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„Schwache und dumme Argumente“

Prof. Henning Beier war von 1993 bis 1995 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin.  Im Interview zerlegt er die Argumente seiner Kollegen Hall und Stillmann zugunsten ihres Klon-Experimentes.

Was mag Dr. Hall zu seinem Experiment bewogen haben?

Ich glaube, das ist ohne tieferes Nachdenken erfolgt. Die Maßnahme an sich ist weder sensationell noch neu. Die Technik der identischen Mehrlingsbildung ist seit siebzig Jahren bekannt. Neu ist lediglich die von Dr. Hall entwickelte künstliche Eihülle, in der sich die menschlichen Embryonen weiterentwickeln konnten.

Das Verfahren könnte die Erfolgsquote bei künstlichen Befruchtungen erhöhen, behauptet Dr. Stillman

Für sich genommen ist diese Aussage durchaus realistisch. Zutreffend ist aber auch, daß bei Implantation von mehreren befruchteten Eizellen die Chance wächst, eine erfolgreiche Schwangerschaft zu erzielen. Da Eizellen in der Regel in ausreichender Zahl gewonnen werden, gibt es überhaupt keinen Grund, die auch noch zu teilen und mit dieser Technik zu vermehren. Das ist ein an den Haaren herbeigezogenes Argument, genauso wie die nachträglich vorgebrachte These, man habe die Reaktion der Öffentlichkeit testen wollen. Das ist ein ganz schwaches und dummes Argument.

Könnte man die Technik nutzen, um nach einer IVF die pränatale Diagnose zu verbessern?

Das wäre denkbar, ist aber deshalb nicht gerechtfertigt, weil die Entnahme einer oder mehrerer Zellen des Trophoblasten, die wenige Stunden später erfolgen kann, zu dem gleichen Ergebnis führen würde – ohne Mehrlingsbildung. Auch dieses Argument läßt die ethische Problematik außer Acht, die darin liegt, daß die Individualität des Menschen mißachtet wird, die mit der Fertilisation beginnt.

Hall und Stillman vergleichen ihr Verfahren mit der natürlichen Zwillingsbildung

Ich kann nicht irgendwelche Phänomene, die wir in der Natur beobachten, heranziehen, als Rechtfertigung für ein technisches Eingreifen des Menschen. Es ist unzulässig und naiv zu glauben, wir dürften Embryonen in der Forschung verbrauchen, weil „die Natur“ ohnehin mehr als die Hälfte der befruchteten Eizellen absterben läßt, bevor es zur Implantation kommt. Wir dürfen solche Ereignisse nicht als Maßstab für menschliches Handeln heranziehen.

 

US-Forscher klonen Menschen-Embryos

„Die Arbeiter trugen weiße Kittel, ihre Hände steckten in blassen, leichenfarbenen Gummihandschuhen…. Dreihundert Befruchter standen über ihre Instrumente gebeugt, als der Brut- und Normdirektor den Saal betrat.“ – Aldous Huxleys Schreckensvision einer „Schönen neuen Welt“, in der Familien abgeschafft und Menschen statt dessen am Fließband produziert werden, stammt aus dem Jahr 1932. Noch unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges verlegte Huxley das Geschehen in die Mitte des kommenden Jahrtausends, in das „Jahr 632 nach Ford“. Fünfzehn Jahre später – der zweite Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen – korrigierte er sich: „Heute scheint es durchaus möglich, daß uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt.“ Und als die New York Times dann Ende Oktober letzten Jahres mit der Schlagzeile aufmachte „Wissenschaftler kloniert menschliche Embryonen“ schien es, als hätte eine explosive Mischung aus Forscherdrang, Pioniergeist und kindlicher Unbekümmertheit die düsteren Prognosen des Engländers schon jetzt an die Schwelle zur Realität gerückt.

Die Reproduktionsmediziner Jerry L. Hall und Robert J. Stillman, die an der George-Washington-Universität aus 17 menschlichen Embryonen 48 gemacht hatten, weisen derartige Vergleiche jedoch als unseriöse Spekulationen zurück. „Ich habe große Ehrfurcht vor allem menschlichen Leben“, sagte Hall nachdem der Vatikan seine Forschung als „pervers“ gebrandmarkt und der Technologiekritiker Jeremy Rifkin vom „Beginn des eugenischen Zeitalters“ gesprochen hatte. Die Zellhaufen hätten sich niemals entwickeln können, weil sie aus Eizellen hervorgegangen waren, die von mehreren Spermien gleichzeitig befruchtet wurden. „Wir haben diese Embryonen nicht implantiert, wir haben das auch nie beabsichtigt“, wiederholte der Direktor des IVF-Labors ein ums andere Mal im Kreuzfeuer der Fragen von Journalisten, Ethikern aber auch zahlreicher Kollegen. „Ich respektiere die Sorgen und Gefühle der Menschen, aber wir haben menschliches Leben in diesem Experiment weder geschaffen noch zerstört.“

Statt dessen wurden siebzehn Embryonen in ihre Bestandteile zerlegt. Die einzelnen Zellen umgaben die Wissenschaftler mit einer künstlichen Eihülle, anschließend beobachteten sie die deren weitere Entwicklung in einem Nährmedium. Nach durchschnittlich drei Zellteilungen stellten die Embryonen das Wachstum ein, einige Wenige erreichten das 32-Zell-Stadium, was einer sechstägigen Reifung entspricht. Je früher in der Entwicklung das Embryosplitting erfolgt, umso besser sind die Entwicklungschancen der „geklonten“ Nachfolger, notierte Hall, der damit eine Lehrbuchweisheit bestätigte.

Wie zwiespältig das Experiment beurteilt wird, zeigt allein die Tatsache, daß Hall und Stillman dafür in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz bis zu fünf Jahren Haft gedroht hätte. Auf dem gemeinsamen Jahrestreffen der Amerikanischen Fertilitätsgesellschaft und der Kanadischen Gesellschaft für Fertilität und Andrologie war die Arbeit dagegen mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden. Zustimmung kam auch aus Großbritannien, wo die Philosophin Mary Warnock, die immerhin einem Regierungskommitee zu Fragen der Fertilisation vorstand, keine Probleme im Tun der beiden Amerikaner erkennen konnte.

„Vernünftig“ sei der Standpunkt der Baronin, befand der „Economist“ in einem Leitartikel mit der Begründung, daß „spontane Klonierungen“ ständig passieren. Gemeint sind eineiige Zwillinge, und die seien genauso(wenig) identisch oder furchterregend wie geklonte Menschen.

Die Maßnahme an sich sei weder sensationell noch neu, die Technik der identischen Mehrlingsbildung seit siebzig Jahren bekannt, relativierte Professor Henning Beier, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität, die Arbeit der Amerikaner (s. Interview). In der Tierzucht wird davon auch reichlich Gebrauch gemacht. Das sogenannte „Embryosplitting“ nutzt die Tatsache, daß den, aus dem befruchteten Ei hervorgehenden Zellen, bis zur vierten oder fünften Teilung noch alle Möglichkeiten offen stehen. Sie sind totipotent, jede Einzelne von ihnen könnte wiederum einen kompletten Organismus bilden.

Huxley sprach phantasievoll vom „Bokanowskyverfahren“, bei dem die Zellen durch diverse Umweltreize zu immer neuen „Knospungen“ angeregt werden. Tatsache ist, daß durch die mikrochirurgische Aufteilung der frühen Zellen eines, aus genetisch Sicht vielversprechenden, Embryos auf mehrere Leihmütter schon ungezählte Hochleistungsrinder, Schweine und Schafe in die Welt gesetzt wurden.

Die Zellen verlieren allerdings bei der mikrochirurgischen Zerteilung des frühen Embryos ihre schützende Eihülle. Ohne diese „Zona pellucida“ gibt es jedoch keine Entwicklung. In der Tierzucht behilft man sich damit, die Eizellen genetisch weniger wertvoller Tiere zu „entkernen“. Beim Verschmelzen der zurückbleibenden Eihülle mit einer, durch Embryonensplitting gewonnen, Einzelzelle entsteht dann ein vollständiger Keim, der mit etwas Glück zum kompletten Organismus heranwächst. Die Gewinnung humaner Eizellen zu diesem Zweck hätte wohl kaum die Zustimmung einer Ethikkommission gefunden. Soweit bekannt wurde das Verfahren am Menschen niemals erprobt.

Dann entwickelte Hall eine künstliche Eihülle aus den Polysacchariden einer Seetang-Art. Diese Riesenmoleküle waren weit verzweigt, ordneten sich zu einer Schicht von idealer Dicke und adsorbierten große Mengen von Wassermolekülen. Die artifizielle Version der Zona pellucida kam dem natürlichen Vorbild in ihren Eigenschaften so nahe, daß Hall auch dafür einen Preis einheimste. Die Zustimmung der Ethikkommission des Medizinischen Zentrums der George Washington Universität verdankt er aber vor allem dem Kanadier Jeffrey Nisker, der an der Universitätsklinik von West-Ontario das Modell des „polyspermen Präembryo“ entwickelte – freilich mit einer ganz anderen Zielsetzung.

Durch die Befruchtung einer Eizelle mit mehreren Spermien kommt es dabei zu einer „Überdosis“ männlichen Erbmaterials, spätestens im 32-Zell-Stadium stoppt die Entwicklung. Stillman, der dem gesamten IVF-Programm der George-Washington-Universität vorsteht, konnte deshalb zu Recht darauf verweisen, daß man mit nicht entwicklungsfähigen Embryonen gearbeitet habe. Für den Fall, daß diese wider Erwarten doch länger als geplant überlebt hätten, wäre das Experiment nach sieben Tagen beendet worden. Man habe keine Pläne, diese Forschung auch mit normalen Embryonen zu betreiben, und wolle statt dessen lieber andere Forschungswege beschreiten.

Trotzdem zeigte sich Nisker entsetzt über den Einsatz „seines“ Modells bei einem Kloning-Versuch, dessen Relevanz er nicht zu erkennen vermag. „Wir haben dieses Modell entwickelt, um zu verhindern, daß menschliches Leben für Experimente benutzt wird“. Im Rahmen des Präimplantations-Screening Programms seiner Klinik werde es genutzt um bestimmte Techniken zu üben, die unmittelbar nach einer künstlichen Befruchtung die Diagnose schwerer Erbkrankheiten ermöglichen.

„Wir wollen Abtreibungen verhindern, indem wir den Frauen ein Screening anbieten, bevor sie schwanger werden“, erläuterte Nisker. „Als die Leute mir damals kritische Fragen stellten, habe ich geantwortet, die Ethikkommissionen würden den Versuch einer Klonierung verhindern  – und jetzt das. Hall und Stillman haben gezeigt, daß man Menschen klonieren kann, aber das wußten wir alle schon. Wenn man medizinische Forschung betreibt, sollte man Fragen stellen, die für Wohlergehen des Patienten von Bedeutung sind. Dies war hier nicht der Fall.“

Stillman begegnet derartiger Kritik mit dem Hinweis, das Embryosplitting biete die Möglichkeit, Kosten und Risiken der In-Vitro-Fertilisation für unfruchtbare Paare zu senken, und gleichzeitig die Erfolgsquote zu erhöhen, „indem man die Fähigkeit der Natur reproduziert, eieiige Zwillinge zu schaffen“. Dies wäre theoretisch für Frauen denkbar, denen nur eine einzige Eizelle zur Verfügung steht. Die Chance für eine erfolgreiche Schwangerschaft  liegt dann bei zehn Prozent. Wenn dagegen mehr als vier Embryonen gleichzeitig implantiert werden, steigt die Erfolgsrate dramatisch.

Normalerweise wird dies durch die medikamentöse Einleitung einer „Superovulation“ ermöglicht. Damit werden monatlich mehrere Eizellen gebildet, die dann gesammelt, befruchtet und anschließend implantiert werden können. Die identische Mehrlingsbildung wäre also – wenn überhaupt – lediglich bei Frauen sinnvoll, deren Ovarien bereits erschöpft sind, oder die aus anderen Gründen nicht genug Eizellen bilden können. Solch ein Szenario aber kommt, so schätzt Prof. Beier „einmal unter zehn Millionen“ vor. Es wäre also für die Praxis bedeutungslos.

Hunderte Wissenschaftler hätten einen Embryo in zwei Hälften teilen können, urteilte  Dr. Leeanda Wilton, Direktorin für Embryologie am IVF-Zentrum der australischen Monash-Universität. „Sie haben es nicht getan, weil sie wußten, daß sie damit eine Büchse voller Würmer geöffnet hätten“, sagte sie gegenüber dem amerikanischen Magazin Time.

Ähnlich scharf fällt das Urteil von Professor Peter Propping, Leiter des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn aus: „Die Versuche hatten keinen wissenschaftlichen Zweck, die wollten nur in die Zeitung kommen.“ Vor der Bonner Wissenschaftspressekonferenz analysierte Professor Günter Altner vom Institut für Sozialethik der Universität Koblenz die Entwicklung: „Das Wünschbare wird machbar, die sich anschließenden Gewinnmöglichkeiten beschleunigen den Prozeß. Die Beteuerung der persönlichen Verantwortung des einzelnen Wissenschaftlers ist zu wenig und läßt eine bezeichnende Blauäugigkeit erkennen.“

Während Stillman noch auf  Pressekonerenzen das „fundamentale Recht auf Fortpflanzung“ beschwor, verabschiedete das Europaparlament eine Entschließung, in der die Klonierung menschlicher Embryonen, „selbst auf Versuchsbasis, im Rahmen von Fruchtbarkeitsbehandlungen oder aus sonstigen Gründen“ als „unethisch, moralisch verwerflich und nicht zu rechtfertigen“ gebrandmarkt wird.

Weltweit haben Kommissionen zur Reproduktionsbiologie in über 25 Ländern Vorschriften erlassen, die den Umgang mit den neuen Reproduktionstechniken regeln sollen. In den USA herrscht dagegen ein juristisches Vakuum. Es bleibt den Forschungsinstituten vorbehalten, eine Ethikkommission zu konsultieren – oder auch nicht.

Wolf-Michael Catenhusen, Vorsitzender des Forschungsausschußes des deutschen Bundestages wies darauf hin, daß die restriktive deutsche Politik auf diesem Gebiet in der Vergangenheit „vor allem in den angelsächsischen Ländern vielfach abgelehnt und bespötelt worden“ sei.

Zwar fließen seit der Amtszeit Ronald Reagans in den USA keine öffentlichen Gelder mehr in Experimente mit menschlichen Embryonen, doch steht genügend privates Geld aus Stiftungen zur Verfügung. Die Stiftungen wiederum finanzieren sich zu einem guten Teil aus den Erlösen der IVF-Zentren. Doch damit nicht genug: Die Vereinigten Staaten sind eines der wenigen Länder, in denen Eizellen und Spermien verkauft werden dürfen. Über 10000 Embryos schwimmen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tiefgefroren in flüssigem Stickstoff. Selbst wenn deren Eltern sie verkaufen wollten, stünden dem keine Gesetze im Wege.

Angesichts dieser längst bekannten Auswüchse der In-Vitro-Fertilisation sprach die Fachjournalistin Barbara Ehrenreich von einem „Element der Heuchelei im Wüten der Klonierungsgegner“. Eine Kultur, die diese Manipulationen gestattet, habe kein Recht, sich über den Versuch zu beschweren. „Die In-Vitro-Industrie gründet sich auf den Glauben, daß genetisches Material mancher Menschen mehr wert ist, als das anderer und es darum verdient, um jeden Preis vermehrt zu werden. Dies ist die marktwirtschaftliche Version der Eugenik, wo statt der Besten diejenigen vermehrt werden, die am besten zahlen.“ Allgemeine Zustimmung, so scheint es, hat Stillman nur mit einer Äußerung gefunden: „Eine nützliche Debatte hat begonnen.“

(verzögert und leicht bearbeitet erschienen in „Fortschritte der Medizin“, Band 112, Nr. 32 [1994])

Mangelware Organspender

Ein Kind – Ausdruck der Liebe und des Vertrauens zwischen zwei Menschen, Ausdruck auch der Hoffnung in die Zukunft. Ein Baby – gezeugt und geboren, weil sein Blut oder seine Organe das Leben eines anderen Menschen retten sollen. Kann es einen größeren Gegensatz geben?

Die enormen Fortschritte der biomedizinischen Grundlagenforschung haben dazu geführt, daß heute mehr Transplantationen durchgeführt werden als je zuvor. Die Erfolgsquoten steigen, auch Eingriffe, die noch vor wenigen Jahren als unmöglich galten, werden zur Routine. Doch zusammen mit dieser erfreulichen Entwicklung wächst die Angst vor Organhandel und dem Mißbrauch der neuen Techniken.

Während Organe in der Vergangenheit zumeist von toten Spendern gewonnen wurden, hat in den Vereinigten Staaten jetzt ein Fall für Schlagzeilen gesorgt, in dem ein Kind erklärtermaßen gezeugt und geboren wurde, um das Leben eines anderen Familienmitgliedes zu retten.

Trotz aller Fortschritte in der Transplantationsmedizin fehlt es nämlich in den USA wie überall an Organen, um den rapide gestiegenen Bedarf zu befriedigen. Obwohl jährlich rund 15000 Operationen vorgenommen werden, stehen mehr als 23000 Menschen auf der Warteliste der zuständigen US-Behörde. Zu häufig verlieren die Patienten das Rennen gegen die Zeit; wahrscheinlich werden 2000 unter ihnen sterben müssen, weil kein geeigneter Spender gefunden werden kann.

Ein Einzelfall veranschaulicht das menschliche Leiden hinter den nackten Zahlen: Vor drei Jahren hatten die Ärzte der 16-jährigen Anissa Ayala die Diagnose „chronische myeloische Leukämie“ gestellt, eine Form des Blutkrebses, die binnen fünf Jahren zum Tode führt (Anmerkung: heutzutage liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei 90 %). Die einzige Chance für das Mädchen bestand in einer Knochenmarktransplantation, doch war trotz verzweifelter Suche in den gesamten USA kein geeigneter Spender zu finden.

Mehr als bei allen anderen Geweben kommt es bei Transplantationen des Knochenmarks darauf an, daß die blutbildenden Zellen von Spender und Empfänger sich möglichst ähnlich sehen. Eiweißstrukturen auf der Oberfläche dieser Zellen werden sonst als fremd erkannt, es kommt zum „Krieg“ zwischen den vermeintlichen Eindringlingen und den Immunzellen des Empfängers.

Eine Art Zufallsgenerator im Erbgut sorgt dafür, daß nur etwa zehn unter einer Million Menschen identische Eiweißstrukturen auf den Oberflächen ihrer Zellen aufweisen. Nur zwischen diesen Menschen ist ein Krieg der Abwehrzellen mit Sicherheit auszuschließen. Die einzige Ausnahme von dieser Regel bilden nahe Verwandte: Weil die väterlichen und mütterlichen Erbanlagen nach der Befruchtung der Eizelle gemäß fester Spielregeln neu gemischt werden, haben Geschwister eine 25prozentige Chance auf „baugleiche“ Abwehrzellen.

Ausgehend von dieser Überlegung beschlossen Anissas Eltern, diese Chance zu nutzen. Nachdem der Vater Anissas eine Vasektomie hatte rückgängig machen lassen wurde Mary Alaya im Alter von 43 Jahren schwanger und brachte im April 1990 Marissa zur Welt, deren Immunzellen sich glücklicherweise als passend erwiesen.

Vor wenigen Wochen war es dann soweit: Ärzte entnahmen der 14 Monate alten Marissa in einer Routineoperation etwa einen achtel Liter Knochenmark, das direkt anschließend der kranken Schwester injiziert wurde. Die Operation am City of Hope National Medical Center im kalifornischen Duarte war für die Spenderin völlig ungefährlich, wenn auch mit vorrübergehenden Schmerzen verbunden. Die behandelnden Ärzte beziffern Alayas Chancen auf eine vollständige Genesung jetzt mit 70 Prozent.

Im Gefolge des aufsehenerregenden Falles ist in den Vereinigten Staaten die Diskussion über die ethischen Aspekte der Transplantationsmedizin neu entbrannt. Eine Umfrage für das Nachrichtenmagazin „Time“ ergab, daß 47 Prozent der Bevölkerung keine moralischen Bedenken dagegen haben, wenn Eltern ein Kind empfangen, um damit das Leben eines anderen Kindes zu retten. 37 Prozent der Befragten hielten diese Vorgehensweise dagegen für unmoralisch.

Als wesentlich problematischer wird dagegen die Verwendung von embryonalem Gewebe zur Behandlung von Krankheiten angesehen. Die Zellen, die sich noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befinden, sind sehr anpassungsfähig. Transplantate werden vom Immunsystem des Empfängers meist nicht als fremd erkannt.

Eine ganze Reihe von medizinischen Untersuchungen haben ergeben, daß Zellen aus dem Gehirn eines frühzeitig abgetriebenen Föten den Zustand von Patienten verbessern können, die an der Parkinson´schen Schüttellähmung leiden. Knapp die Hälfe der Amerikaner hält derartige Experimente allerdings für unakzeptabel, nur 36 Prozent würden ein solches Vorgehen befürworten.

Der sehr begrenzte Einsatz fötalen Gewebes hat bereits Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen gegeben. Während die Kritiker mit Schrecken feststellen, daß Aldous Huxleys utopischer Roman „Schöne neue Welt“ bereits eingeholt wird vom biomedizinischen Alltag, sehen Patienten mit unheilbaren, aber weit verbreiteten Leiden wie der Alzheimer´schen Krankheit einen Silberstreifen am Horizont.

„Warum“, so fragen sie, „sollte das Gewebe aus einem totgeborenen Fötus nicht benutzt werden dürfen, um das Leiden schwerkranker Menschen zu mildern?“ In den USA aber besteht zur Zeit ein gesetzliches Verbot, öffentliche Gelder zur Erforschung dieser Möglichkeit bereitzustellen. In Deutschland schließt das Embryonenschutzgesetz diese Forschung ebenfalls aus.

Auch Neugeborene, die mit einer tödlichen Mißbildung des Gehirns – einer Anenzephalie – zur Welt kommen, wurden bereits als mögliche Organspender ins Gespräch gebracht. Diese „Gehirnlosigkeit“ tritt bei etwa drei von 10000 Neugeborenen auf und führt in den allermeisten Fällen zu einem Schwangerschaftsabbruch.

Nur in seltenen Ausnahmefällen (etwa bei Zwillingsschwangerschaften, in denen das zweite Kind gesund ist) kommen diese Kinder lebend zur Welt; doch sie sterben dann nach wenigen Tagen im Krankenhaus. Ihre Körper werden anonym bestattet oder enden im Krematorium. Nun wären einige Eltern prinzipiell bereit gewesen, die Organe ihrer hirnlosen Kinder zur Transplantation freizugeben in der Hoffnung, dem schrecklichen Schicksal der Anencephalen doch noch einen Sinn zu geben.

Von dieser Möglichkeit wurde auch in der Vergangenheit schon mehrmals Gebrauch gemacht, in Einzelfällen auch in der Bundesrepublik. Zu den wenigen Ärzten, die sich offen zu dieser Vorgehensweise bekannten, gehört der Münsteraner Gynäkologe Fritz Beller, der aber mit seiner Vorstellung unter den Kollegen überwiegend auf Ablehnung traf. 1989 erklärte die Arbeitsgemeinschaft der Transplantationszentren der Bundesrepublik, anencephale Kinder nicht als Organspender in Betracht zu ziehen.

Bei dieser Entscheidung spielte auch die Tatsache eine Rolle, daß selbst die „hirnlosen“ Kinder nicht hirntot im medizinischen Sinne sind und damit die gesetzliche Voraussetzung für eine Organspende nicht erfüllen. Da nach dem Hirntod dieser Kinder allenfalls noch die Nieren zu nutzen wären, wollte man diese Überlegung trotz des akuten Organmangels in Deutschland nicht weiter verfolgen.

Obwohl noch in weiter Zukunft besteht dennoch die Hoffnung, daß weitere Fortschritte in der Grundlagenforschung es eines Tages ermöglichen könnten, Ärzte, Angehörige und Patienten aus dem ethischen Dilemma zu befreien, das letztlich durch die moderne Medizin heraufbeschworen wurde. Die Zucht großer Mengen spezialisierter Zellen im Reagenzglas etwa könnte die Abhängigkeit von lebenden oder toten Organspendern vermindern helfen.

Wissenschaftler der Universität Sussex im Süden Englands und der schottischen Universität Strathclyde arbeiten derzeit an diesem Problem: Die größte Schwierigkeit bei der Anzucht von Zellen besteht darin, daß diese nur dann zu vermehren sind, wenn sie sich in einem frühen Entwicklungsstadium befinden. Für Transplantationen würden aber spezialisierte Zelltypen wie Leber-, Pankreas- oder auch Nervenzellen benötigt. Dem steht entgegen, daß Zellen in der Regel mit der Spezialisierung ihre Teilungsfähigkeit einbüßen. Caroline MacDonald, Julien Burke und Lynne Mayne glauben, das Problem überwinden zu können, indem sie spezialisierten Zelltypen zur „Unsterblichkeit auf Widerruf“ verhelfen.

Dazu führen die Forscher fremde Gene in ihre Zellen ein. Eines dieser Gene (T) trägt die Anweisung, die Zellteilungen trotz Spezialisierung fortzusetzen – ein Vorgang, der sonst nur in entarteten Zellen beobachtet wird. Das Gen, ein Bruchteil der Erbinformation des Affenvirus SV40, ist schon lange Zeit bekannt und trägt die Bauanleitung für ein Eiweiß – das große T-Antigen -, welches offensichtlich in die Regulation der Zellteilung eingreift.

Die größte Herausforderung besteht für die britischen Wissenschaftler darin, das Fremdgen nach Gutdünken wieder abzuschalten, so daß die Zellen nach einer Transplantation aufhören, sich zu vermehren und den Platz im Körper einnehmen, der ih1en von den behandelnden Ärzten zugewiesen wird. Auch dieses Ziel scheint im Bereich des Machbaren zu legen: Versehen mit einem „genetischen Schalter“ – einem Promotor – kann das Gen für das große T-Antigen nach Belieben an- und ausgeschaltet werden, einfach indem bestimmte Hormone oder Antibiotika zur Nährflüssigkeit der Zellen hinzugefügt werden.

Noch raffinierter ist ein Trick, den der New Yorker Forscher Harvey Ozer erproben will: Er will einen temperaturabhängigen Promotor benutzen, der beispielsweise bei 28 Grad in der Zellkultur den Befehl zur Teilung gibt und sich nach dem Transfer in einen menschlichen Körper bei 37 Grad selbständig abschalten würde.

Derzeit stecken diese Versuche noch in den Kinderschuhen. Die beteiligten Forscher aber könnten uns einen guten Schritt näher bringen an eine „schöne neue Welt“. Eine Welt vielleicht, in der lebensrettende Organe, Gewebe und Zellen in ausreichender Menge und für alle zur Verfügung stehen, ohne daß menschliche Körper als Ersatzteillager dienen müßten.

(erschienen in „DIE WELT“ am 6. Juli 1991)

Was wurde daraus? Die Transplantationsmedizin hat sich ständig weiterentwickelt, doch der Organmangel kostet weiterhin unzähligen Menschen das Leben. Der spektakuläre Fall von Anissa und Marissa Alaya hatte ein Happy-End; beide sind heute wohlauf und die Geschichte wurde unter dem Titel „For the Love of my Child“ sogar verfilmt. Die chronisch myeloische Leukämie, die zum Zeitpunkt des Artikels noch beinahe einem Todesurteil gleichkam, wird heute in der Mehrzahl der Fälle erfolgreich behandelt. Die 5-Jahres-Überlebensraten liegen bei über 90 %.