Zum Hauptinhalt springen

Ein Rezept für Hautkrebs: Achtlos in der Sonne

In der Hitze des Sommers sendet die Sonne ein Warnzeichen, wenn sie vom Himmel brennt. Allzu vielen Menschen scheint dies jedoch egal zu sein, ergab eine Stichprobe, die Hautärzte am Rande des Oktoberfests erfasst haben. Neun Tage lang hatten die Experten Besuchern beim Bayerischen Zentral-Landwirtschaftsfest kostenlose Untersuchungen der Haut angeboten. Das wichtigste Ergebnis lautet: Menschen, die im Freien arbeiten, sind sehr viel häufiger an einer Vorstufe von Hautkrebs erkrankt, als man bisher dachte, der Aktinischen Keratose.

Mehr als die Hälfte der 2577 Probanden waren Landwirte, weitere 7 Prozent arbeiteten ebenfalls im Freien, und nur ein Drittel waren ausgesprochene „Schreibtischtäter“. Obwohl die Teilnehmer der Untersuchung mit 52 Jahren verhältnismäßig jung waren, war etwa jeder Vierte an einer Aktinischen Keratose erkrankt: 41 Prozent waren es bei den Männern und 14 Prozent bei den Frauen.

Die Aktinische Keratose aber gilt als eine Vorstufe (Präkanzerose) des „Weißen Hautkrebs“ – genauer des Plattenepithelkarzinoms, an dem in Deutschland jährlich etwa 100000 Menschen erkranken. Eine wichtige Maßnahme zur Vorbeugung ist der Gebrauch von Sonnenschutz, doch in der aktuellen Untersuchung hatten ausgerechnet unter den im Freien Tätigen fast 60 Prozent darauf verzichtet. Überdies hatten diese Menschen auch noch seltener an einer der kostenlosen Hautkrebsuntersuchungen (Screening) teilgenommen, als die Durchschnittsbevölkerung.

Die Studie wurde zwar von der Firma Beiersdorf mitfinanziert, die unter anderem Sonnencremes verkauft, könnte aber dennoch als doppelte Warnung dienen: Die eine geht an die Ärzte, und mahnt sie, im Freien tätige Menschen besonders gründlich zu untersuchen. Die zweite Warnung betrifft diese Menschen selbst und erinnert sie, sich mit Kopfbedeckung und Sonnencremes zu schützen und die kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen.

Tizek L et al.: Skin diseases are more common than we think: screening results of an unreferred population at the Munich Oktoberfest. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2019 Mar 19. doi: 10.1111/jdv.15494.

Trainingsprogramm für aggressive Abwehrzellen

Heftige Kritik üben einige Experten an einer neuen Form der Krebsbehandlung, die derzeit in mehreren US-Kliniken erprobt wird. Diese „adaptive Immuntherapie“ erfülle nicht die in sie gesetzten Erwartungen und sei zudem teurer und mit mehr Nebenwirkungen verbunden als vergleichbare Verfahren.

Arzt, Forscher, Lebensretter: Steven A. Rosenberg im Jahr 2008 (Foto: Rhoda Baer, NCI)

Entwickelt wurde die Therapie von Steven Rosenberg, Chefchirurg am amerikanischen Krebsforschungsinstitut in Maryland. Rosenbergs erklärtes Ziel ist es, Krebserkrankungen durch „trainieren“ der körpereigenen Abwehrzellen zu bekämpfen. Dazu werden den Patienten zunächst weiße Blutzellen (Lymphozyten) entnommen, die dann im Labor mit dem Signalmolekül Interleukin-2 (IL-2) „gefüttert“ werden. Das gentechnisch hergestellte Eiweiß kann die Lymphozyten in aggressive Killerzellen (LAK) verwandeln. Zusammen mit IL-2 werden die kräftig vermehrten LAK schließlich in die Blutbahn der Patienten zurückgespritzt. Von dort gelangen sie in jeden Winkel des Körpers, um ihre zerstörende Wirkung an Krebsgeschwüren zu entfalten.

Naturgemäß ist ein derartiger Eingriff mit schweren Nebenwirkungen verbunden. Die Vermehrung der Lymphozyten im Gewebe des Patienten kann die Funktion lebenswichtiger Organe beeinträchtigen. Als Folge der IL-2-lnjektionen sammeln sich große Flüssigkeitsmengen im Gewebe an. Manchmal müssen die Patienten deshalb in der Intensivstation gepflegt werden. Die adaptive Immuntherapie ist also mit enormen Belastungen für die Patienten verbunden; zudem kann eine Behandlung bis zu 50000 Mark kosten.

An der Frage, ob Rosenbergs Methode anderen Behandlungsformen wirklich überlegen ist, scheiden sich die Geister. Der Mediziner sieht sich genötigt, „seine“ Form der biologischen Krebsbekämpfung gegen die Vorwürfe mancher Kollegen zu verteidigen. Die Immuntherapie „kann wirkungsvoll sein. Bisher kann die Methode nur einer begrenzten Zahl von Patienten helfen, aber vielleicht ist das nur ein Anfang.“

Nach der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse im Jahr 1985 habe die Öffentlichkeit ihre Erwartungen zu hoch geschraubt, sagte Rosenberg in einem Interview. Damals kam es unter 25 „hoffnungslosen Fällen“, bei denen alle Heilungsversuche mit herkömmlichen Verfahren versagt hatten, bei elf zu einer Reduktion oder gar zum völligen Verschwinden der Tumoren.

Damit war bewiesen, dass man sogar größere Krebsgeschwüre im Menschen mit biologischen Methoden bekämpfen kann. Neue Daten aus Rosenbergs Arbeitsgruppe, die an 177 Patienten gewonnen wurden, sind weniger beeindruckend als die ersten Ergebnisse. Dennoch: Bei Nierenkrebs und bösartigem Hautkrebs verschwanden die Tumoren in zehn Prozent aller Fälle vollständig. In ebenso vielen Fällen gelang es, die Größe der Tumoren auf die Hälfte zu reduzieren.

Kliniken außerhalb des amerikanischen Krebsforschungsinstitutes allerdings erzielen mit der adaptiven Immuntherapie weniger deutliche Erfolge. Bei Nierenkrebspatienten etwa wurde ein vollständiger Rückgang der Tumoren nur in jedem 50. Fall beobachtet, auch eine Größenreduktion gelang nur halb so oft wie in Rosenbergs Arbeitsgruppe. Umstritten ist auch die Frage, ob die Teilerfolge, die mit der adaptiven Immuntherapie erzielt wurden, vielleicht nur auf der Wirkung des Interleukins beruhen. Zu diesem Ergebnis kommt nämlich eine neue Untersuchung des Unternehmens Hoffmann-La Roche. Die Gabe von IL-2 alleine wäre nicht nur technisch einfacher zu bewältigen; sie ist auch wesentlich billiger als Rosenbergs ausgefeiltes Konzept.

Rosenberg ist dennoch davon überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Auf der Suche nach weiteren Immunzellen, die Krebsgeschwüre bekämpfen können, fand er in operativ entfernten Tumoren die „tumor-infiltrierenden“ weißen Blutzellen (TIL). Bei ersten klinischen Versuchen an Hautkrebspatienten erwiesen sich die TIL – wiederum nach Stimulation mit Interleukin – als noch bessere Tumorkiller als LAK. Schon lange hat Rosenberg Pläne in der Schublade, die LAK und TIL gentechnisch zu verändern und somit noch wirksamer zu machen. Innerhalb eines Jahres könnte der Chefchirurg so zum weltweit ersten Gentherapeuten werden. übertriebene Hoffnungen auf einen plötzlichen Durchbruch in der Krebsbehandlung scheinen – auch angesichts der jüngsten Erfahrungen – dennoch fehl am Platz.

(leicht gekürzt erschienen in der WELT am 6. Juni 1990, letzte Aktualisierung am 9. März 2017)

Was ist daraus geworden? Rosenberg hat viele Rückschläge hinnehmen müssen und stand oft in der Kritik. Heute ist er anerkannt als einer der Pioniere der modernen Krebstherapie. Mit seiner Immuntherapie und mit gentherapeutischen Verfahren habe er „lebensrettende Behandlungen für Millionen von Krebspatienten entwickelt“, urteilte beispielsweise die Washington Post. Eine gentechnisch hergestellte Variante von Interleukin-2 ist zur Behandlung des Nierenzellkarzinoms zugelassen, in den USA auch beim fortgeschrittenen (metastasierten) schwarzen Hautkrebs. Sehr empfehlenswert, aber schwer zu kriegen ist Rosenbergs Buch „Die veränderte Zelle„, aus dem Jahr 1992, in dem der Mediziner auch über seine Motive und den Umgang mit Niederlagen schreibt.

Außer Boykott bleiben nur wenig Alternativen

FCKW-haltige Treibgase verursachen Ozon-Loch und gefährden Stratosphäre – Informationsabend der Grünen mit Gerhard Veits

Der Wieslocher Ortsverband der Grünen hatte am Montagabend zu einer Informationsveranstaltung über das Ozonloch mit anschließender Diskussion in das TSG-Vereinshaus eingeladen. Vom unerwartet großen Interesse – mehr als 70 Zuhörer drängten sich im Raum – zeigten sich die Veranstalter angenehm überrascht. Gerhard Veits bemühte sich mit Sachverstand um eine umfassende und gleichwohl allgemein verständliche Darstellung dieser Problematik, ohne dabei allzu stark zu vereinfachen.

Ozon ist eine Form des Sauerstoffes, die sich von dem „gewöhnlichen“ Sauerstoff in der Atemluft dadurch unterscheidet, dass hier drei statt nur zweier Sauerstoffatome zu einem Molekül vereinigt sind. In einer Höhe von 30 bis 50 Kilometern über unseren Köpfen bildet dieses Gas einen Schutzschild, der von der gefährlichen ultravioletten (UV) Strahlung der Sonne nur einen Bruchteil auf die Erde gelangen lässt. Wird dieser Schild nun geschädigt, so ist ein Anstieg der Strahlenschäden zu erwarten. Für den Menschen bedeutet dies nicht nur eine Zunahme der Zahl von Sonnenbränden, sondern auch – wesentlich ernsthafter – ein Anwachsen der Hautkrebsrate und Augenkatarakte bis hin zu Erbschäden, die an die folgende Generation weitergegeben werden.

Hinweise darauf, dass unsere Ozonschicht bedroht ist, gab es schon seit mehreren Jahren. Ein groß angelegtes Forschungsprojekt, in dem der Ozongehalt der Atmosphäre über dem Südpol gemessen wurde, brachte nun Klarheit: bis zur Hälfte der Ozonmoleküle verschwinden dort jeweils im arktischen Frühling auf einer Fläche von der Größe ganz Nordamerikas. Das Ozonloch füllt sich dann wieder aufgrund atmosphärischer Strömungen bis zum nächsten Jahr. Wenn auch die Situation nirgendwo so ernst ist wie in der Antarktis, so zeigen weltweite Messdaten doch eine Abnahme des Ozons auch in unseren Breiten.

Mittlerweile sind in Expertenkreisen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) als eine der Hauptursachen für die Zerstörung dieses Schutzschildes ermittelt worden. Diese Substanzen galten lange Zeit als harmlos und umweltfreundlich, da sie nicht mit anderen Stoffen zu reagieren schienen. So wurden sie denn seit ca. 1960 in Spraydosen als Treibgase benutzt, ebenso wie als Kühlflüssigkeit in Gefriertruhen, in Klimaanlagen oder auch als Reinigungsmittel und für „geschäumte“ Verpackungsmaterialien. Der größte Teil der Weltjahresproduktion von ca. 700 000 t entweicht in die Luft und gelangt dann erst nach 10 Jahren in die Stratosphäre, wo die FCKWs ihre verheerende Wirkung entfalten.

Durch die Einwirkung der UV-Strahlung werden aus diesen Verbindungen Chloratome abgespalten, von denen wiederum jedes einzelne in der Lage ist, Tausende von Ozonmolekülen zu zerstören. In den USA, Kanada, Schweden und Norwegen ist der Einsatz von FCKW zumindest als Treibmittel in Spraydosen seit 1978 verboten.

Dass diese Maßnahme nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, machte Veits auf  eindringliche Weise deutlich. So rechnete er vor, dass auch nach dem Montreal-Protokoll, das von den Umweltbeauftragten aus 49 Ländern im September vergangenen Jahres unterschrieben wurde, die Belastung der Atmosphäre kaum nennenswert zurückgehen werde. In diesem Abkommen, das von der Bundesregierung und der chemischen Industrie als großer Erfolg dargestellt werde, verpflichtet sich die „Industriegemeinschaft Aerosole“ freiwillig, den Einsatz von FCKW als Treibgase bis 1989 um mindestens 75 Prozent zu reduzieren. Dennoch sah Veits im Einfrieren der weltweiten Produktion auf das Niveau des Jahres 1986 ab 1.7.89., in der Reduktion um 20 Prozent ab 1993 und um 50 Prozent ab 1999 keine wirksamen Maßnahmen, um dem Abbau der Ozonschicht Einhalt zu gebieten. Dies um so mehr, als es für die meisten Anwendungen der FCKW bereits alternative Werkstoffe gebe.

In der anschließenden Diskussion wurde oft nach den Möglichkeiten des Einzelnen gefragt, den Gebrauch von FCKW zu reduzieren. Leider musste Veits hier bekennen, dass diese eher begrenzt seien: Außer dem Boykott von FCKW-haltigen Produkten bleiben dem Konsumenten wenig Alternativen. Letztendlich sei es Aufgabe des Gesetzgebers, zum Beispiel durch Unterstützung des Recycling von Kühlmitteln, durch Verschärfung der zulässigen Abgaswerte oder durch steuerliche Maßnahmen der drohenden Entwicklung Einhalt zu gebieten.

(erschienen in der Rhein-Neckar-Zeitung am 22. Januar 1988)

59-info@2xWas ist daraus geworden? Das Problem wurde richtig eingestuft, mit seiner Einschätzung, das Montreal-Protokoll sei unwirksam, lag Veits indes daneben: Es gilt heute als ein Paradebeispiel dafür, wie Politiker rechtzeitig auf die Warnungen der Forscher gehört und durch ein weltweites Abkommen eine globale Bedrohung abgewendet haben. Wegen der langen Verweilzeit der FCKW in der Atmosphäre ist das Ozonloch zwar noch nicht ganz verschwunden, die Schutzschicht unseres Planeten erholt sich jedoch eindeutig, wie Spiegel online berichtet.