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AIDS: Wo versteckt sich das Virus?

Ein Rätsel, das Aids-Forscher schon seit Jahren beschäftigt, will Dr. Ralph Steinman von der New Yorker Rockefeller-Universität gelöst haben. Steinman und andere Wissenschaftler präsentierten auf der 8. Internationalen Aids-Konferenz in Amsterdam Daten, wonach das Immunschwächevirus bestimmte Blutzellen als Trojanische Pferde mißbraucht.

Blutzellen – Steinman hat sogenannte dendritische Zellen des Blutes im Verdacht – sollen HIV in die Lymphknoten transportieren, wo der Erreger dann die Schlüsselzellen der Immunabwehr ausschalten soll. Dieses Versteckspiel des Virus wäre eine Erklärung dafür, daß in den T4-Helferzellen des Immunsystems selbst im Endstadium der Krankheit recht wenige Viren nachweisbar sind.

Obwohl HIV nur in jeder 10.000 Immunzelle gefunden worden ist, bricht die körpereigene Abwehr völlig zusammen. Auch wenn es David Ho vom New Yorker Aaron-Diamond Forschungszentrum jetzt gelungen ist, HIV immerhin in jeder 100. Zelle nachzuweisen, bleibt die Frage, was mit den restlichen 99 Prozent der Zellen passiert.

Dieses Phänomen bot und bietet den Wissenschaftler reichlich Raum für Spekulationen. Zwar steht seit langem fest, daß HIV der Auslöser für die tödliche Immunschwäche ist – der Krankheitsmechanismus bleibt jedoch nach wie vor rätselhaft.

Einigen Forschern war dies Anlaß genug, Aids als eine Autoimmunerkrankung anzusehen. Demnach sollte HIV auf eine noch unbekannte Weise das Zusammenspiel der verschiedenen Typen von Immunzellen durcheinanderbringen. In einem hochkomplexen Netzwerk kontrolliert sich diese Abwehrtruppe gegenseitig, vermehrt oder reduziert bestimmte Spezialeinheiten innerhalb kürzester Zeit und bringt den weitaus überwiegenden Teil aller Krankheitserreger zur Strecke, bevor Mensch oder Arzt dies auch nur zur Kenntnis nehmen.

Die jetzt in Amsterdam diskutierte Theorie der versteckten Viren ist indes nicht unumstritten. Der deutsche Aids-Forscher Johannes Gerdes vom Borsteler Institut hält andere dendritische Zellen (F-dendritische Zellen) für die heimliche Herberge des Immunschwächevirus. Nach Gerdes‘ Theorie werden neugebildete T-Zellen sofort nach ihrer Entstehung von Freßzellen beseitigt, die sich eigentlich auf körperfremde Stoffe stürzen sollten. ,,Wenn diese Hypothese zutrifft, muß man die Strategien für die Impfstoffentwicklung völlig neu überdenken“, beschreibt Gerdes die Konsequenzen seiner Arbeit.

Einstweilen sind die dendritischen Zellen jedoch nur ein weiteres Steinchen in einem gewaltigen, aber lückenhaften Mosaik. Was fehlt, ist nach wie vor ein umfassendes Bild von Entstehung und Verlauf der tödlichen Krankheit.

(erschienen in „DIE WELT“ am 22. Juli 1992)

AIDS-Konferenz ´92: Mythen gegen Fakten

Spekulationen, wonach ein bisher unbekanntes Virus für mindestens ein Dutzend Aids-Erkrankungen in den Vereinigten Staaten verantwortlich sein könnte, wurden jetzt auf der 8. Internationalen Aids-Konferenz in Amsterdam zurückgewiesen.

Ein entsprechender Bericht des US-Nachrichtenmagazins „Newsweek“ hatte unter den mehr als 10.000 Delegierten für reichlich Gesprächsstoff gesorgt. In dem Artikel berichtete Dr. Jeffrey Laurence von der Universität Cornell von fünf Patienten, die alle Merkmale einer Aids-Erkrankung aufwiesen. Auch mit den empfindlichsten Nachweismethoden sei es ihm aber nicht gelungen, das Aids-Virus HIV nachzuweisen, sagte Laurence vor fast 1000 Zuhörern in Amsterdam.

Einen Dämpfer erhielt die aufkommende Spekulation über die Sicherheit von Blutkonserven dann aber durch einen Vortrag von Dr. James Curran, verantwortlich für die Überwachung der Aids-Epidemie am amerikanischen Center for Disease Control (CDC). Dort seien sechs weitere Fälle bekannt, eine Zahl, der Curran die 150.000 amerikanischen HIV-Infizierten gegenüberstellte.

„Es gibt also mehrere Fälle von Immunschwäche, die nicht von HIV hervorgerufen werden, es handelt sich hier aber nicht um Aids“, so Curran, und er fügte mit einem Blick auf Laurence hinzu: „Ich habe das Gefühl, daß einige unter uns den Drang verspüren, Dinge vorzeitig an die Öffentlichkeit zu tragen.“

Auch der Entdecker des Aids-Virus, Professor Luc Montagnier vom Pariser Pasteur-Institut, ergriff das Wort. In Frankreich seien mehrere ähnliche Fälle bekannt, allerdings sei es dort nach intensiven Bemühungen doch noch gelungen, Teile von HIV im Urin der Patienten nachzuweisen. Montagnier hält es für wahrscheinlich, daß defekte, unvollständige Aids-Viren in sehr seltenen Fällen nicht nachweisbar sind.

Neben Laurence mußte auch der „Aids-Rebell“ Peter Duesberg heftige Kritik über sich ergehen lassen. Er hatte immer wieder behauptet, HIV sei gar nicht die Ursache von Aids – ein Standpunkt, der auf der Mammutkonferenz keinerlei Unterstützung fand. „Nichts ist so schnell wie unser Wissenszuwachs über HIV und Aids, außer vielleicht die Verbreitung von Mythen und Fabeln um diese Epidemie“, sagte Kevin Craib von der Universität British Columbia im kanadischen Vancouver. „Demnach ist HIV eine Art göttlicher Vergeltung, kommt aus dem Weltraum, entspringt einem Waffenlabor oder ist Folge des Ozonloches“, so Craib ironisch. Er stellte eine Studie an 1000 Homosexuellen vor, die eindeutig beweist, daß HIV alleinige Ursache von Aids ist und nicht Drogenmißbrauch oder ein promiskuitives Sexualverhalten.

Im Gegensatz zu Duesberg stieß Altmeister Jonas Salk auf großes Interesse. Salk entwickelte bereits 1954 den ersten Impfstoff gegen die Kinderlähmung. Er legte jetzt eine neue Theorie vor, die wichtige Konsequenzen für die Bekämpfung einer ganzen Reihe von Krankheiten haben könnte – von Aids bis zu Malaria.

Die Produktion von Antikörpern gegen HIV sei wenig sinnvoll, schließt Salk aus eigenen und fremden Experimenten. Erfolge verspricht er sich dagegen von der Aktivierung einer „zellvermittelten“ Immunantwort. Verschiedene Typen weißer Blutzellen fressen dabei Eindringlinge regelrecht auf oder bringen infizierte Körperzellen zum Platzen. Noch sind Salks Vorstellungen darüber, wie dies zu erreichen ist, eher vage. Seine optimistische Botschaft: „Auch wenn es schwierig ist, wir werden einen Weg finden.“

(erschienen in „DIE WELT“ am 23. Juli 1992)