Prof. Henning Beier war von 1993 bis 1995 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin.  Im Interview zerlegt er die Argumente seiner Kollegen Hall und Stillmann zugunsten ihres Klon-Experimentes.

Was mag Dr. Hall zu seinem Experiment bewogen haben?

Ich glaube, das ist ohne tieferes Nachdenken erfolgt. Die Maßnahme an sich ist weder sensationell noch neu. Die Technik der identischen Mehrlingsbildung ist seit siebzig Jahren bekannt. Neu ist lediglich die von Dr. Hall entwickelte künstliche Eihülle, in der sich die menschlichen Embryonen weiterentwickeln konnten.

Das Verfahren könnte die Erfolgsquote bei künstlichen Befruchtungen erhöhen, behauptet Dr. Stillman

Für sich genommen ist diese Aussage durchaus realistisch. Zutreffend ist aber auch, daß bei Implantation von mehreren befruchteten Eizellen die Chance wächst, eine erfolgreiche Schwangerschaft zu erzielen. Da Eizellen in der Regel in ausreichender Zahl gewonnen werden, gibt es überhaupt keinen Grund, die auch noch zu teilen und mit dieser Technik zu vermehren. Das ist ein an den Haaren herbeigezogenes Argument, genauso wie die nachträglich vorgebrachte These, man habe die Reaktion der Öffentlichkeit testen wollen. Das ist ein ganz schwaches und dummes Argument.

Könnte man die Technik nutzen, um nach einer IVF die pränatale Diagnose zu verbessern?

Das wäre denkbar, ist aber deshalb nicht gerechtfertigt, weil die Entnahme einer oder mehrerer Zellen des Trophoblasten, die wenige Stunden später erfolgen kann, zu dem gleichen Ergebnis führen würde – ohne Mehrlingsbildung. Auch dieses Argument läßt die ethische Problematik außer Acht, die darin liegt, daß die Individualität des Menschen mißachtet wird, die mit der Fertilisation beginnt.

Hall und Stillman vergleichen ihr Verfahren mit der natürlichen Zwillingsbildung

Ich kann nicht irgendwelche Phänomene, die wir in der Natur beobachten, heranziehen, als Rechtfertigung für ein technisches Eingreifen des Menschen. Es ist unzulässig und naiv zu glauben, wir dürften Embryonen in der Forschung verbrauchen, weil „die Natur“ ohnehin mehr als die Hälfte der befruchteten Eizellen absterben läßt, bevor es zur Implantation kommt. Wir dürfen solche Ereignisse nicht als Maßstab für menschliches Handeln heranziehen.