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Gesucht: Eine Pille gegen Alzheimer

Der Prinzessin Yasmin Aga Khan war feierlich zumute: Sie sprach von einem “monumentalen Schritt” und von der Hoffnung auf den Sieg über eine heimtückische Krankheit. Höhepunkt der Zeremonie an der altehrwürdigen Universität Edinburgh war am Mittwoch vergangener Woche die Proklamation des ersten “Welt-Alzheimer-Tages” durch den Internationalen Dachverband der Selbsthilfegruppen und den Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), José Manuel Bertolote.

Als der deutsche Neurologe Alois Alzheimer 1907 erstmals “Ueber eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde” berichtete, hat er sich wohl kaum vorstellen können, welche gesellschaftliche Bedeutung das nach ihm benannte Leiden einmal erlangen würde. Über 15 Millionen Menschen sind weltweit von dem noch immer unheilbaren Hirnzerfall betroffen – je höher das Alter, desto größer die Erkrankungswahrscheinlichkeit. Etwa drei Prozent der 65- bis 74jährigen und fast die Hälfte aller Menschen jenseits des 85. Lebensjahres leiden an der Alzheimerschen Krankheit, schätzt die Altersforscherin Marzia Baldereschi von der Universität Florenz. Und Konrad Bayreuther, Leiter einer zwanzigköpfigen Arbeitsgruppe am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg, ist sich gar sicher: “Wir alle bekommen Alzheimer, wenn wir nur alt genug werden.”

Die Ursachen des fortschreitenden Hirnzerfalls sind trotz großer Fortschritte in der Grundlagenforschung noch ungeklärt, sinnvolle vorbeugende Maßnahmen gibt es ebenso wenig wie eine “Pille gegen Alzheimer”. Bereits bei der Diagnose treffen die Ärzte auf Schwierigkeiten. Die Abgrenzung von den Folgen eines Hirnschlages etwa oder von anderen, oft altersbedingten Hirnleistungsstörungen (Demenzen) gelingt selbst bei sorgfältigsten Untersuchungen “nur” in neun von zehn Fällen. Vergeßlichkeit und Verwirrung, das Nichterkennen von Gerüchen und Gesichtern – einschließlich des eigenen Spiegelbildes – zählen zu den Merkmalen, die Psychiater als Warnzeichen nennen. Auch wenn “Worte auf der Zunge liegen” und Objekte immer seltener mit Namen bezeichnet werden können, ist Wachsamkeit geboten.

Letzte Klarheit bringt erst eine mikroskopische Analyse des Hirngewebes nach dem Tod des Patienten. Charakteristisch sind neben der schwammartigen Struktur ganzer Hirnregionen die mit speziellen Farbtechniken sichtbar gemachten so genannten amyloiden Plaques. Diese zwischen den Zellen liegenden “Müllhaufen” bestehen zum größten Teil aus einem Eiweiß (APP) und einem seiner Abbauprodukte, dem Beta-A4-Protein. Nicht außerhalb, sondern im Innern von Nervenzellen, finden sich die faserförmigen, neurofibrillären Bündel, eine Anhäufung von Bruchteilen des Zellskeletts. Seit langem tobt unter Wissenschaftlern ein Streit, ob die amyloiden Plaques und neurofibrillären Bündel Ursache oder Folge der Erkrankung sind. Diese Debatte ist nicht nur theoretischer Natur, denn nur wenn die Art der Fehlfunktion bekannt ist, lassen sich gezielt neue Medikamente entwickeln.

Der Biochemiker Khalid Iqbal vom New York Medical College ist sich mit vielen seiner Kollegen darin einig, daß die Ablagerung von amyloiden Plaques nicht die alleinige Ursache der Alzheimerschen Krankheit sein kann. Auch bei Gesunden finden sich nämlich mitunter Plaques im Gehirn, manchmal sogar mehr als bei verstorbenen Patienten. Schon Alois Alzheimer erkannte, daß zwischen der Gedächtnisleistung und der Zahl der Plaques keine eindeutige Beziehung besteht.

Iqbal ist der Ansicht, daß der langsame Zerfall von Nervenzellgruppen von größerer Bedeutung für die Krankheitsentstehung ist. Dabei sterben nicht alle Neuronen ab. Die Ausschüttung von Botenstoffen an den Verbindungsstellen zwischen den Zellen – den Synapsen – ist bei Alzheimer-Kranken zwar reduziert, es findet sich aber noch immer eine beträchtliche Menge an Signalsubstanzen in den Vorratsbehältern (Vesikeln) der Zelle. “Dies ist ein extrem wichtiger Punkt, weil mit einem geeigneten Medikament die meisten Funktionen wiederhergestellt werden könnten, selbst bei Patienten in fortgeschrittenem Stadium”, gibt sich Iqbal optimistisch. Der Biochemiker setzt auf die Reparatur des Transportsystems, mit dem die Vesikel vom Zentrum der Zelle zu den Synapsen gebracht werden. Als Gleise nutzt diese intrazelluläre Eisenbahn langgestreckte Moleküle, die sogenannten Mikrotubuli. Ihr Aufbau wird von einem Eiweiß gesteuert, dem Tau- Protein, dessen Aktivität wiederum durch das Anhängen von Phosphatgruppen reguliert wird

Iqbals Arbeitsgruppe hat nun herausgefunden, daß die Tau-Proteine in den neurofibrillären Bündeln von Alzheimer- Patienten zu viele dieser Phospatgruppen tragen und dadurch die Mikrotubuli zerbrechen (Proceedings of the National Academy of Sciences, Bd. 91, S. 5562, 1994). Enzyme, welche die überschüssigen Phosphatgruppen wieder abspalten, “könnten deshalb die Basis für Medikamente der zweiten Generation sein”, sagte Iqbal auf einem Workshop des Pharmaherstellers Parke-Davis in Edinburgh.

Solange diese Arzneimittel nur in den Köpfen einiger Wissenschaftler existieren, werden Alzheimer-Patienten allerdings auf Arzneien angewiesen sein, welche lediglich die Begleiterscheinungen der Krankheit zu mildern vermögen. Das verheerende Leiden führt bei mindestens zwei Drittel der Betroffenen zu Persönlichkeitsstörungen in Form von Unruhe oder Apathie. Auch schwere Depressionen, Halluzinationen und Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus sind so häufig, daß Ärzte und Angehörige gezwungen sind, auf eine ganze Palette von Psychopharmaka zurückzugreifen.

Ein Silberstreif am Horizont sind jene rund 25 verschiedenen Arzneien, die gegenwärtig weltweit erprobt werden, vorwiegend mit dem Ziel, den Botenstoffwechsel der geschädigten Nervenzellen möglichst lange aufrechtzuerhalten. Erst eines dieser Medikamente, der Wirkstoff Tacrin, wurde von den amerikanischen Arzneimittelbehörden unter dem Markennamen “Cognex” zugelassen und könnte Mitte nächsten Jahres auch hierzulande auf den Markt kommen.

Allerdings räumt selbst die Herstellerfirma Parke-Davis ein, mit Tacrin kein Wundermittel entwickelt zu haben. Die Substanz wirkt am synaptischen Spalt, jener hauchdünnen Grenze, welche die Nervenzellen voneinander trennt. Der dort ausgeschüttete Botenstoff Acetylcholin, der Signale von einer Nervenzelle zur nächsten übermittelt, wird normalerweise schnell wieder durch ein Enzym abgebaut und recycelt. “Das letzte, was wir an dieser Stelle brauchen, ist ein Enzym, welches das verbleibende bißchen Botenstoff auch noch auffrißt”, erläuterte Paul R. Solomon vom Williams College im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. Tacrin hemmt dieses Enzym (Acetylcholinesterase) und kann damit den Verlauf der Erkrankung zumindest verzögern.

Unter Solomons Leitung nahmen fast 700 Patienten an einer Studie teil, bei der über einen Zeitraum von einem halben Jahr verschiedene Dosen von Tacrin oder aber ein Scheinmedikament verabreicht wurden (Journal of the American Medical Association, Bd. 271, S. 985, 1994). Das bescheidene Ziel, den geistigen Zerfall der Patienten zu verlangsamen, wurde zwar mit der höchsten Dosis an Tacrin erreicht, die Nebenwirkungen waren allerdings so gravierend, daß drei Viertel der Patienten die Studie abbrechen mußten. Wird die Arznei jedoch in der Höchstdosis vertragen, so läßt sich mit verschiedenen psychologischen Testverfahren eine vorübergehende Besserung registrieren. Nach etwa einem Jahr sind die Gedächtnisleistungen dieser Patienten dann wieder auf dem Ausgangsniveau und sinken weiter ab.

Joachim Bauer, Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Freiburg, ist von dieser Bilanz wenig begeistert: “Den Leuten wird übel, sie erbrechen sich in der Praxis, bekommen Durchfall, und mitunter kommt es sogar zum Absterben von Leberzellen.” Parke-Davis betreibe eine “völlig unverantwortliche” Politik und werde “noch eine große Bauchlandung erleben”, erregt sich der Universitätsprofessor.

Weder für die vielgelobten “Radikalfänger” – sprich Vitamin C, E und Beta- Carotin – noch für die bei Demenzerkrankungen mit am häufigsten verschriebenen Gingko-Präparate gibt es nach Ansicht von Bauer eindeutige Wirkungsnachweise bei Alzheimer-Patienten. Genetische Faktoren spielen seiner Ansicht nach nur eine untergeordnete Rolle. Auch die Suche nach Umweltgiften wie Aluminium, die immer wieder als Auslöser verdächtigt werden, blieb bisher erfolglos.

Angesichts dieser eher frustrierenden Lage fahnden Epidemiologen fieberhaft nach Faktoren, die das Erkrankungsrisiko verringern können. Dabei stieß man auf die erstaunliche Tatsache, daß Raucher seltener an Alzheimer leiden. Bei Tom Scarlata, Manager der Produktplanung bei Parke-Davis, stößt diese Methode der Prävention indes auf wenig Begeisterung: “Wer viel raucht und trinkt, stirbt so früh, daß er gar keine Chance hat, an Alzheimer zu erkranken.”

Viele Forscher arbeiten an der Gentherapie

Mindestens sechs deutsche Arbeitsgruppen bereiten sich zur Zeit darauf vor, den Nutzen der Gentherapie bei verschiedenen Krankheiten des Menschen zu erproben. Beim Bonner Bundesforschungsministerium (BMFT), welches kürzlich 40 Millionen Mark zur Entwicklung der Methode bereitgestellt hatte, sind innerhalb weniger Monate 183 Anträge zu rund 300 Teilprojekten eingegangen, teilte Dr. Robert Hauer, zuständiger Referent im BMFT, auf Anfrage mit. „Wir gehen davon aus, daß jeder, der damit zu tun hat, auch einen Antrag gestellt hat.“ Allerdings sei man bei der überwiegenden Mehrzahl der Projekte noch weit von einer Anwendung am Menschen entfernt.

Dagegen laufen anderswo die Vorarbeiten schon seit Jahren. So wollen Wissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch im September gleich drei Anträge zur Durchführung klinischer Studien einreichen: Dr. Michael Strauss plant in Zusammenarbeit mit Münchner und Hamburger Kliniken die Behandlung von Menschen mit erblich bedingten, extrem erhöhten, Blutfettwerten (familiäre Hypercholesterinämie).

Wegen eines Gendefekts sind die Zellen dieser Patienten nicht in der Lage, die „böse“ Form des Cholesterins – LDL – aus dem Blut zu fischen. Die resultierende Gefäßverstopfung führt dann oft schon im jugendlichen Alter zum Tod durch Herzinfarkt. Strauss hat deshalb „entkernte“ Hüllen von Hepatitis B Viren entwickelt, welche die Bauanleitung für das Cholesterin-fischende Eiweiß zumindest im Tierversuch in Leberzellen einschleusen können. Nach zahlreichen weiteren Tests sollen die Gen-Taxis dann im Sommer nächsten Jahres an einer kleinen Zahl von Patienten erprobt werden.

Zusammen mit Professor Bernd Dörken, der an der benachbarten Robert-Rössle-Klinik der Freien Universität Berlin arbeitet, will Strauss außerdem versuchen, Lebermetastasen und Hirntumoren durch das Einschmuggeln sogenannter Selbstmordgene zu attackieren. Die Methode, mit der amerikanische Wissenschaftler bereits erste Achtungserfolge erringen konnten, wirkt wie eine örtlich eng begrenzte Chemotherapie: Erst wird das Selbstmordgen mit Hilfe von Viren oder durch eine Injektion in den Tumor geschleust, dann wird den Patienten 14 Tage lang ein Medikament (Ganciclovir) verabreicht, das nur in Anwesenheit des Selbstmordgens zu einem giftigen Stoffwechselprodukt umgesetzt wird.

Ebenfalls am MDC plant Dr. Thomas Blankenstein eine „Impfung“ mit gentechnisch veränderten Brustkrebszellen. Dies soll die „normale“ Behandlung von an Brustkrebs erkrankten Frauen ergänzen und Rückfälle verhindern. Wiederum sind es Tierversuche an Mäusen und Ratten, aber auch erste Erfahrungsberichte der amerikanischen Kollegen, die Hoffnung machen. Nach Operation, Strahlen- und Chemotherapie noch verbleibende Tumorzellen, die für das Immunsystem unsichtbar sind, könnten womöglich mit derartigen „Krebsimpfungen“ enttarnt und vernichtet werden.

An der Universität Bonn will Professor Klaus Olek die Behandlung von Blutern verbessern. Ihnen soll es durch Gentransfer ermöglicht werden, fehlende Blutgerinnungsfaktoren selbst herzustellen und somit unabhängig von Plasmapräparaten zu werden. Dies würde die mit jeglichem Austausch von Körperflüssigkeiten verbundene Infektionsgefahr durch bekannte und unbekannte Krankheitserreger beseitigen. Auch die Firma Bayer ist auf diesem Gebiet aktiv, wenn auch nicht in Deutschland. Bereits 1992 wurde ein Abkommen mit der amerikanischen Firma Viagene geschlossen, mit dem Ziel, die Hämophilie-A durch die Übertragung von Erbinformattioen zu behandeln.

In Hamburg arbeitet Dr. Marcus Stockschlaeder am Universitätskrankenhaus Eppendorf an einem Verfahren, um die gesunden Blutzellen von Krebspatienten vor denjenigen Giften zu schützen, die im Rahmen einer Chemotherapie zum Einsatz kommen und an der Hautklinik der Universität Würzburg schließlich will Direktorin Professor Eva-Bettina Bröcker einer Meldung des Wissenschaftsmagazins „Nature“ zufolge den Schwarzen Hautkrebs (Melanom) attackieren.

Bei allem Optimismus warnen die beteiligten Wissenschaftler aber auch vor übertriebenen Hoffnungen. „Wirklich geheilt worden ist durch die Gentherapie bisher noch niemand“, betonte der Amerikaner French Anderson mit Blick auf die fast 80 Studien, die bisher weltweit begonnen wurden. Der Mann muß es wissen; schließlich war er derjenige, der den weltweit ersten Versuch geleitet hatte. Die beiden Mädchen mit der lebensbedrohlichen Immunschwäche ADA-Defizienz, die dabei im Herbst 1990 als erste Menschen fremde Gene erhielten, müssen zwar in mehrmonatigen Abständen in die Klinik, um ihre Behandlung auffrischen zu lassen. Die Krankheit selbst ist aber dennoch besiegt: Wie Anderson bekanntgab, sind Ashanti DeSilva und Cynthia Cutshall seit über zwei Jahren frei von Beschwerden.

Mehr Informationen zu Klinischen Studien gefordert

Der Sinn klinischer Studien ist vielen Krankenschwestern und Pflegern nicht bekannt. Dieser Mangel an Informationen erschwere dem onkologischen Pflegepersonal den Umgang mit den Ängsten der Patienten, bemängelte Rita Bodenmüller-Kroll auf dem 21. Deutschen Krebskongreß.

Von den Leitern klinischer Studien forderte die am Westdeutschen Tumorzentrum in Essen tätige Krankenschwester mehr Informationen über die Art der getesteten Substanzen, deren Dosierung, Verabreichung und Indikation. Exakte Angaben darüber, wo und wie die Nebenwirkungen der Therapie dokumentiert werden müssen, seien auch aus juristischer Sicht gefordert.

Bodenmüller-Kroll berichtete von ihren Erfahrungen bei einer klinischen Phase-I-Studie: Obwohl die Kranken Angst vor der Therapie mit einem neuen Zytostatikum gehabt hatten, war deren Erwartungshaltung dennoch hoch. Hier könne eine umfassende Information dazu beitragen, zu hohe Erwartungen und damit verbundene Enttäuschungen auch beim Pflegepersonal zu vermeiden. „Das Pflegepersonal kann Studien-Patienten nur kompetent betreuen, wenn ihm Ablauf und Zielsetzung der Studie bekannt sind. Denken Sie daran, wenn Sie wieder in ihre Klinik zurückkehren“, appelierte sie an die Delegierten.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 10.3.1994)

Deutsche verweigern Organspende

Obwohl die Zahl der Organtransplantationen in Deutschland im vergangenen Jahr geringfügig zugenommen hat, sind die Wartelisten auch 1993 wieder länger geworden. Noch immer sterben zahlreiche Patienten, weil nicht genug Organe gespendet werden. Wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation kürzlich bekanntgab, wurden 2164 Nieren, 505 Herzen, 590 Lebern, 45 Bauchspeicheldrüsen und 71 Lungen verpflanzt. Dies ergibt zusammen 3375 Organübertragungen. Erforderlich seien dagegen jährlich allein mindestens 3500 Nieren- und je 1000 Herz- und Lebertransplantationen.

Verschärft wird die Situation in jüngster Zeit nach Ansicht der Stiftung dadurch, daß immer mehr Angehörige ihre Zustimmung zur Organentnahme verweigern. Ihr Anteil ist von 19 Prozent im Jahr 1991 auf 25 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Diese Entwicklung wird „insbesondere auf zum Teil reißerische Medienberichte“, beispielsweise über den Organhandel in Südamerika oder Indien, zurückgeführt. Die Zunahme der Transplantationen trotz rückläufiger Spendenbereitschaft war nur möglich, weil zahlreiche Organe aus Österreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg hierzulande verpflanzt wurden.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 10.3.1994)

Hepatitis C: Impferfolg bei Schimpansen

Wissenschaftler der amerikanischen Chiron Corporation haben einen Impfstoff gegen das Hepatitis C Virus entwickelt, der an Schimpansen erfolgreich erprobt wurde. Den Tieren waren mutmaßliche Hüllproteine des Erregers mindestens drei Mal intramuskulär verabreicht worden. Der Impfstoff wurde mit Hilfe eines rekombinanten Vaccinia-Virus in menschlichen Zellkulturen gewonnen.

Fünf von sieben geimpften Schimpansen zeigten auch 33 Wochen nach der Injektion mit HCV weder eine Infektion, noch waren Leberschäden nachweisbar. Bei zwei weiteren Tieren – sie hatten nur geringe Mengen von Antikörpern gegen die Impfeiweiße gebildet – schlug die Infektion zwar an, nahm aber nur einen abgeschwächten Verlauf. Vier ungeschützte Kontrolltiere entwickelten dagegen eine akute Hepatitis mit einem chronischen Infektionsverlauf, berichtet die Arbeitsgruppe um Dr. Michael Houghton in den Proceedings of the National Academy of Sciences (Band 91, S.1294). Dieses Ergebnis sei „eine starke Ermutigung und Anlaß für Optimismus, eine effektive Kontrolle von HCV-Infektionen erreichen zu können“, schreiben die Wissenschaftler.

Die weltweite Prävalenz des Virus wird auf 0,4 bis 2 Prozent geschätzt. Die meist persistenten Infektionen führen in etwa der Hälfte aller Fälle zu einer chronischen Hepatitis und bei jedem Zehnten zur Leberzirrhose. Ein beträchtlicher Anteil dieser Patienten entwickelt wiederum ein primäres hepatozelluläres Karzinom. Durch die Entwicklung verschiedener Teste gegen zirkulierende HCV-Antikörper konnte das Infektionsrisiko durch Blut- und Blutprodukte zwar deutlich reduziert werden – eine Leistung für die Houghton und der am Center for Disease Control in Atlanta tätige Daniel Bradley mit dem Robert-Koch-Preis 1993 ausgezeichnet wurden.

Wesentlich häufiger als auf dem Blutweg wird HCV jedoch durch Kontakte im sozialen Umfeld übertragen, wie Studien mit Sexualpartnern und Haushaltsmitgliedern von Patienten, aber auch mit medizinischem Personal ergeben haben. Epidemiologische Untersuchungen in den USA haben außerdem gezeigt, daß sich für 40 Prozent aller Infizierten keinerlei Risikofaktoren ausmachen ließen. „Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen HCV ist zur Verhinderung von Ansteckungen daher äußerst wünschenswert“, so Houghton.

Nachdem es der gleichen Arbeitsgruppe vor fünf Jahren gelungen war, das Erbmaterial des Erregers zu charakterisieren, wurde kürzlich ein Teil davon auf einen Vaccinia-Virus übertragen. Da HCV bisher elektronenmikroskopisch nicht dargestellt werden konnte, ist die Funktion der auf dem Genabschnitt kodierten Eiweiße (C, E1 und E2) nicht eindeutig geklärt. Die Forscher gehen jedoch davon aus, daß es sich bei C um einen Bestandteil des Viruskapsids handelt, während E1 und E2 wichtige Komponenten der Hülle des Erregers darstellen. Für die Versuche wurden die Glykoproteine E1 und E2 in einer Dosierung von jeweils 3 bis 40 µg pro Impfung benutzt. E1 und E2 entstammen menschlichen Zellkulturen (HeLa), die mit dem rekombinanten Vacciniavirus infiziert wurden und daraufhin die viralen Eiweiße in größeren Mengen produzierten. Zuvor hatte man diese Proteine in Hefe- und Insektenzellen erzeugt, ohne jedoch in Impfversuchen einen Schutz zu erreichen.

Trotz der ermutigenden Resultate verweist Houghton darauf, daß die Versuchstiere nur wenige Wochen nach der letzten Impfung mit HCV infiziert wurden. Außerdem sind gegenwärtig sechs verschiedene Genotypen des Erregers bekannt, die sich in der Zusammensetzung der mutmaßlichen Hüllproteine um bis zu 50 Prozent unterscheiden. Dies bedeutet, daß für einen allgemeinen Impfschutz eine multivalente Vakzine nötig sein könnte.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 1.3.1994)

Quelle: Choo QL, Kuo G, Ralston R, et al. Vaccination of chimpanzees against infection by the hepatitis C virus. Proc Natl Acad Sci U S A. 1994;91(4):1294-1298 (freie Version) doi:10.1073/pnas.91.4.1294

Algen-Extrakt tötet Krebszellen ab

Amerikanische Wissenschaftler haben aus einer tropischen marinen Algenart eine Verbindung isoliert, deren biologische Wirkung auf Krebszellen derjenigen von Taxol ähnelt. „Curacin A“, so der Name der Substanz, findet sich in öligen Extrakten der Algenspecies Lyngbya majuscula, die nahe der Insel Curacao vor der Küste Venezuelas gesammelt wurden.

Curacin A sei ein außerordentlich potentes Agens, vergleichbar den besten Vinca-Alkaloiden, die derzeit in der Chemotherapie zum Einsatz kommen, sagte William Gerwick, Professor für Pharmazie an der Oregon State University. „Die Aktivität ist phänomenal; eine Verdünnung von eins zu einer Milliarde genügt, um Zellen abzutöten.“

Den Laborergebnissen, die in einer der kommenden Ausgaben des Journal of Organic Chemistry veröffentlicht werden, sollen noch in diesem Monat erste Versuche mit Mäusen folgen. Dabei soll die Aktivität von Curacin A gegen Brust- und Darmkrebs ermittelt werden. Das Nationale Krebsinstitut der USA (National Cancer Institute) unterstützt die Arbeiten an der bereits zum Patent angemeldeten Substanz mit einer Million Dollar. Neben einer zytostatischen Aktivität ähnlich der von Colchicin besitzt Curacin A auch anti-inflammatorische und immunsuppresive Eigenschaften.

Die Bildung von Curacin A durch die haarförmige Alge hängt offensichtlich von noch nicht näher verstandenen Umwelteinflüßen ab. Denn obwohl Lyngbya majuscula auch vor Hawaii und Okinawa gefunden wird, fehlt den dort isolierten Algen der vielversprechende Inhaltstoff. Und auch vor Curacao wurden die Wissenschaftler nur bei einem Bruchteil der Proben fündig. Gerwick hofft daher, die Algen langfristig entweder in Aquakultur zu züchten oder Curacin A synthetisch herzustellen.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 2.3.1994 und in einer Publikumsversion in der Süddeutschen Zeitung am 3.3.1994)

Quelle: Pressestelle der Oregon State University

Pläne für neues Weltraumteleskop

Emporgetragen von einem riesigen Heliumballon und an der Erde verankert mit einem zwölf Kilometer langen Spezialkabel – so könnte nach Plänen amerikanischer Wissenschaftler die Sternwarte der Zukunft aussehen. Das ferngesteuerte „Polare Stratosphären-Teleskop“ (POST) würde mit 100 Millionen Mark nur ein Fünfzigstel dessen kosten, was bisher in das Hubble-Weltraumteleskop investiert wurde. Mit seiner raffinierten Optik könnte POST gleichwohl doppelt so viele Details am Sternenhimmel ausmachen wie sein Vorgänger, meint Holland Ford, Astronomie-Professor an der Johns-Hopkins-Universität im US-Bundesstaat Maryland.

Ford, der als Projektwissenschaftler bereits bei der Reparatur des „kurzsichtigen“ Hubble-Teleskopes eine Schlüsselrolle spielte, arbeitet schon seit Jahren mit den Ingenieren Pierre Bely und Christopher Burrows am Entwurf eines leichtgewichtigen Observatoriums, das zunächst in Alaska, nördlich der Stadt Fairbanks, in die Atmosphäre aufsteigen könnte. Später sollte POST am Südpol eingesetzt werden, wo in der halbjährigen Polarnacht ideale Voraussetzungen für astronomische Beobachtungen herrschen. Außerdem ist die Atmosphäre an den Polen weniger dick, bei gleicher Höhe würde POST daher bessere Aufnahmen liefern als in niedrigeren Breiten.

Das schwebende Observatorium bietet nach Meinung seiner geistigen Väter eine Reihe von Vorteilen gegenüber Teleskopen wie Hubble, die mit Raketen in eine Erdumlaufbahn geschossen werden. „Ein Satellit muß beim ersten Versuch funktionieren und ist deshalb sehr teuer“, erklärt Bely. „Mit unserem System dagegen kann man das Gerät zur Wartung und für Reparaturen auf die Erde zurückholen, man kann aus den Fehlern lernen.“

Der Transport des mit 1000 Kilogramm relativ leichten Gerätes – Hubble wiegt das Zehnfache – soll durch einen 100 Meter langen Spezialballon, einem Aerostat, erfolgen. Die Herstellerfirma TCOM hat ähnliche Ballons schon für die Überwachung von Truppenbewegungen im Golfkrieg und für die Kontrolle des Drogenverkehrs an der amerikanisch-mexikanischen Grenze gebaut.

POST selbst würde sieben Spiegel erhalten: Einen von 180 Zentimetern Durchmesser, die anderen mit jeweils 60 Zentimetern. Laserlicht, das von den Spiegeln reflektiert wird, erlaubt es, deren genaue Orientierung zu bestimmen. Mit den resultierenden Daten werden dann sogenannte Aktuatoren gefüttert. Diese Präzisionsmaschinen korrigieren die Ausrichtung der Einzelspiegel und erlauben es damit, die eingefangenen Lichtteilchen aus den Tiefen des Weltalls in einem Brennpunkt zusammenzuführen.

Falls die amerikanische Weltraumbehörde NASA den hochfliegenden Plänen zustimmt, würden sie damit ein einmaliges Instrument erhalten: „Das wäre so, als ob man einen Berg von 12 Kilometern Höhe nach Belieben in die Landschaft stellen könnte“, schwärmt Professor Ford.

(erschienen in der Berliner Morgenpost am 6.3.1994)

Quelle: Pressestelle der John-Hopkins-Universität, Baltimore

Photodynamische Lasertherapie gegen Brustkrebs?

An der Frauenklinik der Universität Bonn steht jetzt ganztägig ein Argon-gepumpter Ringfarbstofflaser für die photodynamische Krebstherapie mit antikörpergebundenen Farbstoffen zur Verfügung. Während in den letzten drei Jahren insgesamt nur 30 Patientinnen von dieser Methode profitieren konnten, hat sich die Behandlungskapazität nunmehr verdreißigfacht.

Wie Professor Dr. Stephan Schmidt am Rande einer Internationalen Konferenz über immunologische Ansätze in der Tumortherapie erläuterte, werden bei dieser innovativen Variante der photodynamischen Therapie sogenannte Photosensitizer an Antikörper gekoppelt und den Patienten etwa drei Tage vor einer Operation injiziert.

Die Antikörper reichern sich im Tumorgewebe an und werden mitsamt den Photosensitizern von den Zellen aufgenommen. Dort binden die Komplexe an Mitochondrien oder andere Organellen. Durch die intraoperative oder auch endoskopische Applikation von Laserlicht werden die Photosensitizer schließlich in toxische Metaboliten überführt; eine gezielte Zerstörung der Tumorzellen ist die Folge.

Zwar ist die Wirksamkeit der konventionellen photodynamischen Therapie an mittlerweile über 3000 Patienten belegt, die dabei als Photosensitizer benutzten Hämatoporphyrin-Derivate (HPD) und Dihämatoporphyrinester (DHE) können jedoch zu Schockreaktionen führen. Wegen der eher unbefriedigenden Tumorselektivität von HPD und DHE führt die Einwirkung von Tageslicht außerdem zur Zerstörung gesunden Gewebes. Die Patienten müssen daher tagelang in verdunkelten Räumen zubringen.

In Zusammenarbeit mit der Klinik für Nuklearmedizin und dem Institut für angewandte Physik hat man dieses Problem auf elegante Weise gelöst: Ein nichttoxischer Farbstoff (Zn(II)-Phtalocyanin) wurde mit einem Antikörper (OC125) gekoppelt, der sich gegen ein ausgewähltes, tumor-assoziertes Antigen richtet. Mit dem aus der Immunpathologie bekannten Biotin-Streptavidin-System zum Nachweis von Antikörpern gelang es der Bonner Arbeitsgruppe, die Effektivität der Koppelung zwischen Farbstoff und Tumorzelle um einen Faktor 100 bis 1000 zu erhöhen.

Damit ist, so Schmidt, die Selektivität gewährleistet und das Ziel einer überwiegenden Tumorzellzerstörung durch Einstrahlung von energiereichem Laserlicht in unschädlichen Wellenlängenbereichen erfüllt. Bei in-vitro Versuchen mit Ovarialkarzinomzellen wurden Devitalisierungsraten von bis zu 90 Prozent erreicht; die Remissionsraten für gynäkologische Tumoren liegen teilweise über 60 Prozent. Prinzipiell ließe sich das Verfahren auf alle Tumoren mit tumor-assozierten Antigenen anwenden, glaubt Schmidt. In Bonn werde das Haupteinsatzgebiet bei Lokalrezidiven des Mammakarzinoms liegen. Mit dem jetzt in Dienst gestellten Laser sei erstmals an einer europäischen Frauenklinik ein routinemäßiger Einsatz der photodynamischen Lasertherapie möglich.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 9.2.1994)

Was wurde daraus? Bei der Behandlung des Brustkrebs hat diese Methode sich nicht durchsetzen können. Sie kommt aber heute in abgewandelter Form bei bestimmten Krebserkrankungen der Haut zum Einsatz, z.B. der aktinischen Keratose.

Aufklärung gegen Jodmangel

Der Arbeitskreis Jodmangel und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben eine groß angelegte Kampagne gestartet, mit dem Ziel, die Akzeptanz und Verbreitung von jodiertem Speisesalz in der Bundesrepublik zu verbessern. Noch immer leiden mehr als 10 Prozent der Bevölkerung an einem Jodmangel, der ursächlich ist für einen Großteil der jährlich knapp 100000 Schilddrüsenoperationen.

Wie Vertreter beider Organisationen erläuterten, werden derzeit zwei Millionen Broschüren mit entsprechenden Ernährungstipps, 500000 Plakate und 200000 Aufkleber verteilt. Die Kosten der Aktion „Uns geht´s jod“ belaufen sich auf mehr als eine halbe Million Mark. Knapp die Hälfte dieses Betrages wurde dem Arbeitskreis Jodmangel (AJ) von der Salz- und Pharmaindustrie zur Verfügung gestellt. Demgegenüber werden die volkswirtschaftlichen Schäden der Unterversorgung mit jährlich zwei Milliarden Mark beziffert.

Mit der am 23. Dezember letzten Jahres in Kraft getretenen „Zweiten Verordnung zur Änderung der Vorschriften über jodiertes Speisesalz“ seien sämtliche gesetzlichen Hemmnisse beseitigt worden, erklärte Dr. Helmut Oberritter von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Jetzt müsse der Verbraucher davon überzeugt werden, daß die Verwendung von Jodsalz in allen Speisen als Gütekriterium zu werten sei.

Schwerpunkt der jetzigen Aufklärungsaktion sind die 70000 Bäcker- und Fleischereibetriebe in Deutschland. Sie erhielten in den letzten Tagen Informationsmaterialien für den eigenen Bedarf, aber auch zur Unterrichtung ihrer Kunden. Zu einem späteren Zeitpunkt ist eine ähnliche Aktion für den Lebensmitteleinzelhandel geplant.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 28.1.1994)

Krebstests auf dem Prüfstand

Den Nutzen weitverbreiteter Screeningtests für vier häufige Krebsarten will das Nationale Krebsinstitut der Vereinigten Staaten (NIH) mit einer Studie an 148000 Freiwilligen im Alter zwischen 60 und 74 Jahren klären lassen. Die auf zehn Jahre angelegte Untersuchung (Prostate, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer Screening Trial) wird umgerechnet knapp 150 Millionen Mark kosten.

Beim Prostatakrebs soll geklärt werden, ob jährliche Abtastungen der Vorsteherdrüse und die zusätzliche Bestimmung des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) die Mortalitätsrate dieser Krebsart verringern können. Gefragt wird auch nach einer möglichen Reduktion der Sterblichkeit beim Lungenkrebs durch jährliche Röntgenthoraxaufnahmen. Das Screening auf Ovarialkrebs umfaßt jährliche Bestimmungen des Tumormarkers CA 125 sowie transvaginalen Ultraschall. Kolorektale Krebserkrankungen sollen durch Rektosigmoidoskopien im Abstand von jeweils drei Jahren frühzeitig aufgespürt werden, um anschließend die Auswirkungen dieser Maßnahme auf die Mortalität zu erfassen.

(erschienen im Deutschen Ärzteblatt am 4.2.1994)