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Neue Studie: Flohsamen wirksam beim Reizdarmsyndrom

„Bewährte Hausmittel“  und „hilfreiche Nahrungszusätze“ gibt es zuhauf in den Regalen von Refomhäusern und Apotheken. Sucht man jedoch nach handfesten Beweisen für die Wirksamkeit der meist pflanzlichen Hoffnungsträger, so schrumpft die Auswahl dramatisch. Eine der wenigen Ausnahmen scheint Flohsamen zu sein, wie Forscher der Universität Utrecht jetzt in der Fachzeitschrift British Medical Journal berichten. Sie untersuchten 275 Patienten mit Reizdarmsyndrom, die zwei Mal täglich jeweils entweder 10 Gramm Kleie, Reismehl oder Flohsamen (auch als Psyllium bekannt) zu sich nahmen.

Als Reizdarmsyndrom (manchmal auch „nervöser Darm“, „Reizkolon“ oder „irritables Darmsyndrom“ (IDS) genannt) bezeichnet man eine Gruppe von Darmerkrankungen mit weitgehend unklarer Ursache, an der bis zu zehn Prozent der Bevölkerung leiden. Typische Zeichen sind Schmerzen oder Unwohlsein im Bauchraum und ein veränderter Stuhlgang, oft auch eine erhöhte Druckempfindlichkeit des Darms (Näheres lesen Sie am besten in diesem Wikipedia-Artikel).

Die meisten Hausärzte empfehlen ihren Patienten zunächst, die Ernährung zu ändern, und sie raten zu Kleie-Produkten weil diese einen hohen Anteil unlöslicher Pflanzenfasern enthalten, die als „Ballaststoffe“ den Darm anregen sollen. In ihrer Studie wollten die Niederländer nun heraus finden, wie wirksam unlösliche Pflanzenfasern beim Reizdarmsyndron wirklich sind, und ob nicht die im Flohsamen reichlich enthaltenen löslichen Pflanzenfasern die bessere Alternative sind. Als mutmaßlich wirkungslose Kontrolle erhielt ein Teil der Patienten Reismehl, in dem fast keine intakten Pflanzenfasern mehr enthalten sind.

Nach 12 Wochen hatten sich die Beschwerden mit Flohsamen um 90 Prozent verringert, mit der Kleie um 58 Prozent und mit dem Reismehl immerhin noch um 49 Prozent. Angesichts dieser Zahlen muss allerdings auch bedacht werden, dass oftmals die für den Reizdarm typischen Beschwerden von selbst verschwinden, wenn Hektik, Stress und andere Belastungen nachlassen. Auch die 58 Prozent Verbesserung mit Kleie klingen zunächst beeindruckend, doch wurde dieser „Ballaststoff“ seinem Namen in zweifacher Hinsicht gerecht: Viele Studienteilnehmer vertrugen die Kleie nicht und ihre Beschwerden verschlechterten sich sogar. Nur 56 Prozent der „Kleie-Esser“ blieben bis zum Ende der dreimonatigen Versuchszeit dabei. Mit Reismehl waren es 60 Prozent und mit Flohsamen hielten 64 Prozent durch.

Lösliche Pflanzenfasern sind demnach beim Reizdarmsyndrom wirksamer als unlösliche. Zwar sind lösliche Pflanzenfasern auch in Obst wie zum Beispiel Äpfeln und Erdbeeren enthalten, sowie in Gerste und Hafer. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass Menschen mit Reizdarmsyndrom mit diesen Nahrungsmitteln genug lösliche Pflanzenfasern aufnehmen, sagte einer der beteiligten Forscher, Dr. Niek de Wit. „Ich denke, am Anfang ist die beste Behandlung der Zusatz von Flohsamen zur Nahrung“, sagte der Mediziner.

Quelle:

Hämorrhoiden – ungeliebte Anhängsel

Vorbemerkung: Sage keiner, dass Simmformation sich vor Tabu-Themen drückt! Warum auch sollte man nicht über Hämorrhoiden schreiben in einer Zeit, wo jede Dating-Show und jeder Möchtegern-Star mehr Peinlichkeiten bietet, als es ein undichter Hintern jemals vermöchte? Den folgenden Artikel habe ich indes nicht selbst geschrieben, sondern mit Genehmigung nur leicht verändert übernommen von amPuls-online, einem Nachrichtendienst des Universitäts-Klinikums Freiburg:

Die Dinger machen nur Ärger, sollte man meinen. Schon mit der Rechtschreibung geht es los: Hämorrhoiden oder Hämorriden? Weil ich ein Fan der Basisdemokratie bin, will ich es mit Mehrheit halten und in diesem Artikel von Hämorrhoiden schreiben statt von Hämorriden (bei Wikipedia ist die Sache recht eindeutig mit 357000 Treffen zu 20500). Jedenfalls sitzen sie am Ende des Afterkanals und dort arbeiten dieses Gewebepolster aus vielen kleinen Blutgefäßen zusammen mit dem Schließmuskel als eine Art äußerer Dichtungsring, der dafür sorgt, dass unseren Darm nichts ungewollt nach außen entweicht. Zuerst einmal dürfen wir unseren Hämorrhoiden also sehr dankbar sein. Wenn diese uns allerdings Probleme machen, ist das meist sehr unangenehm. Anzeichen für ein Hämorrhoidenleiden sind Brennen oder Jucken sowie Nässen oder schmerzende Knoten im Afterbereich, Blutstropfen oder Stuhlschmieren in der Unterwäsche, sowie das Gefühl der unvollständigen Entleerung nach dem Stuhlgang.

Diese Beschwerden sind wohl auch der Grund, warum dieses Leiden nur ungern thematisiert wird. Aber aufgepasst! „Leichte Beschwerden können sich auch verschlimmern“, erklärt Professor Günther Ruf, Leiter der Koloproktologie der Abteilung Allgemein- und Viszeralchirurgie des Universitätsklinikums Freiburg. Die Experten unterscheiden vier Krankheitsstadien. Im ersten Stadium ist das Leiden nur wenig ausgeprägt und die oben genannten Probleme treten kaum oder teilweise gar nicht auf.

Im zweiten Stadium sind die Hämorrhoiden deutlich vergrößert. Verstärktes Schmerzen und Bluten kann die Folge sein. Werden sie belastet, wie beispielsweise beim Pressen während des Stuhlgangs, treten sie hervor, ziehen sich anschließen aber selbstständig wieder zurück. Wird das dritte Stadium erreicht, ziehen sich die Hämorrhoiden auf Grund ihrer fortgeschrittenen Größe nicht mehr eigenständig zurück, sondern müssen mit dem Finger zurückgeschoben werden. Das ist auch der Grund, warum der Darm nicht mehr richtig abgedichtet wird und es zu Stuhlschmieren in der Wäsche kommen kann.

Im vierten Stadium sind die Hämorrhoiden schließlich auf eine Größe angeschwollen, die das Zurückschieben in den After verhindert. Hier können starke Beschwerden die Folge sein. Abgesehen von Blutungen, Schmerzen und Entzündungen, kann es auch zu unfreiwilligem Stuhlabgang kommen. „Während das erste und zweite Stadium noch selbst mit Salben, Zäpfchen und Sitzbädern behandelt werden kann, sollten weiter fortgeschrittene Stadien unbedingt von einem Facharzt untersucht werden“, rät Professor Ruf. In diesem Fall wird auf Verfahren wie Verödung oder eine Laser- oder Kältetherapie zurückgegriffen.

Um die Beschwerden nicht zu verschlimmern, sollte darauf geachtet werden, den Stuhl weich zu halten, so dass er ohne übermäßiges Pressen abgeführt werden kann. Dabei hilft ballaststoffreiche Nahrung und eine Flüssigkeitszufuhr von zwei bis drei Litern pro Tag. Vollkornprodukte sowie Kartoffeln, Spinat, Pfirsiche oder Aprikosen haben sich als empfehlenswert herausgestellt. Bananen und Heidelbeeren hingegen verhärten den Stuhl eher, ebenso wie Schokolade und Cola, schwarzer Tee und Weißmehlprodukte.

Wer schon Schmerzen verspürt sollte außerdem mit säurehaltigen Zitrusfrüchten zurückhaltend sein. Die häufigste Ursache für Hämorrhoiden ist chronische Verstopfung, der genau so wie oben beschrieben durch weichen Stuhl vorgebeugt werden kann. Die regelmäßige Einnahme von Abführmitteln ist ein ebenso häufiger Grund. „Auch erbliche Veranlagungen wie eine Bindegewebsschwäche, der erhöhte Druck im Bauch bei einer Schwangerschaft oder Bewegungsmangel und Übergewicht können Gründe dafür sein“, erklärt Professor Ruf. Immer noch kommt es zu ausgeprägten Hämorrhoidenleiden, weil es den Betroffenen unangenehm ist in einem frühen Stadium damit zu einem Arzt zu gehen. Völlig zu unrecht! Experten haben sich speziell auch für solche Beschwerden ausbilden lassen. Für den Patient mag die Erkrankung also ungewöhnlich sein, für den Facharzt sicher nicht. Wer also nicht will, dass es raus kommt, sollte mit einem Arztbesuch dafür sorgen, dass alles drin bleibt.

Tipp:

Aufklärung gegen Jodmangel

Der Arbeitskreis Jodmangel und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben eine groß angelegte Kampagne gestartet, mit dem Ziel, die Akzeptanz und Verbreitung von jodiertem Speisesalz in der Bundesrepublik zu verbessern. Noch immer leiden mehr als 10 Prozent der Bevölkerung an einem Jodmangel, der ursächlich ist für einen Großteil der jährlich knapp 100000 Schilddrüsenoperationen.

Wie Vertreter beider Organisationen erläuterten, werden derzeit zwei Millionen Broschüren mit entsprechenden Ernährungstipps, 500000 Plakate und 200000 Aufkleber verteilt. Die Kosten der Aktion „Uns geht´s jod“ belaufen sich auf mehr als eine halbe Million Mark. Knapp die Hälfte dieses Betrages wurde dem Arbeitskreis Jodmangel (AJ) von der Salz- und Pharmaindustrie zur Verfügung gestellt. Demgegenüber werden die volkswirtschaftlichen Schäden der Unterversorgung mit jährlich zwei Milliarden Mark beziffert.

Mit der am 23. Dezember letzten Jahres in Kraft getretenen „Zweiten Verordnung zur Änderung der Vorschriften über jodiertes Speisesalz“ seien sämtliche gesetzlichen Hemmnisse beseitigt worden, erklärte Dr. Helmut Oberritter von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Jetzt müsse der Verbraucher davon überzeugt werden, daß die Verwendung von Jodsalz in allen Speisen als Gütekriterium zu werten sei.

Schwerpunkt der jetzigen Aufklärungsaktion sind die 70000 Bäcker- und Fleischereibetriebe in Deutschland. Sie erhielten in den letzten Tagen Informationsmaterialien für den eigenen Bedarf, aber auch zur Unterrichtung ihrer Kunden. Zu einem späteren Zeitpunkt ist eine ähnliche Aktion für den Lebensmitteleinzelhandel geplant.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 28.1.1994)

Mit Jodsalz gegen den Kropf

Eine allgemeine Massenprophylaxe mit jodiertem Speisesalz und eventuell auch Futtermittelzusätzen wäre das beste Mittel, um in Deutschland der Kropfbildung vorzubeugen, so die Meinung führender Endokrinologen auf dem 18. Interdisziplinären Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundesärztekammer. Weil diese Forderung jedoch nicht erfüllt wird, entstehen hierzulande jährliche Kosten von etwa zwei Milliarden Mark für die Diagnose und Therapie von Schilddrüsenkrankheiten.

Neben der Einsparung dieser Summe könnten auch die Lebensqualität und Gesundheit der Deutschen insgesamt angehoben werden, sagte Walter Teller, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Kinder-Klinik Ulm. „Schließlich könnte man auch mit einer Steigerung der Intelligenz rechnen, da erwiesenermaßen Jodmangel zur Herabsetzung der geistigen Leistungsfähigkeit führt.“

Die Wirksamkeit einer allgemeinen Prophylaxe im Vergleich zum Freiwilligkeitsprinzip beschrieb am Beispiel der ehemaligen DDR Wieland Meng. Wie der Leiter der Endokrinologischen Abteilung der Universitätsklinik Greifswald erläuterte, führte dort das endemische Auftreten der Struma zu gesetzlichen Maßnahmen, die ab 1983 schrittweise eingeführt wurden. Neben der Anreicherung des Haushaltssalzes mit Jod verfütterte man auch jodhaltige Mineralstoffmischungen an Nutztiere. Die Konzentration des Elementes in Milch und Fleisch stieg daraufhin um das Zwei bis Fünffache.

Innerhalb weniger Jahre wurde das, durch geologische Verhältnisse bedingte, Nord-Süd-Gefälle bei der Jodversorgung ausgeglichen. Kongenitale Kröpfe verschwanden fast vollständig und auch die Strumahäufigkeit bei Kindern, Jugendlichen und Schwangeren war rückläufig. Gemittelte Labordaten zum Jodgehalt im Urin zeigten 1988 eine Verdoppelung der Werte gegenüber den Jahren 1978 bis 1981. Erwartungsgemäß traten Hyperthyreosen zunächst häufiger auf. Weng schätzt den Zuwachs auf das Zwei- bis Dreifache, doch sei dies kein Argument gegen eine Strumaprophylaxe, weil es sich dabei nur um eine Vorverlagerung präexistenter Erkrankungen gehandelt habe. „Der Gipfel wurde 1989 überschritten und das Hyperthyreoseaufkommen näherte sich wieder den Ausganswerten.“

Mit dem Mauerfall im gleichen Jahr ging allerdings der Verbrauch von Jodsalz im Haushalt auf 20 Prozent zurück, die Jod-Zufütterung von Nutztieren brach ebenfalls zusammen. Die per Jodurie ermittelten Werte entsprechen heute wieder denen zu Beginn der achtziger Jahre.

(erschienen in der Ärzte-Zeitung am 18.1.1994)

Streit um Genfood

Von „Genfraß“ und „Frankenfood“ reden die einen, „bessere, gesündere und billigere Lebensmittel“ versprechen die anderen: Nahrung, die zumindest teilweise mit Hilfe gentechnischer Methoden produziert wird, erregt in jedem Fall das Gemüt des deutschen Verbrauchers. Der will, wie Umfragen belegen, lieber naturbelassene Kost. Trotzdem werden die Verpackungen vorerst keinen Hinweis auf die Art der Herstellung tragen, obwohl dank EG-weiter „Harmonisierung“ immer mehr „neuartige Nahrung“ in einheimischen Supermärkten Einzug hält.

Schon heute findet die Gen-Nahrung ihren Weg in deutsche Mägen, still und heimlich, zu Hause und im Urlaub. Besonders Amerika-Reisende haben mit ziemlicher Sicherheit schon einen Vorgeschmack auf künftige Entwicklungen bekommen – freilich, ohne etwas davon zu bemerken. So gilt es als sicher, daß die Gentechniker bei der Herstellung des Süßstoffes Aspartam („Nutrasweet“) ihre Hände im Spiel haben.

Zudem wird fast die Hälfte aller Hartkäsesorten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit Chymosin aus dem Genlabor hergestellt. Das Eiweiß, welches die Reifung des Käses auch in Dänemark, Großbritannien, Portugal und der Schweiz beschleunigen darf, stammt aus Bakterien, denen Forscher ein Rindergen ins Erbgut eingebaut haben. Traditionell wird Chymosin zur Käseherstellung aus dem Labmagen von Kälbern gewonnen, die Substanz ist jedoch identisch mit dem gentechnisch hergestellten Chymosin aus Bakterien.

Während nun Kälberlabferment zu über 90 Prozent aus Verunreinigungen besteht, die letztlich im Käse enden, sind bakterielle Chymosinpräparate vergleichsweise sauber: Sie entfalten zu fast 90 Prozent das gewünschte Eiweiß, dazu einige harmlose Salze aus dem Reinigungsprozeß und einen sehr kleinen Anteil fremder Eiweiße aus den, das Chymosin produzierenden, Mikroorganismen.

Das strenge deutsche Gentechnikgesetz kommt in diesem· Fall nicht zum Tragen, weil es keine speziellen Regelungen für Lebensmittel enthält: Der Gen-Käse enthält zwar einen Stoff – eben das Chymosin -, der aus dem Genlabor stammt, nicht aber lebensfähige genmanipulierte Mikroorganismen.

Wer allerdings in Deutschland gentechnisch hergestellte Hefen und Bakterien zur Produktion von Bier, Brot und Joghurt nutzen will, braucht eine Erlaubnis zum „„Inverkehrbringen gentechnisch veränderter Organismen“. Während derartige Genehmigungen in Deutschland äußerst zögerlich erteilt werden, sind britische Bäcker und Braumeister bereits am Werk: Für die Bierherstellung wurden Hefen entwickelt, die Light-Biere direkt produzieren, die Reifezeit des Gerstensaftes verkürzen und das Verstopfen der Filteranlagen durch den Abbau pflanzlicher Riesenmoleküle verhindern.

Hin und wieder scheinen die Manager der Lebensmittelindustrie jedoch die Rechnung ohne den Verbraucher zu machen: So entwickelte die kalifornische Firma Calgene eine Tomate, die unter dem Namen „Flavr savr“ (Geschmacksretter) Furore machte. Die Reifung des Nachtschattengewächses ist um längere Zeit verzögert worden, weil die Calgene-Forscher eines von etwa 100000 Tomatengenen gezielt abgeschaltet haben.

Das unter natürlichen Umständen für den Abbau der Tomaten-Zellwände verantwortliche Enzym wird durch diesen Trick nur noch in winzigen Mengen gebildet, die biologische Uhr der Pflanze nach der Reifung praktisch angehalten. Die „Gentomaten“ werden – im Gegensatz zu ihren Artgenossen aus herkömmlicher Zucht – als rote, reife Früchte gepflückt. Den Händlern werden dadurch längere Lagerzeiten ermöglicht.

Ernst-Ludwig Winnacker vom Genzentrum der Universität München zählt zu den wenigen, die bisher das Versprechen auf einen „Geschmack wie von der Staude“ überprüft haben. Ganz hervorragend habe sie geschmeckt, erinnert sich der Professor. Im Gegensatz zu den 40 deutschen Spitzenköchen, die kürzlich – ohne Geschmacksprobe – einen Appell gegen die EG-weite Zulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel veröffentlichten, vermag Winnacker weder eine Gesundheitsgefährdung noch einen Qualitätsverlust auszumachen.

Aber obwohl alle gesetzlichen Auflagen erfüllt und die Unbedenklichkeit des Verzehrs mehrfach amtlich attestiert wurde, droht die Markteinführung des feuerroten Geschmacksretters. zu scheitern: Die amerikanischen Verbraucher zeigten kein Interesse an den Früchten, und auch ein großer Lebensmittelhersteller wird seine Suppen weiterhin mit herkömmlichen Tomaten zubereiten, obwohl die Firma die Forschungsarbeiten ursprünglich mitfinanziert hatte.

Viel Zeit verbringt Winnacker damit, die Ängste der Deutschen vor der Gentechnik zu entkräften. Eine schleichende Vergiftung durch Gen-Nahrung, wie einige Kritiker sie bereits an die Wand malen, hält er für „Blödsinn“. „In den Mahlzeiten, die wir täglich zu uns nehmen, sind durchschnittlich sieben Gramm Erbsubstanz enthalten“, rechnet Winnacker vor – fremde Gene in Hülle und Fülle also. Im Mund oder spätestens im Magen haben die Gene von Rind und Radieschen, Schwein und Scholle, Krabbe und Kartoffel reichlich Zeit, sich planlos zu durchmischen, ohne daß dadurch eine besondere Gefahr hervorgerufen werde.

Etwas vorsichtiger fällt die Analyse von Klaus-Dieter Jany aus, der sich an der Karlsruher Bundesforschungsanstalt für Ernährung hauptberuflich dem Thema verschrieben hat. Der Professor hält den Einsatz der Gentechnik im Lebensmittelbereich für nicht mehr und nicht weniger riskant als die Anwendung herkömmlicher Verfahren.

Voraussetzung sei allerdings, daß die am Gentransfer beteiligten Organismen und Erbmoleküle ebenso genau bekannt seien wie die Ernährungsgewohnheiten der Verbraucher. Bei verantwortungsvollem Einsatz der Gentechnik sieht Jany die Chance, „erstmals gesundheitliche Risiken von Lebensmitteln zu vermindern und deren Nährwert zu erhöhen.“

Ganz anderer Meinung ist da Beatrix Tappeser vom Öko-Institut Freiburg. „Die Gentechnik sollte im Bereich der Lebensmittel nicht eingesetzt werden“, forderte die Biologin kürzlich in einer Expertenanhörung des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages. Als Grund für ihre Bedenken zitierte die Kritikerin die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA, die unter anderem allergische Reaktionen auf die neuen Lebensmittel für möglich hält.

Auch sei ungeklärt, inwieweit gentechnisch veränderte Organismen ihre neuen Eigenschaften auf die Darmbakterien des Menschen übertragen können und welche langfristigen Folgen sich daraus ergeben, sagte Frau Tappeser. „Wenn Politik und Wissenschaft sich nicht einigen können, muß zumindest eine Kennzeichnungspflicht her, damit der Verbraucher beim. Einkauf selbst entscheiden kann.“

Für eine Kennzeichnungspflicht plädierte nicht nur die Mehrzahl der bei der Anhörung anwesenden Experten. Auch die Bundesregierung vertritt diesen Standpunkt gegenüber der EG. Bis zum Abschluß des Gesetzgebungsverfahrens allerdings wird gegessen, was – ungekennzeichnet – auf den Tisch kommt.

(erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 1. Oktober 1993)

Zu wenig Selen in Pflanzenkost

Bei den aus Gesundheitsgründen häufig empfohlenen pflanzlichen Diäten müsse auf den Selenspiegel geachtet werden, meint Dr. Jörg Brüggemann von der Bundesanstalt für Getreide-, Kartoffel- und Fettforschung in Detmold. Wegen des niedrigen Selengehaltes in deutschem Brot könne eine solche Diät Selenmangel provozieren. Diesen bringen manche Ernährungswissenschaftler mit Herz-Kreislaufkrankheiten in Verbindung.

Die Welternährungsorganisation FAO hält eine tägliche Selenzufuhr von 70 Mikrogramm pro Person für das Minimum; 90 bis 200 Mikrogramm gelten unter Experten als optimal. Dies erfordert einen entsprechend hohen Anteil des Halbmetalls in den Grundnahrungsmitteln, ein Anspruch, der aufgrund extrem selenarmer Böden in Deutschland ohne Zusätze kaum zu erfüllen ist.

So ergeben die jährlichen Brotqualitätsprüfungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) nach wie vor Werte zwischen 10 und 30 Mikrogramm pro Kilo Weizen- oder Roggenbrot. Bezüglich ihres Selenanteils seien auch Bio- und Vollkornbrote „so gesund oder ungesund wie alle anderen“, sagte Brüggemann auf einer Tagung der DGE in Bonn. Bei einem in der Bundesrepublik üblichen Brotverzehr von 220 Gramm pro Tag und Person würden kaum zehn Prozent der von der FAO empfohlenen Zufuhr erreicht. Auch beim Milchvieh könne eine ausreichende Versorgung mit dem Spurenelement nur durch supplementiertes Kraftfutter gewährleistet werden.

Zur Beseitigung des Selenmangels gibt es einige Vorschläge. In bestimmten Gemüsesamen können beim Keimen in selenhaltigen Nährlösungen bis zu 250 Milligramm pro Kilo gebunden werden. Derartige Produkte ließen sich dann als Zusatzstoffe verwenden, so Brüggemann. In der Schweiz, wo die Böden ebenfalls Selen-arm sind, wird der Mangel durch Import amerikanischen Weizens ausgeglichen. Ein gutes Beispiel ist auch Finnland, wo seit 1984 selenhaltige Dünger eingesetzt werden: Der Anteil des Selens im Getreide stieg um das Achtfache.

(Titelgeschichte der Ärzte-Zeitung am 18. Mai 1993)

Was wurde daraus? Auf der Webseite der in dieser Frage wohl tonangebenden DGE lese ich unter anderem:

  • Zur Selenzufuhr in Deutschland gibt es keine aktuellen Daten,
  • Vegetarier und vor allem Veganer sind durchschnittlich schlechter mit Selen versorgt,
  • es besteht kein Zusammenhang zwischen einer Selensupplementation und der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Krankheiten,
  • es wird diskutiert, dass Selen das Risiko für Krebs, insbesondere Darm-, Lungen- und Prostatakrebs, senken kann.

Vitaminpille gegen Mißbildungen?

Schon seit Jahren sind Wissenschaftler sicher: Die Einnahme des Vitamins Folsäure könnte die Zahl schwerer Geburtsfehler deutlich senken. Was aber nutzt Expertenwissen, wenn es die Hauptbetroffenen nicht erreicht?

Frauenärzte und Ernährungskundler sind sich einig: Wenn alle Frauen im gebärfähigen Alter täglich 0,3 Milligramm des wasserlöslichen Vitamins erhalten würden, ließen sich alleine in Deutschland jährlich mindestens 500 Fälle von „Neuralrohrdefekten“ vermeiden. Diese schweren Entwicklungsstörungen der Wirbelsäule und des Rückenmarkes treten beim Embryo zwischen dem 22. und dem 24. Tag einer Schwangerschaft auf – zu einem Zeitpunkt also, an dem die werdenden Mütter meist noch gar nicht wissen, daß sie in anderen Umständen sind.

In dieser Zeit ist der Bedarf an Folsäure besonders hoch, denn die Substanz wird vor allem für den Aufbau neuen Gewebes gebraucht. Aber nicht nur der wachsende Fetus, auch die Mutter benötigt das Vitamin, weil sich die Gebärmutter vergrößert, der Mutterkuchen wächst und die Blutmenge zunimmt.

Mangelt es dem weiblichen Körper in diesen Tagen an Folsäure, kann dies für das Neugeborene schlimme Folgen haben, zum Beispiel die Spina bifida („offenes Rückgrat“): Ein Teil des Rückenmarks ragt aus der Wirbelsäule heraus. Dies führt zu Lähmungen der unteren Körperpartie. Häufig geht die Spina bifida mit einem Wasserkopf und geistiger Behinderung einher.

Zusätzlich erhöht ein Folsäuremangel das Risiko für eine „Anencephalie“ mindestens auf das Doppelte. Den betroffenen Kindern fehlt ein Großteil des Gehirns; sie sterben nach wenigen Tagen im Krankenhaus.

Spätestens seit Anfang letzten Jahres weiß man mit Sicherheit, daß die rechtzeitige Einnahme von Folsäure derartige Tragödien in vielen Fällen verhindern könnte.

Eine ungarische Arbeitsgruppe um Dr. Andrew Czeizel machte zu diesem Zeitpunkt eine Studie an fast 5000 Schwangerschaften publik. Ziel war es zu überprüfen, ob die Einnahme von Vitaminen oder Spurenelementen die Embryonen vor Fehlbildungen im Mutterleib schützen kann. Die Hälfte der Frauen hatte schon vor der Empfängnis regelmäßig ein Vitaminpräparat mit Folsäure erhalten, die andere Hälfte nahm ein Gemisch verschiedener Spurenelemente zu sich. Mißbildungen waren in der Vitamingruppe wesentlich seltener als in der Vergleichsgruppe.

Für die Neuralrohrdefekte stellten die Wissenschaftler fest: Sechsmal wurden sie bei Gabe von Spurenelementen beobachtet, in der Folsäuregruppe gab es keinen einzigen Fall. Die Bilanz der Ungarn, die durch eine Vielzahl weiterer Untersuchungen gedeckt ist: „Alle Frauen, die eine Schwangerschaft planen, sollten Vitaminpräparate mit Folsäure einnehmen.“

Im September letzten Jahres machte das US-amerikanische Gesundheitsamt seine Empfehlung publik: 0,4 Milligramm (vier tausendstel Gramm) Folsäure täglich für alle Frauen im gebärfähigen Alter, etwa das Doppelte dessen, was mit der Nahrung aufgenommen wird. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von ähnlichen Werten aus; die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schlägt 0,3 Milligramm vor.

Soviel Folsäure findet sich allenfalls in der Leber, doch rät das Berliner Bundesgesundheitsamt Schwangeren vom Verzehr dieses Organs ab, weil es als Speicher für eine ganze Reihe von Umweltgiften dient. Dagegen sind grünes Gemüse, Weizenkeime und Sojabohnen zu empfehlen, doch müßten hier relativ große Mengen verzehrt werden, um den Bedarf an Folsäure zu decken.

Für den Laien, der im Umgang mit Nährwerttabellen wenig geschult ist, bleibt oft nur der Griff zur „Vitaminpille“. Aufklärung tut not- und da haben sich die deutschen Behörden nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Zwar werden millionenschwere Anzeigenkampagnen gegen Drogenmißbrauch und zur Eindämmung der Aids-Epidemie geschaltet, die Werbung für eine gesundheitsbewußte Ernährung bleibt aber den Anbietern von Buttermilch und Diätmargarine überlassen.

„Wir leisten uns den Luxus, an mittlerweile sechs Universitäten in Deutschland Ernährungswissenschaftler auszubilden, aber es gibt keine Institution, die dieses Wissen irgendwie einsetzt, keine Instanz, die diese Experten an die Front bringt, um die erforderliche Aufklärung zu betreiben“, kritisiert Professor Klaus Pietrzik vom Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Bonn.

„Wenn es Wenigstens gelingen würde, Grundzusammenhänge größeren Teilen der Bevölkerung zu vermitteln, dann würden wir auch nicht mehr so viel Geld für ernährungsbedingte Krankheiten ausgeben müssen.“ Rund 100 Milliarden Mark und damit ein Drittel aller Ausgaben im Gesundheitswesen sind diesen ernährungsbedingten Krankheiten zuzuschreiben.

Lebensmittelzusätze, wie sie in den USA für die Folsäure bereits diskutiert werden, könnten nach Pietrziks Ansicht das Problem der mangelnden Aufklärung entschärfen. Doch dem stehen die bundesdeutschen Gesetze entgegen.

Böse Erinnerungen an die Hitler-Ara haben dazu geführt, daß eine „Zwangsmedikation“ der Bevölkerung praktisch ausgeschlossen ist. Um beispielsweise eine Liberalisierung des Vertriebs von jodiertem Speisesalz zu erreichen, waren jahrzehntelange Diskussionen zwischen Ärzten und Politikern vonnöten. Die Konsequenz dieser antiquierten Denkweise: Nach WHO-Definition ist die Bundesrepublik ein „mittelschweres Jodmangelgebiet“. Standhaft weigert man sich auch, dem Trinkwasser Fluor zuzusetzen, um der Karies vorzubeugen.

„Seit Jahren wird über eine Änderung des Gesetzes diskutiert, das ganze Ausland lacht sich kaputt“, klagt Pietrzik. Dem Bonner Mediziner mag es nicht einleuchten, daß Geschmacksverstärker, Konservierungsmittel, Farbstoffe und Emulgatoren in Lebensmitteln mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden sind, während gleichzeitig weite Teile der Bevölkerung zu wenig Vitamine und Spurenstoffe erhalten.

Was die Folsäure anbelangt, bleibt es also zunächst bei der Empfehlung an alle Frauen, die einen Kinderwunsch haben, „auf eine ausreichende Folsäureversorgung zu achten“, oder, deutlicher formuliert: „Wenn die eine Pille abgesetzt wird, sollte die andere Pille eingenommen werden.“

(erschienen in „DIE WELT“ am 3. Februar 1993)

EPIC-Projekt fragt nach Krebs und Ernährung

Die Vorbereitungen für das europäische EPIC-Programm, mit dem der Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebsentstehung genauer untersucht werden soll, sind abgeschlossen. Das vor vier Jahren gestartete Projekt „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition“ tritt damit in die zweite Phase.

In sieben Ländern Europas sollen jetzt insgesamt 400.000 Menschen in das Programm einbezogen werden. Sie werden nach den Ernährungsgewohnheiten gefragt, aber auch nach Zigarettenkonsum, sportlicher Betätigung, früheren Krankheiten, Beruf, Alter, Größe und Gewicht. Bei Frauen wird die Zahl der Kinder und der Gebrauch von Verhütungsmitteln erfaßt. Allein in Deutschland werden je 30000 Männer und Frauen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren für das Programm rekrutiert. Die Finanzierung erfolgt durch die EG. Sie stellt jährlich vier Millionen Mark zur Verfügung, weitere sechs Millionen Mark werden von nationalen Institutionen aufgebracht.

In der Bundesrepublik beruht jeder dritte Krebstodesfall auf Tumoren der Verdauungsorgane. Daß die Ernährung dabei eine entscheidende Rolle spielt, liegt auf der Hand. Innerhalb von EPIC wird das Schicksal der 400.000 Teilnehmer in den nächsten 15 Jahren anhand der Statistiken nationaler Krebsregister verfolgt. In Deutschland und Frankreich werden die beteiligten Forscher auf die Angaben von Versicherungen zurückgreifen müssen. Diese Notmaßnahme ist erforderlich, weil in diesen Ländern eine Vielzahl von Gesetzen die Datenerfassung verhindert. Das sagte der Italiener Elio Riboli auf einer Veranstaltung des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

Die Auswertung der Daten soll beispielsweise Aufschluß darüber geben, warum Darmkrebs in Deutschland viermal so häufig auftritt wie in Griechenland. Während bei diesem Leiden innerhalb Europas ein deutliches Nord-Süd-Gefälle zu beobachten ist, sind die Verhältnisse beim Magenkrebs gerade umgekehrt. Zwar gibt es viele Studien, die den hohen Konsum von Salz, Kohlehydraten und Alkohol für diese Tumoren verantwortlich machen. Umgekehrt senken Ballaststoffe, Gemüse, Obst oder Vitamin C das Risiko.

Inwieweit aber Fleisch, Fett oder ein hoher Kaloriengehalt der Nahrung die Krebsentstehung begünstigt, ist unter Experten umstritten. Auch beim Brustkrebs könnte falsche Ernährung eine Rolle spielen. Andererseits steht auch der nach den Wechseljahren drastisch geänderte Hormonhaushalt im Verdacht, die Krebsentstehung zu begünstigen.

Im Rahmen von EPIC werden aber nicht nur Fragebogen ausgefüllt. Die Studie läßt grundsätzlich auch Untersuchungen des Erbguts, der Blutfettwerte oder anderer Stoffwechseldaten zu. Aus Blutproben werden Plasma und Serum, rote und weiße Blutzellen isoliert und bei minus 180 Grad in flüssigem Stickstoff konserviert.

Mit Hilfe molekularbiologischer Untersuchungsmethoden kann dann eventuell nach Jahrzehnten noch festgestellt werden, ob defekte Erbanlagen, Mikroorganismen, Umweltgifte oder andere Faktoren bei der Entstehung bestimmter Krebserkrankungen eine Rolle spielen. Von jeder Probe verbleibt eine Hälfte am Untersuchungsort, die andere Hälfte wird bei der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon aufbewahrt, die für die Koordination des Epic-Programms zuständig ist.

(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 16. Dezember 1992, nachgedruckt in der „Kulturchronik“ 2/1993. Ein weiterer Bericht erschien der Pharmazeutischen Zeitung am 18. Februar 1993)

Wie eine Prise Salz dem Kropf vorbeugt

Am Wochenende trat eine veränderte Vorschrift über den Jodgehalt von Speisesalz in Kraft. Die Erlaubnis, Jodsalz auch in industriell gefertigten Lebensmitteln und in der Gemeinschaftsverpflegung einzusetzen, schafft die Grundlage, den Kropf nun auch in der Bundesrepublik wirkungsvoll zu bekämpfen.

Endlich sind Vorschläge des Arbeitskreises Jodmangel berücksichtigt worden: Die Änderung der Verordnung über jodiertes Speisesalz schafft jetzt die Voraussetzungen, den Anteil des lebenswichtigen Spurenstoffes Jod in der Nahrung zu erhöhen. Aufgrund dieser Maßnahme erwarten die Mediziner, dass der hohe Anteil an Jodmangelkrankheiten – Vergrößerung und Funktionsstörungen der Schilddrüse – langfristig zurückgedrängt werden kann.

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Aufnahme von täglich mindestens 150 Mikrogramm (millionstel Gramm) Jod empfiehlt, liegt die durchschnittliche Menge, die Erwachsene im Bundesgebiet zu sich nehmen nur bei etwa 70-80 Mikrogramm am Tag. Die Folge dieser Unterversorgung wird im europäischen Vergleich sichtbar: Die Bundesrepublik weißt unter ihren Nachbarländern die bei weitem höchste Kropfbildungsrate auf.

Sechs bis acht Millionen Menschen leiden hierzulande an dieser krankhaften Vergrößerung der Schilddrüse. 80000 Operation pro Jahr als direkte Folge des Jodmangels bilden im internationalen Vergleich die einsame Spitze, wie Professor Peter Scriba vom Arbeitskreis Jodmangel gestern in Bonn mitteilte. Die Kosten in Höhe von fast einer Milliarde Mark, die jährlich durch Diagnose und Behandlung der jodbedingten Mangelkrankheiten entstehen, wären allein durch die Beseitigung des Joddefizits in der Bevölkerung zu vermeiden.

Durch die neue „Verordnung über jodiertes Speisesalz“ des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (BMJFFG) wird nun die Voraussetzung geschaffen, diesen Nährstoffmangel auf breiter Basis zu beheben. Der Einsatz von Jod bei der industriellen Herstellung von Lebensmitteln und in der Gemeinschaftsverpflegung – zum Beispiel Kantinen, Bundeswehr, Altersheime – war bisher nicht erlaubt. Hierzulande hatte man die Verwendung von Jodsalz immer sehr restriktiv gehandhabt: War jodiertes Kochsalz im Nachbarland Schweiz die Regel, so wurde es in der Bundesrepublik nur in Ausnahmefallen benutzt.

Vor acht Jahren ermöglichte der Gesetzgeber dann Jodkonzentrationen von 20 Milligramm pro Kilogramm Kochsalz. Die freiwillige Verwendung des Speisesalzes mit Jodzusatz im privaten Haushalt brachte jedoch nicht den gewünschten Effekt.

Da die Verwendung von Jodsalz die betreffenden Lebensmittel automatisch unter die Diätverordnung fallen ließ, waren mit der industriellen Herstellung und der Verwendung in Großküchen besondere Auflagen verbunden. Das Jodsalz wurde deswegen bei der Produktion von Lebensmitteln und Fertiggerichten praktisch nicht verwendet. Der Anteil an gewerblich vorgefertigten Lebensmitteln und Fertiggerichten liegt aber bei etwa 80 Prozent der Gesamtnahrungsaufnahme – der Verbrauch an jodiertem Speisesalz im Privathaushalt ist dagegen nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Der Arbeitskreis Jodmangel, der sich aus Medizinern, Ernährungswissenschaftlern und Lebensmittelchemikern zusammensetzt, erhofft sich nun einen Rückgang der Kropfhäufigkeit auf unter drei Prozent. Wie der Sprecher der Vereinigung, Professor Dieter Hötzel betonte, sei ein gesundheitliches Risiko durch die Jodsalzprophylaxe nicht zu erwarten, da mit den neuen Maßnahmen nur ein Mangel an einem Spurenelement ausgeglichen wird, das uns die Natur nicht in ausreichenden Mengen bereitstellt.

(erschienen in der WELT am 27. Juni 1989)

Was ist 59-info@2xdaraus geworden? Offenbar hat die neue Verordnung ihren Zweck erfüllt. Die Jodversorgung der deutschen Bevölkerung ist von damals durchschnittlich 70 – 80 Mikrogramm auf etwa 110 – 120 Mikrogramm im Jahr 2003 gestiegen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Damit liegt man nun im mittleren unteren Bereich der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geforderten Zufuhr. Auch der Arbeitskreis Jodmangel bestätigt, dass Deutschland kein Jodmangelgebiet mehr ist. Dennoch sei die Versorgung nicht optimal, auch weil viele Herzpatienten ermahnt werden, ihre Salzzufuhr zu drosseln. Das neue Motto des Arbeitskreises lautet deshalb: „Wenn Salz, dann Jodsalz“.