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Selumetinib – wirksam gegen Neurofibrome, aber nicht verfügbar

Eine seltene Erbkrankheit, die bei Kindern Nerventumore verursacht, kann offenbar mit dem Wirkstoff Selumetinib erfolgreich bekämpft werden, zeigt eine kleine Studie mit 24 Teilnehmern. Das als Neurofibromatose Typ 1 (NF1) bekannte Leiden verursacht häufig Geschulste, die nicht operiert werden können. Diese inoperablen plexiformen Neurofibrome wurden jedoch bei allen 24 Kindern in der Studie gebremst, und bei 17 von ihnen schrumpften sie sogar um 20 bis 50 Prozent.

Dr. Widemann vom US-Krebsforschungszentrum NCI leitet mehrere Studien zum Neurofibrom (Foto: NCI)

Den größten Erfolg erzielten die Wissenschaftler um Dr. Brigitte C. Widemann, Leiterin des Pediatric Oncology Branch am National Cancer Institute der USA bei einem Mädchen, das wegen sehr großer Neurofibrome an Hüfte und Unterleib ständig unter Schmerzen litt und an den Rollstuhl gefesselt war. Durch die Behandlung verringerte sich die Tumormasse fast um die Hälfte; sie musste auch keine Schmerzmedikamente mehr einnehmen und war wieder in der Lage, längere Strecken zu laufen. Wie der Webseite von Widemann zu entnehmen ist, sind nun gleich mehrere Folgestudien geplant, die den Nutzen von Selumetinib bei Kindern wie auch Erwachsenen beweisen sollen.

Die auch nach ihrem Entdecker Morbus Recklinghausen benannte Krankheit betrifft etwa jedes 3000ste Neugeborene, davon entwickeln ein Fünftel bis zur Hälfte die hier behandelten plexiformen Neurofibrome. Sie können, je nach Lage, zu Schmerzen und Entstellungen führen, zu Blindheit, geschwächten Gliedmaßen, oder auch zu Darm- und Blasenschwäche. Vielen kann durch eine Operationen geholfen werden, bei einem Viertel ist dies allerdings nicht möglich.

Prof. Victor-Felix Mautner, Leiter der Neurofibromatose-Ambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf sprach von einer „bedeutsamen Arbeit“ für Menschen, die durch NF-1 entstellt werden. Trotz dieses Erfolges wird Selumetinib aber in Deutschland wohl auf längere Zeit nicht verfügbar sein. Die Firma AstraZeneca, die den Wirkstoff ursprünglich gegen Lungenkrebs entwickeln wollte, ist damit nämlich in einer großen Studie gescheitert. Die Folge ist, dass Selumetinib von den Behörden für die Behandlung nicht zugelassen wurde, und auch nicht für „individuelle Heilversuche“ zur Verfügung steht. „Und dies wird auch nicht so schnell passieren“, befürchtet Mautner.

(eine ausführliche Fachversion dieser Nachricht ist erschienen am 6. Januar 2017 bei Medscape)

Quelle:

Dombi E, et al.: Activity of Selumetinib in Neurofibromatosis Type 1-Related Plexiform Neurofibromas. N Engl J Med. 2016 Dec 29;375(26):2550-2560. doi: 10.1056/NEJMoa1605943.

Spinale Muskelatrophie: Hoffnung durch Antisense-Technik

Mithilfe einer neuartigen genetischen Technik ist es Wissenschaftlern erstmals gelungen, das Fortschreiten der Spinalen Muskelatrophie (SMA) bei Säuglingen und Kleinkindern zu verlangsamen – einer fatalen und bislang kaum aufzuhaltenden neurodegenerativen Erkrankung. „Dies ist eine vielversprechende Behandlungsmethode für die häufigste genetische Todesursache im Kindesalter“, so Prof. Christine Klein, Leiterin des Instituts für Neurogenetik an der Universität Lübeck und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Darüber hinaus könne man davon ausgehen, dass die hier genutzte Methode der Antisense-Technik auch für andere Erkrankungen und Indikationen angepasst werden und dort ebenfalls erfolgreich sein könnte.

Den Beweis, dass die Antisense-Technik funktionieren kann, haben nordamerikanische Neurologen mit einer Studie erbracht, über die sie in der Fachzeitschrift The Lancet berichten. Insgesamt 20 Säuglinge, die zwischen der dritten Lebenswoche und dem sechsten Lebensmonat an der Spinalen Muskelatrophie erkrankt waren, haben Richard S. Finkel vom Nemours Children´s Hospital und seine Kollegen behandelt.

Ursache der Erkrankung war in allen Fällen ein fehlendes bzw. defektes Gen für einen Nerven-Schutzfaktor (Survival Motor Neuron 1, SMN1). Ohne dieses Eiweiß gehen die Motoneuronen des Rückenmarks und des Hirnstammes zugrunde, die die Bewegungen einschließlich des Schluckens und des Atmens kontrollieren. Die Folgen sind fatal: Nicht einmal ein Viertel der Kinder überlebte bislang ohne künstliche Beatmung die Diagnose um mehr als zwei Jahre.

Vor diesem Hintergrund erhielten alle Teilnehmer den Wirkstoff Nusinersen in Form mehrerer Injektionen ins Nervenwasser des Rückenmarks. Zwar verstarben vier der 20 Babys trotz der Behandlung. Zum Zeitpunkt des Berichtes aber waren 16 noch am Leben. 13 von ihnen konnten ohne fremde Hilfe atmen, und bei 14 hatte sich die Muskelfunktion gebessert. Teilweise konnten diese Kleinkinder nun den Kopf aufrecht halten, greifen, stehen und sogar laufen. Solche Veränderungen hatte man bislang bei unbehandelten Kindern mit dieser Form von SMA nicht beobachtet. „Eine Heilung bedeutet das nicht“, sagt Prof. Klein, „aber die Therapie scheint wirksam zu sein.“

Die Neurologin hebt hervor, dass der molekulare Mechanismus der Methode wie geplant funktioniert hat: Nusinersen ist ein synthetisch hergestelltes Molekül, das spezifisch konstruiert wurde um ein Ersatzgen für SMN1 zu aktivieren, das fast baugleiche SMN2. Es könnte theoretisch ebenfalls den Nerven-Schutzfaktor liefern, der die Motoneuronen am Leben hält. Allerdings enthält SMN2 einen „Webfehler“, der die Übersetzung der Erbinformation in das rettende Eiweiß um 75 bis 90 Prozent verringert.

Diesen Webfehler konnte Nusinersen offenbar beheben. Das von Wissenschaftlern der Firma Ionis hergestellte synthetische Molekül heftet sich an einer genau vorausberechneten Stelle an ein Zwischenprodukt (Boten-RNS), welches die in SMN2 enthaltenen Erbinformationen an die Eiweißfabriken der Zellen übermittelt. Nusinersen verhindert dadurch, dass aus der SMN2-Boten-RNS ein Abschnitt entfernt wird und die Erbinformation unbrauchbar wird. Die Menge korrekt übersetzter Boten-RNS stieg um das 2,6-fache auf einen Anteil von 50 bis 69 %. Durch Messungen der Eiweißkonzentration im Rückenmark konnten die Forscher schließlich noch zeigen, dass die in dieser Studie behandelten Kinder um durchschnittlich 63,7 % Prozent mehr SMN-Protein bildeten, als unbehandelte Kinder.

Die Nebenwirkungen des Verfahrens wurden von den Patienten gut toleriert, sodass die genetische Therapie von Prof. Klein als „in akzeptabler Weise sicher“ eingestuft wird. Eine weitere, noch nicht veröffentlichte Studie mit Nusinersen bei älteren Patienten mit SMA war ebenfalls erfolgreich, teilte die Hersteller-Firma Ionis mit. Und unmittelbar vor Weihnachten gab die US-Zulassungsbehörde FDA bekannt, dass Nusinersen unter dem Handelsnamen Spinraza für die Behandlung der SMA sowohl bei Säuglingen als auch bei Erwachsenen zugelassen wurde (Inzwischen liegt auch eine Zulassung der europäischen Arzenimittelbehörde EMA vor).

„Als das weckt begründete Hoffnung auf die so lange erwartete Wende in der translationalen Anwendung von Erkenntnissen aus der Molekulargenetik von der reinen Diagnostik hin zu klinisch-therapeutischen Anwendungen im Sinne einer personalisierten Medizin“, so Prof. Klein. Die Antisense-Technik könne auch auf andere Erkrankungen angepasst werden, erwartet die DGN-Vizepräsidentin.

Während bei SMA die Übersetzung eines „schwachen“ Gens gefördert wird, ließe sich stattdessen auch das Ablesen schädlicher Gene verhindern. Im Tierversuch ist dies beispielsweise bei Mäusen schon gelungen, die als Modell für die Huntington´sche Krankheit dienten. Aber auch in klinischen Studien wurde und wird die Antisense-Technik bereits erprobt, beispielsweise gegen die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Rheuma, Asthma, Morbus Crohn sowie eine Vielzahl von Krebserkrankungen.

(Vorlage für eine Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vom 5. Januar 2017)

Quellen:

Impfstoff gegen Ebola

Schon im kommenden Jahr könnte ein hochwirksamer Impfstoff gegen das gefürchtete Ebola-Virus in den besonders gefährdeten Ländern Afrikas zur Verfügung stehen. Grund für diesen Optimismus ist der Ausgang mehrerer Studien mit fast 6000 Menschen, die vorwiegend in Guinea in direkten oder indirekten Kontakt mit Ebola-Infizierten Personen gekommen waren, und die den neuen Impfstoff „rVSV-ZEBOV“ bekommen hatten.

In der Fachzeitschrift The Lancet berichten Forscher um die WHO-Angestellte Dr. Ana Maria Henao-Restrepo über Einzelheiten: Demnach wurden die Teilnehmer der Studie nach dem Losverfahren entweder sofort geimpft, oder mit einer Verzögerung von drei Wochen. In der ersten Gruppe waren nach zehn Tagen keine Viren mehr festzustellen, in der zweiten Gruppe erkrankten dagegen 23 Menschen an der Seuche. Knapp drei Monate lang schauten die Forscher auch nach möglichen Nebenwirkungen von rVSV-ZEBOV. Dabei kam es zu einem Fall von extrem hohem Fieber und einer Überempfindlichkeitsreaktion, die beide glimpflich ausgingen. Ansonsten traten lediglich milde Nebenwirkungen auf Kopfweh, Müdigkeit und Muskelschmerzen.

„Beim nächsten Mal gewappnet“ – WHO-Direktorin Kieny (Foto: WHO)

Der Impfstoff, der auf einem gentechnisch veränderten Virus (VSV) basiert, war zuvor an Affen getestet worden, wo er Neuinfektionen zu 100 Prozent verhindern konnte. Bei bereits infizierten Tieren verhinderte rVSV-ZEBOV den Ausbruch der Krankheit immerhin in jedem zweiten Fall. rVSV-ZEBOV wirkt möglicherweise nicht gegen alle Stämme des Ebola-Virus gleich gut. Besonders effektiv verhindert der Impfstoff aber den Ausbruch der Zaire-Variante von Ebola, die mit einer Sterblichkeit von bis zu 90 Prozent zu den tödlichsten Infektionskrankheiten überhaupt zählt.

Die Globale Impfallianz GAVI hat fünf Millionen Dollar zugesagt, um einen Vorrat von 300.000 Dosen des Impfstoffes anzulegen. „Wenn die nächste Epidemie kommt, werden wir gewappnet sein“, sagt die Studienleiterin Dr. Marie-Paule Kieny, Stellvertretende Generaldirektorin für Gesundheitssystem und Innovation der WHO in Genf.

(eine ausführliche Fachversion dieser Nachricht ist erschienen am 4. Januar 2017 bei Medscape)

Quellen:

Kommentar – Scheinheilige Scheichs

Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Wenige Wochen vor dem Umweltgipfel in Rio hat sich die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) in seltener Einmütigkeit gegen jegliche Art von Energiesparmaßnahmen ausgesprochen. Die handfeste Weigerung, konkrete Schritte gegen die fortschreitende globale Erwärmung zu ergreifen, wird mit der Sorge um das wirtschaftliche Wachstum der Entwicklungsländer, „einschließlich der Ölexportländer“ begründet.

Die Sorge ist ebenso scheinheilig wie unfundiert. Längst sind sich alle – unabhängigen – Klimaforscher einig, daß der weltweite Anstieg der Temperaturen zum überwiegenden Teil auf die Verbrennung fossiler Rohstoffe durch die sechs Milliarden Erdbewohner zurückzuführen ist. Jedes Schulkind weiß heute, daß das Treibhausgas Kohlendioxid beim Verfeuern von Öl und Gas, von Holz und Kohle freigesetzt wird.

„Unter der absehbaren Klimaveränderung werden vor allem die Länder der Dritten Welt zu leiden haben“, befindet zum Beispiel die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages. Vor allem den Entwicklungsländern – einschließlich der meisten Opec-Staaten – drohen Dürreperioden, Flutkatastrophen und im Gefolge dieser Naturereignisse Hungersnöte bisher nicht gekannten Ausmaßes.

Besonders peinlich muß es daher anmuten, wenn sich hochentwickelte Ölexportnationen in das Wehklagen der OPEC-Länder einreihen. Der kanadische Energieminister Rick Orman etwa hält es für wenig sinnvoll, „die Ausgaben für den Kampf gegen Kohlendioxid stark anzuheben“. Die Klimaforscher, so lautet die abenteuerliche. Begründung, könnten sich derzeit noch nicht darauf einigen, ob der CO2-Gehalt der Atmosphäre sich erst in hundert oder schon in sechzig Jahren verdoppeln wird.

(erschienen im Wirtschaftsteil „DIE WELT“ am 25. April 1992)

„Michelangelo“ griff 10000 Rechner an

Die von einigen Experten angekündigte massenhafte Zerstörung wichtiger Daten durch den Computervirus „Michelangelo“ blieb gestern weitgehend aus. Gleichwohl schätzte der Präsident des amerikanischen Industrieverbandes Computerviren, daß weltweit mindestens 10000 IBM-kompatible Rechner Opfer des Virus wurden. Dieser Zahl stehen etwa fünf Millionen PC gegenüber, die ,,Michelangelo“ hätte befallen können.

1992 machte erstmals ein Computervirus Schlagzeilen: Mein Bericht über Michelangelo auf Seite 1.

Zuvor hatten der Hamburger Professor Klaus Brunnstein vom Virus Test Center der Universität und Klaus Fischer (Universität Karlsruhe) vor den Folgen des Computervirus gewarnt, der darauf programmiert ist, am 6. März, dem Geburtstag des Renaissancekünstlers Michelangelo, loszuschlagen. Das Virusprogramm, das nach Erkenntnissen von Interpol in Taiwan seinen Ursprung hat, sollte an diesem Schlüsseldatum auf jedem infizierten Computer nach dem Einschalten sämtliche Dateien überschreiben und damit unbrauchbar machen.

Allein in Hamburg gab es nach der Warnung innerhalb weniger Tage 15000 Anfragen besorgter PC-Benutzer. In beiden deutschen Notfallzentren wurden bis Donnerstagabend fast 1000 Infektionen gemeldet und anschließend beseitigt. Am Freitag kam es dann doch zu rund 50 Fällen, in denen der Virus Computerdaten beschädigte. In einem Fall waren 75 Rechner einer Firma im Ruhrgebiet betroffen.

Ähnlich war die Situation in den meisten westlichen Ländern. In Südafrika dagegen hinterließ der Virus verheerende Zerstörungen bei rund 1000 Firmen und privaten Anwendern. Nach Auskunft des Unternehmens Computer Help Line wurden vor allem Apotheken geschädigt, ,,bei denen trotz unserer Warnung niemand Vorkehrungen getroffen hat“. In Japan hat der Virus nach Angaben des Software-Hauses Lonrho International die Rechner von mindestens fünf Firmen angegriffen, darunter ein Industriekonzern und ein Computerhändler.

Aus Australien und Neuseeland wurden nur vereinzelte Infektionen ohne nennenswerte Schäden gemeldet. Die Zahl der neugierigen Reporter, so hieß es, habe die Zahl der Opfer bei weitem überschritten.

Brunnstein macht die breite Berichterstattung dafür verantwortlich, daß der 6. März für die meisten Computerbesitzer glimpflich verlief. Ein Sprecher des Hamburger Chaos Computer Clubs beschuldigte dagegen die Hersteller von Anti-Viren-Programmen, im Vorfeld der Hannover Computer-Messe CeBIT eine Kampagne geführt zu haben mit dem Ziel, die Verkaufszahlen zu erhöhen.

Der Absatz der Programme, die zwischen 50 und 800 Mark kosten und ständig durch neue Versionen ersetzt werden müssen, stieg in den letzten Tagen sprunghaft an. Die Fachzeitschrift „PC Professionell“ etwa stellte in ihrer Februar-Ausgabe 19 Anti-Viren-Pakete vor, weist aber ausdrücklich darauf hin, daß beim ausschließlichen Gebrauch von Originalsoftware für nicht vernetzte PC keinerlei Gefahr besteht.

Schutz vor „Michelangelo“ hätte auch eine billigere Methode gebracht: Um einen Anschlag am Geburtstag des Namensgebers zu vermeiden, hätte es genügt, die Uhr des Rechners auf den 7. März vorzustellen.

(erschienen auf Seite 1 in „DIE WELT“ am 7. März 1992)

Was ist daraus geworden? Laut Wikipedia war Michelangelo der erste Computervirus, der die Aufmerksamkeit der Medien erlangte. Ausführlich werden dort auch technische Einzelheiten diskutiert und die Frage erörtert, ob es eine vorsätzliche Panikmache gab. Bis 1998 habe es noch einige wenige Meldungen gegeben, danach „war es endgültig ruhig um Michelangelo“.

Harter Kampf gegen zweierlei Parasiten

Korruption und Vetternwirtschaft in der Politik sind in Kenia so alltäglich wie die Aquatorsonne. Diese Erkenntnis war es, welche die Hauptgeldgeberländer des ostafrikanischen Landes kürzlich dazu bewog, die milliardenschwere Entwicklungshilfe drastisch zu kürzen. Weitgehend unbekannt ist aber die Tatsache, daß Bestechlichkeit und Unterschlagung auch den wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Fortschritt in dem Entwicklungsland behindern.

Robert Dransfield und Robert Brightwell sind zwei Forscher, die mit ihrer Kritik wahrlich kein Blatt vor den Mund nehmen. Die Briten, die in eigener Initiative versuchen, ihre Version der biologischen Schädlingsbekämpfung zu verbreiten, sind sich der möglichen Folgen ihres Tuns durchaus bewußt: Die Palette der bisher durchlebten Schikanen reicht von Behördenwillkür und Verleumdung bis hin zu kaum verhohlenen Drohungen gegen die Insektenforscher. „Wir müssen damit rechnen, nicht mehr in dieses Land zurückkehren zu dürfen, in dem wir seit fast zehn Jahren arbeiten, aber der Weg an die Öffentlichkeit ist unsere letzte Chance“, so Dransfield.

Kaum zu fassen, daß der Versuch, die Tsetsefliege mit alternativen Mitteln zu bekämpfen, zu solchen Konsequenzen führen würde. Nicht etwa kolonialistisches Gehabe oder mangelnder Erfolg ist es, der Brightwell und Dransfield zum Verhängnis wurde – das Gegenteil ist der Fall. In enger Zusammenarbeit mit mehreren Massaidörfern an der kenianisch-tansanischen Grenze haben sie die verheerende Rinderschlafkrankheit in der Region Nguruman praktisch ausgerottet – und das fast zum Nulltarif.

Hauptvorwurf der „beiden Bobs“, wie die dickköpfigen Forscher von ihren Kollegen genannt werden: Staatliche Stellen verhindern – nicht nur in Kenia, sondern in den meisten Ländern Schwarzafrikas – die Umsetzung erfolgreicher Methoden in die Praxis. Doch welche Logik sollte hinter solch einem Vorgehen stecken?

Brightwell muß etwas weiter ausholen, um seine Anklage zu erläutern: „Die meisten Forschungslabors werden hier mit dem Geld der westlichen Industrieländer finanziert, leider jedoch ohne ausreichende Kontrolle der Ausgaben. Das führt dazu, daß ein Großteil der Mittel in dunklen Kanälen versickert. Es werden hohe Gehälter gezahlt für eine Unzahl von Menschen, die für die eigentliche Forschung überhaupt nicht gebraucht werden – eine völlig sinnlose Art der Arbeitsbeschaffung.“

Die Summen, um die es in diesem Spiel geht, sind beträchtlich: Auf etwa 350 Millionen Mark jährlich beläuft sich die Rechnung für die Erforschung und Bekämpfung der Tsetsefliege. Kein Wunder also, daß der Hunger auf ein Stück vom Kuchen groß ist – besonders in Ländern wie Kenia, wo der durchschnittliche Monatsverdienst rund 60 Mark beträgt.

Dransfield weiß von einem besonders drastischen Erlebnis in Uganda zu berichten: „Wir hatten unsere Methode in einem Pilotprojekt erfolgreich demonstriert. Naiv wie wir waren, glaubten wir, jetzt zum großflächigen Einsatz in der Praxis übergehen zu können.“ An dem Institut, mit dem die Wissenschaftler damals zusammenarbeiteten, wollte man aber kein Geld bereitstellen, obwohl es sich um einen vergleichsweise lächerlichen Betrag handelte.

„Als ich den Direktor zur Rede stellte, hat er mir auf den Kopf zugesagt, er habe keine Lust, seinen gutbezahlten Job und die damit verbundenen Privilegien zu verlieren. Dieser elende Parasit hatte nicht das geringste Interesse am Unglück seiner Landsleute. Das ganze Institut diente nur dazu, Entwicklungshilfegelder abzukassieren“, ereifert sich Dransfield.

Ein Drittel aller afrikanischen Rinder – und das sind immerhin 147 Millionen Tiere – sind von der Schlafkrankheit (Nagana) bedroht. Alleine die Fleischproduktion erleidet nach Schätzungen Verluste von jährlich acht Milliarden Mark. Hinzu kommen die reduzierte Milchleistung und der Ausfall der Tiere beim Pflügen in der Landwirtschaft.

Mikroskopisch kleine, einzellige Parasiten – die Trypanosomen – lassen die Tiere abmagern und reduzieren so die Erträge an Milch und Fleisch. Im weiteren Verlauf der Krankheit erblinden die Tiere und gehen qualvoll zugrunde. Zwar gibt es mittlerweile Medikamente, die der Krankheit vorbeugen oder den Infektionsverlauf abschwächen können. Der relativ hohe Preis und die schnelle Entwicklung von Resistenzen durch die Trypanosomen lassen diese Methode der Schädlingsbekämpfung jedoch wenig aussichtsreich erscheinen.

Nicht der Parasit selbst, sondern dessen Überträger, die weiblichen Tsetsefliegen, sind daher seit bald 100 Jahren Hauptangriffsziel für ganze Heerscharen von Wissenschaftlern gewesen, die Afrika von der Geißel der Schlafkrankheit befreien wollten.

Seit 1895, als der britische Armeearzt David Bruce die schmerzhaft stechenden Fliegen als Überträger dingfest machte, gab es eine Reihe von Versuchen, die Blutsauger auszurotten. Wildtiere, von Antilopen über Zebras und Büffel bis zu Löwen und anderen Raubtieren, wurden massenweise abgeschossen, als man herausfand, daß diese Säuger ebenfalls Trypanosomen in ihrem Blut beherbergten. Als diese Methode keinen Erfolg zeitigte, versuchte man um 1920, durch Brandrodungen die Brutstätten der Tsetsefliegen zu vernichten.

Heute wie vor hundert Jahren aber sind noch immer rund zehn Millionen Quadratkilometer Afrikas – das entspricht der Fläche Kanadas – von den grünschillernden Insekten besetzt und damit für die Viehzucht weitgehend unbrauchbar. Kaum war das Insektengift DDT entwickelt, wurde es auch schon an den verhaßten Tsetses erprobt. Die Tiere reagieren zwar extrem empfindlich auf das Insektizid, aber von einigen Achtungserfolgen in Südafrika, Simbabwe und Nigeria abgesehen scheiterte auch dieser Anlauf.

Die „beiden Bobs“ aber sind davon überzeugt, endlich eine wirksame Waffe im Kampf gegen die Blutsauger entwickelt zu haben: In aufwendigen Versuchen hatten britische Forscher nämlich schon Mitte der achtziger Jahre herausgefunden, daß die Quälgeister im wahrsten Sinne des Wortes auf Aceton, Kohlendioxid und den Alkohol 1-Okten-3-ol „fliegen“. Mikrosensoren in den Antennen der Tiere und sogar ein Windkanal am Tsetse-Forschungslabor in Bristol kamen zum Einsatz, um den optimalen Lockstoff für verschiedene Tsetsearten zu ermitteln.

Aber warum teure Substanzen verwenden, wenn die Allerweltschemikalie Aceton vermischt mit dem Urin der Kühe aus den Massaidörfern den gleichen Zweck erfüllt? Als Lockstoff bildet das Gemisch den Köder für die von Dransfield und Brightwell entwickelten einfachen Fallen. Angelockt von der Aussicht auf einen blutigen Festschmaus, entdecken die Tsetses dabei aus etwa hundert Metern Entfernung zunächst ein großes blaues Tuch, das fleißig umschwirrt wird. Ein kleineres, schwarzes Tuch wird von den Fliegen als Einladung zum Platznehmen interpretiert.

Aufbau einer Falle für Tsetsefliegen im Bezirk Nguruman (Kenia). Die Insekten werden mit einer Mischung aus Aceton und Kuhurin angelockt, krabbeln dem Licht folgend in eine Plastiktüte, und werden dort von der Tropensonne getötet.

Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf: Die arglosen Tiere folgen den von oben in die Falle eintreffenden Lichtstrahlen durch einen engen Durchlaß in eine Plastiktüte hinein und werden dort von der Tropensonne regelrecht gegrillt. Insektizide kommen nicht zum Einsatz, die Fallen selbst werden in den Massaidörfern, den Enkangs, gebastelt und von den Eingeborenen in regelmäßigen Abständen gewartet. Bei einer Dichte von einer Falle pro Quadratkilometer, so fanden die Forscher in Zusammenarbeit mit Feldmanager Joel Larinkoi heraus, reduziert sich die Zahl der Tsetses monatlich um die Hälfte.

Fünf Jahre nach dem Start des Nguruman-Projektes ist der Erfolg der idealistischen Fliegenfänger nicht mehr wegzudiskutieren: Die Zahl der Blutsauger sank auf ein Hundertstel, in manchen Gebieten des 300 Quadratkilometer großen Areals überlebte nur eine von 10000. Seit sechs Monaten blieben die Rinder der Massai von der gefürchteten Seuche verschont.

Was fehlt, ist einzig und allein eine weitere Finanzspritze, um das Projekt gänzlich auf eigene Füße zu stellen. Vom Geldstrom wohlmeinender Entwicklungshelfer weitgehend abgeschlossen, wollen die Massai die benötigten Mittel jetzt aus eigener Kraft erwirtschaften. Geplant ist, Touristen in die abgeschiedene Einöde zu locken, die ein echtes Interesse an der Kultur und Lebensweise der Eingeborenen haben und die sich aus erster Hand über das reiche Tier- und Pflanzenleben der Region unterrichten lassen wollen.

(leicht redigierte Fassung eines am 9. März 1992 in „DIE WELT“ erschienenen Artikels)

Hintergrund / Was wurde daraus? Ermöglicht wurde dieser Bericht durch die  Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die mich einlud, mehrere Institute meiner Wahl zu besuchen, und die dafür auch die Kosten übernommen hat (siehe dazu auch den Artikel über ICRISAT in Indien). Dank der FAO kam ich auch nach Kenia und lernte dort vieles über die dortigen Projekte. Mein Ausflug an die tansanische Grenze mit den beiden Bob´s war nicht geplant, sondern kam auf private Vermittlung am Rande einer Party zustande. Der Dame, die das eingefädelt hat, bleibe ich zutiefst verbunden, werde ihren Namen aber verschweigen, weil auch nach so langer Zeit Sanktionen nicht auszuschließen sind.

Wenige Jahre nach meinem Artikel erschien in der Fachzeitschrift „Agriculture and Human Values“ eine differenzierte Analyse zum Nguruman-Projekt (Download als pdf-Datei). Sie zeigt exemplarisch und ohne zu werten, welch wichtige Rolle bei derartigen Projekten die Interessenskonflikte der Beteiligten spielen können.

Heute ist die Schlafkrankheit besser unter Kontrolle als zum Zeitpunkt meines Artikels, und Fallen wie die hier vorgestellten spielen dabei eine wichtige Rolle. Exakte Zahlen habe ich allerdings auch bei der FAO nicht gefunden. Trotz gewaltiger Kampagnen, unter anderem mit Hilfe der Sterile-Insekten-Technik, ist die Ausrottung ein Traum geblieben.

Kommentar: Gentechnik-Verhinderungsgesetz

Das Gentechnikgesetz, das am 1. Juli 1990 in Kraft trat, hat sich nicht bewährt. Nicht, daß irgendein Vorfall bekannt geworden wäre, bei dem wegen laxer Sicherheitsvorkehrungen Menschen zu Schaden gekommen wären. Auf Beispiele dafür, wie genetisch veränderte Organismen tiefgreifende Veränderungen unserer „natürlichen“ Umwelt bewirken können, wartet man ebenfalls seit fast zwanzig Jahren gespannt, aber vergeblich.

Nur gut, daß die greifbaren Resultate dieser Art von angewandter Wissenschaft trotz aller Unkenrufe auch in Deutschland auf Rezept erhältlich sind. Humaninsulin für Diabetiker, Erythropoietin für Dialysepatienten, Interleukin und Interferon für Krebspatienten, TPA für Bluterkranke sind beispielhaft für eine lange Reihe von Wirkstoffen aus gentechnischer Produktion, die zehntausende Menschenleben gerettet und Leid gelindert haben.

Allein: In Deutschland hergestellt werden ganze drei Substanzen. Bei unserem kleinen Nachbarn Dänemark finden wir dagegen sieben große Produktionsstätten, in Japan sind es mehr als 130 und in den USA bald mehr als tausend. Das verwundert, denn abgesehen von rund tausend Laboratorien, in denen hierzulande mit gentechnischen Methoden gearbeitet wird, beherbergt Deutschland auch noch eine Anzahl von Pharma- und Chemieunternehmen, die sich durchaus mit den weltgrößten Konzernen messen können.

Bei einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Forschung, Technologie und Technikfolgenabschätzung wurde jetzt im Bonner Bundeshaus Bilanz gezogen über die Erfahrungen mit dem Gentechnikgesetz (GTG). Wie der Ausschußvorsitzende, der SPD-Abgeordnete Wolf-Michael Catenhusen, berichtete, sind vom 30. Juli 1990 bis 31. Dezember 1991 insgesamt 510 Anmeldungen und Anträge auf Genehmigung gentechnischer Arbeiten eingereicht worden. 451 Verfahren wurden abgeschlossen, bisher kein einziger Antrag abgelehnt.

Doch die Zahlen täuschen über die Realität hinweg. Catenhusen wies darauf hin, daß es seit Einführung des Gesetzes keine Ereignisse oder Störfälle gegeben habe, die das Ziel des Gesetzes in Frage stellten, Mensch und Umwelt wirksam vor Risiken und Gefahren der Gentechnologie zu schützen. Er verschwieg allerdings, daß dies auch in den siebzehn Jahren der Fall war, die zwischen den ersten „gentechnischen“ Experimenten und der Einführung des GTG liegen.

In den USA ist für Experimente der Sicherheitsstufe 1 keine Dokumentation erforderlich, weil diese Arbeiten per Definition „kein Risiko“ enthalten. Diese Definition gilt auch in Deutschland. Doch auch für die 90 Prozent der Experimente, die hierzulande in diese Klasse fallen, und somit risikofrei sind, müssen jeweils rund hundert Seiten an Formularen ausgefüllt und in sechs- bis elffacher Ausführung an die Behörden geschickt werden. Eine Antwort trifft bestenfalls nach zwei Monaten ein. Manchmal müssen die entnervten Grundlagenforscher sich aber auch ein halbes Jährchen gedulden – in etwa die Dauer einer Diplomarbeit.

Damit nicht genug: Alle Experimente müssen lückenlos dokumentiert werden. Dazu gehört auch das Einfrieren von biologischen Materialien für mindestens zehn Jahre. Für Experimente der Sicherheitsstufe zwei, wie sie in jedem Anfängerseminar üblich sind, müßten Blutproben der Studenten gar über dreißig Jahre bei minus 80 Grad in Spezialkühlschränken mit Alarmanlagen gelagert werden. Die jährlichen Kosten, die ebenso wie die Papierkriege mit den Behörden aus den knappen Forschungsmitteln bestritten werden müssen, belaufen sich etwa für die Tiefkühlaktion im Genzentrum München auf 5000 Mark.

Der Steuerzahler aber darf aufatmen, denn der frustrierte Institutsdirektor Ernst-Ludwig Winnacker hat den Kurs mittlerweile abgesagt. „Das schlimmste ist, daß mir keiner sagen kann, wofür die Blutproben überhaupt gebraucht werden“, klagt Winnacker.

Der Vorgang ist längst kein kurioser Einzelfall mehr. Ob Winnacker und seine Kollegen sich damit trösten lassen, daß das Gentechnikgesetz „zu mehr Rechtssicherheit für alle Beteiligten“ geführt hat (so ein Ergebnis der Anhörung, zu der die Vertreter der Grundlagenforschung gar nicht erst eingeladen wurden), darf bezweifelt werden. Ebenso die Behauptung des Ausschußvorsitzenden, die deutsche Wissenschaft habe ihren hohen Leistungsstand gehalten.

Nur ausländische Forscher und Pharmaunternehmen können über eine Szene lachen, die sich kürzlich in Heidelberg abspielte: Dort saß Hermann Bujard, Direktor des angesehenen Zentrums für Molekulare Biologie (ZMBH) zusammen mit hundertfünfzig weiteren Laborchefs in einem dreitägigen Pflichtseminar zum Thema „Gentechnikgesetz und Sicherheit im Labor“.

Der vielbeschäftige Mann verfügt über dreißig Jahre Berufserfahrung. Als die Versammlung nach vierzig Minuten noch immer nicht über die Definition diverser Fachbegriffe hinausgelangt war, stürmte er aus dem Saal – und riskierte mit der spektakulären Aktion seine Arbeitserlaubnis als Projektleiter.

Die Gängelei durch ein nach seiner Ansicht überflüssiges Gesetz will der zornige Professor nicht länger hinnehmen: „Die Freiheit der Lehre ist eingeschränkt, der Generationenvertrag wird gebrochen, das ganze Gesetz ist im Ansatz falsch. Das schlimmste aber ist, daß die deutschen Wissenschaftler sich das alles gefallen lassen.“ Letztlich ist die Anwendung von gentechnischen Methoden – oder deren Verbot – nicht nur eine Frage von Freiheit für die Forscher oder Profiten für die Wirtschaft. Es geht hier auch um Menschenleben.

(erschienen auf der Meinungsseite in „DIE WELT“ am 14. Februar 1992)

Wasser bleibt Mangelware

Wollte man die Wassermassen unseres Planeten gerecht verteilen, so stünde jedem Erdenbürger die unvorstellbare Menge von 300 Milliarden Litern zur Verfügung. Doch die Realität sieht anders aus. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO leben 1200 Millionen Menschen ohne das für uns so selbstverständliche saubere und sichere Trinkwasser. 1800 Millionen sogar leiden unter mangelhaften bis katastrophalen sanitären Verhältnissen. Die Folgen sind verheerend. Alleine fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben in jedem Jahr.

,,80 Prozent aller Krankheiten und mehr als ein Drittel aller Todesfälle in den Entwicklungsländern werden durch verseuchtes Wasser verursacht“, erklärte Maurice Strong, der Generalsekretär der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED), jetzt anlässlich eines Wassergipfels in der irischen Hauptstadt Dublin.

Die ,,Internationale Konferenz über Wasser und Umwelt“ tagt noch bis Freitag und soll die Weichen stellen für verbindliche Abkommen zum Schutz des kostbaren Nasses. Den über 500 Experten aus mehr als 100 Ländern erläuterte der Exekutiv-Direktor des UN-Umweltprogrammes Mostafa Tolba die Zielsetzung der Veranstaltung. ,,Was wir brauchen ist eine konkrete handlungsorientierte und ausführbare Empfehlung. Was wir brauchen sind Angaben darüber, was getan werden kann, von wem, innerhalb welchen Zeitraumes, zu welchem Preis und wer diesen Preis bezahlen soll.“ All diese Empfehlungen sollen zusammengefasst und am Freitag als ,,Dublin-Statement“ bekannt gegeben werden. Diese Erklärung wiederum soll auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro in die Tat umgesetzt werden. Die im Juli 1992 stattfindende UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) wird das bislang mit Abstand größte umweltpolitische Ereignis aller Zeiten sein.

Optimisten erhoffen sich globale und verbindliche Vereinbarungen, die der fortschreitenden Umweltzerstörung einen Riegel vorschieben würden. Außer dem Trinkwasser wird sich die UNCED auch mit der weltweiten Klimaveränderung, mit der Zerstörung der Wälder, der bedrohten Artenvielfalt und der Gefährdung der Ozeane auseinander setzen müssen.

Wasser – erst bei längerem Nachdenken wird klar, was sich alles hinter dem Stoff mit der simplen chemischen Formel H2O verbirgt. Unser Körper selbst besteht zu 70 Prozent aus Wasser und benötigt täglich runde zwei Liter der Substanz. Auch bei Gesamtvorräten von 1,5 Milliarden Kubikkilometern wird Wasser manchmal knapp. Nur zwei Prozent liegen nämlich als Süßwasser vor und von diesen rund 30 Millionen Kubikkilometern ist der Großteil in den polaren Eiskappen und großer Tiefe dem menschlichen Zugriff entzogen. Für die Erdbevölkerung stehen damit ,,nur“ noch eine Million Kubikkilometer zur Verfügung. Das ist weniger als ein hundertstel Prozent der Gesamtmenge, ungleichmäßig und ungerecht verteilt in Zeit und Raum.

Kein Wunder also, dass schon Adam Smith auf das Paradoxon hinwies, dass Wasser als Essenz allen Lebens fast nichts kostet, während Diamanten, die für das Überleben völlig entbehrlich sind, Spitzenpreise erzielen. Nur selten gerät das Thema Wasser in die Schlagzeilen, wie etwa im letzten Jahr, als eine gewaltige Cholera-Epidemie durch Lateinamerika und Afrika fegte. Exakt 332.828 Infektionen zählte die Weltgesundheitsorganisation bis zum 8. August 1991. Ursache: Mit Bakterien verseuchtes Wasser und miserable sanitäre Verhältnisse. Doch diese Epidemie ist nur die Spitze des Eisbergs. Typhus, Kinderlähmung und infektiöse Hepatitis, Diarrhoe, Malaria und eine Reihe unappetitlicher Wurmerkrankungen verursachen unermessliches Leiden überall da, wo die Jahrhunderte alten Erkenntnisse der Hygienekunde nicht konsequent umgesetzt werden.

In den letzten Jahrzehnten ist zu den biologischen Verseuchungen noch eine neue Kategorie hinzugekommen: Nitrit und Nitrat, Schwermetalle und Pestizide haben als Rückstände einer intensiven Landwirtschaft und Produkte der Industriegesellschaften Einzug in das Grundwasser gehalten. Auch in Deutschland werden die EG-Grenzwerte mit unschöner Regelmäßigkeit überschritten; die Wasserwerke sind machtlos.

Allein die UN hat 24 Körperschaften, die sich mit dem Problem auseinander setzen, wobei der medizinische Aspekt nur einer von vielen ist. Die Landwirtschaft beispielsweise ist fast völlig abhängig von einem gleichmäßig strömenden Fluss an frischem Wasser. Zwei Drittel des Gesamtverbrauchs geht auf ihr Konto. Neue Bewässerungstechniken werden es erlauben, bei gleichem oder reduziertem Verbrauch mehr Land zu nutzen oder auf derselben Fläche höhere Erträge zu erwirtschaften.

,,Meine eigene Familie benutzt noch die gleichen Methoden, die bereits vor 7000 Jahren entwickelt wurden“, erklärte UNEP-Exekutivdirektor Tolba. Hier wäre noch reichlich Raum für Verbesserungen. Aber die Verbreitung Wasser sparender Bewässerungsverfahren kostet Geld und, so Tolba, ,,finanzielle Engpässe sind das Hauptproblem“.

Jährlich 36 Milliarden Dollar, so schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, wären erforderlich, um bis zum Ende des Jahrzehnts allen Erdbewohnern sauberes Trinkwasser und akzeptable sanitäre Verhältnisse zu verschaffen. Aber obwohl ein rapides Bevölkerungswachstum, zunehmende Verstädterung, Kriege, Hunger- und Dürrekatastrophen auch in Zukunft die Aufgaben der Hilfsorganisationen erschweren werden, könnten, so die Prognose, 80 Prozent der Bedürftigen versorgt werden, wenn man die Verbreitung von billigen Technologien vorantreiben würde. Dies würde nur 30 Prozent der geforderten 36 Milliarden Dollar jährlich kosten.

Schon einmal, im November 1980, hatte man eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, den flüssigen Lebensspender für alle erreichbar zu machen. Die ,,International Drinking Water Supply and Sanitation Decade“ ging 1990 zu Ende, konnte ihr Ziel aber nicht erreichen. So groß waren die Probleme, dass die Vereinten Nationen diese Periode heute noch als die ,,verlorene Dekade der Entwicklung“ bezeichnen. Dennoch ist die Bilanz nicht nur negativ. Immerhin erhielten 1,6 Milliarden Menschen erstmals Wasser an ihrem Wohnort und fast 800 Millionen erlebten erstmals die Segnungen sanitärer Anlagen. Besonders erfolgreich war das Programm in ländlichen Gegenden. Dort erhalten jetzt 63 Prozent der Einwohner das kostbare Nass frei Haus. Zuvor waren es nur 30 Prozent.

Ob das Drittel der Menschheit, das noch immer ohne eigenes Wasser auskommen muss, und die 43 Prozent ohne sanitäre Anlagen bald unter menschenwürdigeren Umständen leben werden, wird nicht auf dem Wassergipfel in Dublin entschieden. Erst im Sommer, wenn auf dem Weltumweltgipfel von Rio de Janeiro die politischen Entscheidungen getroffen werden – oder nicht – wird sich erweisen, ob das Rennen gegen die Uhr doch noch gewonnen werden kann.

(erscheinen in redigierter / gekürzter Form in „DIE WELT“, 28. Januar 1992)

Technik gegen Dioxine

Die Technik der Abfallverbrennung hat in den letzten zwölf Jahren rapide Fortschritte gemacht. Bei mehreren derzeit laufenden Müllverbrennungsanlagen bleibt die Konzentration der in den Abgasen freigesetzten Schadstoffe schon jetzt unter den Werten, die gemäß der 17. Bundesimmissionsschutzverordnung erst 1995 erreicht werden sollen. Diese Angaben machte Professor Hubert Vogg vom Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) gestern vor der Wissenschaftspressekonferenz in Bonn.

Erfolge wurden demnach vor allem erzielt bei der Reduktion von Chlorwasserstoffen, Staub, Cadmium und Quecksilber, ebenso bei Dioxinen und der verwandten Stoffklasse der Furane. Bei allen Substanzen können mit verbesserten V erfahren die Emissionen auf mindestens ein Vierzigstel, im Falle des Dioxins sogar auf ein Vierhundertstel der Werte von 1980 gedrückt werden.

Beim Dioxin kamen den Forschem neue Erkenntnisse über die Entstehung des Seveso-Giftes. Dioxine und Furane, so fand man, bilden sich in den Abkühlzonen der Rauchgase bei Temperaturen zwischen 250 und 400 Grad Celsius in Anwesenheit von unvollständig verbranntem Kohlenstoff. Dies führte zu der Empfehlung, die Verbrennung strömungstechnisch sanfter und bei erhöhter Temperatur durchzuführen. Ein Ratschlag, der, so Vogg, „inzwischen von der Industrie voll in die Praxis umgesetzt wurde“.

Die Grenzwerte können jetzt unterboten werden

Noch vor zwei Jahren war kritisiert worden, daß der in der Bundesimmissionsschutzverordnung festgelegte Grenzwert utopisch und mit dem damaligen Stand der Technik nicht zu erreichen sei. In einem Kubikmeter Abgas darf danach ab 1995 nur noch ein zehnmilliardstel Gramm Dioxin (genauer Dioxintoxizitätsäquivalente) enthalten sei. Mittlerweile wird dieser weltweit strengste Richtwert in jeder zehnten der 50 westdeutschen Müllverbrennungsanlagen (MVA) unterschritten.

Diese Anlagen verarbeiten im Schnitt jeweils 200 000 Tonnen Hausmüll pro Jahr. In den neuen Ländern dagegen gibt es – mit einer Ausnahme – keine Hausmüllverbrennung. Stattdessen werden die gewaltigen Abfallmengen auf Deponien gelagert. Die Investitionen für eine MVA, die sich technisch auf dem neuesten Stand befindet, belaufen sich auf 80 bis 100 Millionen Mark.

Bei der Verbrennung von Hausmüll ergeben sich Probleme vor allem aus der weitgehend unbekannten Zusammensetzung der Abfälle. „Bei Hausmüll ist man vor Überraschungen nicht gefeit. Die Situation ist anders als beim Sondermüll, wo die Zusammensetzung in der Regel genau bekannt ist und die Verbrennung dementsprechend optimiert werden kann“, erläuterte Manfred Popp, Vorstandsvorsitzender des KfK.

Doch nicht nur die Abgase, sondern auch die in fester Form anfallenden Reststoffe stellen eine gewaltige Umweltbelastung dar. In Schlacken, Salzen und vor allem in Filterstäuben finden sich nämlich ein Großteil der Schadstoffe aus den häuslichen Abfällen wieder. Deren Anteil läßt sich mit einer chemisch-physikalischen Nachbehandlung verringern, die in Karlsruhe als 3R-Verfahren (Rauchgasreinigung mit Rückstandsbeseitigung) entwickelt wurde.

Trotz der Erfolge der letzten Jahre hegen die Karlsruher Wissenschaftler keine Zweifel an der Prioritätsreihenfolge „Vermeidung-Verwertung-Verbrennung“. In diesem Zusammenhang kritisierte Popp, daß derzeit einer ausgefeilten Produktionstechnik für alle Bedarfsgegenstände keine vergleichbare Verwertungstechnologie gegenüberstehe. Popp forderte ein stärkeres Engagement der Industrie auf diesem Sektor. „Es ist ein Armutszeugnis, wenn 70 Prozent aller Abfälle heute unbehandelt bleiben.“

Hier sieht der Vorstandsvorsitzende auch eine Chance für das KfK, das sich in Zukunft stärker auf den Gebieten Umweltforschung und Umwelttechnik engagieren will. Die Grundfinanzierung dieser größten deutschen Forschungseinrichtung war für das laufende Jahr deutlich reduziert worden.

(erscheinen in „DIE WELT“ am 22. Januar 1992)

Anmerkung: Nach mehreren Umbenennungen ist aus dem KfK inzwischen das „Karlsruher Institut für Technologie“ geworden.

Klima-Kommentar: Bittere Erkenntnis

Sechs Monate vor der UNO-Konferenz „Umwelt und Entwicklung“ in Rio de Janeiro schrillen – wieder einmal – die Alarmglocken. „Wissenschaftlich gesichert“ und damit aktenkundig ist jetzt die Erkenntnis, daß die zunehmende globale Erwärmung, der schwindende Ozonschild, die Zunahme verheerender Wirbelstürme und die sich ständig ausbreitenden Waldschäden auf die Aktivitäten von rund sechs Milliarden Menschen zurückzuführen sind.

Wer hätte das gedacht? Während bisher von Befürchtungen und Wahrscheinlichkeiten die Rede war, sind sich die Wissenschaftler jetzt einig. Eine internationale Expertenrunde hat für die Enquetekommission des Bundestages zum Schutz der Erdatmosphäre den derzeitigen Stand der Forschung dargelegt. Dabei fiel das Wörtchen „sicher“, eine Vokabel, die Wissenschaftler nur äußerst selten benutzen.

Die Folgen anhaltender Tatenlosigkeit schilderte der Kommissionsvorsitzende in eindrucksvollen Worten. Hautkrebs, Sturmflut, Dürre, verseuchtes Wasser, Hunger und Krieg zählen zu den Faktoren, mit denen die Weltpolitik in nicht allzu ferner Zukunft rechnen muss.

Unterdessen sieht George Bush die Vereinigten Staaten in einer Rezession. Japaner und Europäer glauben ihre wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gefährdet. Eine Milliarde Chinesen hätten gerne einen Kühlschrank. Ungezählte Hungernde wären gerne satt. Der Ruf nach einer politischen Lösung wird immer lauter, die Erfolgschancen des Umweltgipfels sinken.

Während fast jeder gewillt ist, der eigenen Gesundheit zuliebe auch einmal eine bittere Pille zu schlucken, scheint die Vernunft beim Thema Umwelt auf der Strecke zu bleiben. Es ist höchste Zeit für die Einsicht, daß saubere Luft, klares Wasser und eine intakte Tier- und Pflanzenwelt nicht zum Nulltarif zu haben sind.

(erschienen auf Seite 1, „DIE WELT“, 18. Januar 1992)