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Umweltmessnetz für die Meere

Norwegen mit seiner wild zerklüfteten Küstenlinie und den tief eingeschnittenen Fjorden ist stark vom Einfluss des Nordatlantik geprägt. Die großen Anstrengungen, die hier unternommen werden, um diesen Lebensraum zu erforschen und zu überwachen erscheinen unter diesem Blickwinkel gut verständlich.

Norwegische Unternehmen sind deshalb auch maßgeblich an einem Forschungsprojekt der EG beteiligt, welches sich hinter dem Namen Euromar verbirgt. Die Abkürzung steht für die „Entwicklung moderner Technologien zur Erforschung ökologischer Kausalzusammenhänge in den europäischen Meeren“. Ziel ist vor allem die Entwicklung eines Umweltmessnetzes für die Meere rund um Europa.

Die in Trendheim ansässige Firma Oceanor betreibt bereits ein dichtes Netz aus verankerten und frei treibenden Messbojen, das vor allem dem Schutz der Aquakulturen dient. Bekanntlich bezieht Norwegen einen nicht geringen Teil seiner Einkünfte aus dem Fischfang und den Lachsen, die in schwimmenden Netzkäfiganlagen gehalten werden.

Bei Oceanor verweist man darauf, dass die derzeitigen Überwachungsmethoden für marine Umgebungen den strengen Qualitätsanforderungen der Wissenschaft nicht genügen. Bei Umweltkatastrophen wie der Algenblüte im Frühjahr 1988 oder Tankerunfällen müssen Informationen über die Wasserqualität sofort parat sein. Auch Umweltschutzgesetze müssen sich auf verlässliche Zahlen stützen können, sei es um wirtschaftlich aufwendige Maßnahmen begründen zu können, sei es wegen der „Umweltkriminellen“ die nur in den seltensten Fällen überführt werden können.

Voraussetzung für die Erfüllung all dieser Wünsche sind zunächst einmal Messgeräte, die den rauhen Bedingungen auf See widerstehen können. Da die Sensoren viele Jahre hindurcharbeiten sollen, müssen sie der ständigen Bewegung ebenso trotzen können wie den wuchsfreudigen Muscheln und Algen.

Sind diese Grundvoraussetzungen gegeben, so können Nährstoffe ebenso erfasst werden wie der Schwermetallgehalt, Temperatur ebenso wie Strömungsgeschwindigkeit und viele andere Messgrößen. Dieses „Mermaid-Programm“, wird vom Forschungszentrum Geesthacht bei Hamburg (GKSS) koordiniert.

Ein weiteres Projekt von Euromar (Opmod) besteht darin, die Übertragung der gesammelten Daten – via Funk und Satellit – zu sichern und Methoden zu entwickeln, mit denen die Zahlenflut bestmöglich ausgewertet werden kann. Über Telefon sollen die Daten dann abzufragen sein. Außer Norwegen sind auch Finnland, Frankreich, Deutschland, Schweden und Portugal beteiligt.

Bei Oceanor ist man optimistisch, Verteidigungsministerien, die Fisch- und Ölindustrie sowie öffentliche Behörden als Käufer gewinnen zu können, wenn Opmod im nächsten Jahr einsatzbereit ist.

(erschienen in der WELT am 13. November 1990. Letzte Aktualisierung am 8. Mai 2017)

Was ist daraus geworden? Gar nicht so einfach, den Erfolg dieser Projekte nachzuverfolgen, geschweige denn zu bewerten. Ich fand dazu fast keine Unterlagen im (frei zugänglichen Teil des) Internet. Oceanor wurde von einer größeren Firma geschluckt, baut aber weiter Messbojen. Das Forschungszentrum Geesthacht hat sich umbenannt (auch so eine Unsitte deutscher Forschungseinrichtungen), und das Wörtchen „Euromar“ klingt so gut, dass es gleich von einer handvoll verschiedener Firmen und Projekte reklamiert wird, die mit dem hier erwähnten aber nichts zu tun haben 🙁

Berichte der Enquete-Kommission Erdatmosphäre

Drei Drucksachen des Deutschen Bundestages sind die Grundlage für die Darstellung der drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit. In insgesamt vier Bänden werden die Ergebnisse der Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ dargelegt. Von der Zerstörung der Ozonschicht über den Schutz der Tropenländer bis zu globalen Klimaveränderungen reicht die Thematik. Zahlreiche Abbildungen begleiten den klar und verständlich gehaltenen Text, dem eine weite Verbreitung auch in öffentlichen Bibliotheken zu wünschen wäre.

Schutz der Erdatmosphäre“, 640 S., 48 Mark; „Schutz der Tropenwälder“, 983 S.,58 Mark; „Schutz der Erde“ (zwei Bände, ab Januar im Handel), ca, 1600 S., 98 Mark. Economica Verlag/Verlag C. F. Müller.

(erschienen in der WELT  am 8. November 1990. Aktualisiert am 7. Mai 2017)

P.S.: Habe leider nur zwei der drei Drucksachen zum Download gefunden: Schutz der Erdatmosphäre, und Schutz der Erde

Milliarden-Schäden durch Uranabbau im Erzgebirge

Schneeberg. Der Uranbergbau in der ehemaligen DDR hat schwerwiegende Umweltprobleme hinterlassen. Umweltminister Klaus Töpfer zeigte sich erschrocken über das Ausmaß der Verwüstungen und den sorglosen Umgang mit schwach radioaktiven Substanzen, der im Erzgebirge jahrzehntelang betrieben wurde und teilweise noch anhält. Anlässlich einer Bürgerversammlung im sächsischen Schneeberg warb Töpfer um Vertrauen für die Umweltpolitik der Bundesregierung.

Abraumhalden bei Schneeberg im Erzgebirge (Copyright 1990, Michael Simm)

Der größte Bergbaubetrieb der Region, die Wismut AG mit derzeit 30.800 Arbeitern, hat seit dem Ende des zweiten Weltkrieges 220.000 Tonnen aufbereitetes Uran (yellow cake) in die Sowjetunion geliefert, ebenso viel wie die Vereinigten Staaten im gleichen Zeitraum produzierten. Das Metall, welches nach einer weiteren Anreicherungsstufe als Kernbrennstoff‘ oder Sprengsatz für Nuklearwaffen dient, wurde unter immensen Kosten für Mensch und Natur gefördert.

Schlammartige Rückstände der Erzaufbereitung werden in gigantischen Absetzbecken von der Größe mittlerer Baggerseen gelagert, die allmählich austrocknen und dabei radioaktiven Staub freisetzen. Erst wenn alle Becken mit Abdeckmaterialien versiegelt sind, ist auch die Gefahr einer Verseuchung von Grund- und Oberflächenwasser durch diese Becken gebannt.

Arbeiten dazu sind bereits in Gang, doch die Beseitigung der riesigen Abraumhalden, die bei der Erzförderung anfielen, wird längere Zeit in Anspruch nehmen: Über 3000 dieser Halden, die bis zu 130 Meter hoch sind, produzieren säurehaltige Sickerwässer, die ebenfalls unkontrolliert ins Grundwasser gelangen.

Die Wismut AG ist eine deutsch-sowjetische Aktiengesellschaft, die noch zu Zeiten des alten Regimes gegründet wurde. Jetzt soll sie unter dem im April berufenen Generaldirektor Horst Richter einen umfassenden Sanierungsplan erstellen. Die unmittelbaren Kosten für die Beseitigung der Schäden dieses Raubbaus schätzt Richter auf 5,4 Milliarden Mark. Eine Beteiligung der Sowjets an den Kosten halten sowohl Töpfer als auch Richter für unwahrscheinlich.

Hohe Priorität gilt auch der Sicherung medizinischer Daten der Wismut-Mitarbeiter. Nach Schätzungen standen fast eine Million Menschen zeitweilig in den Diensten der Gesellschaft. Derzeit befinden sich deren Daten noch im Arbeitshygienischen Zentrum der Region Wismut, doch ist bereits ein unabhängiges Institut mit der Auswertung beauftragt worden.

(erschienen auf der Titelseite der WELT am 27. Oktober 1990. Letzte Aktualisierung am 17. April 2017)

Was ist daraus geworden? Eine extrem umfangreiche Aufarbeitung dieser Geschichte findet sich mittlerweile auf der Wikipedia. Auch zahlreiche Bücher wurden über die Hinterlassenschaft der Wismut geschrieben, darunter auch „Uran für Moskau“ von Rainer Karlsch. Einen Fachartikel mit dem Thema „Gesundheitliche Folgen der beruflichen Strahlenbelastung im deutschen Uranbergbau“ von Maria Schnelzer, Nora Fenske, Linda Walsh, Michaela Kreuzer fand ich im Umwelt und Mensch – Informationsdienst, Nr. 01/2015, der gemeinsam vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Robert Koch-Institut (RKI), und Umweltbundesamt (UBA) herausgegeben wird. Demnach wurden 60000 frühere Wismut-Arbeit über viele Jahe hinweg regelmäßig untersucht mit dem Ergebnis: „Bis Ende 2008 waren 25.438 Personen (43% der Kohorte) verstorben, 3.500 von ihnen an Lungenkrebs. Dies entspricht im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung einer Verdoppelung der Lungenkrebssterblichkeit, welche vorwiegend auf die berufliche Radonbelastung und in geringerem Maß auch auf die Belastung mit Quarzfeinstaub zurückzuführen ist.“

Verdauungshilfe aus dem Genlabor

Ein gentechnisch hergestellter Futterzusatz soll schon im nächsten Jahr den Phosphatausstoß der Niederlande reduzieren helfen. Phytase, so der Name des Eiweißstoffes, ist für den Einsatz in der Schweine- und Geflügelzucht vorgesehen. Experten gehen davon aus, dass mit dieser Maßnahme jährlich 25 Millionen Tonnen Phosphat weniger freigesetzt werden. Dies ist mehr, als mit der Einführung phosphatfreier Waschmittel erreicht werden konnte.

Phosphate tragen maßgeblich zur Gewässerbelastung bei. Die Substanz wird in der Landwirtschaft in großen Mengen freigesetzt, da sie in der Gülle und auch im Kunstdünger enthalten ist. Da aber die riesigen Mengen Phosphat von den Kulturpflanzen nicht vollständig genutzt werden können, gelangt der Rest in die Flüsse und Meere. Heftiges Algenwachstum bis zum „Umkippen“ der Gewässer kann die Folge sein.

Auf einer Tagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft stießen die Ausführungen von Dr. Rob Beudecker daher auf großes Interesse. Beudecker berichtete über Bemühungen, den Schadstoffausstoß der niederländischen Landwirtschaft zu reduzieren. Ausgangspunkt der Forscher war die Überlegung, dass handelsübliches Mischfutter für die Schweine- und Geflügelzucht mit mineralischem Futterphosphat ergänzt werden muss, obwohl der Phosphatgehalt pflanzlicher Nahrung theoretisch ausreichend für die Tiere wäre. Die Bioverfügbarkeit des Phosphates ist unzureichend, weil die Tiere das vorhandene Phosphat nur schlecht verwerten können.

Zwei Drittel des pflanzlichen Phosphates liegen nämlich in Form von Phytinsäure vor, welche nur mit einem bestimmten Eiweißstoff – der Phytase – „geknackt“ werden kann. Wiederkäuer bekommen die Phytase von Mikroorganismen im Pansen, geliefert, Schweine müssen ebenso wie Geflügel ohne die nützlichen Darmbewohner auskommen.

Das Enzym Phytase wird in gentechnisch veränderten Pilzen der Gattung Aspergillus hergestellt und als Futtermittelzusatz benutzt. Es verbessert die Aufnahme von Phosphat bei Geflügel und Schweinen und schont dadurch die Umwelt (Von Ayacop – adapted from http://www.pdb.org/pdb/files/1ihp.pdb using PyMOL, Gemeinfrei, via Wikipedia)

Die Idee, Phytase ins Futter zu mischen, wurde zwar schon vor 20 Jahren zum Patent angemeldet; erst jetzt aber bietet die Gentechnik die Möglichkeit, diesen Biokatalysator in großen Mengen zu niedrigen Preisen zu produzieren. Die Wissenschaftler der Firma Gistbrocades untersuchten über 1000 Mikroorganismen, um dann einen Pilz der Gattung Aspergillus zu isolieren, welcher eine Phytase produzierte, die den Ansprüchen des Marktes genügt: Das Eiweiß ist hochaktiv, vor allem unter den chemischen Bedingungen, die im Kropf des Geflügels sowie im Magen von Schweinen und Vögeln herrschen. Außerdem überlebt die Phytase aus Aspergillus die hohen Temperaturen, die bei der Pelletierung von Futtermitteln entstehen, fast ohne Aktivitätsverlust.

Um das Eiweiß in großen Mengen herstellen zu können, isolierten die Wissenschaftler den molekularen Bauplan für die Phytase und übertrugen dieses Gen erfolgreich auf einen Produktionsstamm. Bei der Verfütterung der so gewonnenen Phytase ergab sich, dass die Verfügbarkeit des Phosphates für Schweine und Geflügel um 20 Prozent zugenommen hatte, gleichzeitig wurde von den Tieren ein Drittel weniger Phosphat mit der Gülle ausgeschieden – was Beudecker für einen sinnvollen Beitrag zum Umweltschutz hält.

Beudecker erwartet jetzt eine Ausnahmegenehmigung der Regierung, sobald der Nachweis erbracht ist, dass die rekombinante Phytase für den Verbraucher unbedenklich ist. Schon im nächsten Jahr soll dann das Futtermittel in Zusammenarbeit mit der BASF auf den holländischen Markt gebracht werden.

In Deutschland ist eine solche Entwicklung übrigens nicht so schnell zu erwarten: In einer Empfehlung des Bundestages wurde die Regierung vor wenigen Wochen aufgefordert, sich in der EG dafür einzusetzen, dass gentechnische Methoden nicht eingesetzt werden, um in der Landwirtschaft weitere Leistungssteigerungen zu erzielen.

(erschienen in der WELT am 23. Oktober 1990. Letzte Aktualisierung am 16. April 2017)

Was ist daraus geworden? Gistbrocades wurde 1998 von der Firma DSM aufgekauft. Ganz selbstverständlich ist heute die Zugabe gentechnisch hergesteller Phytase zum Futter von Schweinen und Geflügel. Und wo früher Horrorszenarien zur Gentechnik an die Wand gemalt wurden, spricht man jetzt von einer „Verbesserung der Nachhaltigkeit“.

Umweltschutz mit Bußgeldern und Plastik-Verbot

Die Müllberge in der Bundesrepublik wachsen unaufhörlich, Gleichzeitig wird der Lagerplatz, der auf den Deponien zur Verfügung steht, immer weniger. Mit ungewöhnlichen Maßnahmen will die Stadt Nürnberg – hier fallen jährlich über eine Million Tonnen Abfall an – eine Lösung des Müllproblems erreichen. Nicht mehr Abfallbeseitigung, sondern Abfallwirtschaft heißt die Devise.

In Nürnberg produzieren 485000 Einwohner jährlich über eine Million Tonnen Abfall. Dem steht gegenüber eine Kapazität der städtischen Müllverbrennungsanlage (MVA) von maximal 260000 Tonnen. Damit ist Nürnberg sicherlich keine Ausnahme. Überall laufen die Brennöfen mit voller Leistung, die Abfallfluten, die hier nicht mehr abgenommen werden können, landen auf den immer knapper werdenden Deponien oder werden gar – im Zuge eines immer weiter zunehmenden Mülltourismus – ins Ausland gebracht.

Umweltreferent Rolf Praml will nun neue Wege beschreiten, um der wachsenden Müllberge Herr zu werden. Weil gute Worte und freundliche Appelle alleine nicht ausreichten, hat der Nürnberger Stadtrat jetzt verbindliche Vorschriften erlassen, die in der Bundesrepublik bisher einmalig sind. Nicht mehr Abfallbeseitigung, sondern Abfallwirtschaft heißt nun die Devise.

In diesem Verwaltungsbegriff steckt einiges an Brisanz: Die Reste unserer Wohlstandsgesellschaft sollen drastisch reduziert werden. Unter dem Motto „Trennen bringt’s“ werden ab ersten Januar des kommenden Jahres Wertstoffe wie Papier, Pappe, Glas und organische Abfalle (Biomüll) vom Restmüll getrennt, damit sie der Wiederverwendung zugeführt werden können. Das gilt auch für Gewerbemüll wie Holz, Metall und sortenreine Kunststoffe, soweit die entsprechenden Einrichtungen zur Verfügung stehen. Für diejenigen, die sich nicht an die neuen Gebote halten, stehen die „Folterinstrumente des städtischen Satzungsrechts zur Verfügung“, wie Praml erklärt.

Doch damit nicht genug: Bei Veranstaltungen auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen dürfen bald nur noch wiederverwendbare Verpackungen ausgegeben werden. Von dieser Vorschrift wird vor allem der berühmte Christkindlesmarkt betroffen sein, auf dem in diesem Jahr zum letzten Mal etwa 600000 Styroporbecher anfallen werden. Weihnachten 1990 wird der Glühwein dann aus Pfandgläsern getrunken.

Auch die Fast-Food-Ketten sollen nicht unbehelligt bleiben. Die Stadt kann Einweggeschirr, Plastikbecher und Pappschachteln verbieten, wenn diese die Abfallmenge erheblich vergrößern oder zur Verschmutzung von Straßen und Anlagen führen. Obwohl seitens der Regierung von Mittelfranken Bedenken gegen diesen „McDonalds- Paragraphen“ bestehen, hält Praml ein gerichtliches Verfahren für unwahrscheinlich.

Trotz der strengen Verordnungen setzt der ehemalige Ministerialrat im hessischen Umweltministerium nämlich auf Kooperation statt Konfrontation. Auch städtische Dienststellen müssen ihren Beitrag zum Umweltschutz leisten, indem sie dafür Sorge tragen, dass Abfall vermieden und die Wiederverwendung von Werkstoffen gefördert wird. „Wir wollen ein Klima erzeugen, dass die Öffentlichkeit sieht: Die Behörden kümmern sich. Davon erwarten wir uns eine Unterstützung unserer Umweltpolitik“, erklärt Praml hierzu.

Erste Ergebnisse dieser Politik sind bereits vorzuweisen: Als jüngst die bestehende Reststoffdeponie erweitert werden musste (allen Bemühungen, das Abfallvolumen zu reduzieren, zum Trotz), wurde diese Maßnahme einstimmig im rot-grün dominierten Stadtrat beschlossen. Während es den meisten Gemeinden große Schwierigkeiten bereitet, neue Mülldeponien anzulegen oder bestehende zu erweitern, kam es in Nürnberg zu keinerlei Bürgerprotesten. Praml führt diese Akzeptanz in der Bevölkerung auf die Einsicht zurück, das alles getan werde, um unnötigen Müll zu vermeiden.

Schule machen könnte auch die enge Zusammenarbeit zwischen Umweltschützern und den städtischen Behörden. Schon jetzt wird ein Teil des Biomülls und der Grünabfälle, die von der Stadt kompostiert werden, an den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) weitergereicht. Dieser packt den Kompost ab und bietet ihn in einer Reihe von Supermärkten zum Verkauf an. Die Erlöse aus diesem Projekt fließen dem gemeinnützigen BUND zu, der damit weitere Umweltprojekte finanziert.

Doch nicht nur der Biomüll muss beseitigt werden. Dieser macht nämlich nur zehn Prozent der Gesamtmenge an Abfall aus, drei Viertel sind nicht einmal brennbar. Der überwiegende Teil besteht aus Bauschutt und Erdaushub. Über eine halbe Million Tonnen kommen so alleine in Nürnberg jährlich zusammen. Die Trennung in wiederverwertbare Materialien (Beton, Ziegel, Steine, Holz), gefährliche Stoffe und unschädlichen Abfall wird in Nürnberg nun zur Pflicht.

Schon jetzt besteht ein Abkommen mit der Deutschen Bundesbahn, die „entschärfte“ Abfälle am Bahnhof entgegennimmt. Ziel der speziellen Kippwaggons ist eine alte Kiesgrube im Rhein-Main-Kreis, die zur Zeit rekultiviert wird. Die Gleise führen direkt an die Grube heran, ohne großen Aufwand kann das Material ausgekippt werden. Die Kiesgrube wird so wieder in ihren ursprünglichen Zu stand zurückversetzt. 200000 Tonnen verschwanden so im letzten Jahr und trugen sogar dazu bei, verbrauchte Natur zurückzugewinnen, statt wert vollen Deponieraum zu verschwenden.

Ein Besuch in der Müllverbrennungsanlage (MVA) macht klar, dass es an der Zeit ist, umzudenken: An die 550 Mal am Tag kippen die Wagen der städtischen Müllabfuhr und des Gewerbes hier ihre Fuhren in die riesige Grube, von wo der Abfall mit Lastkränen in die Verbrennungsöfen gefüttert wird. Innerhalb eines Arbeitstages kommen so 1100 bis 120 Tonnen zusammen. Wie Betriebsingenieur Gerold Wittek erläutert, arbeite die MVA rund um die Uhr, siebe Tage in der Woche, mit maximaler Leistung. Immer wieder erscheine Lastkraftwagen, die vornehmlich mit Holz und Pappe beladen sind: Rohstoffe, die wiederverwertet werde könnten, die hier aber aufwendig beseitigt werden müssen.

Ein Blick auf die Statistik zeigt dass in der Bundesrepublik trotz stagnierendem Bevölkerungswachstums jährlich zwischen 0,5 und 3 Prozent mehr Müll anfallen. Dieser Trend ist seit Jahrzehnten ungebrochen. Reinhard Arndt, Betriebsleiter der MVA, hofft, dass die neue Abfallwirtschaftssatzung greift, sonst wird die Erweiterung der Anlage oder gar ein Neubau fällig. Die Kosten hierfür würden über 400 Millionen Mark betragen.

(überarbeitete Fassung meines Artikels für die WELT vom 12. Oktober 1989)