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Kommentar: Die Angst vor der Gentechnik

Wer sich in Deutschland eine fundierte Meinung zur Gentechnik bilden will, hat’s schwer. Die Berichte sind oft widersprüchlich. Ganzseitige Anzeigen der „Deutschen chemischen Industrie“ fördern eher das Miß- denn das Vertrauen. Auf der Mattscheibe wird ebenfalls gestritten, und das auf allen (deutschen) Kanälen. Je nach Gemüt und Sachverstand präsentieren da Experten und solche, die sich dafür halten, ihre ganz persönliche Meinung. Mal laut schreiend, dann wieder bedächtig-gewichtig vorgetragen, hören wir die Thesen vom drohenden Bio-GAU oder der Schlüsseltechnologie des dritten Jahrtausends.

Dabei wollte man doch nur eine einfache Antwort auf eine einfache Frage: Wie gefährlich ist die Gentechnik? Nun denn: Sie ist längst nicht so gefährlich wie ein Verbrennungsmotor, lautet die auf den ersten Blick etwas verwirrende Antwort. Ebenso wie die Gentechnik ist auch ein Motor nichts weiter als ein Mittel zum Zweck, ein Werkzeug, das einen Rasenmäher ebenso in Bewegung versetzen kann wie einen Panzer.

Keiner käme deshalb auf die Idee, in Deutschland ein generelles Produktionsverbot für Motoren aller Art vorzuschlagen, bis alle potenziellen Risiken dieser Technik geklärt sind. Kein „potenzielles Risiko“, sondern eine ganz konkrete Folge waren mehr als 1.000 Tote und 400.000 Verletzte. Dies sind wohlgemerkt nicht die Opfer der Gentechnik, sondern die Opfer des gesamtdeutschen Straßenverkehrs 1992.

Zum Vergleich: Selbst Kritiker der Gentechnik können 20 Jahre nach Einführung der Methode lediglich auf zwei Forscher des Pariser Pasteur-Instituts verweisen. Sie verstarben an seltenen Hirntumoren, deren Ursache noch immer umstritten ist. Auf der „Haben“-Seite präsentiert die Gentechnik heute unter anderem: einen Bluttest zum Nachweis des Aids-Virus, ohne den kein OP-Patient vor dem tödlichen Erreger sicher wäre, Impfstoffe gegen Herpes und Hepatitis B, gut 150 Medikamente allein auf dem deutschen Markt und die ersten Erfolge bei der Therapie bisher unheilbarer Erbkrankheiten.

Natürlich rechtfertigt diese Bilanz noch lange keinen Freibrief für alle möglichen Anwendungen der Gentechnik. Und diejenigen, die eine Technologie des „hundertprozentig sicher“ anpreisen, offenbaren damit lediglich, daß sie von Mathematik und Naturwissenschaften wenig Ahnung haben. Umgekehrt erkennt der Laie den seriösen Forscher in einer Talkshow daran, daß er nichts, aber auch gar nichts völlig ausschließen will. Das macht ihn zur leichten Beute derjenigen, die nicht müde werden, vor beifällig nickendem Publikum auf ein „Restrisiko“ hinzuweisen, und sei es auch noch so weit hergeholt.

Nach getaner Arbeit steckt man sich dann eine Zigarette an (200.000 Tote jährlich), trinkt noch ein Bierchen oder zehn (25.000 Tote) und fährt zufrieden nach Hause (siehe oben). Soziologen haben für dieses scheinbar schizophrene Verhalten eine einleuchtende Erklärung parat: Die Angst vor einer Technologie nimmt zu, je weniger man damit in seinem Alltagsleben konfrontiert wird.

Der Umgang mit Auto, Computer, Telefon und Telefax, aber auch mit Alkohol und Nikotin gilt als „normal“ und daher ungefährlich. Das Vermischen und der Austausch von Erbmaterial erscheinen dagegen als unnatürlich, ein Gen als bedrohlich, weil die meisten Menschen weder das eine noch das andere jemals zu Gesicht bekommen.

Das Vermischen von Erbmaterial aber – man erinnert sich an längst vergessene Schullektionen – steht am Anfang unserer Existenz, geschieht vor und nach der Befruchtung der mütterlichen Eizelle durch eine Samenzelle des Vaters. Erbmaterial wird aber auch zwischen den Arten ausgetauscht. Weitgehend plan- und ziellos erfolgt der Gentransfer zum Beispiel zwischen den Hunderten verschiedener Arten von Bakterien und Viren, die sich in und auf dem Körper eines jeden gesunden Menschen finden.

Neu ist lediglich, daß Wissenschaftler heute einzelne Gene gezielt übertragen – im Gegensatz zur klassischen Zucht von Tier und Pflanze, die dagegen viel eher einem Glücksspiel gleicht. Anstelle der sinnlosen Forderung an die „Gentechniker“, eine Unbedenklichkeitsgarantie für die Ewigkeit abzugeben, sollte endlich die offene Diskussion über Vor- und Nachteile der jeweiligen Projekte treten. Wollen wir neue Arzneimittel und Impfstoffe, ja oder nein? Wollen wir krebskranken Menschen die Chance einer Gentherapie eröffnen, oder reichen die herkömmlichen Behandlungsmethoden aus?

Gefragt werden muß aber auch: Wollen wir die Methode einsetzen, um Geschmack oder Haltbarkeit unserer Lebensmittel zu verbessern? Ist es sinnvoll, die Milchleistung von Kühen oder die Größe von Kartoffeln weiter zu steigern? Werden genmanipulierte Pflanzen Schädlingsbekämpfungsmittel überflüssig machen oder den Einsatz von Herbiziden noch erhöhen?

Nur am Rande sei darauf hingewiesen, daß sich mit dem gleichen Recht ganz andere Fragen stellen ließen, etwa in der Art: Brauchen wir tonnenschwere Edellimousinen, die auf dem Weg von Hamburg nach München ein mittelgroßes Aquarium voller Benzin verbrennen, brauchen wir Stereoanlagen für 30.000 Mark, müssen wir im Urlaub nach Acapulco fliegen? Wir müssen natürlich nicht. Wir brauchen all diese Dinge ebensowenig wie Designerjeans und Seidenkrawatten – aber mit welchem Recht wollte man sie uns verweigern?

(erschienen in „DIE WELT“ am 22. Februar 1993)

Kommentar: Klare Sprache

Der Wille, Andere anzuhören, ist Grundlage für gerechte Entscheidungen – nicht nur in der Politik. Offensichtlich war die Mehrheit der politisch Verantwortlichen in Genf aber nicht bereit, den Ratschlägen der weltbesten Klimaforscher die gebotene Aufmerksamkeit zu schenken.

Über die Klimapolitik habe ich mich damals schon geärgert, aber das Vertrauen des Chefredakteurs Manfred Schell hat mich sehr gefreut: Mein erster Kommentar bei der WELT nach nur zwei Monaten als Redakteur im Wissenschaftsressort.

Namentlich die Hauptproduzenten des Treibhausgases Kohlendioxid – die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion – wollen sich aus der Verantwortung stehlen und ziehen sich auf angebliche Unsicherheiten in den Prognosen der Wissenschaftler zurück. Andere, wie die britische Premierministerin Margaret Thatcher, formulieren wohlklingende Erklärungen, um ihre Bremserrolle auf dem Gebiet des Umweltschutzes zu kaschieren. Da nützt es wenig, wenn Deutschland, Frankreich oder die kleine Schweiz drastische Maßnahmen beschließen, um ihrer Verantwortung für das Weltklima gerecht zu werden.

Seit Mai dieses Jahres liegt die Bilanz der führenden Klimaexperten vor. 170 Fachleute aus 25 Ländern haben eine Zusammenfassung des heutigen Standes der Klimaforschung vorgelegt, kondensiert auf 25 Seiten, geschrieben in verständlicher und klarer Sprache. Niemand behauptet, alle Fragen beantworten zu können, doch sind die Empfehlungen eindeutig:

Gehandelt werden muss jetzt, denn die 20 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, welche jährlich buchstäblich verheizt werden, haben im Zusammenspiel mit FCKW, Methan und anderen Gasen die Zusammensetzung der Erdatmosphäre schon stärker verändert, als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit.

In Genf saßen Wissenschaft und Politik zwar am gleichen Tisch – aber nicht zur gleichen Zeit. Wenn dieses Beispiel Schule macht, sollte man auf derartige Konferenzen lieber verzichten: Durch die reduzierte Reisetätigkeit tausender Politiker, Forscher und Medienvertreter würde weniger CO2 produziert, man hätte dann einen konkreten Schritt gegen die globale Erwärmung getan.

(Erschienen in der WELT am 8. November 1990)