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Krebspatienten oft schlecht ernährt

Etwa jeder dritte Krebspatient, der in einer Schwerpunktpraxis versorgt wird, ist unzureichend ernährt. Herausgefunden hat dies ein Team um Professor Hans Hauner, Leiter des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München.

Veröffentlicht wurden die Erkenntnisse jetzt in der Deutschen Medizinischen Wochenzeitschrift. Bisher gab es keine derartigen Untersuchungen zu ambulanten Patienten in Deutschland. Dies, obwohl Schätzungen nach Angaben der Forscher ergeben haben, dass etwa ein Viertel aller Tumorpatienten nicht an ihrer Grunderkrankung versterben, sondern an den Folgen einer damit verbundenen Mangelernährung. Die Therapie ist bei den geschwächten Patienten weniger erfolgreich, es kommt häufiger zu Komplikationen und natürlich verringert sich die Lebensqualität der Betroffenen.

Um herauszufinden, wie groß das Problem ist, haben Hauner und dessen Kollegen 44 Praxen im südbayerischen Raum angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Leider haben nur 17 dieser Praxen mitgemacht, was die Genauigkeit der Ergebnisse schmälern dürfte. Vermutlich haben diejenigen, die wenig Interesse an dem Thema haben, auch seltener an der Umfrage teilgenommen. Die Daten spiegeln deshalb womöglich eher die Situation in Praxen, wo man sich des Problems bewusst ist. Heraus kam jedenfalls, dass unter 17 teilnehmenden Schwerpunktpraxen für Onkologie:

Nur eine Praxis beim ersten Kontakt systematisch nach einer Mangelernährung gesucht hat, nur drei Praxen allen Patienten eine vorbeugende Ernährungsberatung angeboten haben, in zehn Praxen eine Beratung nur dann erfolgte „wenn der Ernährungszustand dies erforderte“, und dass nicht einmal jeder dritte Patient nach der Diagnose eine Ernährungsberatung erhalten hatte.

Unter den 765 Patienten, die die Fragebögen ausgefüllt hatten, war die Mangelernährung weit verbreitet. Dies wurde mit zwei verschiedenen Skalen gemessen, der MUST (Malnutrition Universal Screening Tool) und dem NRS-2002 (Nutritional Risk-Screening-2002). Der MUST fand ein mittleres Risiko für eine Mangelernährung bei 15,4 Prozent der Teilnehmer, und ein hohes Risiko bei 19,5 Prozent. Laut NRS-2002 hatten 29,1 Prozent ein erhöhtes Risiko. Im Mittel hatten die Patienten in den drei bis sechs Monaten vor der Befragung 2,7 Kilogramm abgenommen, und etwa jeder siebte hatte sogar mehr als ein Zehntel seines Ausgangsgewichts verloren.

In einer begleitenden Pressemitteilung heißt es: “Der Ernährungsexperte sieht einen dringenden Handlungsbedarf, um vorhandene Versorgungslücken zu schließen. Ein Screening und eine darauf abgestimmte frühzeitige Ernährungsberatung sollten ein fester Bestandteil in der ambulanten Betreuung von Patienten mit einer Tumorerkrankung sein.”

(Was man aber auch erwähnen sollte ist ein potenzieller Interessenkonflikt Hauners, der natürlich die Bedeutung einer Ernährungsberatung betont, dabei neben seiner Position als Institutsleiter zugleich Buchautor und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Danone Deutschland, Oviva Gmbh, Boehringer Ingelheim und Novo Nordisk ist. Gespannt warten wir hier deshalb auf weitere Studien die zeigen, wie die geforderten Interventionen sich auf die Lebensqualität und auf die Lebenserwartung der Patienten auswirken.)

Quellen:

Hauner H et al: Häufigkeit eines Risikos für Mangelernährung bei Patienten in onkologischen Schwerpunktpraxen – eine Querschnittserhebung. Dtsch Med Wochenschr. 2020;145(1):e1–e9. doi:10.1055/a-1008-5702.

Pressemitteilung des Thieme-Verlages

Mammographie: Weniger Schmerzen durch „Selbstbedienung“

Aus Frankreich kommt eine Studie die helfen könnte, Frauen bei der Röntgen-Untersuchung der Brust (Mammographie) Schmerzen zu ersparen. Überraschend dabei ist, dass dies offenbar ohne Qualitätsverluste möglich ist. Ein Nachteil könnte sein, dass die Röntgenassistentinnen mehr Zeit für die Untersuchung benötigen.

Das Verfahren nennt sich „Selbst-Kompression“, was bedeutet, dass die Frauen bei einer Mammographie selbst mitwirken, wenn die Brust für die Röntgenaufnahme zwischen zwei Platten eingeklemmt wird. Hier ist ein hoher Druck nötig, um ein möglichst scharfes Bild zu bekommen. Die Einstellungen, die in der Regel von einer Röntgenassistentin vorgenommen werden, sind aber für viele Frauen schmerzhaft, und manche verzichten deshalb sogar auf die Kontrolltermine.

Für ihre Studie (Interest of Self-compression Technique on Tolerance of Mammography) haben französische Röntgenärzte um Philippe Henrot am Institut de Cancérologie de Lorraine 549 Frauen zwischen 50 und 75 Jahren nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Während die Frauen in der einen Gruppe wie üblich untersucht wurden, durften die Frauen der anderen Gruppe unter Anleitung der Assistenten selbst bestimmen, mit wie viel Druck die Brust für die Röntgenaufnahme zusammengepresst wurde.

Die Forscher verglichen dann als Maß für den Druck, auf welche Dicke die Brust im Durchschnitt zusammengepresst wurde – und fanden in beiden Gruppen ziemlich genau 5,2 Zentimeter. Die Andruckstärke wurde ebenfalls bestimmt. Sie war bei den Frauen, die an der Untersuchung mitwirken durften, im Durchschnitt fast ein Kilogramm höher. Die Schmerzen dagegen waren auf einer Skala von 1 bis 10 für die Selbst-Kompression mit median 2 Punkten eindeutig geringer als beim assistierten Verfahren (median 3 Punkte) . Diese Verbesserung ging nicht zu Lasten der Bildqualität: In beiden Gruppen musste etwa jede sechste Aufnahme wiederholt werden, was für die Mammographie einen normalen Wert darstellt.

Der einzige Nachteil, den die Selbst-Kompression in dieser Studie mit sich brachte, war, dass die Untersuchung länger dauerte. Etwa in jedem dritten Fall mussten nämlich die Röntgenassistentinnen einschreiten und weitere Anweisungen geben, wobei sie die Frauen meist ermutigten. In einer nachträglichen Befragung beklagten annähernd 70 Prozent der Assistentinnen den höheren Zeitbedarf. Mehr als die Hälfte antwortete mit „unentschlossen“ ob sie die Technik der Selbst-Kompression routinemäßig einsetzen würden. Ob das Verfahren eines Tages routinemäßig angeboten wird, dürfte jedoch vor allem an den Röntgenärzten liegen – und ob die Krankenkassen bereit wären, den erhöhten Aufwand zu bezahlen.

Henrot P et al.: Self-compression Technique vs Standard Compression in Mammography: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2019 Feb 4. doi:10.1001/jamainternmed.2018.7169

Crowdfunding statt Krankenkasse?

Auf der Internetplattform GoFundMe werben schwerkranke Krebspatienten um Spender für Therapien, die Krankenkassen nicht bezahlen wollen. Eine Studie in der Fachzeitschrift Lancet Oncology fand heraus, dass mehr als 13000 Menschen bereit waren, dafür zu bezahlen – obwohl die Wirkung dieser Therapien nicht bewiesen ist, und sie möglicherweise sogar das Leben verkürzen.

Dass die Arbeiten von Philosophen in medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht werden, hat Seltenheitswert. Dass Professor Jeremy Snyder von der Simon Fraser University im kanadischen Burnaby es trotzdem geschafft hat, liegt an seinem Spezialgebiet: Wie Menschen die Hoffnungen anderer ausbeuten. Gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Rechtsprofessor Timothy Caulfield von der Universität Alberta hat Snyder sich deshalb auch bei GoFundMe umgesehen, der mit Abstand größten Internetplattform für das sogenannte Crowdfunding – also die Finanzierung von Erfindungen, Projekten und Kampagnen aller Art durch eine große Anzahl Menschen.

Die beiden Forscher machten ihre Stichprobe auf der englischsprachigen Hauptseite von GoFundMe am 8. Juni 2018 und durchsuchten die Inhalte nach Worten wie „Krebs“ und „Homöopathie“, um Kampagnen für eindeutig unbewiesene Krebsbehandlungen zu finden. In ihrer Momentaufnahme fanden sie 220 Kampagnen, die von 13621 Geldgebern unterstützt wurden. Die weitaus meisten Antragsteller (85 Prozent) kamen aus den USA, mehrere aus Kanada und Großbritannien, und jeweils eine Person aus Deutschland, Irland und Spanien.

Die Treffer wurden unter anderem bezüglich des erbetenen und gespendeten Geldes, der Weiterverbreitung in sozialen Medien wie Facebook und demographischer Daten der Antragsteller ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die Antragsteller insgesamt etwas mehr als 5 Millionen Euro erbeten hatten ($ 5.795602). Dem standen 13621 Spender gegenüber, die sich verpflichtet hatten, mehr als 1,2 Millionen Euro zu zahlen ($ 1.413482) – also knapp ein Viertel der Gesamtsumme aller Anträge. Zusätzlich hatten die Besucher von GoFundMe die Kampagnen auf Facebook exakt 112353 Mal weiter verbreitet, indem sie diese teilten.

Bei 85 der 220 Patienten ruhten die Hoffnungen auf organischen Nahrungsmitteln und dem „Juicing“, also kalt gepressten Obst- und Gemüsesäften. 68 gaben an, sich mit dem Geld Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine und Kräuter kaufen zu wollen, 30 hofften auf Infusionen von Vitamin C. Andere glaubten an Sauerstoff- und Ozonkuren, an die Akupunktur, Cannabis, Naturheilkunde, nicht zugelassene Immuntherapien, „Entgiftungen“, Geistheilungen, die chinesische Medizin, Misteln, Yoga, „Magnettherapie“ und zahlreiche weitere Verfahren, die von den Autoren allesamt als Krebsbehandlungen ohne Wirkungsnachweis betrachtet werden.

Der größte Teil der Antragsteller (38 Prozent) wollte ihre alternativen Therapien zusätzlich zur Schulmedizin anwenden. Fast ein Drittel (29 Prozent) lehnten die Schulmedizin jedoch generell ab. Sie hatten Angst vor den Folgen und/oder bezweifelten deren Wirkung. Ebenfalls fast ein Drittel lobte die Alternativmedizin mit falschen Behauptungen wie „Es ist bewiesen, dass die Homöopathie/Naturmedizin außergewöhnliche Heilungen erzielt und dass zahlreiche Patienten ihr das Leben verdanken.“

Tatsächlich hatte eine Studie erst vor kurzem gezeigt, dass krebskranke Anhänger der Alternativmedizin geringere Überlebensraten haben und ein höheres Risiko, zu versterben. Die Verzweiflung unter den Antragsstellern war offenbar groß, und viele sehr krank. Dies hatten die Forscher anhand der Informationen der Webseite festgestellt, aber auch durch die Auswertung von Sterberegistern, wo die genannten Namen auftauchten. So fanden sie heraus, dass mindestens 28 Prozent – also mehr als ein Viertel – der Patienten bereits verstorben waren.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 96-book@2x.png   Quelle
  • Snyder J, Caulfield T. Patients‘ crowdfunding campaigns for alternative cancer treatments. Lancet Oncol. 2019 Jan;20(1):28-29. doi: 10.1016/S1470-2045(18)30950-1.

Selumetinib – wirksam gegen Neurofibrome, aber nicht verfügbar

Eine seltene Erbkrankheit, die bei Kindern Nerventumore verursacht, kann offenbar mit dem Wirkstoff Selumetinib erfolgreich bekämpft werden, zeigt eine kleine Studie mit 24 Teilnehmern. Das als Neurofibromatose Typ 1 (NF1) bekannte Leiden verursacht häufig Geschulste, die nicht operiert werden können. Diese inoperablen plexiformen Neurofibrome wurden jedoch bei allen 24 Kindern in der Studie gebremst, und bei 17 von ihnen schrumpften sie sogar um 20 bis 50 Prozent.

Dr. Widemann vom US-Krebsforschungszentrum NCI leitet mehrere Studien zum Neurofibrom (Foto: NCI)

Den größten Erfolg erzielten die Wissenschaftler um Dr. Brigitte C. Widemann, Leiterin des Pediatric Oncology Branch am National Cancer Institute der USA bei einem Mädchen, das wegen sehr großer Neurofibrome an Hüfte und Unterleib ständig unter Schmerzen litt und an den Rollstuhl gefesselt war. Durch die Behandlung verringerte sich die Tumormasse fast um die Hälfte; sie musste auch keine Schmerzmedikamente mehr einnehmen und war wieder in der Lage, längere Strecken zu laufen. Wie der Webseite von Widemann zu entnehmen ist, sind nun gleich mehrere Folgestudien geplant, die den Nutzen von Selumetinib bei Kindern wie auch Erwachsenen beweisen sollen.

Die auch nach ihrem Entdecker Morbus Recklinghausen benannte Krankheit betrifft etwa jedes 3000ste Neugeborene, davon entwickeln ein Fünftel bis zur Hälfte die hier behandelten plexiformen Neurofibrome. Sie können, je nach Lage, zu Schmerzen und Entstellungen führen, zu Blindheit, geschwächten Gliedmaßen, oder auch zu Darm- und Blasenschwäche. Vielen kann durch eine Operationen geholfen werden, bei einem Viertel ist dies allerdings nicht möglich.

Prof. Victor-Felix Mautner, Leiter der Neurofibromatose-Ambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf sprach von einer „bedeutsamen Arbeit“ für Menschen, die durch NF-1 entstellt werden. Trotz dieses Erfolges wird Selumetinib aber in Deutschland wohl auf längere Zeit nicht verfügbar sein. Die Firma AstraZeneca, die den Wirkstoff ursprünglich gegen Lungenkrebs entwickeln wollte, ist damit nämlich in einer großen Studie gescheitert. Die Folge ist, dass Selumetinib von den Behörden für die Behandlung nicht zugelassen wurde, und auch nicht für „individuelle Heilversuche“ zur Verfügung steht. „Und dies wird auch nicht so schnell passieren“, befürchtet Mautner.

(eine ausführliche Fachversion dieser Nachricht ist erschienen am 6. Januar 2017 bei Medscape)

Quelle:

Dombi E, et al.: Activity of Selumetinib in Neurofibromatosis Type 1-Related Plexiform Neurofibromas. N Engl J Med. 2016 Dec 29;375(26):2550-2560. doi: 10.1056/NEJMoa1605943.

Krebshilfe fördert Palliativmedizin

Knapp 37 Millionen DM hat die Deutsche Krebshilfe in den letzten zehn Jahren in die Palliativmedizin investiert. Mittlerweile gibt es nach Angaben des Vorstandsmitglieds der Deutschen Krebshilfe Dr. Robert Fischer bundesweit 30 stationäre Hospiz- und Palliativeinrichtungen, die das Ziel verfolgen, die Leiden terminal krebskranker Menschen zu lindern.

Als Vorreiter bei der Fortentwicklung des Palliativ-Gedankens hat Nordrhein-Westfalen (NRW) inzwischen eine Ansprechstelle zur Pflege Sterbender, zur Hospizarbeit und zur Angehörigenbegleitung (ALPHA) eingerichtet. ALPHA berät zudem bestehende und neue Initiativen in der Sterbebegleitung.

Trotz der positiven Entwicklung wurden am Rande des Symposiums „Palliativ Medizin Heute“ auch Mißstände angeprangert. So kritisierte Fischer, daß noch immer zu viele Patienten Schmerzen erleiden müßten, weil die behandelnden Ärzte nicht ausreichend über die verbesserten Möglichkeiten der geänderten Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung informiert seien. Von den 170.000 Menschen, die jährlich in Deutschland an Krebs sterben, leiden etwa 60 Prozent unter starken Schmerzen, sagte Dr. Eberhard Klaschik, Chefarzt der Abteilung für Schmerztherapie am Bonner Malteser-Krankenhaus.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 24. Mai 1993)

Misteltherapie gegen Krebs kommt auf den Prüfstand

Die umstrittene Misteltherapie zur Behandlung von Krebsleiden soll jetzt erstmalig in Deutschland in einer multizentrischen Studie auf ihre klinische Relevanz hin überprüft werden. Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen ist diese wissenschaftliche Untersuchung Placebo-kontrolliert und teilweise auch doppelblind angelegt.

Etwa 300 bis 400 Patienten mit Tumoren im Rachen- und Mundbereich nehmen an der Untersuchung teil, die an den Universitätskliniken Regensburg, München und Heidelberg stattfindet. Ziel ist es, die Auswirkungen einer adjuvanten Gabe des immunaktiven Agens Mistellektin 1 (ML-1) auf die Überlebensrate bei HNO-Karzinomen zu erfassen.

Dr. Josef Beuth, geschäftsführender Oberarzt am Institut für medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Köln, berichtete auf einer Veranstaltung des Bonner Tumorzentrums über seine bisherigen Erfahrungen zur immunstimulierenden Wirkung des Glykoproteins. Dabei machte Beuth klar, daß er die Misteltherapie keineswegs als Ersatz für etablierte Behandlungsmethoden ansieht. „Ein Tumor, der operiert werden kann, sollte operiert werden. Für eine Anzahl relativ seltener Tumoren ist die Anwendung von Strahlen- und Chemotherapie jedoch sehr fraglich. Eine Lebensverlängerung ist kaum statistisch signifikant, die Verschlechterung der Lebensqualität dagegen ganz erheblich.“

Für viele Patienten sei die Gabe von ML-1 daher als adjuvante Tumortherapie mit nur geringen Nebenwirkungen zu empfehlen. Dies gelte allerdings nur für Präparate, bei denen die Konzentration von ML-1 standardisiert wurde. Je nach Erntezeit, Ort und Wirtspflanze kann der ML-1-Gehalt von Misteln nämlich erheblichen Schwankungen unterworfen sein. Für die Therapie von Tumorpatienten wurde von Beuth und seinen Mitarbeitern als optimale Konzentration von einem Nanogramm ML-1 pro Kilogramm Körpergewicht ermittelt. In diesem Bereich sei die Stimulation des Immunsystems am größten. Die Gefahr von nicht-standardisierten Präparaten sieht Beuth in der immunsuppressiven Wirkung des Mistellektins bei Konzentrationen von über 10 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Gegenwärtig befindet sich nur ein Präparat mit definiertem Gehalt an Mistellektin 1 auf dem Markt (Eurixor). Es wird zur Palliativtherapie bei malignen Tumoren eingesetzt und von den Krankenkassen bezahlt. Gesicherte Daten zur kurativen Wirkung von ML-1 liegen bisher für den Menschen aber nicht vor.

Im Tierversuch konnte bei Mäusen durch wöchentlich zwei- bis viermalige subkutane Injektion ein Gewichtszuwachs der Milz um rund 60 Prozent erreicht werden. In der Kölner Universitätsklinik gelang es, ebenfalls im Tierversuch, mit Mistellektin die Zahl der Lungen- und Lebermetastasen von bereits etablierten Tumoren auf ein Drittel beziehungsweise auf ein Fünftel im Vergleich zu unbehandelten Mäusen zu reduzieren. „Dies zeigt, daß man eine gute immunstimulierende Wirkung erreichen kann“, so Beuth.

An gesunden Probanden konnte Beuth zeigen, daß ML-1 die Produktion der „guten“ -Zytokine IL-1 alpha, IL-2, TNF-alpha und IFN-gamma, nicht dagegen die „problematischen“ Wachstumsfaktoren IL-6 und GM-CSF anregt.

In einer anderen klinischen Studie, die allerdings nur an einer kleinen Anzahl von Patienten ohne Placebo-Kontrolle stattfand, konnte eine statistisch signifikante Steigerung der Zahl an NK-Zellen, CD25-Zellen und Leu4/DR-Zellen nachgewiesen werden, die mehrere Wochen nach Beendigung der Therapie noch anhielt. Ein Test von fünf Tumorzellinien ergab hingegen keine Hinweise auf proliferative Effekte des ML-1 bei diesen Zellen.

Die vielversprechenden Laborergebnisse sollen jetzt auf ihre klinische Relevanz hin überprüft werden. Seit 18 Monaten läuft an der Universitätsklinik Köln eine Studie an mittlerweile 250 Patienten, vorwiegend mit Mammakarzinom. Ausgewertet wird hierbei in erster Linie der Immunstatus der Patienten. Im Gegensatz dazu soll bei der jetzt angelaufenen multizentrischen Mistellektin 1-Studie im süddeutschen Raum jedoch die Erfassung der klinischen Parameter im Vordergrund stehen. Beuth rechnet allerdings mit einer drei- bis fünfjährigen Wartefrist, bis erste Ergebnisse vorliegen werden.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 18. Januar 1993)

Was wurde daraus? Die Studie an der Uni Köln unter Leitung von Beuth wurde 1995 publiziert und berichtet, dass sich bei den 20 Patienten vermehrt „Anti-Tumorzellen“ gebildet hätten und das Immunsystem stimuliert worden sei. Ob die Patientinnen deshalb länger gelebt haben, ist aber unklar. Wesentlich ausssagekräftiger ist die erwähnte Studie zu Tumoren im Rachen- und Mundbereich, bei der insgesamt 477 Patienten behandelt wurden. Veröffentlicht wurde das Ergebnis erst im Jahr 2001. Leider haben Patienten mit Mistelextrakt nicht länger überlebt als ohne, und es gab auch keine deutlichen Veränderungen bei den Immunreaktionen oder in der Lebensqualität.

Weniger Nebenwirkungen der Strahlentherapie

In den Industrieländern können vier von zehn Krebskranken heute von Chirurgen und Strahlentherapeuten gerettet werden. Durch die Weiterentwicklung der Bestrahlungstechniken will man am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg diese Erfolgsquote weiter steigern. Denn noch immer sterben jährlich in Europa rund 265.000 Menschen, weil ein örtlich wachsender Tumor nicht auf Dauer in Schach gehalten werden kann.

Bei der erschreckend hohen Zahl der Betroffenen könnten selbst kleine Fortschritte in der Strahlentherapie Tausende von Menschenleben retten. Wolfgang Schlegel von der Abteilung Physik und medizinische Strahlenphysik des Krebsforschungs-Zentrums zog kürzlich eine Bilanz über die Bemühungen, die Strahlentherapie im Bereich von Kopf und Hals zu verbessern.

In Zusammenarbeit mit der Radiologischen Klinik der Universität Heidelberg sucht man nach neuen Wegen, möglichst viel Strahlung auf den Tumor zu richten, ohne dabei das umliegende gesunde Gewebe zu zerstören. Dem steht entgegen, daß die energiereichen Strahlen auf dem Weg zu den meist versteckt im Schädelinneren liegenden Geschwülsten erst die Schädeldecke passieren müssen, um anschließend zentimeterdicke Schichten gesunder Zellen zu durchqueren – oftmals an besonders strahlenempfindlichen Strukturen vorbei wie den Sehnerven oder dem Hirnstamm. Unregelmäßig geformte Tumoren erschweren die Therapie zusätzlich.

Mit großem technischem Aufwand war es der zwölfköpfigen Arbeitsgruppe in den letzten drei Jahren möglich, für 160 Patienten individuelle „dreidimensionale Behandlungspläne“ zu erstellen. Die mit Computer- und Magnetresonanz-Tomographie gewonnenen Daten über Lage, Form und Ausmaß des Tumors werden in räumliche Bilder umgesetzt. Darauf lassen sich auch Bereiche hervorheben, die durch Strahlung besonders gefährdet sind.

Im nächsten Schritt wird dann am Computer simuliert, aus welchen Richtungen bestrahlt werden muß, um ein möglichst günstiges Verhältnis von Wirkung und Nebenwirkung zu erhalten. Die Form der Strahlenbündel kann zudem durch eine verstellbare Blende genau dem Umriß des Tumors angepaßt werden. Der Therapieplan wird so lange neu berechnet, bis die optimale Einstellung gefunden wurde.

Um die Präzision auch während der eigentlichen Behandlung zu gewährleisten, hat man sich in Heidelberg einiges einfallen lassen. Die Patienten tragen dabei individuell angefertigte Gesichtsmasken aus Kunststoff, die mit einer stabilen Halterung fixiert werden. Laser helfen, den Patienten jeweils exakt zu lagern. Dadurch ist es möglich, im Verlauf von sechs Wochen dreißig Bestrahlungen mit einer Genauigkeit von einem Millimeter durchzuführen.

Durch gleichzeitige Rotation von Patient und Gerät gelingt es, eine extrem hohe Strahlendosis zu erzielen und dennoch das umliegende Gewebe zu schonen. Auch die Implantation radioaktiver Substanzen direkt ins Gehirn, die sogenannte interstitiale Bestrahlung, profitiert von diesem Prinzip. Hiermit wurden an insgesamt 350 Patienten gute Ergebnisse erzielt. Wie groß die Vorteile der Präzisionsstrahlentherapie gegenüber dem herkömmlichen Vorgehen sind, läßt sich derzeit nicht exakt ermitteln, weil es sich bei den meisten Heidelberger Patienten um schwierige Fälle handelte. Nach einer Überarbeitung der Computerverfahren und der mechanischen Komponenten durch eine medizintechnische Firma soll die Methode jedoch in Kürze allen interessierten strahlentherapeutischen Einrichtungen zur Verfügung stehen, sagte Schlegel.

Gleichzeitig fördert die Europäische Gemeinschaft die dreidimensionale Strahlentherapie. Im Rahmen des Covira-Programms werden knapp 20 Millionen Mark bereitgestellt, die auch der Entwicklung neuartiger, computergestützter Anatomieatlanten des Gehirns zugutekommen. Covira steht für „Computer Vision in Radiology“. Das Programm zielt darauf ab, den Ärzten schon vor Beginn der Behandlung eine möglichst genaue räumliche Vorstellung des Schädelinneren zu vermitteln.

Die größten Schwierigkeiten bei der Verbreitung der in Heidelberg entwickelten Methoden sieht Schlegel in der noch äußerst kleinen Anzahl von Spezialisten. Die Kostenfrage steht erst an zweiter Stelle. Gegenüber der herkömmlichen Radiotherapie sind die neuen Techniken zwar nur 10 Prozent teurer, doch sind für eine Bestrahlungseinheit schon jetzt etwa vier Millionen Mark aufzubringen.

Künftig soll die Präzisionsstrahlentherapie auch bei anderen, schwer zugänglichen Tumoren erprobt werden. In Frage kämen der Prostatakrebs oder Tumoren des Enddarms und der Lunge. Zudem hofft man, neben den bisher üblichen Photonenstrahlen bald auch Protonen und – in 10 bis 15 Jahren sogar schwere Ionen nutzen zu können.

Diese Teilchenstrahlen streuen im Gewebe weniger als Photonen. Mit den geladenen Teilchen ließen sich vor allem diejenigen Tumoren besser bekämpfen, die sich in unmittelbarer Nähe empfindlicher Organe befinden.

Während Schlegel sich vom Aufbau einer derartigen „Strahlenpyramide“ erhofft, mehr Menschenleben retten zu können, gab sich sein englischer Kollege Richard Peto in Heidelberg eher skeptisch. Peto, der durch die Entwicklung neuer mathematischer Methoden zur Analyse medizinischer Studien von sich reden machte, glaubt, daß wesentlich mehr Patienten von einer Entrümpelung der deutschen Datenschutzgesetze profitieren würden als von der Weiterentwicklung der Strahlentherapie.

„Ein ausufernder Datenschutz kann lebensrettende Forschung verhindern“, meinte der streitbare Epidemiologe. Auch das Erkennen von schädlichen Umwelteinflüssen werde dadurch verzögert. Innerhalb Europas seien die Schwierigkeiten in Deutschland am größten. So könnte selbst ein Reaktorunfall, den man verheimlicht, wegen der Gesetzeslage im Zweifelsfall nicht nachgewiesen werden. Falsch verstandene ethische Richtlinien dürften daher unnötige Todesfälle zur Folge haben.

(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 30. Dezember 1992)

Krebspatienten zur Alternativmedizin befragt

Mindestens die Hälfte aller Krebspatienten erproben im Verlauf ihrer Behandlung Methoden der Alternativmedizin. Wie Dr. Reinholf Schwarz, Leiter der Psychosozialen Nachsorge-Einrichtung der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg auf einer Tagung des Bonner Tumorzentrums bemerkte, hat das jedoch wenig mit einem gestörten Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient zu tun.

Schwarz präsentierte das Ergebnis einer Befragung an insgesamt 78 Krebspatienten, von denen 44 unter Mammakarzinomen, 22 unter Morbus Hodgkin und zwölf unter Kolonkarzinomen oder Lebermetastasen litten. In den drei Gruppen hatten sich 50, 80 beziehungsweise 100 Prozent der Befragten wenigstens einmal der Alternativmedizin zugewandt. Schwarz faßt unter diesem Begriff alle Methoden zusammen, die das Ziel haben, „zu heilen oder zu bessern, ohne daß ein nach naturwissenschaftlichen Kriterien gültiger Wirksamkeitsnachweis vorliegt“.

Ein überraschendes Resultat der Umfrage: Zwischen der Compliance und dem Gebrauch alternativer Methoden bestand eine positive Korrelation. „Das heißt, die Patienten verstehen die Alternativmedizin gar nicht als Konkurrenz“ Als Motiv für die Erprobung paramedizinischer Methoden nannten die Patienten an erster Stelle die Stärkung der körpereigenen Abwehr und eine Unterstützung der Chemotherapie sowie eine Reduktion der Nebenwirkungen der Chemotherapie.

„Sich der Natur zuwenden“; „nichts versäumen wollen“ und „nicht alles der Klinik überlassen“ waren weitere Beweggründe. In der Regel erwarten die Patienten keine Heilung durch die Paramedizin, sondern eine Unterstützung der medizinischen Behandlung. Die häufige Duldung der alternativen Methoden durch die behandelnden Ärzte erklärt Schwarz als eine Manifestation der Hilflosigkeit bei ausbleibendem Behandlungserfolg.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 18. Dezember 1992)

EPIC-Projekt fragt nach Krebs und Ernährung

Die Vorbereitungen für das europäische EPIC-Programm, mit dem der Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebsentstehung genauer untersucht werden soll, sind abgeschlossen. Das vor vier Jahren gestartete Projekt „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition“ tritt damit in die zweite Phase.

In sieben Ländern Europas sollen jetzt insgesamt 400.000 Menschen in das Programm einbezogen werden. Sie werden nach den Ernährungsgewohnheiten gefragt, aber auch nach Zigarettenkonsum, sportlicher Betätigung, früheren Krankheiten, Beruf, Alter, Größe und Gewicht. Bei Frauen wird die Zahl der Kinder und der Gebrauch von Verhütungsmitteln erfaßt. Allein in Deutschland werden je 30000 Männer und Frauen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren für das Programm rekrutiert. Die Finanzierung erfolgt durch die EG. Sie stellt jährlich vier Millionen Mark zur Verfügung, weitere sechs Millionen Mark werden von nationalen Institutionen aufgebracht.

In der Bundesrepublik beruht jeder dritte Krebstodesfall auf Tumoren der Verdauungsorgane. Daß die Ernährung dabei eine entscheidende Rolle spielt, liegt auf der Hand. Innerhalb von EPIC wird das Schicksal der 400.000 Teilnehmer in den nächsten 15 Jahren anhand der Statistiken nationaler Krebsregister verfolgt. In Deutschland und Frankreich werden die beteiligten Forscher auf die Angaben von Versicherungen zurückgreifen müssen. Diese Notmaßnahme ist erforderlich, weil in diesen Ländern eine Vielzahl von Gesetzen die Datenerfassung verhindert. Das sagte der Italiener Elio Riboli auf einer Veranstaltung des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

Die Auswertung der Daten soll beispielsweise Aufschluß darüber geben, warum Darmkrebs in Deutschland viermal so häufig auftritt wie in Griechenland. Während bei diesem Leiden innerhalb Europas ein deutliches Nord-Süd-Gefälle zu beobachten ist, sind die Verhältnisse beim Magenkrebs gerade umgekehrt. Zwar gibt es viele Studien, die den hohen Konsum von Salz, Kohlehydraten und Alkohol für diese Tumoren verantwortlich machen. Umgekehrt senken Ballaststoffe, Gemüse, Obst oder Vitamin C das Risiko.

Inwieweit aber Fleisch, Fett oder ein hoher Kaloriengehalt der Nahrung die Krebsentstehung begünstigt, ist unter Experten umstritten. Auch beim Brustkrebs könnte falsche Ernährung eine Rolle spielen. Andererseits steht auch der nach den Wechseljahren drastisch geänderte Hormonhaushalt im Verdacht, die Krebsentstehung zu begünstigen.

Im Rahmen von EPIC werden aber nicht nur Fragebogen ausgefüllt. Die Studie läßt grundsätzlich auch Untersuchungen des Erbguts, der Blutfettwerte oder anderer Stoffwechseldaten zu. Aus Blutproben werden Plasma und Serum, rote und weiße Blutzellen isoliert und bei minus 180 Grad in flüssigem Stickstoff konserviert.

Mit Hilfe molekularbiologischer Untersuchungsmethoden kann dann eventuell nach Jahrzehnten noch festgestellt werden, ob defekte Erbanlagen, Mikroorganismen, Umweltgifte oder andere Faktoren bei der Entstehung bestimmter Krebserkrankungen eine Rolle spielen. Von jeder Probe verbleibt eine Hälfte am Untersuchungsort, die andere Hälfte wird bei der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon aufbewahrt, die für die Koordination des Epic-Programms zuständig ist.

(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 16. Dezember 1992, nachgedruckt in der „Kulturchronik“ 2/1993. Ein weiterer Bericht erschien der Pharmazeutischen Zeitung am 18. Februar 1993)

Wie giftig ist PVC?

Ein Verbot des chlorhaltigen Kunststoffes Polyvinylchlorid (PVC) fordert die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Die zur Herstellung nötige Spaltung des Kochsalzes in Chlor und Natrium sei „die zweite Todsünde der Menschheit“. Als „organisierte Vergiftung“ wird gar die gesamte Chlorchemie angeprangert.

Ganz anderer Ansicht sind die „chlorreichen sieben“ Hauptproduzenten des Kunststoffes, die sich in Deutschland zur Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt (AGPU) zusammengeschlossen haben. Eine „infame Verleumdung“ nennt ihr Vorsitzender Dr. Manfred Michel die Greenpeace-Kampagne. „Kochsalz enthält wie PVC – hochtoxisches Chlor, und wenn Sie davon nicht mindestens sieben Gramm täglich zu sich nehmen, können Sie nicht überleben.“

Derart schrille Töne lassen den Verbraucher verwirrt zurück. Einer millionenschweren Kampagne der deutschen PVC-Hersteller BASF, Buna und Hoechst, Hülls, ICI, Solvay und Wacker-Chemie steht jetzt eine – von Greenpeace in Auftrag gegebene – Studie gegenüber, die das PVC-Recycling als „Öko-Lüge“ brandmarkt.

Tatsache ist: Die Bundesbürger sind Weltmeister im Verbrauch von PCV. Als Verpackung, Fensterrahmen, Fußböden, Rohre und Kabel kommen jährlich 1,6 Millionen Tonnen in ihre Wohnstuben, ein Pro-Kopf- Verbrauch von 20 Kilogramm. Doch schon bei der Frage, ob die Produktion des vielseitigen Kunststoffes eine nennenswerte Umweltbelastung bedeutet, scheiden sich die Geister.

Bei der Synthese werden Vinylchlorid-Moleküle (VC) zu langen Ketten verknüpft – dem Polyvinylchlorid. Daß VC-Moleküle Krebs erregen, wird von den Herstellern nicht bestritten. Eine Studie an Beschäftigten der VC verarbeitenden Industrie hat ein vermehrtes Auftreten von Leberkrebs nachgewiesen. Dazu erklärte Dr. Reinhard Saffert von Solvay vor Journalisten in Berlin: „Daß die Chemikalie Krebs auslöst, wissen wir selbst erst seit ein paar Jahren.“

Allerdings sei die sichere Handhabung der Substanz für Techniker heute kein Problem mehr. Saffert wies darauf hin, daß das Endprodukt PVC völlig andere chemische Eigenschaften hat als VC-Monomere. Mit üblichen Methoden sei eine Freisetzung aus Verpackungen nicht nachweisbar. Auch das Fraunhofer-Institut in Braunschweig scheiterte daran, eine VC-Freisetzung aus Tapeten dingfest zu machen. Für den Verbraucher bestehe deshalb keine Gefahr.

PVC besteht allerdings nicht nur aus verknüpften Vinylchloridmolekülen: Eine Reihe von Hilfsstoffen sorgt dafür, daß die Eigenschaften des fertigen Kunststoffes den Anforderungen der Verbraucher gerecht werden. Im Extrem erreichen die Stabilisatoren, Weichmacher, Füll- und Farbstoffe einen Anteil von 50 Prozent. Ihr Anteil ist zwar rückläufig, im Falle des Schwermetalls Cadmium kommen aber jährlich noch immer 270 Tonnen zusammen. Auch 10.000 Tonnen Blei werden pro Jahr für die Herstellung von PVC benötigt.

Schließlich fällt bei Chlorgewinnung noch das hochgiftige Quecksilber an. Hier gibt es Fortschritte: Während 1972 noch 64 Gramm Quecksilber je produzierter Tonne Chlor in die Umwelt abgelassen wurden, waren es 1986 nur noch 2,5 Gramm. Damit verursacht die PVC-Produktion nur noch ein Hundertstel des Quecksilberausstoßes der deutschen Kohlekraftwerke. Würden die „chlorreichen Sieben“ jedoch ihre Produktion auf das im Ausland verbreitete Membranverfahren umstellen, ließe sich das Schwermetall ganz vermeiden.

Ob PVC der Umwelt mehr schadet als andere Stoffe, ließe sich möglicherweise durch eine „Ökobilanz“ klären. Für diese Kosten-Nutzen-Rechnung werden die Gefährdung der Gesundheit, Energie- und Rohstoffverbrauch, Haltbarkeit, Wiederverwertung und andere Faktoren herangezogen. Allerdings ist die Aussagekraft solcher Bilanzen bei Experten umstritten. Studien des Instituts für Chemie und Technik in Wien, des Umweltzentrums in Leiden und des Schweizer Experten Dr. Werner Thalmann-Graf zusammen mit dem Dachverband der europäischen Verpackungsindustrie sind deshalb mit Vorsicht zu genießen. In allen drei Analysen lag PVC vor den Konkurrenten.

(erschienen in „DIE WELT“ am 19. Juni 1992)