die krebserregende UV-Strahlung dient, ist am Boden ein gefährliches Gift. Zu hohe Ozonkonzentrationen können besonders Kindern und älteren Menschen, aber auch Asthmatikern gefährlich werden. Atemnot, Husten und Brustschmerzen sind die Folgen, außerdem steht Ozon im Verdacht, auch bleibende Schäden der Lunge zu verursachen.

Nach einer Darstellung des Weißen Hauses lebt rund die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung in Gebieten, in denen die gesetzlichen Grenz­werte für Ozon nicht eingehalten wer­den. So kam es 1988 in Los Angeles, begünstigt durch den heißen Som­mer, an 176 Tagen des Jahres zu über­höhten Ozonkonzentrationen. Auch in der Bundesrepublik kommt es in diesen Tagen laufend zu erheblichen Überschreitungen des Richtwertes von 120 Mikrogramm Ozon pro Ku­bikmeter Luft, wie er vom Verband Deutscher Ingenieure empfohlen wurde.

Eine Studie, die jüngst im amerika­nischen Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht wurde, be­legt, dass der Einsatz von Methanol die Luftqualität im Großraum Los Angeles deutlich verbessern könnte. Der sofortige Einsatz von reinem Me­thanol (M 100) könnte demnach im Jahr 2000 die Spitzenwerte für Ozon fast so stark reduzieren wie ein totales Verbot von Kraftfahrzeugen. Mit ei­nem Gemisch aus 85 Prozent Metha­nol und 15 Prozent Benzin (M 85) wä­re noch eine 30prozentige Reduktion zu erreichen. Dr. Axel Friedrich, zu­ständiger Fachgebietsleiter beim Berliner Umweltbundesamt und einer der Kritiker der Methanoltechnologie, ist allerdings der Meinung, dass die amerikanischen Modellrechnungen nicht auf deutsche Verhältnisse übertragen werden können.

Unbestritten ist jedoch, dass die Verbrennung des Methanols insgesamt weniger Schadstoffe freisetzt als die herkömmlicher Kraftstoffe. Die teilweise recht komplexen Bestandteile von Benzin und Diesel neigen nämlich dazu, nur unvollständig zu verbrennen. Dadurch wird das giftige Gas Kohlenmonoxid („Garagenkiller“) freigesetzt, außerdem krebserzeugende Substanzen wie Rußpartikel und Benzol. Zusätzlich entstehen in Nebenreaktionen Stickoxide (NOx), die am Boden die Ozonbildung fördern und für den sauren Regen mitverantwortlich sind. Auch wenn, wie Kritiker anmerken, bei der Methanolverbrennung die krebserregende Chemikalie Formaldehyd vermehrt gebildet wird, spricht die Gesamtbilanz doch eindeutig für diesen Treibstoff.

Charles Gray ist bei der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA zuständig für die Entwicklung der gesetzlichen Richtwerte für Autoabgase. Er ist einer der glühendsten Befürworter des Methanols und glaubt, dass die konsequente Weiterentwicklung methanolgetriebener Fahrzeuge nicht nur die Atemluft dramatisch entgiften könnte, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Kontrolle des Treibhauseffektes liefern würde. Das Methanolauto der Zukunft, so Gray, soll im Vergleich zu heutigen Fahrzeugen nur ein Fünftel des Kohlendioxids und gar nur ein Zehntel der übrigen Schadstoffe produzieren.

Zukunftsmusik? „Insgesamt kann die technische Entwicklung der Methanolmotoren im Pkw als abgeschlossen betrachtet werden. Die Bundesrepublik Deutschland ist hier weltweit führend“, so bilanzierte Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber bereits vor gut einem Jahr. Vorausgegangen war dieser Behauptung ein fünfjähriges Pilotprogramm des BMFT unter Beteiligung der Kraftfahrzeug- und Kraftstoffindustrie. Mehr als 100 Pkws und zwei Busse waren erprobt worden, teils mit Vier- und Sechs-Zylinder-Ottomotoren, teils mit Vergaser. Ergebnis des Langzeitprogramms, bei dem manche der getesteten Fahrzeuge über 100000 Kilometer zurücklegten:

„Ein praxisgerechter Betrieb der Fahrzeuge mit gewohnt gutem Fahrverhalten und teilweise mit Leistungssteigerungen ist möglich.“ Insgesamt, so fand auch das BMFT, werden weniger Schadstoffe freigesetzt, die Gefahr der Smogbildung verringert und die Emission von Rußpartikeln mit Methanoldieselmotoren fast vollständig vermieden.

Für Autohersteller wie Mercedes­-Benz ist das Thema bereits ein „alter Hut“. Der Bau eines speziellen Motors sei nicht nötig, teilte Dr. Lothar Krösch mit. Methanol unterscheidet sich vorwiegend im niedrigeren Ener­giegehalt pro Volumeneinheit von herkömmlichem Benzin. Die zerset­zenden und stromleitenden Eigen­schaften des Methanols führen aller­dings dazu, dass der Tank aus rost­freiem Stahl gefertigt werden muss. Auch verschiedene Motorbauteile müssen an die höheren Anforderun­gen angepasst werden. Die Mehrko­sten, die dadurch entstehen, werden auf etwa 600 Mark geschätzt.

Auf dem Genfer Autosalon präsen­tierte Mercedes erstmals ein Fahrzeug für den Mischbetrieb, das wechseln­de Anteile von herkömmlichem Ben­zin und Methanol „verdaut“. Es han­delt sich dabei um ein Modell der 300er-Serie, bei dem ein Sensor den Methanolanteil im Treibstoff ermit­telt und dann die Einspritzung steu­ert. Derartige Fahrzeuge. wie sie auch von Ford und General Motors ent­wickelt wurden, bieten den offen­sichtlichen Vorteil, dass zukünftige Käufer nicht auf Tankstellen ange­wiesen sein werden, an denen Metha­nol angeboten wird.

Auch in finanzieller Hinsicht könn­te Methanol konkurrenzfähig sein. Zurzeit kostet eine Tonne Methanol auf dem Markt etwa 210 Mark, das bedeutet einen Literpreis von 16 Pfennig. Er ist aber sehr abhängig von der Ausgangs-Substanz und vom Herstellungsverfahren. Nach Schät­zungen der Internationalen Energie­agentur ist Methanol konkurrenzfä­hig, wenn der Erdölpreis über 20 Dol­lar pro Fass liegt – so wie es zurzeit als Folge der Irak-Krise der Fall ist. Für den Treibstoff, der ebenso wie Benzin und Diesel flüssig und leicht brenn­bar ist, wäre auch kein neues Vertei­lungsnetzwerk nötig. Bestehende Transport- und Lagervorrichtungen ließen sich ohne große Investitionen für Methanol nutzen.

Im Prinzip kann der zukunftsträch­tige Energieträger aus allen kohlen­stoffhaltigen Substanzen hergestellt werden. Die Möglichkeit, Methanol aus Erdgas oder Kohle, Erdölrück­ständen, Biomasse und sogar aus Ab­fall zu gewinnen, könnte diesen Treibstoff weltweit langfristig verfüg­bar machen, meint Dr. Hansgert Quadflieg, Leiter der Stabsstelle Pro­jektbegleitung beim TÜV Rheinland. Ökonomische Überlegungen konzen­trieren sich aber darauf, den „Alterna­tivkraftstoff Nummer eins“ aus Erd­gas herzustellen.

Da bei der Erdölgewinnung derzeit große Mengen an Methangas einfach abgefackelt werden, ließen sich durch die Umwandlung in Methanol gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Der Gesamtverbrauch an Primärenergie ginge zurück (es wür­de nämlich entsprechend weniger Benzin benötigt), gleichzeitig gelang­ten weniger Schadstoffe und Treib­hausgase in die Atmosphäre. Diese Lösung bietet sich vor allem für die USA an, da sie in Alaska über gewalti­ge Erdgasfelder verfügen.

Methanol für den deutschen Markt könnte aus bisher noch ungenutzten norwegischen Erdgasfeldern kom­men. Wie Quadflieg mitteilte, strebt Norwegen allerdings vor der kosten­intensiven Erschließung eine Abnah­megarantie der Bundesrepublik über einen längeren Zeitraum hinweg an. Dagegen bestehen auf deutscher Sei­te prinzipielle Bedenken gegenüber einer Preisgarantie bei schwanken­den Rohölpreisen. Ein Eingriff in den Mechanismus der freien Marktwirt­schaft, sprich Subventionen oder Steuererleichterungen, wird vom Wirtschaftsministerium abgelehnt.

(erschienen in der WELT am 16. August 1990. Letzte Aktualisierung am 18. März 2017)

Was ist daraus geworden? Aus der brasilianischen Botschaft bekam ich damals einen freundlichen Leserbrief mit Lob für den Artikel und dem Hinweis, dass in Brasilien zu dem Zeitpunkt bereits 4,5 Millionen Autos mit Äthanol (= Alkohol) unterwegs waren. Heute aber sehen wir bei einem Stop an der Tankstelle: Methanol hat sich nicht durchgesetzt. Beimischungen in geringer Konzentration werden aus Kostengründen nicht gemacht, lese ich in der Wikipedia. Und obwohl neben den USA auch Japan, China, Neuseeland und Südafrika mit der Technologie experimentiert haben, konnte sie sich nirgendwo durchsetzen. Der Hauptgrund dürfte die Entwicklung von Katalysatoren gewesen sein, wodurch die Emissionen an Kohlenwasserstoffen und Stickoxiden deutlich gesenkt wurden.

Rekombinante Hefe

Weltweit zum ersten Mal wird in Großbritannien die Herstellung eines gentechnisch veränderten Organismus als Lebensmittelzusatz erlaubt. Es handelt sich dabei um die Bäckerhefe (Saccharomyces cerevisiae), die zum Gären des Teiges unerlässlich ist.

Die Hefe erhielt zwei genetische Schalter (Promotoren) aus einem eng verwandten Stamm, es wurden also keine neuen Gene eingeführt. Durch die neuen Promotoren wird die Hefe befähigt, den Zucker Maltose schneller aufzunehmen und abzubauen. Bei dieser Reaktion wird Kohlendioxid freigesetzt, was den Teig lockert und zum schnelleren Aufgehen des Gemisches führt.

Die Hefe wurde von der zuständigen Genehmigungsbehörde als sicher eingestuft, weil der Austausch von genetischem Material innerhalb der gleichen Art stattgefunden habe. Für Brot, das mit Hilfe der genetisch veränderten Hefe hergestellt wird, soll es aus diesem Grund auch keine besondere Kennzeichnungspflicht geben.

(erschienen in der WELT am 12. Mai 1990)

Quelle: Aldhous, P. Modified yeast fine for food. Nature 344;386 (1990)

Was ist daraus geworden? Gentechnisch veränderte Organismen – sowohl Mikroorganismen als auch Pflanzen und Tiere – gibt es mittlerweile in Hunderten von Arten. Sie werden unter anderem zur Herstellung von Medikamenten und biologisch aktiven Molekülen genutzt, als Futter für Nutztiere und als Nahrungsmittel für den Menschen.

Nerv repariert

Mit der Chemikalie Polyethylenglykol (PEG) lassen sich durchtrennte Nervenfasern (Axone) wieder zusammenfügen. Todd Krause und George Bittner (Universität von Texas in Austin) gelang dieses Experiment beim Regenwurm. Einmal durchtrennte Nervenfasern zerfallen bei höheren Tieren normalerweise innerhalb von einigen Tagen. Eine Reparatur der Axone findet nur in seltenen Ausnahmefällen statt.

Die Wissenschaftler erzielten mit ihrer Methode an den relativ großen Nervenfasern des Regenwurmes eine Erfolgsquote von 80 bis 100 Prozent. Dazu tauchten sie die freien Enden der Axone zunächst in eine Salzlösung, mit der die Schnittstelle vollständig geöffnet wurde. Mit einer feinen Glaskanüle brachten die Forscher dann unter dem Mikroskop einen Tropfen PEG auf die Schnittstelle.

Innerhalb einer Minute gelang es ihnen, die meisten der getrennten Axone wieder zusammenzufügen. Die Funktion der Nervenfaser überprüften Krause und Bittner, indem sie den Transport von Farbstoffen durch die reparierten Fasern beobachteten. Auch die Leitung von elektrischen Impulsen wurde in mehreren Fällen nachgewiesen. Die Forscher erproben ihre Methode derzeit an den verhältnismäßig dünnen Axonen von Ratten und anderen Wirbeltieren. Sollten die Versuche erfolgreich sein, so Bittner, könne die Technik etwa in fünf Jahren auch beim Menschen angewendet werden.

(erschienen in der WELT am 5. Mai 1990. Letzte Aktualisierung am 7. März 2017)

Originalliteratur: Krause TL, Bittner GD. Rapid morphological fusion of severed myelinated axons by polyethylene glycol. Proc Natl Acad Sci U S A. 1990 Feb;87(4):1471-5

Was wurde daraus? Im Rückblick war dies eine bahnbrechende Arbeit. Die Technik ist weiterhin in Gebrauch, wurde aber weiterentwickelt, um die Reparatur durchtrennter Nerven zu fördern. Die Prognose einer Anwendung beim Menschen binnen fünf Jahren erwies sich aber als zu optimistisch. Dennoch scheint sich der Einsatz des Verfahrens zur Rettung von Nerven der klinischen Praxis zu nähern, folgere ich aus mehreren Reviews, in denen die obige Arbeit zitiert wird.

Software-Test Paradox 3.0

Beeindruckend ist nicht nur der Umfang der mitgelieferten Handbücher (vier Kilogramm beziehungsweise über 2000 Seiten). Die Leistung des Datenbanksystems Paradox 3.0 geht auch sonst weit über das hinaus, was Otto Normalverbraucher benötigt. Für dessen Ansprüche genügt denn auch das Studium eines schmalen Bandes von rund 150 Seiten, der ebenso wie die restlichen Dokumentationen hilfreich und übersichtlich zugleich ist.

Auffällig ist die „Intuition“ des Programms, Paradox scheint zu ahnen, was der Anwender im Sinn hat, sichert ohne vorherige Aufforderung, verzeiht und korrigiert Fehler bei der Arbeit, die bei anderen Programmen schnell zur Verstümmelung ganzer Dateien führen können.

Die Daten werden in Tabellenform dargestellt, auf Wunsch auch in Formularen, die der Anwender frei gestalten kann. Ein Formular, erlaubt dabei sogar die Darstellung oder Eingabe von Datensätzen in verschieden Tabellen gleichzeitig. Verzwickte Abfragen, auch über mehrere verknüpfte Dateien hinweg, lassen sich ohne große Mühe erstellen. Abfrage durch Beispiel (QBE) heißt hier das Zauberwort: Der Benutzer schreibt in eine Abfragetabelle ein Beispiel der gewünschten Antwort – Paradox erledigt den Rest.

Das Programm übernimmt auf Wunsch auch die Übersetzung in die professionelle SQL-Sprache und erlaubt damit selbst Anfängern die Nutzung der meisten kommerziellen Datenbanken. Das Ergebnis jeder Abfrage wird automatisch in einer Antworttabelle gespeichert, aus der sich durch Knopfdruck ein Report oder eine Grafik zaubern lässt. Bei letzterer ist Paradox der Konkurrenz haushoch überlegen: Außer der Wahl zwischen zehn verschiedenen Grafiktypen hat man die volle Kontrolle über Titel, Farben, Achsen und Skalierung.

Für Profis, denen an das nicht genügt, stehen „natürlich“ auch noch Makros, ein Anwendungsgenerator, und die hochentwickelte Programmiersprache PAL zur Verfügung. Paradox begnügt sich mit 512 KB und benötigt eine Festplatte.

Paradox 3.0; Borland GmbH; für IBM-PC und PS/2-Computer und Kompatible; 2451 Mark.

(erschienen in der WELT am 4. April 1990)

Was ist daraus geworden? Habe ein wenig herumgesucht und festgestellt, dass die Firma Corel das Programm zuletzt in der Version 11 vertrieben hat. Aktuell gibt es auf deren Webseiten jedoch keine Hinweise, sodass zu befürchten ist, dass auch diese einstmals führende Software gerade an Altersschwäche stirbt.

Software-Test Framework III

Framework III von Ashton-Tate ist ein sogenanntes integriertes Programm: Es bietet Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbanken, Graphik, und Datenfernübertragung unter einer einheitlichen Benutzeroberfläche an. Ein Zusatzmodul namens Timeframe kann in den Arbeitsspeicher gerufen werden und kümmert sich dann um Routinearbeiten wie Terminverwaltung und Adressregister, stellt einen Taschenrechner bereit oder erleichtert das Schreiben von Memoranden und Serienbriefen.

Im Jahr 1990 war Bürosoftware ziemlich schlicht und ziemlich teuer. Das hier vorgestellte Framework III etwa kostete 2451 Mark (ca € 1250).

Charakteristisch für Framework ist die Arbeit mit Fenstern („Frames“), in denen alle Daten abgelegt werden. Ihre Größe und Position kann auf dem Bildschirm frei verändert werden. Frames lassen sich zu thematischen Gruppen zusammenfassen, per Tastendruck entsteht daraus ein „Konzept“. Diese Einheiten erleichtern die Gliederung nach über- und untergeordneten Gesichtspunkten und somit den Umgang mit großen Datenmengen.

Durchdacht ist die Belegung der Funktionstasten: In allen Programmteilen wirkt ein Tastendruck nach dem gleichen Grundmuster. So werden etwa Textteile, Datensätze oder ganze Dateien nach dem gleichen Prinzip markiert, kopiert oder verlagert. Erfreulicherweise bietet die neueste Version jetzt auch eine Unterstützung für die Maus an.

Der Austausch von Daten mit Fremdprogrammen ist leicht. Die Formate der meisten gängigen Programme können sowohl gelesen als auch geschrieben werden, entsprechende Wahlmöglichkeiten sind in den Menüs bereits enthalten. Auf die Datenfernübertragung mittels Telefon oder dem Datex-P-Netz der Deutschen Bundespost ist das Softwarepaket ebenfalls eingerichtet.

Framework ist bedienerfreundlich und gemessen an seiner Leistungsfähigkeit leicht zu erlernen. Die Dokumentation bleibt trotz des großen Umfangs (drei Handbücher) übersichtlich; die Hilfefunktion ist so ausführlich, dass das Blättern im Anwenderhandbuch meist unterbleiben kann. Mindestens 640 kB Arbeitsspeicher benötigt das Programm. Zwar lässt sich die Software auch ohne Festplatte nutzen, dann leidet aber die Geschwindigkeit.

„Framework III“; Ashton-Tate GmbH; für IBM PC/XT, IBM PC/AT oder Kompatible; 2451 Mark.

(erschienen in der WELT am 7. März 1990)

Was ist daraus geworden? Kurz und bündig erklärt Wikipedia: „Die letzte von Ashton-Tate entwickelte Version wurde 1989 als Framework IV herausgebracht. Mit dem Aufkommen von Microsoft Windows wurde Framework zunehmend unbedeutend und konnte sich nicht gegen Programme wie Microsoft Office durchsetzen“. Die hier besprochene Version steht aber immer noch im Internet und wird von der Seite WinWorld zum Download bereitgestellt.

Singapur pflegt seine Vergangenheit

Auch in Singapur hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass prall gefüllte Einkaufszentren, Luxushotels und steil aufragende Bürogebäude wenig zum Charme einer Stadt beitragen. Deutliches Zeichen für frisch gewonnene Einsichten ist ein milliardenschwerer Feldzug, mit dem die ethnischen Bezirke des Stadtstaates zu neuem Leben erweckt werden sollen.

Zusammen mit dem privaten Sektor fließen etwa drei Milliarden Mark in die Erhaltung und Renovierung so beliebter Viertel wie Chinatown, Little India, Arab Street und Kampong Glam. Gerade westliche Touristen lassen sich gerne von der Exotik dieser Bezirke verzaubern. Dort in den faszinierenden alten Ladenhäusern nach einheimischen Erzeugnissen zu stöbern vermittelt mehr vom Zauber Asiens, als jede noch so prunkvoll gestaltete Hotellobby.

Die Skyline von Singapur im Jahr 1989 – Gerade noch rechtzeitig hat man begonnen, das Erbe zu bewahren und viele historische Gebäude vor dem Abriss gerettet (© Michael Simm)

Denn die alten Viertel haben sich ihre Eigenheiten bewahrt. In Chinatown etwa wird das Straßenbild geprägt von Händlern, deren Läden mit Haushaltswaren, tropischen Früchten und exotischen Gewürzen überladen sind. Stinkfrüchte (Durians) locken mit ihrem Aroma die Einheimischen – und stoßen die Fremden ab.

Körbe voller getrockneter Pilze, Meeresgetier und anderer Köstlichkeiten lassen die heimische Küche ärmlich und phantasielos erscheinen. Von den Balustraden der zweigeschossigen Häuser hängen Bambuskäfige, in denen Singvögel zwitschern. Kalligraphen verzieren rotes Glückspapier mit Goldbuchstaben oder schreiben Briefe für alte Leute. Auch Apotheken fehlen nicht, in denen Freunden der Naturheilkunde zu jedem denkbaren Wehwehchen der entsprechende Pflanzenextrakt geboten wird, oder auch ein Pülverchen aus den Weichteilen von allerlei Getier.

Diese Idylle wäre in den letzten Jahren beinahe zerstört worden. Das Ministerium für nationale Entwicklung begann bereits in den frühen sechziger Jahren mit einer Stadterneuerung, bei der die Beseitigung der Elendsviertel und die Umgestaltung des Stadtkerns im Mittelpunkt standen. Mittlerweile reihen sich in der City Bürogebäude, Einkaufszentren und Hotels aneinander. Ganze Straßenzüge des alten Chinatown mussten eintönig-farblosen Mietskasernen weichen. Doch damit nicht genug: Auch der Singapur River wurde 1983 „aufgeräumt“, seiner Boote, Frachter und Dschunken beraubt.

Dann begann man umzudenken. Unter der Leitung des Amtes für städtische Erneuerung (URA) richtete sich das Augenmerk zunehmend auf die Erhaltung des historischen Viertels Singapurs. Eine „qualitativ hochwertige Lebens- und Arbeitsumgebung“ wollte man im Stadtkern schaffen. Gleichzeitig war sich die Behörde aber über die Anziehungskraft auf die Touristen klargeworden, die von den alten Bezirken ausgeht. Schließlich erhofft man sich, noch in diesem Jahr eine Besucherzahl von fünf Millionen zu überschreiten.

Im Dezember 1986 wurde dann der „Conservation Master Plan“ angekündigt. Insgesamt sind darin über 100 Hektar des alten Singapurs erfasst, denen ein bedeutender historischer und architektonischer Wert zugeschrieben wird. Damit die Renovierungsarbeiten nicht nur auf den öffentlichen Grundstücken durchgeführt werden, wurden Richtlinien erlassen, die auch die private Beteiligung an dem Projekt regeln.

Im Mittelpunkt der Bemühungen stehen Gebäude aus der Jahrhundertwende ebenso wie viele neoklassizistische Bauwerke aus Singapurs Kolonialzeit. Besonders die chinesischen Ladenhäuser mit ihren ebenerdigen Geschäften und den darüber liegenden Wohnungen sollen mit neuem Leben erfüllt werden. Der manchmal als „Palladio-Chinesisch“ bezeichnete Stil, in dem die wohlhabenden Chinesen ihr Zuhause gestalteten, prägte lange Zeit den Charakter der Stadt. Typisch für diese Bauweise war eine Mixtur aus ornamentgeschmückten Pilastern, Falttüren und venezianischen Fenstern. Die Fassaden waren meist in delikaten Pastelltönen gehalten, die Dächer mit Terrakottaziegeln bedeckt: Später zerfielen die Häuser allmählich, viele wurden von Baggerzahn und Abbruchbirne beiseite geräumt, was übrigblieb, war noch vor kurzem in einem bedauernswerten Zustand.

Doch mittlerweile sind die Renovierungsarbeiten in vollem Gang, erste Ergebnisse sind vorzuweisen. In Tanjong Pagar, einem Teil Chinatowns, beziehen chinesische Händler die ersten schmucken Geschäfts- und Bürohäuser. Neue Restaurants werden eröffnet, wo vor Jahresfrist noch Ruinen standen. Weitere sanierungsbedürftige Gebäude werden an Privatleute verkauft, die den Umbau dann in die eigenen Hände nehmen. Auch die Bugis Street soll wiederauferstehen, allerdings als Nachbau in der benachbarten Victoria Street. Dort, wo sich bis 1985 noch das Nachtleben Singapurs abspielte, steht jetzt nämlich ein Bahnhof der städtischen Metro.

Wie Catherine Quah, stellvertretende Direktorin der Tourismusbehörde, erklärte, waren die Gebäude nicht an die Kanalisation angeschlossen. Es wäre demnach zu teuer gekommen, Bugis Street an Ort und Stelle zu bewahren. Ob auch die „neue“ Bugis Street, die man liebevoll mit vielen Originalteilen rekonstruiert, die Nachteulen der Stadt anlocken kann, wird die Zukunft zeigen müssen. Ein dem Original nachempfundenes Freiluftrestaurant und eine Bühne für Gaukler, Akrobaten und Straßenkünstler beweisen jedenfalls, dass sich die nostalgischen Anwandlungen der URA nicht nur auf historische Monumente beschränken.

Ein solches Monument ist sicherlich das alte Viertel aus der Kolonialzeit. Dort hatte der im viktorianischen Stil gebaute Empress Place mehr als 100 Jahrelang als Gerichts- und Verwaltungssitz gedient. Mit 25 Millionen Mark wurde das Gebäude, das schon leichte Ermüdungserscheinungen gezeigt hatte, wieder herausgeputzt. Seit dem Abschluss der Renovierungsarbeiten im April des vergangenen Jahres werden auf 8000 Quadratmeter Fläche wechselnde Ausstellungen geboten. Damit ist der Empress Place eines der größten Museen in ganz Asien.

Natürlich darf bei all diesem Aufwand auch das Raffles Hotel nicht fehlen. Die „Grand Old Lady“ des Ostens erfährt eine Verjüngungskur die weit über 100 Millionen Mark kosten wird. Derzeit werden alle Zimmer des berühmten Kolonialhotels in Suiten umgebaut, jeweils ausgestattet mit Teakholzböden, traditionellen Deckenventilatoren und all dem Glanz der zwanziger Jahre. Richard Helfer, der Direktor der Hotelgesellschaft, hat eigens eine weltweite Suche nach dem Erbe des Raffles initiiert, um den Architekten und Restauratoren eine möglichst genaue Vorstellung von der vergangenen Pracht zu verschaffen. So dienen nicht nur die Erinnerungen des Schriftstellers Sommerset Maugham sondern auch ein in Austin, Texas, aufgetauchtes Notizbuch aus dem Jahr 1906 der liebevollen Pflege der Nostalgie. Ab Sommer nächsten Jahres können sich dann alte und neue Bewunderer des Raffles vom Erfolg der Arbeiten überzeugen.

(in gekürzter Form erschienen am 14. Februar 1990 im WELT-Report Singapur als Nebenprodukt einer Recherche zum Thema Zahntourismus)

Die sauberste U-Bahn der Welt

Obwohl Singapur nicht einmal drei Millionen Einwohner hat, braucht die Metro des Stadtstaates den Vergleich mit den weltbesten Verkehrssystemen nicht zu scheuen: Mit fast 70 Kilometern ist das Streckennetz des „Mass Rapid Transit“ (MRT) erheblich länger als die gesamte Insel. Während der Stoßzeiten rollen die blitzsauberen Züge im Vierminutentakt, transportieren täglich bald 300 000 Menschen durch dunkle Tunnels oder über hochstelzige Viadukte.

Kein Platz für Schmutzfinken: Rauchen und Essen wird in Singapurs Metro richtig teuer.

Dabei spiegeln sich die Eigenheiten dieser Stadt an den Wänden der Haltestationen: schnell, zuverlässig, sicher und sauber, vor allem sauber geht es hier zu. Rauchen, essen, trinken – alles wird mit einer saftigen Geldstrafe von rund 500 Mark geahndet. Nicht zu übersehen sind die Hinweistafeln, die auf Englisch, Chinesisch, Malaiisch und Tamil davor warnen, auch nur einen Papierschnitzel fallen zu lassen.

Graffiti? – Undenkbar. Nicht einmal gebrauchte Fahrkarten sind auf dem Boden zu sehen. Die Erklärung liegt auf der Hand: Die kleinen, mit einem Magnetcode versehenen Plastikkärtchen werden bei Verlassen der Stationen elektronisch auf ihre Gültigkeit überprüft und verschwinden dann im Bauch der automatischen Wächter. Wenig später tauchen sie in den Ticketautomaten wieder auf, wo die Fahrscheine beim Kauf neu kodiert werden.

Selbst chronisch Orientierungslosen dürfte es in Singapur schwer fallen, den falschen Zug zu besteigen. Zwei sich kreuzende Strecken führen in alle vier Himmelsrichtungen: Blau nach Westen, Grün nach Osten, Gelb nach Norden, Rot nach Süden; so einfach kann Metrofahren sein. Mit 50 Pfennig ist man dabei; auch Strecken über 30 Kilometer Länge kosten wenig mehr als eine Mark. In diesem Preis enthalten ist ein Luxus, den der Besucher nicht ohne weiteres erwartet hätte: Eine Klimaanlage bietet in Haltestationen und Zügen Schutz vor der schwülheißen Witterung der Tropeninsel.

Um unnötige Energieverluste zu vermeiden, sind die Bahnsteige von den Gleisanlagen durch Schiebetüren getrennt. Fährt ein Zug auf einer Haltestation ein, öffnen sich diese Schiebetüren synchron mit denen der weiß-roten Züge. Dann bleiben den Passagieren noch knapp 30 Sekunden, bevor sich die Türen schließen und die Züge wieder mit bis zu 80 Stundenkilometern davonbrausen.

Die aufwendige Konstruktion ist weltweit einmalig und hilft die Energiekosten um die Hälfte zu senken. Ein derart vorbildliches System hat natürlich seinen Preis: Etwa fünf Milliarden Mark wurden investiert, um die Stadt vor dem Verkehrsinfarkt zu retten. Nur noch wenige Stationen fehlen, bis auch der letzte Bauabschnitt in Betrieb gehen kann – genau nach Plan, versteht sich.

(erschienen im WELT-Report Singapur am 14. Februar 1990 als Nebenprodukt einer Recherche-Reise zum Thema Zahntourismus)