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GDNF gegen Parkinson: Armut als Nebenwirkung?

Clive Svendsen vom Waisman Center der Universität von Wisconsin in Madison ist es gelungen, aus jeweils einer unreifen menschlichen Hirn-Stammzelle (neurale Stammzelle) mehrere hunderttausend funktionsfähige Neuronen zu züchten. Transplantiert man diese Zellen in das Gehirn von Ratten, denen im Experiment ein Schlaganfall zugefügt wurde, so stopfen die gezüchteten Zellen die Lücken und verbessern die Leistungen der Ratten in verschiedenen Beweglichkeits-Tests. Im Gegensatz zu den ethisch umstrittenen, aus wenige Tage alten Embryonen gewonnenen, embryonalen Stammzellen gebe es bei den neuralen Stammzellen bisher keine Hinweise darauf, dass sie beim Empfänger Hirntumoren hervorrufen könnten, so Svendsen beim 6. IBRO World Congress of Neuroscience in Prag

Am weitesten fortgeschritten sind die Zelltransplanteure bei der Parkinson´schen Krankheit. Hier hat man vorwiegend in Schweden und den USA bereits mit mehreren Hundert Patienten Erfahrungen gesammelt, denen zumeist Zellen aus abgetriebenen menschlichen Embryonen ins Gehirn injiziert wurden. Weil diese Methode aber nicht nur ethisch umstritten ist, sondern auch bei Dutzenden von Patienten als Nebenwirkung schwerwiegende Bewegungsstarren (Dyskinesien) hervorgerufen hat, versuchte man sich in jüngster Zeit mit Wachstumsfaktoren, die auf unterschiedliche Art im Gehirn platziert wurden. Eine Pilotstudie der kalifornischen Biotechfirma Amgen, bei der das Molekül GDNF (Glial Derived Neurotrophic Factor) 37 Patienten injiziert wurde ist laut Svendsen „kläglich gescheitert“. Robert Unterhuber, Pressesprecher der deutschen Amgen-Niederlassung in München räumt ein, daß man zunächst nicht erfolgreich gewesen sei und daß es zu unerwarteten Nebenwirkungen gekommen ist. Derzeit liefen weitere Studien mit einem etwas unterschiedlichen Verfahren, doch sei es noch zu früh, deren Erfolg zu beurteilen, so Unterhuber.

Svendsen dagegen überraschte kürzlich die Fachwelt mit guten Nachrichten: Statt GDNF schlagartig ins Gehirn zu injizierten, hatte er seinen Patienten einen Katheter ins Denkorgan gelegt. Getrieben von einer kleinen, regulierbaren Pumpe im Bauchraum wurde das GDNF kontinuierlich in kleinsten Mengen freigesetzt. Die im März in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichten Daten der ersten fünf Patienten belegen eindrucksvoll die Verringerung der Bewegungsstörungen um 39 Prozent und die Verbesserung der „Aktivitäten des täglichen Lebens“ um 61 Prozent binnen eines Jahres.

“Bei täglichen Kosten von annähernd 2000 Dollar könnte allerdings Armut zur wichtigsten Nebenwirkung dieser Methode werden”, witzelte Svendsen in Prag. Er will deshalb in Zusammenarbeit mit Patrick Aebischer und Nicole Deglon von der Universität Lausanne neurale Stammzellen im Labor mit Hilfe der Gentechnik in GDNF-Produzenten verwandeln. Im Idealfall müssten diese Zellen dann nur einmal transplantiert werden, um viele Jahre den Wachstumsfaktor abzusondern.

Der Clou ist dabei der Einbau eines genetischen Schalters, welcher es den Patienten erlauben soll, die GDNF-Zellen beispielsweise durch die Einnahme eines Antibiotikums zu aktivieren oder abzustellen. Im Gegensatz zur bereits hundertfach praktizierten Transplantation menschlicher fötaler Zellen in das Gehirn von Parkinson-Patienten könnte man mit dieser Strategie Nebenwirkungen weitgehend vermeiden, hofft Svendsen.

Quellen:

Weitere Informationen:

Schwerer Start für Gentech-Arzneien

Auch wenn die Gentechnik immer häufiger die Schlagzeilen beherrscht – auf dem bundesdeutschen Arzneimittelmarkt spielen die Erzeugnisse der modernen Biologie vorerst nur eine untergeordnete Rolle, zumindest was die Zahl der zugelassenen Präparate betrifft. Rund 57000 Arzneimittel sind derzeit in deutschen Apotheken erhältlich. Unter ihnen befinden sich nach Angaben des Berliner Bundesgesundheitsamtes gerade 176 Präparate aus gentechnischer Produktion.

Selbst diese Zahl täuscht eine Vielfalt vor, die es gar nicht gibt: „Aus Gründen der Arzneimittelsicherheit“ wird jede Darreichungsform und jede Dosierung gesondert gezählt. Auch Medikamente, die unter verschiedenen Namen den gleichen Wirkstoff enthalten, werden jeweils separat erfaßt. Gentechnisch hergestelltes Insulin für Zuckerkranke erscheint deshalb gleich 60-mal auf der Liste. Den Markt teilen sich der dänische Biotechnologie-Konzern Novo Nordisk und die amerikanische Firma Eli-Lilly.

Die Frankfurter Hoechst AG, einer der weltweit größten Insulin-Produzenten, ist dagegen gezwungen, Insulin weiterhin aus den Bauchspeicheldrüsen geschlachteter Schweine zu isolieren. Täglich müssen dafür rund elf Tonnen tierischer Organe von 100000 Tieren verarbeitet werden. Zwar verfügt auch der deutsche Pharmariese über das Know-How zur gentechnischen Insulin-Herstellung samt zugehöriger Patente und einer 100 Millionen Mark teuren Produktionsanlage.

Was fehlt ist jedoch die erforderliche Produktionserlaubnis. Nach jahrelangem Streit mit der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Regierungspräsidium in Gießen, war zum 1. Januar zunächst der Probebetrieb genehmigt worden. In öffentlichen Anhörungen soll ab Juni der Antrag auf „Produktion von Humaninsulin mit gentechnisch veränderten Bakterien“ erörtert werden.

In Frankfurt macht man die im Gentechnikgesetz vorgeschriebene Öffentlichkeitsbeteiligung und die „politische Situation“ im rot-grün regierten Bundesland Hessen für die Verzögerungen verantwortlich. Der für die Biotechnologie zuständige Sprecher der Firma, Dr. Dieter Brauer, schildert die Konsequenzen aus den bisherigen Erfahrungen: „Es ist für uns nicht zumutbar, hier ein Produkt zu entwickeln. Unsere Anlagen in den USA, in Frankreich und in Japan wurden deshalb in den letzten 18 Monaten entsprechend ausgebaut.“ Ebenfalls im Ausland läßt Hoechst derzeit eine Reihe von Substanzen prüfen, vom blutgerinnsellösenden Eiweiß Hirudin bis zum Blutgerinnungsfaktor XIII.

Das Pech der Hoechster scheint auch deren Tochterfirma anzuhaften, den Marburger Behring-Werken, die erst kürzlich die Produktion von Erythropoietin (Epo) einstellen mußten. Im Patentstreit um das blutbildende Eiweiß zog man den Kürzeren gegenüber der amerikanischen Konkurrenz. Die juristische Auseinandersetzung bedroht auch den zweiten deutschen Epo-Anbieter, Boehringer Mannheim, wo die Bioreaktoren gegenwärtig allerdings noch weiterlaufen. Rund 20000 deutsche Dialysepatienten erhalten die Substanz regelmäßig um die Vermehrung der roten Blutkörperchen anzuregen und dadurch Müdigkeit und Leistungsschwäche zu bekämpfen. Gegen einen Mangel an weißen Blutkörperchen hat die US-Firma Amgen den Granulozyten-Kolonien-stimulierenden Faktor (G-CSF) verfügbar gemacht. Er trägt unter anderem dazu bei, die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abzumildern.

Langsamer als erwartet verläuft indes die Markteinführung des Tumor Nekrose Faktors (TNF), der in der Krebstherapie und möglicherweise bei der Behandlung von Unfallopfern zum Einsatz kommen soll. Noch vor wenigen Jahren war die Fachwelt entzückt über die Fähigkeit des Moleküls, Krebsgeschwulste im Tierversuch regelrecht aufzulösen. Inzwischen mehren sich die Hinweise auf gravierende Nebenwirkungen, möglicherweise begünstigt TNF sogar die Entstehung von Tochtergeschwüren.

Trotz der gedämpften Erwartungen hält man bei der Ludwigshafener BASF-Tochter Knoll AG daran fest, daß die klinischen Daten die Weiterentwicklung rechtfertigten. Seit zwei Jahren liegt eine Produktionserlaubnis für jährlich 500 Gramm vor. Diese Menge wäre ausreichend, um ganz Europa zu versorgen – doch steht die gesetzliche Zulassung noch aus.

Weitgehend unberührt von den Problemen der deutschen Hersteller scheint man allein im schwäbischen Biberach. Dort produziert die Dr. Karl Thomae GmbH mit Hilfe gentechnisch veränderter Hamsterzellen den „menschlichen Plasminogenaktivator“. Das Eiweiß ist in der Lage, Blutgerinnsel innerhalb kürzester Zeit aufzulösen und kommt daher beim Herzinfarkt zum Einsatz. Im vergangenen Jahr erzielte das Medikament unter dem Marktnamen Actilyse einen weltweiten Umsatz von 155 Millionen Mark.

Doch selbst diese Bilanz offenbart bei näherer Betrachtung einige Schönheitsfehler: So wurde der überwiegende Teil der Entwicklungsarbeiten von der kalifornischen Pionierfirma Genentech geleistet. In Biberach produziert man lediglich als Lizenznehmer der Amerikaner. Außerdem kam eine groß angelegte klinische Studie (ISIS-III) zu dem Schluß, das Konkurrenzpräparat Streptokinase, das seit 17 Jahren mit konventionellen Methoden aus Bakterien isoliert wird, sei genauso wirksam wie der menschliche Plasminogenaktivator (t-PA) und würde überdies seltener zu schweren Nebenwirkungen führen. Der für die Krankenkassen gewichtigste Unterschied aber ist der Preis: t-PA kostet zehnmal so viel wie Streptokinase.

Verständlich, daß sich Professor Rolf Werner bemüht, die ISIS-Studie auseinander zu nehmen. Schuld sei das „weniger wirksame“ t-PA des Konkurrenten Wellcome, welches zum Vergleich herangezogen wurde, sagte der Leiter der biotechnologischen Produktion. Neue Studien, die allerdings noch nicht abgeschlossen sind, sollen schon bald die Überlegenheit des menschlichen t-PA über die bakteriellen Billigeiweiße untermauern.

Weniger wirksam als erhofft sind ohne Zweifel die Interferone, welche bis vor wenigen Jahren als „Wundermittel gegen den Krebs“ gepriesen wurden. Die vielen Vertreter dieser Substanzklasse werden auf dem deutschen Markt unter anderem von Hoffmann-La Roche, Schering-Plough, Basotherm und Biogen verkauft, nicht jedoch von einheimischen Unternehmen. Obwohl auch die Interferone den überhöhten Erwartungen nicht gerecht werden konnten, kommen sie heute im Kampf gegen verschiedene Hepatitisviren und gegen Herpes-Infektionen des Auges zum Einsatz. Außerdem haben sie sich bei einer seltenen Art von Blutkrebs und bei einer besonders schweren Form der Arthritis bewährt.

Die verwandten Interleukine werden seit vier Jahren als Therapeutika eingesetzt bei so verschiedenen Krankheiten wie Aids, Krebs und rheumatoider Arthritis. Ein halbes Dutzend Anbieter teilen sich hier den Markt, zumindest vorerst ohne deutsche Beteiligung. Weltweit stecken derzeit nach Angaben von Professor Jürgen Drews rund 140 gentechnisch produzierte Medikamente in der klinischen Prüfung. Der Forschungs- und Entwicklungskoordinator bei Hoffmann-La Roche schätzt, daß etwa ein Drittel dieser Produkte die Tests überstehen und in etwa sechs Jahren zur Verfügung stehen werden. Trotz ihrer geringen Zahl haben die heute zugelassenen Produkte aus dem Genlabor dem Gros der „normalen“ Pillen und homöopathischen Mittelchen einiges voraus: Sie haben äußerst strenge Prüfverfahren hinter sich gebracht. Nur jedes fünfte in Deutschland erhältliche Medikament kann dies für sich in Anspruch nehmen. Der Rest wurde noch vor Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes 1978 auf den Markt geworfen und konnte wegen chronischer Überlastung der obersten Gesundheitswärter noch immer nicht auf Herz und Nieren geprüft werden.

(erschienen in den VDI-Nachrichten am 18. Juni 1993)

Amgen erhält Patent auf EPO

In den Vereinigten Staaten darf ein Eiweiß, welches das Wachstum von roten Blutkörperchen anregt, künftig nur noch von der Firma Amgen vertrieben werden. Die Entscheidung des US-Patentamtes garantiert Amgen Exklusivrechte auf die gentechnisch hergestellte Substanz Erythropoietin (EPO). Einem Forscher des Unternehmens war es 1983 als erstem gelungen, das Gen zu finden und zu isolieren, welches die Erbinformation für EPO enthält. Die Substanz, welche natürlicherweise in der Niere gebildet wird, hat sich bei der Behandlung von Dialysepatienten als hilfreich erwiesen und könnte auch ausgewählten Aidspatienten zugutekommen.

(erschienen in „DIE WELT“ am 2. April 1991)

Amgen erhält Patent auf EPO

In den Vereinigten Staaten darf ein Eiweiß, welches das Wachstum von roten Blutkörperchen anregt, künftig nur noch von der Firma Amgen vertrieben werden. Die Entscheidung des US-Patentamtes garantiert Amgen Exklusivrechte auf die gentechnisch hergestellte Substanz Erythropoietin (EPO). Einem Forscher des Unternehmens war es 1983 als erstem gelungen, das Gen zu finden und zu isolieren, welches die Erbinformation für EPO enthält. Die Substanz, welche natürlicherweise in der Niere gebildet wird, hat sich bei der Behandlung von Dialysepatienten als hilfreich erwiesen und könnte auch ausgewählten Aidspatienten zugutekommen.

(erschienen in „DIE WELT“ am 2. April 1991)