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Harninkontinenz – noch immer tabu

Unter Inkontinenz der Blase oder des Enddarms leiden in der Bundesrepublik rund 3,5 Millionen Menschen. Trotz der schweren psychischen und körperlichen Belastung für den Einzelnen aber ist das Problem „Inkontinenz“ weitgehend ein Tabuthema geblieben.

Diagnose und Therapie der unterschiedlichen Formen der Harninkontinenz (HI) bildeten den Schwerpunkt bei dem deutsch-deutschen Erfahrungsaustausch „Aspekte der Harninkontinenz“, der am 6. und 7. Juli in Münster stattfand. Veranstalter des Treffens war das Unternehmen Dr. R. Pfleger, Bamberg.

In der ehemaligen DDR sei etwa jede dritte Frau in der zweiten Lebenshälfte von HI betroffen, berichtete Prof. Dr. Wolfgang Fischer, Direktor der Abteilung für Urogynäkologie der Frauenklinik an der Ostberliner Charité. Bei der Behandlung setze sich die „Berliner Mehrschritt-Therapie“ immer mehr durch, die mit konservativen Maßnahmen beginnt, mit denen bereits 40 bis 50 Prozent der Patienten zufriedengestellt werden können.

Die übrigen benötigen als zweiten Schritt eine Operation, der sich in jedem Falle wieder eine konservative Nachbehandlung anschließe. Bei 10 bis 20 Prozent der Fälle seien die Ergebnisse allerdings nicht ausreichend: Sie müssen mit Inkontinenz-Hilfen behandelt werden.

Wichtigste Grundlage für den Erfolg einer Inkontinenztherapie seien individuelle Betreuung und Versorgung des Patienten, betonte Prof. Günter H. Willital, Direktor der Kinderchirurgie der Universität Münster. Dort wurde ein kostenloser telefonischer Beratungsdienst eingeführt. Außerdem wurde eine besondere Sprechstunde etabliert, die sich ausschließlich mit den Problemen der Urin- und Stuhlinkontinenz befasst. Für Patienten, die die Klinik nicht aufsuchen können oder wollen, besteht ein Hausbesuchsdienst.

Untersuchungen von mehr als 1500 Fällen haben ergeben, dass sich die Inkontinenz im Kindes- und Jugendalter durch regelmäßige Betreuung und durch intensive konservative Maßnahmen sehr wesentlich bessern lässt. Den Pflegekräften komme dabei eine außerordentlich wichtige Rolle zu, betonte Willital.

Die Prophylaxe der HI sollte nach übereinstimmender Meinung künftig größere Beachtung finden. Prof. Fischer schlug vor, dieses Thema in die Aufklärungsarbeit bzw. Gesundheitserziehung der Schulen mit aufzunehmen und Frauen nach der Schwangerschaft auf die Problematik aufmerksam zu machen. Solche Ziele verfolgt auch eine im letzten Jahr gegründete Europäische Arbeitsgemeinschaft zur Hilfe inkontinenter Kinder und Jugendlicher, die ihren Sitz in England hat.

(erschienen in: Deutsches Ärzteblatt, 11. Oktober 1990. Letzte Aktualisierung 15. April 2017)

Einteilung der Antiarrhythmika – Neue Ergebnisse

Antiarrhythmika, eine recht heterogene Gruppe von Arzneimitteln, werden nach Vaughan Williams anhand ihrer Wirkungsmechanismen in vier Klassen eingeteilt. Doch wie hilfreich ist diese Einteilung für eine Vorhersage der gefürchteten proarrhythmischen Nebenwirkungen? Neue Erkenntnisse, die auf einer Veranstaltung der Knoll AG Ludwigshafen Ende Mai in Freiburg präsentiert wurden, stellen zumindest die gebräuchliche Subklassifizierung der Klasse I-Antiarrhythmika (Natriumantagonisten) in Frage. Diese Einteilung erfolgte aufgrund von In-Vitro-Versuchen an Herzmuskelfasern, woraus sich unscharfe Unterteilungskriterien ergaben. Besonders zwischen den Subklassen IA und I C gehen die Effekte fließend ineinander über.

Prof. Dr. H. Antoni und Dr. J. Weirich vom Physiologischen Institut der Universität Freiburg gelang es nun, einen Zusammenhang zwischen Wirkungsmechanismus und prospektiven Nebenwirkungen zu finden. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Bindung von zwölf Substanzen der Klasse I am Natriumkanal. Diese Natriumkanäle durchlaufen bei der Erregung verschiedene Zustände und werden durch die Bindung eines Klasse-I-Antiarrhythmikums in einen nicht-leitenden Zustand versetzt. In Abhängigkeit von der Frequenz kommt es zu einer periodischen Bindung und Ablösung.

Die Sättigungs-Charakteristik dieser Reaktion führt zur Unterteilung der Klasse-I-Antiarrhythmika in drei distinkte Gruppen:

  • Gruppe I (Lidocain, Mexiletin und Tocainid) zeigt schnelle Blockierung und Deblockierung der Natriumkanäle sowie eine späte Sättigung;
  • Gruppe II (Encainid, Flecainid, Lorcainid, Chinidin und Procainamid), ebenfalls mit später Sättigung, aber mit langsamer Blockierung und Deblockierung;
  • Gruppe III (Disopyramid, Ethmocin, Nicainoprol, Prajmalin und Propafenon) mit noch relativ schneller Blockierung bei langsamer Deblockierung. Diese Gruppe zeigt eine frühe Sättigung.

Antoni betonte, Ziel der Arbeit sei nicht eine neue Klassifizierung gewesen, doch entspreche die neue Einteilung besser praktischen Belangen. Wichtig für die Praxis ist vor allem, wie sich eine rasche Frequenzerhöhung nach Gabe einer therapeutischen Dosis dieser Substanzen auswirkt.

Die Gefahr einer zu starken Hemmung bei länger andauerndem Frequenzanstieg (zum Beispiel Belastungstachykardie) ist diesen Überlegungen zufolge nämlich nur bei Substanzen der Gruppe II gegeben. Die langsam einsetzende Blockierungszunahme führt zu einer Sättigung erst nach etwa 20 Herzschlägen. Substanzen der Gruppe I erreichen diesen Zustand aufgrund ihrer schnellen Reaktionskinetik schon nach ein bis zwei Herzschlägen. Wirkstoffe der Gruppe drei zeigen bereits am unteren Ende der physiologisch relevanten Stimulationsfrequenz von ein bis drei Hertz eine ausreichende Blockade.

Legt man die Annahme zugrunde, dass eine 33-prozentige Blockade der Natriumkanäle zur vollständigen Unterdrückung von eng gekoppelten Extrasystolen ausreicht, so erfordert dies eine vergleichsweise höhere Dosierung der Gruppe-II-Substanzen. Bei erhöhter Belastung (Tachykardie) führt die Sättigungs-Charakteristik dieser Gruppe dann zu einer stärkeren Hemmung, die arrhythmogen wirken könne, so Weirich. Im Gegensatz zu Gruppe II seien Substanzen der Gruppen I und III durch ein Langzeit-EKG problemlos einzustellen, erklärte Dr. G. Schmidt von der Medizinischen Klinik der TU München.

Interessanterweise gelang es Dr. R. Myerburg und Mitarbeitern von der Kardiologischen Abteilung der Universität Miami an einem kleinen Patientenkollektiv, den proarrhythmetischen Effekt von Flecainid und Encainid (Gruppe II) durch ß-adrenerge Blockade mittels Propanolol zu unterdrücken. Diese Beobachtung legt einen möglichen autonomen Mechanismus für proarrhythmetische Effekte mancher Substanzen der (Vaughan Williams) Klasse IC nahe.

In einer Untersuchung an isolierten Kaninchenherzen gingen Dr. S. Dhein vom Institut für Pharmakologie der Universität Köln und seine Mitarbeiter der Frage nach, ob einige Substanzen der Klasse IC das epikardiale Aktivierungsmuster unter Normalbedingungen beeinflussen können. Wichtigste Messparameter waren die Orte der ersten Erregung an der Herzoberfläche (Break-through points), das heißt die Vektoren des epikardialen Erregungsablaufes im Vergleich zur vorhergehenden Erregung. Für Flecainid, nicht aber für Propafenon und Lidocain wurde dabei eine heterogene Ausbreitung des epikardialen Erregungsablaufes beobachtet. Bei niedriger extrazellulärer Kaliumkonzentration und hoher therapeutischer Dosis wurde bei dieser Substanz auch das Auftreten von Arrhythmien beobachtet.

Die diversen Effekte vieler Antiarrhythmika und deren Auswirkungen auf die Behandlungsstrategie bildeten auch in Hamburg einen Diskussionsschwerpunkt, wo Ende Juni ein ebenfalls vom Pharmaunternehmen Knoll AG veranstalteter Workshop mit Prof. Ph. Coumel vom Pariser Hôpital Lariboisière stattfand.

Coumel machte klar, dass es derzeit kein Arzneimittel und keine Behandlungsform gibt, um alle Probleme zu lösen. Niemals dürfe man vergessen, dass Arrhythmien kein unabhängiger Faktor seien, sagte Coumel, und verwies auf eine besonders enge Wechselwirkung mit der Hämodynamik.

Beobachtungen an Patienten, die allesamt während der ambulanten Überwachung einem Sekundenherztod erlagen, führten zur Einteilung in zwei distinkte Gruppen: Eine starke Steigerung der Herzfrequenz vor dem Todeseintritt in der einen Gruppe wurde auf eine bestimmende adrenerge Stimulation zurückgeführt.

In der zweiten Gruppe schienen elektrophysiologische Phänomene verantwortlich zu sein, eine Beschleunigung des Herzschlages wurde nicht beobachtet. Anhand der Reaktionen auf eine medikamentöse Behandlung lassen sich nun Hinweise auf den zugrunde liegenden Mechanismus einer Arrhythmie gewinnen. Leider werde immer wieder der Fehler gemacht, diese wertvollen Informationen zu ignorieren. Elektrophysiologische Phänomene, so Coumel, ließen sich mit moderaten Dosen „reiner“ Antiarrhythmika problemlos beherrschen. Ist dagegen das autonome Nervensystem wichtigster Parameter einer Arrhythmie, werde diese Behandlungsstrategie erfolglos sein. Der Umkehrschluss gelte demnach für Beta- Rezeptoren-Blocker.

Kritisch werde eine Behandlung vor allem dann, wenn man gezwungen sei, eine anfänglich unbefriedigende Reaktion des Patienten durch Erhöhung der Dosis zu verbessern. In der klinischen Situation begegne man meist einer Mischung aus elektrophysiologischen Phänomenen und deren Modulation durch das autonome Nervensystem. Wegen der Unmöglichkeit, diese komplexe Situation exakt einzuschätzen, müsse man komplex wirksame Medikamente wie Amiodaron und Propafenon verabreichen.

(erweiterte Fassung meines Textes im Deutschen Ärzteblatt vom 27. August 1990, ergänzt am 19. März 2017)

Quelle: Workshops der Knoll AG in Freiburg am 23. Mai 1990 und Hamburg, Juni 1990.

Originalliteratur:

Was ist daraus geworden? Ein Wikipedia-Artikel fasst den Stand der Dinge schön zusammen. Verkürzt gesagt gilt die alte Einteilung demnach als problematisch, eine bessere hat man aber noch nicht gefunden. Und wenn Sie bei diesem Artikel nur Bahnhof verstanden haben, kann ich Sie trösten: Mir ging es bei den Workshops damals genau so, und ich musste tagelang nacharbeiten, um den Artikel erstellen zu können.

VERDI -Studie: Verapamil versus Hydrochlorothiazid

Thiaziddiuretika und Betarezeptorenblocker gelten für viele Fachleute als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung einer Hypertonie, obwohl das derzeit gültige Therapieschema der Deutschen Hochdruckliga auf der ersten Stufe ACE-Hemmer und Kalziumantagonisten als gleichwertige Medikamentengruppen empfiehlt. Einen Vergleich über die antihypertensive Wirksamkeit, Verträglichkeit und Nebenwirkungsrate des Kalziumantagonisten Verapamil (Isoptin®, Knoll AG) mit dem Thiaziddiuretikum Hydrochlorothiazid lieferte eine Langzeitstudie, die im Mittelpunkt eines Symposiums stand, das Anfang Mai am Rande der 3. Nationalen Blutdruck-Konferenz in Heidelberg stattfand. Organisator der Veranstaltung war die Kybermed GmbH, Emsdetten, industrieller Sponsor die Knoll AG, Ludwigshafen.

Die „VERDI“-(Verapamil versus Diuretikum)-Studie, bereits 1989 veröffentlicht, hatte eine Laufzeit von 48 Wochen und war als randomisierte, multizentrische (zehn Kliniken, zehn Praxen) Doppelblindstudie angelegt. Für 369 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Hypertonie (95-120 mm Hg diastolisch) wurde als Endpunkt eine Blutdrucksenkung unter 90 mm Hg festgelegt, die durch mehrmalige Messung mit einem automatischen Blutdruckmeßgerät zu bestätigen war.

Wie Prof. Dr. Th. Phillipp von der Abteilung für Nieren- und Hochdruckkranke der Universitätsklinik Essen erläuterte, wurde die Behandlung mit 12,5 mg Hydrochlorothiazid oder 120 mg Verapamil in Retardzubereitung täglich eingeleitet. Bei Nichterreichen des Endpunktes nach vier Wochen wurden die Dosen verdoppelt, nach sechs Wochen vervierfacht.

Für Patienten, bei denen die Monotherapie nach acht Wochen keinen Erfolg zeigte, wurde eine Kombinationstherapie aus Hydrochlorothiazid (25 mg) und Verapamil (240 mg) eingeleitet, deren Dosen gegebenenfalls nochmals verdoppelt wurden. Therapieversager waren solche Patienten, die auch nach zwei Wochen auf der höchsten Dosisstufe das Endziel nicht erreicht hatten. Weitere Gründe für einen Therapieabbruch waren außer organisatorischen Gründen ein Anstieg des diastolischen Blutdruckes auf über 120 mm Hg sowie schwere Nebenwirkungen.

In der Monotherapie erreichten 42 von 169 Patienten (25 Prozent) unter Hydrochlorothiazid und 73 von 163 Patienten unter Verapamil (45 Prozent) den Zielblutdruck. Dabei erwies sich Verapamil in allen Dosisstufen als signifikant wirksamer als Hydrochlorothiazid. Die Gesamterfolgsrate unter Mono- und Kombinationstherapie war mit rund sechzig Prozent in beiden Gruppen nahezu identisch, da sich in der Kombinationstherapie bei Addition von Verapamil zu Hydrochlorothiazid größere Responderraten ergaben als bei der Zugabe von Hydrochlorothiazid zu Verapamil.

Wie B. Bürkle, Medizinische Poliklinik der Universität München, berichtete, ergab die EKG-Auswertung für Verapamil eine signifikante Reduktion der Herzfrequenz. Prof. Dr. A. Distler vom Berliner Universitätsklinikum Steglitz glaubt, dass sich trotz der vorgelegten Daten aus der VERDI-Studie keine unmittelbaren Konsequenzen für die Therapieempfehlungen ergeben werden, da für Kalziumantagonisten entsprechende Daten über Morbidität und Mortalität weiterhin fehlen.

Die Studiengruppe bezweifelt jedoch, ob die Gleichstellung von Diuretika, Betablockern, ACE-Hemmern und Kalziumantagonisten angesichts der erzielten Ergebnisse weiterhin berechtigt sei. Eine weitere große Untersuchung (HANE-Studie mit Hydrochlorothiazid, Atenolol, Nitrendipin und Enalapril), die bereits angelaufen ist, soll mehr Klarheit schaffen.

(erschienen in Deutsches Ärzteblatt am 6. August 1990. Letzte Aktualisierung am 17.3.2017)

Originalpublikationen: Holzgreve H, Distler A, Michaelis J, Philipp T, Wellek S. Verapamil versus hydrochlorothiazide in the treatment of hypertension: results of long term double blind comparative trial. Verapamil versus Diuretic (VERDI) Trial Research Group. BMJ : British Medical Journal. 1989;299(6704):881-886.

Philipp T, Anlauf M, Distler A, Holzgreve H, Michaelis J, Wellek S. Randomised, double blind, multicentre comparison of hydrochlorothiazide, atenolol, nitrendipine, and enalapril in antihypertensive treatment: results of the HANE study. HANE Trial Research Group. BMJ. 1997 Jul 19;315(7101):154-9.

Was ist daraus geworden? Diesen Artikel habe ich nur der Vollständigkeit halber auf meine Webseite genommen, und den Link zur mittlerweile veröffentlichten HANE-Studie ergänzt. Bluthochdruck war nie eines meiner Spezialgebiete, und mir fehlt die Muße, hierzu einen Überblick zu recherchieren. Am besten, Sie fragen Ihren Arzt oder Apotheker 😉

Symposium 5 Jahre Piracetam

Der Einsatz von Nootropika zur Behandlung von Hirnleistungsstörungen im Alter und hirnorganischem Psychosyndrom wurde ursprünglich mit großer Skepsis bedacht. Dennoch wird diese Medikamentengruppe in den neunziger Jahren wahrscheinlich das dynamischste Wachstumsgebiet im Bereich der Neuropsychopharmaka darstellen.

Ein ganzes Symposium drehte sich um diesen Wirkstoff: Piracetam (Von MarinaVladivostok via Wikipedia, CC0)

Über 600 Teilnehmer aus 15 Ländern waren im April in Athen zusammengekommen, um eine Bilanz über Piracetam, den „klassischen“ Vertreter dieser Medikamentenklasse, zu ziehen. Veranstalter des Symposiums „Piracetam: 5 Years Progress in Pharmacology & Clinics“ war die griechische Gesellschaft für Neurologie, als industrieller Sponsor trat das belgische Pharmaunternehmen UCB auf, das Piracetam als Nootrop® anbietet.

In seiner Begrüßungsansprache wies der Entdecker des Piracetams, Prof. Dr. Corneliu Giurgea (Universität Louvain, Belgien), darauf hin, dass dem Baby-Boom der siebziger Jahre ein „Geriatrie-Boom“ folgen müsse, der etwa um das Jahr 2010 zu erwarten sei. Zwar ist der Wirkungsmechanismus des Piracetams, das mit der Gammaaminobuttersäure verwandt ist, noch immer unbekannt, doch weiß man, dass sich dessen günstiger Effekt auf den gestörten Energiestoffwechsel des Gehirns unter anderem in der Stimulation des oxidativen Glukoseabbaus, Erhöhung von ATP-Umsatz und cAMP-Spiegel sowie einem verstärkten Phospholipidstoffwechsel manifestiert.

Zwei zusammenfassende Analysen über Wirkungen und Nebeneffekte dieses Nootropikums präsentierte Dr. Walter Deberdt (Medical Advisor UCB, Belgien). Die Resultate von 18 doppelblinden, plazebokontrollierten Studien an insgesamt 1195 älteren Patienten legten nahe, dass Piracetam zu einer generellen Verbesserung des zerebralen Alterungsprozesses führen könne, so Deberdt.

Die Auswertung von 57 Studien an 3372 Patienten ergab eine signifikante Häufung von Nebenwirkungen für die Piracetam-Behandlung, besonders bei Dosen von 4,8 Gramm täglich. So waren Hyperaktivität, Schlaflosigkeit, Nervosität, Somnolenz, Depressionen und Angstgefühle vermehrt zu beobachten. Da jedoch die Inzidenz der Nebenwirkungen niedrig sei (das Maximum bildete Hyperaktivität bei fünf Prozent der Patienten), überwiegt nach Deberdts Meinung der klinische Nutzen einer Piracetam-Behandlung das Risiko bei weitem.

Mehrere randomisierte, doppelblinde Studien belegten diesen Anspruch. So untersuchte Dr. Liliane Israel (CH.R.U. Grenoble, Frankreich) den Einfluss von Piracetam in Kombination mit Gedächtnistrainingsprogrammen auf 162 Patienten mit altersbedingten Gedächtnisstörungen (AAMI = Age Associated Memory Impairments).

Drei Gruppen von je 54 Patienten im durchschnittlichen Alter von 66 erhielten über einen Zeitraum von drei Monaten Placebo oder Piracetam in Dosen von 2,4 oder 4,8 Gramm täglich. Außerdem wurden die Patienten einmal wöchentlich in Gruppen zu zehn Personen von einem Psychologen im Gedächtnistraining unterwiesen. Die Bewertung der Gedchtnisfunktion wurde schwerpunktmäßig anhand der Vergeßlichkeit vorgenommen und psychometrisch (durch Bewertungsskalen, Fragebögen und Tests) sowie klinisch (basierend auf dem Urteil von Psychologe, Arzt und Patient) gemessen.

In der abschließenden Bewertung durch den Psychologen (gestaffelt in: keine, geringe, mittlere und starke Verbesserung) zeigte sich bei Patienten, die 4,8 Gramm Piracetam eingenommen hatten, eine starke Verbesserung in 42,5 Prozent der Fälle, und eine mittlere Verbesserung in 51 Prozent der Fälle. Bei Einnahme von täglich 2,4 Gramm Piracetam betrugen die entsprechenden Werte 11,5 und 70,5 Prozent (Plazebo: 2 und 20 Prozent). Bei Einnahme von täglich 4,8 Gramm Piracetam zeigten 53,5 Prozent der Probanden eine klinisch relevante Verbesserung der Gedächtnisfunktion. Für eine Dosis von 2,4 Gramm betrug dieser Wert 38 Prozent, und für Plazebo 22 Prozent.

Da die nachweisbaren Responderraten für die gegenwärtig verfügbaren Nootropika eher niedrig sind, sei es wichtig, für diese Medikamentenklasse eine Beziehung zwischen Kosten und Nutzen zu demonstrieren. Diese Meinung vertrat Prof. Dr. Werner Martin Herrmann (Arzneimittelforschung GmbH, Berlin), der sich mit den Auswirkungen einer Piracetam-Behandlung auf das Alltagsleben der Patienten befasste, beispielsweise auf das Ausmaß der Hilfsbedürftigkeit, auf sinnvolle Beschäftigung und Interaktion mit anderen Personen.

Herrmann erläuterte die Ergebnisse einer Phase-III-Studie an 130 stationären geriatrischen Patienten mit Hirnleistungsstörungen. Über einen Behandlungszeitraum von 12 Wochen erhielten jeweils die Hälfte der Patienten im Alter von 65 bis 85 Jahren täglich 4,8 Gramm Piracetam oder Placebo. Beurteilungsgrundlage für die Abschätzung des Behandlungserfolgs war vorwiegend eine Skala auf der Grundlage von ADL-(Activities of daily living). So wurde beispielsweise die „Hilfsbedürftigkeit des Patienten“ in der Beurteilung des Pflegepersonals betrachtet. Hier wurde nach Änderungen bei Aktivitäten wie Waschen, Anziehen, Essen oder Toilette gefragt, aber auch nach sinnvoller Beschäftigung und Interaktion mit anderen Personen. Während sich unter Placebo 23 Patienten verbesserten und 18 verschlechterten, besserten sich unter Piracetam 55 Patienten bei nur einer Verschlechterung. Herrmann ist der Meinung, dass diese deutliche Verbesserung auch außerhalb des klinischen Milieus Bedeutung haben dürfte. Wenn eine unterstützende Nootropika-Therapie die Pflegeabhängigkeit auch nur der Hälfte der Patienten geringfügig verringern würde, so die Argumentation, würde dies bereits eine entscheidende Möglichkeit eröffnen, den Anteil an sozialen Aktivitäten mit dem Pfleger zu erhöhen.

Der progressive Verlust der Autonomie stellt eines der größten Probleme des Alters dar. Die vollständige Auswertung einer Untersuchung aus dem Jahr 1986 über das Fahrverhalten älterer Personen fand daher besondere Beachtung. Die von Dr. Elke Ludemann (Arbeits- und Forschungsgemeinschaft für Verkehrsmedizin und Verkehrspsychologie, Köln) vorgetragene Untersuchung hatte ihren Schwerpunkt in der Fahrverhaltensbeobachtung unter realen Verkehrsbedingungen mit Beobachtungs- und Meßzeiten von durchschnittlich 110 Minuten pro Testfahrt.

Ein Vergleich des Fahrverhaltens älterer Menschen mit dem am wenigsten unfallbelasteten Altersbereich (30 bis 50 Jahre) zeigt eine Verlagerung des Risikopotentials von überhöhter Geschwindigkeit auf die Vorfahrtsverletzungen an Kreuzungen. 101 Kraftfahrer mit einem Durchschnittsalter von 62,2 Jahren, deren Reaktions- und Orientierungsleistungen am Wiener Determinationsgerät 50 Prozent oder weniger entsprachen, erhielten täglich 4,8 Gramm Piracetam oder Plazebo. Nach Abschluß des sechswöchigen Behandlungszeitraumes ergab sich beim Parameter „Orientierung“, der in enger Beziehung zu hohen Unfallzahlen steht, eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Leertest für die Piracetamempfänger. Der Prozentsatz der richtig gelösten Aufgaben verbesserte sich signifikant von 77 auf 84 Prozent, während die Leistungen der Placebo-Empfänger unverändert blieben.

Neben einer Vielzahl von Studien über die Wirksamkeit des Piracetams bei akuten zerebralen Schädigungen, die an kleinen Patientenkollektiven vorgenommen wurden und sich oft an der Grenze zur Signifikanz bewegten, präsentierte Prof. Dr. Horst Herrschaft (Chefarzt der Neurologischen Klinik des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Lüneburg) das Ergebnis einer randomisierten Doppelblindstudie mit 44 Patienten im Alter von 29 bis 80 Jahren mit ischämischen zerebralen Insult. Zusätzlich zur Standard-Hämodilutionstherapie erhielten die 23 Patienten der Verumgruppe während der ersten zwei Behandlungswochen dreimal täglich 4,8 Gramm Piracetam i.v., danach für weitere zwei Wochen 4,8 Gramm Piracetam täglich oral.

Alle Parameter zeigten eine Überlegenheit der Piracetambehandlung, für Paresen, Aphasien, Bewusstseinsstörungen und das EEG statistisch signifikant. Die Gesamtbesserungsrate unter der Kombinationstherapie Dextran/Piracetam übertraf die Standardtherapie um 30 Prozent, ein Ergebnis, das auch von klinischer Relevanz sein dürfte.

(Mein erster Artikel für das Deutsche Ärzteblatt, erschienen in gekürzter Form am 26. Juli 1990. Letzte Aktualisierung am 14. März 2017)

Quelle: Symposium Piracetam: 5 Years Progress in Pharmacology & Clinics. Athen, 29. April 1990. (Reisekosten und Unterkunft wurden bezahlt von UCB)

Was ist daraus geworden? Der Begriff Nootropikum ist unscharf, und Piracetam wird heute eher als Antidementivum eingeordnet, also als ein Mittel gegen Gedächtnisstörungen. Der „Geriatrie-Boom“, den Prof. Giurgea für das Jahr 2010 vorhergesagt hatte, ist tatsächlich eingetroffen. Die wohl schwerste Hirnleistungsstörung im Alter – die Alzheimer-Demenz – wird heute indes mit anderen Medikamenten behandelt.

Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft stellte im Jahr 2004 fest, dass viele der älteren Studien mit Piracetam methodische Schwächen hätten. Dort wird auch auf eine Literaturanalyse der Cochrane Collaboration verwiesen, wonach Piracetam zwar den klinischen Gesamteindruck verbessert, nicht aber die Hirnleistung.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie listet Piracetam in ihrer 2016 veröffentlichten Leitlinie Demenz unter „andere Wirkstoffe“ zusammen mit Nicergolin, Hydergin, Phosphatidylcholin (Lecithin), Nimodipin, Cerebrolysin und Selegilin. Sie DGN hält die Beweislage für all diese Substanzen bei der Alzheimer-Demenz für unzureichend, und urteilt: „Eine Behandlung wird nicht empfohlen.“

Unterdessen wird Piracetam von UCB außer unter dem Markennamen Nootrop™ auch als Nootropil®, Noostan™ und Nootropyl™ verkauft, und ist in mehr als 100 Ländern zugelassen. Allerdings wird dieser Wirkstoff auch illegal – das heißt ohne ärztliches Rezept – von gesunden Menschen eingenommen, die sich davon eine höhere Hirnleistung versprechen. Über dieses „Hirn-Doping“ habe ich seitdem mehrfach geschrieben und bin noch immer der Meinung, dass eine Tasse Kaffee mindestens ebenso gut wirkt, besser schmeckt, und keine Nebenwirkungen hat.