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Dioxin – Ohne Grenzwerte keine Sanierung

Wie giftig ist Dioxin? Ab welcher Konzentration besteht eine gesundheitliche Gefährdung des Menschen? Wann müssen die Anwohner verseuchter Deponien evakuiert werden? Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt eines dreitägigen Expertentreffens, das gestern in Karlsruhe zu Ende ging.

Dioxin- hier im Kalottenmiodell – gilt als eine der giftigsten Substanzen für den Menschen

Das Symposium sollte Hilfestellung leisten bei der Beurteilung der Gefahren, die von Dioxinen und den verwandten Furanen ausgehen. Eine einheitliche Empfehlung für gesetzliche Grenzwerte konnten jedoch auch die versammelten Wissenschaftler nicht abgeben. Denn die Risiken, die von Dioxinen und Furanen ausgehen, wurden durchaus nicht von allen Experten gleich beurteilt.

Wie der Präsident des Bundesgesundheitsamtes (BGA), Professor Dieter Großklaus erläuterte, besteht allein die Familie der Dioxine aus über 250 verschiedenen Mitgliedern, von denen das als ,,Seveso-Gift“ bekannt geworden TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzo- p-dioxin) wohl das bekannteste sein dürfte. TCDD wurde wiederholt als die giftigste aller bekannten Substanzen bezeichnet, was bezüglich der Wirkung auf Meerschweinchen, Ratten und Mäuse auch experimentell nachgewiesen ist.

Beim Menschen führen bereits kleinste Mengen an TCDD zu schmerzhaften Hauterkrankungen (Chlorakne). Eine Schädigung von Zellen des Immunsystem konnte im Reagenzglas nachgewiesen werden. Bei Versuchstieren kann die Chemikalie Krebs auslösen und stört die Embryonalentwicklung.

Während die Nachweismethoden für die gefährlichen Gifte in den letzten Jahren immer weiter verfeinert wurden, bleibt die Frage, ab welcher Dioxin-Konzentration beim Menschen mit bleibenden Gesundheitsschäden gerechnet werden muss, weiter ungeklärt. Der vom Bundesumweltminister angepeilte Grenzwert für die Freisetzung von Dioxinen und Dibenzofuranen aus Müllverbrennungsanlagen fand jedoch weiten Zuspruch: Der Ausstoß soll demnach auf ein zehntel Nanogramm (Milliardstel Gramm) pro Kubikmeter Abluft begrenzt werden. Ziel der neuen Verordnung, die bereits in einem halben Jahr Rechtskraft erlangen könne, sei es, den modernsten Stand der Technik bei der Minimierung von Luftverunreinigungen zur Anwendung zu bringen.

Dies wäre ,,ein Schritt in die richtige Richtung“ so der Vertreter der hessischen Umweltverbände, Dr. Rolf Neidhardt. Gegenwärtig würden selbst modernste Anlagen noch das Hundertfache des angepeilten Grenzwertes ausstoßen und damit den größten Teil der Umweltbelastungen verursachen Dioxine entstehen außer bei der Verbrennung von chlorhaltigen Verbindungen auch bei deren Produktion, beim Gebrauch bleihaltigen Benzins und bei der Chlorbleiche von Papier- und Zellstoffen.

Messungen des BGA ergaben, dass Luft und Nahrungsmittel in industriellen Ballungsräumen wesentlich stärker mit Dioxinen und Furanen belastet sind als in ländlichen Gebieten. Dennoch scheint die Belastung der Bevölkerung in der Bundesrepublik recht gleichmäßig verteilt zu sein. Wie Großklaus erklärte, werden etwa 90 Prozent der Dioxine durch die Nahrung aufgenommen, die restlichen zehn Prozent mit der Atemluft und durch die Haut.

Eine weitere Belastung des Menschen kann in Innenräumen durch die Verwendung von Holzschutzmitteln auftreten, die Pentachlorphenol (PCP) enthalten. Beim Brand von PVC-haltigen Baustoffen und von bromhaltigen Flammschutzmitteln treten ebenfalls erhebliche Dioxinkonzentrationen auf.

Einheitlich Richtwerte für die Bewertung von Dioxinkonzentrationen im Boden forderte der baden-württembergische Umweltminister Erwin Vetter. Sanierungsmaßnahmen könnten ohne einheitliche Grenzwerte nicht effizient und sinnvoll durchgeführt werden.

(erschienen in der WELT am 18. Januar 1990)

Quellen: Symposium „Health Effects and Safety Assessment of Dioxin and Furans“ und Fachöffentliche Anhörung des Bundesgesundheitsamtes und des Umweltbundesamtes zu Dioxinen und Furanen“ in Karlsruhe vom 15.1. – 18.1.1990.

Was wurde daraus? Schon zum Ende des Jahres 1990 wurde mit der 17. Verordnung zur Durchführung des Bundesimmisionsschutzgesetzes ein Grenzwert für Müllverbrennungsanlagen festgelegt. Es folgten mehrere weitere Gesetze und Verordnungen mit dem Ziel, die Verbreitung von Dioxinen in der Umwelt zu begrenzen. Mit Erfolg: „Die Emissionen haben in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Dieser Erfolg ist vor allem auf die verbesserte Abgasreinigung in den Müllverbrennungsanlagen zurückzuführen. Die – illegale – Abfallverbrennung im Kamin oder im Garten macht heute den bedeutendsten Anteil der Dioxinemissionen aus. Die wilde Verbrennung von einem Kilogramm Abfall belastet die Umwelt so stark wie die Entsorgung von zehn Tonnen in einer modernen Müllverbrennungsanlage.“, heißt es in der Wikipedia. Für weitere Informationen empfehlen wir die Seite „Dioxine“ des Umweltbundesamtes.

(letzte Aktualisierung 27. Februar 2016)

Polio – Die Ausrottung bleibt ein Traum

In vielen Entwicklungsländern fordert die Kinderlähmung (Poliomyelitis) auch heute noch ihre Opfer. Schätzungen über die Zahl derjenigen, die von dieser Viruskrankheit betroffen sind, schwanken zwischen 250000 und zwei Millionen Menschen.

In den industrialisierten Ländern dagegen, wo schon seit Ende der fünfziger Jahre umfassende Impfprogramme zum Schutz der Bevölkerung‘ eingeführt wurden, tritt die grausame Krankheit nur noch sehr selten auf. Nach Angaben des Berliner Bundesgesundheitsamtes (BGA) sowie des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden erkrankte im letzten Jahr in der Bundesrepublik nur noch eine einzige Person an der Poliomyelitis. Auch für die Jahre davor lässt sich die Zahl derjenigen, die nach einer Infektion mit dem Virus erkrankten, an zwei Händen abzählen.

Wie Dr. Klaus-Dieter Zastrow vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie des BGA betonte, handelte es sich dabei ausschließlich um eingeschleppte Fälle: Die Betroffenen hatten sich jeweils während eines Auslandaufenthaltes infiziert. Auch diese Ansteckungen hätten sich wohl zum größten Teil vermeiden lassen, wenn die Reisenden rechtzeitig an einer Auffrischungsimpfung teilgenommen hätten. Zumeist waren die Betroffenen nämlich noch nie geimpft worden; in anderen Fällen lag die Impfung schon mehr als 20 Jahre zurück. Die Mediziner warnen daher vor einer völlig unberechtigten Impfmüdigkeit in der Bevölkerung.

Prominentes Opfer: Der US-Präsident Franklin Roosevelt wurde 1921 ein Opfer der Poliomyelitis und war seitdem von der Hüfte ab weitgehend gelähmt (Foto: Margaret Suckley via Wikimedia Commons) Prominentes Opfer: Der US-Präsident Franklin Roosevelt erkrankte 1921 an der Poliomyelitis und war seitdem von der Hüfte ab weitgehend gelähmt (Foto: Margaret Suckley via Wikimedia Commons)

Prominentes Opfer: Der US-Präsident Franklin Roosevelt erkrankte 1921 an der Poliomyelitis und war seitdem von der Hüfte ab weitgehend gelähmt (Foto: Margaret Suckley via Wikimedia Commons)

Selten wurde eine schwere Krankheit so schnell unter Kontrolle gebracht wie die Kinderlähmung in Nordamerika und Europa nach Einführung des ersten Impfstoffes. Zahlen für die USA belegen den drastischen Rückgang der Infektionen: Fast 40000 Erkrankungen pro Jahr lautete die Bilanz, als 1954 eine landesweite Kampagne gestartet wurde, in der eine von Dr. Jonas Salk entwickelte Vakzine aus abgetöteten Krankheitserregern zum ersten Mal zum Einsatz kam. Wenige Jahre später war die Anzahl der Kinderlähmungen schon auf unter 600 Fälle gesunken.

Nachdem Albert Sabin Anfang der sechziger Jahre einen Impfstoff aus abgeschwächten lebenden Polioviren entwickelt hatte, ging die Zahl der Kinderlähmungen in den USA nochmals zurück – auf mittlerweile kaum mehr als ein Dutzend Erkrankungen pro Jahr.

Das ursprüngliche „wild type“-Virus war von Sabin und seinen Kollegen so lange in Zellkulturen gehalten worden, bis sich schließlich eine Variante isolieren ließ, die zwar die fatale Krankheit nicht mehr hervorrief, die das Immunsystem aber noch in vollem Umfang stimulierte. Dieser „Sabin“-Impfstoff zählt heute zu den sichersten Vakzinen überhaupt und wurde von der Bevölkerung bislang voll akzeptiert. Dazu trug sicher auch die einfache und schmerzlose Art der „süßen“ Schluckimpfung bei.

In extrem seltenen Fällen – etwa bei einer unter drei Millionen Impfungen – treten jedoch Komplikationen auf, die unter anderem dadurch zustande kommen, dass die – lebenden – Viren durch spontane Genveränderungen ihre krankmachende Eigenschaft zurückgewinnen. Auch Geimpfte können dann unter Umständen an der Kinderlähmung erkranken. Mit gentechnischen Tricks „umgebaute“ Polioviren sollen in Zukunft dazu beitragen, das Impfrisiko noch einmal zu senken.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist von der Wirksamkeit der Poliomyelitis-Impfung so überzeugt, dass sie 1976 ein Programm startete, das sich neben anderen Krankheiten auch die Ausrottung der Kinderlähmung bis zum Jahre 1990 zum Ziel gesetzt hatte. Leider wurde der schöne Traum, Krankheiten weltweit auszurotten, bisher nur für die Pocken verwirklicht. Im Falle der Poliomyelitis stehen dem jedoch die mangelhaften hygienischen Verhältnisse in den Entwicklungsländern entgegen: Das Virus wird nämlich häufig durch Fäkalien übertragen, die ins Trinkwasser gelangen.

Der Lebendimpfstoff muss auch dort versagen, wo Durchfall (Diarrhö) eine weitverbreitete Erscheinung ist. In Indien sind etwa 30 Prozent der Neuerkrankungen darauf zurückzuführen, dass die Impfviren, die den Schutz vermitteln sollen, ausgeschieden werden, bevor sie sich im Darm ansiedeln können. Es wird daher auch die Frage diskutiert, ob sich für diese Länder nicht die gute alte – inzwischen mehrfach verbesserte – Vakzine aus abgetöteten Erregern besser eignet, die mittels Spritzen injiziert wird.

Für die Bundesrepublik jedoch halten es Fachleute wie Dr. Horst- Günther Weber, Medizinischer Direktor des Gesundheitsamtes Hannover, für erforderlich, die gegenwärtige Praxis der Poliomyelitis-Schluckimpfung beizubehalten. Diese solle auch weiterhin vom öffentlichen Gesundheitsdienst und niedergelassenen Ärzten gleichermaßen angeboten werden, betont der Experte in einem Beitrag für die Zeitschrift „Sozialpädiatrie“.

Wiederholungsimpfungen sollten im Abstand von etwa zehn Jahren durchgeführt werden, um einen hohen Durchimpfungsgrad zu gewährleisten. Die einstmals gefürchtete Kinderlähmung kann so auch weiterhin in Schach gehalten werden.

(erschienen in der WELT vom 26. August 1989)

59-info@2xWas ist daraus geworden? Noch immer ist die Kinderlähmung nicht ausgerottet. Seit dem Erscheinen meines Artikels ist die Zahl der Fälle zwar weltweit um 99 % gesunken, und die letzte Ansteckung in Deutschland gab es im Jahr 1990. Zu oft wurden jedoch Impfkampagnen durch Kriege und neuerdings auch religiöse Fanatiker verhindert oder abgebrochen.