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Ölfeld explodiert nicht bei Angriffen

Der Zustand der Ölfelder in Kuwait ist wegen widersprüchlicher Meldungen unklar. Die kuwaitische Exilregierung spricht in Zusammenhang mit der angeblichen Zerstörung von Ölfeldern von einer „neuen verbrecherischen Handlung“ der Iraker. Dagegen liegen britischen Militärkreisen keine Informationen über brennende Ölfelder vor.

Ein Sprecher der US-Streitkräfte in Saudi-Arabien hatte erklärt, Luftaufnahmen zeigten, daß der Irak seine Drohungen wahr gemacht habe, Ölquellen und Vorratstanks anzuzünden. Bei der Deutschen Shell AG wollte man sich nicht an Spekulationen beteiligen; es fehle dazu an konkreten Kenntnissen über die geographischen Voraussetzungen in der Krisenregion.

Der Sprecher der Deutschen Shell AG Karl-Wilhelm Lott erklärte: „Es ist nicht einfach, ein Ölfeld in Brand zu stecken.“ Die allermeisten Öl- und Gasvorkommen sind an unterirdisches Trägergestein gebunden und dort in mikroskopisch feine Poren eingelagert. Nur bei einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Lagerstätten (sogenannte eruptive Ölfelder) ist der unterirdische Druck groß genug, um einen regelrechten Ausbruch zu erzeugen. Bei „klassischen“ Ölfeldern muß der Druck dagegen von Pumpen bereitgestellt werden, ohne deren Hilfe der Strom nicht aufrecht erhalten werden kann.

Eruptive und klassische Lagerstätten sind gleichermaßen mit Ausbruchschiebern gesichert. Im Fachjargon werden diese Ventile, die einen „Blow-Out“ verhindern sollen, Christbäume genannt. Bei Sprengung der Ventile eruptiver Lagerstätten schießt ein Gemisch aus Öl, Gas, Sand und Schlamm an die Oberfläche.

„Dieses Gemisch“, so Lott, „kann man entzünden. Das Ganze brennt dann wie eine Fackel“. Saddam Hussein könnte diesen Mechanismus bereits in Gang gesetzt haben, mit dem vorrangigen Ziel, den alliierten Luftstreitkräften durch die enormen Rauchschwaben den Zielanflug zu erschweren.

Ein Explodieren ganzer Ölfelder – sie liegen in der Krisenregion mehrere hundert Meter tief – ist allerdings auch dann nicht zu erwarten, wenn die Förderanlagen massiven Bombenangriffen ausgesetzt sind. Entgegen der Erwartung ist Rohöl nur schwer zu entzünden.

Dennoch darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, die vor allem von den überirdischen Installationen ausgeht. Dort befinden sich, oft über mehrere Quadratkilometer verteilt, neben den Fördertürmen auch Sammeltanks von etwa 50000 Kubikmetern Fassungsvermögen, Entgasungsanlagen und kleinere Raffinerien.

„Diese Anlagen kann man natürlich sprengen oder in Brand setzen; das gibt dann ein ordentliches Feuer“, so Lott. Auch die Ölbohrplattformen vor der Küste bieten Angriffspunkte. Bei einem Angriff auf Plattformen oder Sammelstationen an der Küste, in denen die Pipelines zusammenlaufen, gelänge Öl in größeren Mengen ins Meer. Die Möglichkeit einer verheerenden Ölpest bestünde allerdings auch in diesem Fall „nur“ bei eruptiven Feldern.

(leicht korrigierte Version eines Artikels, veröffentlicht in „DIE WELT“ am 24.1.1991)

Klimakatastrophe durch Golfkrieg?

Nachdem die internationale Streitmacht sich bereits am ersten Tag der kriegerischen Auseinandersetzungen die Lufthoheit über den Irak und Kuwait gesichert hat, gibt es nach wie vor Befürchtungen, daß die Kämpfe zu einer ökologischen Katastrophe ohnegleichen führen könnten.

Schätzungsweise ein Drittel der 1000 kuwaitischen Ölquellen wurde durch die irakischen Besatzungstruppen vermint. Nach unabhängigen Schätzungen könnten bei einer Sprengung täglich 1,5 Millionen Barrel Rohöl verbrennen, das entspricht etwa 140 Millionen Litern.

Ausgelöst wurden die Spekulationen über eine drohende Umweltkatastrophe, in deren Gefolge auch ein „nuklearer Winter“ nicht ausgeschlossen werden könne, durch eine Konferenz, die vor zwei Wochen in London von Penny Kamp organisiert wurde. Kamp war bisher vornehmlich als Autor zu Umweltthemen in Erscheinung getreten.

In Anwesenheit von Vertretern der Ölindustrie, Mitgliedern der Friedensbewegung und einer Reihe von Umweltingenieuren beschrieb John Cox, Vizepräsident der Kampagne für Nukleare Abrüstung und Berater einer Ölfirma, ein Weltuntergangsszenario und warnte vor einer ökologischen Katastrophe ohne Beispiel. Dieser Vermutung wiedersprach unter anderem John Houghton, Direktor des Britischen Wetteramtes: „Wir glauben nicht, daß es ein größeres Klimaproblem geben wird.“

Nach den wissenschaftlichen Grundlagen für die widersprüchlichen Äußerungen befragte die WELT einen der renommiertesten deutschen Klimaforscher. Professor Christian-Dietrich Schönwiese ist Direktor des Instituts für Meteorologie und Geophysik der Goethe-Universität in Frankfurt und Mitglied des IPCC, (Intergovernmental Panel on Climate Change), einer weltweiten Vereinigung von Klimaexperten.

Die Äußerungen des britischen Chemieingenieurs John Cox haben in der Öffentlichkeit große Besorgnis über die möglichen Folgen eines Golfkrieges hervorgerufen. Cox behauptet unter anderem, daß eine Sprengung der kuwaitischen Ölquellen durch irakische Truppen gewaltige Brände hervorrufen würde. Das brennende Öl und die entstehenden Rußwolken. so Cox, würden zu einem Ozonloch von gigantischen Ausmaßen führen, möglicherweise würde auch der Monsunregen ausbleiben und so eine Milliarde Menschen mit dem Hungertod bedrohen.

Schönwiese: Das halte ich für äußerst spekulativ, auch für sehr unwahrscheinlich.

Glauben Sie, daß sich hier ein kompetenter Wissenschafller geäußert hat? Herr Cox scheint bisher noch nicht als Umweltexperte in Erscheinung getreten zu sein.

Schönwiese: Es ist leider so, daß sich jetzt viele selbsternannte Wissenschaftler äußern. Ich habe die Namensliste der letztjährigen Weltklimakonferenz durchgesehen; das waren immerhin 150 Leute weltweit plus 200 weitere, die die Texte kritisch durchgesehen haben. Dabei ist mir dieser Name nie untergekommen. Ich kenne ihn (Cox) also schlicht nicht. Es passiert häufiger, daß ich Meinungsäußerungen höre zu Klimaproblemen von Leuten, die mir aus der klimatologischen Wissenschaft her vollkommen unbekannt sind.

Werden die Gefahren eines Golfkrieges in den Medien realistisch dargestellt?

Schönwiese: Zwar habe ich nicht alles verfolgt, was da geschrieben und gesagt wurde, aber das, was ich höre, scheint mir übertrieben zu sein.

Die Ölmengen, die schlimmstenfalls in Kuwait verbrennen (Schätzungen gehen von 1,5 Millionen Barrel täglich aus), scheinen im Vergleich zum weltweiten Verbrauch von täglich 50 Millionen Barrel eher klein. Wie kann man da zu der Behauptung gelangen, über dem indischen Subkontinent drohe ein riesiges Ozonloch?

Schönwiese: Mit dem Ozonloch hat das gar nichts zu tun, höchstens mit dem Treibhauseffekt. Durch die Verbrennung wird Kohlendioxid (CO2) freigesetzt. Durch die Energienutzung, indirekt auch durch die Brandrodungen werden jährlich 26 Milliarden Tonnen diese Treibhausgases freigesetzt. Ich schätze, daß in Kuwait nur etwa ein Tausendstel dessen entstehen könnte. Das heißt, es dürften einige Millionen Tonnen sein, die in die Atmosphäre gelangen und dann auch nicht ein ganzes Jahr lang, sondern, wenn man Pech hat, einige Monate, vielleicht aber auch nur einige Tage. Mit anderen Worten: Das Ausmaß der CO2-Freisetzung im Zuge des Golfkrieges ist viel viel kleiner als die Freisetzung durch die Weltenergienutzung. Außerdem entstehen durch brennende Ölfelder auch Rußpartikel.

Zu diesem Szenario gibt es Modellrechnungen zum sogenannten nuklearen Winter im Falle eines weltweiten Atomkrieges. Man geht dabei von ähnlichen Annahmen aus, allerdings mengenmäßig und auch räumlich sehr viel umfangreicher. Bei diesen Berechnungen ergibt sich, wie der Name schon sagt, eine Abkühlung. Wenn ich das Szenario „Weltatomkrieg“ jetzt mit dem Golfkrieg vergleiche, so ist im Falle des Golfkrieges das Ausmaß sehr viel geringer; entsprechend geringer ist auch der Einfluß auf das Weltklima. Meine Studenten haben mich heute bereits um eine kurze Stellungnahme gebeten. Ich meine: Die durch einen Golfkrieg verursachten Klimaänderungen sind verschwindend gering, wenn überhaupt welche auftreten. Die ökologischen Folgen, insbesondere wenn es zu einem Einsatz biologischer Waffen kommt, könnten nach meiner Meinung verheerend sein. Allerdings bin ich nicht der Fachmann, um diese Frage im Einzelnen zu beurteilen.

Ihr Kollege, Prof. Paul Crutzen vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie verweist darauf, daß der Rauch die Ozonschicht dennoch bedrohen könne, indem die Rußpartikel – wenn sie bis in diese Schichten der Atmosphäre vordringen – das Ozon dort „wegdrücken“.

Schönwiese: Dem kann ich nicht folgen. Die Rußpartikel und das Ozonloch haben miteinander überhaupt nichts zu tun. Der Abbau des Ozons in der Stratosphäre hängt mit den Fluorchlorkohlenwasserstoffen zusammen, insbesondere den Chloratomen, die in diesen Substanzen enthalten sind. Ich halte Herrn Crutzen für einen sehr kompetenten Fachmann, aber dieser Argumentation kann ich nicht folgen.

(erschienen in „Die WELT“, am 18.1.1991)