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Training reduziert Sturzgefahr bei Älteren

Ältere Menschen, die mindestens ein Jahr lang zwei bis drei Mal wöchentlich trainieren, erleiden weniger Stürze und Sturzverletzungen. Dies berichten Dr. Philipe de Souto Barreto von der Universitätsklinik Toulouse und seine Kollegen in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine.

Die Wissenschaftler haben allerdings keine eigene Untersuchung gemacht, sondern die Ergebnisse anderer Leute in einer sogenannten Meta-Analyse zusammengefasst.

In fünf verschiedenen Literaturdatenbanken suchten sie nach Studien mit Menschen ab 60 Jahren, die mindestens ein Jahr lang trainiert hatten, und bei denen man die Zahl der Stürze, Verletzungen, Brüche, Klinikeinweisungen und die Sterblichkeit mit einer Kontrollgruppe ohne solch ein Training verglichen hatte.

Die Ergebnisse von insgesamt 40 solcher Studien wurden bislang veröffentlicht. Sie hatten zusammen 21868 Teilnehmer (zwei Drittel davon Frauen), die im Durchschnitt 73 Jahre alt waren. Typischerweise waren diese Senioren drei Mal pro Woche für jeweils etwa 50 Minuten ins Training gegangen und hatten dort mit mittlerer Intensität Aerobic, Balance- und Kraftübungen gemacht.

Heraus kam, dass Senioren, die trainierten, ein zwölf Prozent niedrigeres Risiko hatten, zu stürzen. Stürze mit Verletzungen waren sogar um mehr als ein Viertel seltener (26 Prozent), und das Risiko für einen Knochenbruch schien um 16 Prozent kleiner. Hinweise auf schädliche Effekte des Trainings gab es keine. Damit wurde auch die Befürchtung entkräftet, dass der Sport bei den Senioren zu mehr Klinikeinweisungen oder gar Todesfällen führen könnte – etwa weil sie einen Herzinfarkt erleiden.

Besonders überraschend ist das Ergebnis nicht, denn andere Studien hatten zuvor schon gezeigt, dass weniger lange Fitnessprogramme die Sturzrate bei Senioren senken können. Neu ist jedoch die Erkenntnis, dass die längerfristigen Übungen auch für Menschen mit Herzerkrankungen und Nervenkrankheiten sinnvoll sein können.

Die Forscher selbst sprechen von einer „bescheidenen“ Verringerung des Sturzrisikos. Um dies zu erreichen sollten Senioren demnach zwei bis drei Mal pro Woche für jeweils 50 Minuten trainieren. Ein absoluter Schutz ist das allerdings nicht. In einem Kommentar zur Studie rechnen die US-Ärzte Ryan R. Kraemer und C. Seth Landefeld vor, dass für jeweils eine vermiedene Sturzverletzung 27 Senioren mindestens ein Jahr trainieren müssten. Und zur Verhinderung eines Bruches müssten sogar 100 Alte ein Jahr lang Sport treiben. Trotzdem sind Kraemer und Landefeld sich in ihrer Empfehlung an die Kollegen einig: „Ärzte sollten sportliches Training mittlerer Intensität in einer Häufigkeit von zwei bis drei Mal pro Woche verschreiben.“

Quellen:

Harrison´s – Die Mutter aller Medizinbücher

Zwei Bände, sechs Kilogramm, 476 Kapitel, fast 4000 Seiten im Großformat – Das ist für mich derzeit das Non-Plus-Ultra unter den Standardwerken der Medizin. Bestellt hatte ich Harrison´s Principles of Internal Medicine vorab bereits im April via Amazon, und dabei von dem garantierten Niedrigstpreis profitiert. Nu ja, so niedrig war er dann auch wieder nicht: Ich habe € 176 berappt statt der aktuell € 199. Und musste eine dreimalige Verschiebung des Liefertermins erdulden. Aber was tut man nicht alles, um auf dem neuesten Stand zu bleiben und seinen Lesern die zuverlässigsten Infos bieten zu können.

Mein liebstes Medizinbuch: Harrison´s Principles of Internal Medicine in der 20. Auflage.

Anfang Oktober waren die beiden Wälzer dann endlich da, und trotz einiger Schwächen möchte ich sagen: Ja, der ist sein Geld wert, der Harrison. Natürlich sollte man englisch können, aber dann ist die Lektüre streckenweise ein wahres Vergnügen. Sinnvoll strukturiert, übersichtlich und präzise werden sowohl die wissenschaftlichen als auch die „handwerklichen“ Aspekte der Inneren Medizin erläutert. Beschrieben werden die neusten Erkenntnisse zu Krankheitsmechanismen, aktualisierte Studienergebnisse und (amerikanische) Leitlinien. Hinzu gekommen sind neue, zeitgemäße Kapitel zur Gesundheitsvorsorge, Verhaltensökonomie – sehr zeitgeistig auch die „Gender-Issues“ – und für mich besonders interessant neue Technologien und Forschungsgebiete wie die Epigenetik, Mikrobiomik, personalisierte Medizin, Neuro-Therapien und Medizinische Informatik.

Unter den gedruckten Werken ist „Der Harrison“ nun wieder in punkto Aktualität ganz vorne. Es ist die 20. Ausgabe, und es hat sich einiges getan seit dem Vorläufer, der 2015 publiziert wurde. So wurden Kapitel, die zuletzt nur noch in einer Online-Version verfügbar waren, wieder ins Buch geholt, ebenso die weiterführenden Literaturangaben. Der Harrison in der 20. Auflage hätte das perfekte Medizin-Lehrbuch und -Nachschlagewerk für mich sein können, ABER: Die absolut sinnvolle Ergänzung durch eine ständig aktualisierte Online-Version ist nicht im stolzen Kaufpreis enthalten. Bei accessmedicine.com lässt man sich dies mit $ 299 vergolden – pro Jahr! Das ist mir entschieden zu viel, und so muss ich weiter mit der Unsicherheit leben, ob ich tatsächlich die neuesten praxisrelevanten Informationen auf der Hand habe. Und natürlich wächst diese Unsicherheit angesichts der rapiden Fortschritte in der Medizin von Tag zu Tag. Aus einer Rezension bei Amazon.com entnehme ich z.B., dass die im Oktober 2017 verabschiedete, heiß diskutierte neue US-Leitlinie zum Bluthochdruck in der Printausgabe noch nicht angekommen ist.

Nun ja. Medizinjournalisten wie ich sollten ja ohnehin alles neu recherchieren – schließlich besteht unser Job nicht darin, aus Lehrbüchern abzuschreiben. Aber eine solide Grundlage ist halt doch unverzichtbar. Und weil die medizinische Praxis nicht überall gleich ist, steht bei mir neben der englischsprachigen Mutter-Ausgabe auch noch die deutsche Variante „Harrisons Innere Medizin„, in der 19. Auflage (wann die Nr. 20 komt, habe ich nicht herausgefunden). Die gibt es zum Glück in einer sehr ordentlichen Softcover-Version in 4 Bänden für vergleichsweise bescheidene € 140. Oder in luxuriös als gebundene Ausgabe, dann allerdings nah ´dran an der € 300-Grenze.

Mir gefällt an meiner Softcover-Ausgabe das große Format und das angenehme Schriftbild, was das Lesen per se angenehmer macht als im US-Original. Die Übersetzung ist für meinen Geschmack manchmal etwas holprig geraten, aber es gibt – und das ist eigentlich das beste Argument für den Kauf der deutschen Ausgabe – jeweils einen oder mehrere hiesige Fachleute, die die einzelnen Kapitel überprüft und mit den relevanten deutschen Zahlen, Leitlinien und Literaturverweisen ergänzt haben. Die sind dann auch noch grau unterlegt, sodass man die deutschen Besonderheiten auf den ersten Blick erkennt. Also Daumen hoch: das ist wirklich gelungen.

Und schließlich habe ich noch einen Tipp für die Kollegen, die nicht ganz so viel ausgeben wollen, um Up-to-Date zu sein: Soeben ist der „Herold Innere Medizin 2019“ erschienen. Der wird jedes Jahr aktualisiert, bringt es mittlerweile auch schon auf fast 1000 eng bedruckte Seiten ohne Schnick-Schnack und darf trotz (oder wegen?) seines ultrakonzentrierten Schreibstils ebenfalls als Standardwerk der Inneren Medizin gelten.

Suchen bei PubMed

Mit 27 Millionen Einträgen ist PubMed die größte, frei zugängliche Literaturdatenbank für die Biomedizin. Sie wird von den US-Nationalen Gesundheitsinstituten finanziert, ist deshalb natürlich englischsprachig, erfasst 5633 Zeitschriften (Stand 2016) und wächst jährlich um ca. 500.000 Einträge. Es folgt eine kleine Anleitung mit Beispielen, wie man aus dieser Flut von Informationen neue Fachpublikationen anhand von Titel, Autor, Stichwort oder Fachgebiet, findet. Natürlich gibt es dafür bereits eine ausführliche Hilfe-Funktion bei PubMed, und sogar Tutorials auf YouTube. Aber vielleicht führt Euch meine Variante ja noch etwas schneller zum Ziel…

Wir beginnen auf der Startseite https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed, wo man natürlich in das Suchfeld seine Begriffe einfach hineinschreiben und auf das Beste hoffen kann.

Das funktioniert schon mal ganz gut, wenn man den exakten Titel der Publikation kennt, oder wenn der Autor einen sehr ausgefallenen Namen hat. Einer meiner Texte für Nature Medicine z.B. hatte den Titel „New Rules for Lazy Professors“ und in der ganzen Datenbank gibt es nur einen einzigen Eintrag mit exakt diesem Titel:

 

 

 

 

 

 

Über den „Full text link“ kann dieser Text nun aufgerufen werden. Fertig.

Schon für die Suche nach Autoren empfiehlt sich die fortgeschrittene Suche. Dazu unter dem Eingabefeld „Advanced“ klicken, auf der folgenden Seite das Feld „Author“ auswählen und erst den Nachnamen eingeben, dann die Initialen. Das sähe bei mir folgendermaßen aus:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Durch die Kombination mit AND kann man weitere Autoren nach dem gleichen Muster eingeben, oder – je nachdem, welches Feld man wählt – auch ein Wort, das z.B. im Titel der Arbeit vorkommt. Bleiben wir bei obigem Beispiel, so finden wir 55 Artikel, sortiert nach dem Erscheinungsdatum. Von denen sind aber nur zehn von mir – ein Problem, das jeder haben dürfte, der nicht gerade einen höchst exklusiven Namen sucht. In solchen Fällen kann es helfen, den Zeitraum für das Suchergebnis einzuschränken. Und das geht so:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Häufiger als nach Autoren und einem mehr oder weniger bekannten Titel werden die meisten wohl nach einem bestimmten Thema oder Stichwort suchen. Hier kommen die sogenannten MeSH-Terms ins Spiel. Das sind Schlagwörter, die hierarchisch gegliedert sind, und von denen es ca. 25000 gibt. Mehrere Seiten helfen, die besten MeSH-Terms für eine Suche zu finden. Ich empfehle den MeSH-Browser des NIH in der Bäumchenansicht, oder für Fortgeschrittene diese Suchmaske, die zu einem bestimmten Begriff die Kategorie und die Hierarchie aufzeigt.

Zugegeben, dies sieht ziemlich kompliziert aus. Deshalb an dieser Stelle lieber ein Beispiel: Für einen Kunden soll ich über neue klinische Studien zu Lungenkrankheiten berichten, Krebserkrankungen werden aber bereits von einem anderen Kollegen abgedeckt. Dazu nutze ich den Suchbegriff (Respiratory Tract Diseases NOT Neoplasms AND Clinical Trial[ptyp]).

Wie komme ich darauf? Nun, den ersten Teil der Formel habe ich aus dem MeSH-Browser gezogen, und zwar unter „Diseases“ -> „Respiratory Tract Diseases“. Die Krebserkrankungen, zu denen ich keine Publikationen sehen will, stehen unter „Neoplasms“ und dieser zweite Teil der Formel bekommt deshalb ein NOT vorangestellt.

Mit dieser Formel erhalte ich in der PubMed-Suchmaske fast 900.000 Treffer, kann jedoch auf der linken Seite jede Menge Filter aktivieren – unter anderem nach Zeitraum, Verfügbarkeit des Textes (freier Volltext, Volltext oder nur Abstract) und Publikationstyp. Bei Letzterem klicke ich auf „Clinical trials“ – und habe endlich, was ich will.

Als Sahnehäubchen obendrauf bietet PubMed auch noch die Benachrichtigung per E-Mail an, wann immer neue Artikel mit den angegebenen Suchkriterien erscheinen. Man erreicht diesen tollen Service durch anklicken von „Create alert“ unter dem Suchfenster. Die Auswahlmöglichenkeiten hier sind eigentlich selbsterklärend und der Dienst setzt eine Anmeldung beim NCBI voraus, die jedoch kostenlos ist und innerhalb von Minuten bestätigt wird.

Fragwürdige Zelltransplantationen gegen ALS

Versuche, die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) mit der Transplantation von Stammzellen zu behandeln, könnten bei Patienten übertriebene Hoffnungen wecken, fürchte ich angesichts zweier wenig erfolgreicher Studien in Italien und Tschechien:

Präsentiert wurden beide Studien im Spätjahr 2016 auf der Jahrestagung der US-amerikanischen Society for Neuroscience in San Diego. Insgesamt waren 44 Patienten behandelt worden, allerdings hatte es bei keiner der beiden Studien eine Kontrollgruppe gegeben, mit der sich die erzielten „Erfolge“ hätten vergleichen lassen. Solche randomisierten und placebokontrollierten Studie sind in der Medizin der Goldstandard: Die Patienten werden einer Behandlungsgruppe zugelost und man vergleicht mit der besten verfügbaren Therapie oder einem Scheinmedikament. Dass dies bei den beiden Studien nicht gemacht wurde, mindert die Beweiskraft.

Zellen aus Fehlgeburten isoliert

Die italienische Arbeitsgruppe hatte neuronale Stammzellen aus menschlichen Embryonen gewonnen, deren Mütter eine Fehlgeburt erlitten hatten. Jedem Patient wurden drei Injektionen mit jeweils etwa 50 Millionen der neuronalen Stammzellen ins Rückenmark injiziert. Um eine Abstoßungsreaktion zu verhindern, bekamen die Studienteilnehmer sechs Monate lang Medikamente zur Unterdrückung der Immunantwort.

Zwar gab es keine ernsthaften Nebenwirkungen, jedoch wurde auch der Krankheitsverlauf kaum beeinflusst. Lediglich im Zeitraum von zwei bis vier Monaten nach dem Eingriff hatten elf der 18 Patienten etwas mehr Kraft in Armen und Beinen, als man erwarten durfte. Neun der 18 Patienten waren zum Zeitpunkt der Konferenz bereits an ihrer Krankheit gestorben. Dennoch kündigte Dr. Daniele Ferrari von der Abteilung Biotechnologie und Biowissenschaften der Universität Bicocca, Mailand an, dass man eine Studie der Phase II beginnen und diesmal größere Mengen an Zellen transplantieren wolle.

Professor Eva Sykova (Foto: Martin Vlček, Kancelář Senátu – Senát Parlamentu České republiky, CC BY 3.0)

Die tschechische Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Eva Sykova vom Institut für Experimentelle Medizin ASCR in Prag hatte die Stammzellen aus den Patienten selbst gewonnen, im Labor vermehrt und dann bei einer Lumbalpunktion ins Nervenwasser injiziert. Kraft, Beweglichkeit und Gehfähigkeit der 26 Teilnehmer in dieser Studie wurden über 18 Monate hinweg verfolgt. Nach drei und nach sechs Monaten fanden die Forscher statistisch signifikante Verbesserungen sowohl auf der ALS Functional Rating Scale, als auch bei der forcierten Vitalkapazität, einem Maß für die Funktion der Lunge.

Fragwürdige Vergleiche

Da es innerhalb der Studie keine Vergleichsgruppe gab, musste man zur Bewertung den natürlichen Verlauf der Krankheit heranziehen. Dies scheint bei Zelltransplantationen gegen ALS inzwischen die Regel zu sein: Wissenschaftler der Cochrane Kollaboration hatten kürzlich die gesamte Literatur nach solchen Studien durchsucht, um deren Wirksamkeit zu beurteilen. Sie fanden aber keine mit adäquater Kontrollgruppe. Nicht auszuschließen ist deshalb, dass die Verbesserungen in beiden Studien auf einem Placeboeffekt beruhen.

Experimentelle Behandlung außerhalb der Studie

Trotz der geringen Aussagekraft der bisherigen Studien erhalten offenbar schon heute ALS-Patienten auch außerhalb von Studien Zelltransplantationen. So berichtete die Gruppe von Eva Sykova, dass 25 ihrer Patienten außerhalb von Studien behandelt worden sind. Inzwischen hätten sich auch Interessenten aus dem Ausland gemeldet, sagte die Forscherin auf der Neuroscience-Tagung.

Quellen:

Syka M et al. Stem cells for treatment of Amyotrophic lateral sclerosis. Preclinical and clinical study. Abstract 45.01. Society for Neuroscience 47 Annual Meeting, San Diego, 12.11.2016.

Jendelova P et al. The effect of different applications of mesenchymal stem cells in the treatment of amyotrophic lateral sclerosis. Abstract 45.04. Society for Neuroscience 47 Annual Meeting, San Diego, 12.11.2016.

Mazzini L et al. Data from pre-clinical and completed phase I clinical studies with intraspinal injection of human neural stem cells in amyotrophic lateral sclerosis. Abstract 45.13. Society for Neuroscience 47 Annual Meeting, San Diego, 12.11.2016.

Abdul Wahid SF et al. Cell-based therapies for amyotrophic lateral sclerosis/motor neuron disease. Cochrane Database Syst Rev. 2016 Nov. 8;11:CD011742

(Überarbeitete Version eines Textes, der als Pressemitteilung geplant war, jedoch nicht veröffentlicht wurde)

Selumetinib – wirksam gegen Neurofibrome, aber nicht verfügbar

Eine seltene Erbkrankheit, die bei Kindern Nerventumore verursacht, kann offenbar mit dem Wirkstoff Selumetinib erfolgreich bekämpft werden, zeigt eine kleine Studie mit 24 Teilnehmern. Das als Neurofibromatose Typ 1 (NF1) bekannte Leiden verursacht häufig Geschulste, die nicht operiert werden können. Diese inoperablen plexiformen Neurofibrome wurden jedoch bei allen 24 Kindern in der Studie gebremst, und bei 17 von ihnen schrumpften sie sogar um 20 bis 50 Prozent.

Dr. Widemann vom US-Krebsforschungszentrum NCI leitet mehrere Studien zum Neurofibrom (Foto: NCI)

Den größten Erfolg erzielten die Wissenschaftler um Dr. Brigitte C. Widemann, Leiterin des Pediatric Oncology Branch am National Cancer Institute der USA bei einem Mädchen, das wegen sehr großer Neurofibrome an Hüfte und Unterleib ständig unter Schmerzen litt und an den Rollstuhl gefesselt war. Durch die Behandlung verringerte sich die Tumormasse fast um die Hälfte; sie musste auch keine Schmerzmedikamente mehr einnehmen und war wieder in der Lage, längere Strecken zu laufen. Wie der Webseite von Widemann zu entnehmen ist, sind nun gleich mehrere Folgestudien geplant, die den Nutzen von Selumetinib bei Kindern wie auch Erwachsenen beweisen sollen.

Die auch nach ihrem Entdecker Morbus Recklinghausen benannte Krankheit betrifft etwa jedes 3000ste Neugeborene, davon entwickeln ein Fünftel bis zur Hälfte die hier behandelten plexiformen Neurofibrome. Sie können, je nach Lage, zu Schmerzen und Entstellungen führen, zu Blindheit, geschwächten Gliedmaßen, oder auch zu Darm- und Blasenschwäche. Vielen kann durch eine Operationen geholfen werden, bei einem Viertel ist dies allerdings nicht möglich.

Prof. Victor-Felix Mautner, Leiter der Neurofibromatose-Ambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf sprach von einer „bedeutsamen Arbeit“ für Menschen, die durch NF-1 entstellt werden. Trotz dieses Erfolges wird Selumetinib aber in Deutschland wohl auf längere Zeit nicht verfügbar sein. Die Firma AstraZeneca, die den Wirkstoff ursprünglich gegen Lungenkrebs entwickeln wollte, ist damit nämlich in einer großen Studie gescheitert. Die Folge ist, dass Selumetinib von den Behörden für die Behandlung nicht zugelassen wurde, und auch nicht für „individuelle Heilversuche“ zur Verfügung steht. „Und dies wird auch nicht so schnell passieren“, befürchtet Mautner.

(eine ausführliche Fachversion dieser Nachricht ist erschienen am 6. Januar 2017 bei Medscape)

Quelle:

Dombi E, et al.: Activity of Selumetinib in Neurofibromatosis Type 1-Related Plexiform Neurofibromas. N Engl J Med. 2016 Dec 29;375(26):2550-2560. doi: 10.1056/NEJMoa1605943.

Spinale Muskelatrophie: Hoffnung durch Antisense-Technik

Mithilfe einer neuartigen genetischen Technik ist es Wissenschaftlern erstmals gelungen, das Fortschreiten der Spinalen Muskelatrophie (SMA) bei Säuglingen und Kleinkindern zu verlangsamen – einer fatalen und bislang kaum aufzuhaltenden neurodegenerativen Erkrankung. „Dies ist eine vielversprechende Behandlungsmethode für die häufigste genetische Todesursache im Kindesalter“, so Prof. Christine Klein, Leiterin des Instituts für Neurogenetik an der Universität Lübeck und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Darüber hinaus könne man davon ausgehen, dass die hier genutzte Methode der Antisense-Technik auch für andere Erkrankungen und Indikationen angepasst werden und dort ebenfalls erfolgreich sein könnte.

Den Beweis, dass die Antisense-Technik funktionieren kann, haben nordamerikanische Neurologen mit einer Studie erbracht, über die sie in der Fachzeitschrift The Lancet berichten. Insgesamt 20 Säuglinge, die zwischen der dritten Lebenswoche und dem sechsten Lebensmonat an der Spinalen Muskelatrophie erkrankt waren, haben Richard S. Finkel vom Nemours Children´s Hospital und seine Kollegen behandelt.

Ursache der Erkrankung war in allen Fällen ein fehlendes bzw. defektes Gen für einen Nerven-Schutzfaktor (Survival Motor Neuron 1, SMN1). Ohne dieses Eiweiß gehen die Motoneuronen des Rückenmarks und des Hirnstammes zugrunde, die die Bewegungen einschließlich des Schluckens und des Atmens kontrollieren. Die Folgen sind fatal: Nicht einmal ein Viertel der Kinder überlebte bislang ohne künstliche Beatmung die Diagnose um mehr als zwei Jahre.

Vor diesem Hintergrund erhielten alle Teilnehmer den Wirkstoff Nusinersen in Form mehrerer Injektionen ins Nervenwasser des Rückenmarks. Zwar verstarben vier der 20 Babys trotz der Behandlung. Zum Zeitpunkt des Berichtes aber waren 16 noch am Leben. 13 von ihnen konnten ohne fremde Hilfe atmen, und bei 14 hatte sich die Muskelfunktion gebessert. Teilweise konnten diese Kleinkinder nun den Kopf aufrecht halten, greifen, stehen und sogar laufen. Solche Veränderungen hatte man bislang bei unbehandelten Kindern mit dieser Form von SMA nicht beobachtet. „Eine Heilung bedeutet das nicht“, sagt Prof. Klein, „aber die Therapie scheint wirksam zu sein.“

Die Neurologin hebt hervor, dass der molekulare Mechanismus der Methode wie geplant funktioniert hat: Nusinersen ist ein synthetisch hergestelltes Molekül, das spezifisch konstruiert wurde um ein Ersatzgen für SMN1 zu aktivieren, das fast baugleiche SMN2. Es könnte theoretisch ebenfalls den Nerven-Schutzfaktor liefern, der die Motoneuronen am Leben hält. Allerdings enthält SMN2 einen „Webfehler“, der die Übersetzung der Erbinformation in das rettende Eiweiß um 75 bis 90 Prozent verringert.

Diesen Webfehler konnte Nusinersen offenbar beheben. Das von Wissenschaftlern der Firma Ionis hergestellte synthetische Molekül heftet sich an einer genau vorausberechneten Stelle an ein Zwischenprodukt (Boten-RNS), welches die in SMN2 enthaltenen Erbinformationen an die Eiweißfabriken der Zellen übermittelt. Nusinersen verhindert dadurch, dass aus der SMN2-Boten-RNS ein Abschnitt entfernt wird und die Erbinformation unbrauchbar wird. Die Menge korrekt übersetzter Boten-RNS stieg um das 2,6-fache auf einen Anteil von 50 bis 69 %. Durch Messungen der Eiweißkonzentration im Rückenmark konnten die Forscher schließlich noch zeigen, dass die in dieser Studie behandelten Kinder um durchschnittlich 63,7 % Prozent mehr SMN-Protein bildeten, als unbehandelte Kinder.

Die Nebenwirkungen des Verfahrens wurden von den Patienten gut toleriert, sodass die genetische Therapie von Prof. Klein als „in akzeptabler Weise sicher“ eingestuft wird. Eine weitere, noch nicht veröffentlichte Studie mit Nusinersen bei älteren Patienten mit SMA war ebenfalls erfolgreich, teilte die Hersteller-Firma Ionis mit. Und unmittelbar vor Weihnachten gab die US-Zulassungsbehörde FDA bekannt, dass Nusinersen unter dem Handelsnamen Spinraza für die Behandlung der SMA sowohl bei Säuglingen als auch bei Erwachsenen zugelassen wurde (Inzwischen liegt auch eine Zulassung der europäischen Arzenimittelbehörde EMA vor).

„Als das weckt begründete Hoffnung auf die so lange erwartete Wende in der translationalen Anwendung von Erkenntnissen aus der Molekulargenetik von der reinen Diagnostik hin zu klinisch-therapeutischen Anwendungen im Sinne einer personalisierten Medizin“, so Prof. Klein. Die Antisense-Technik könne auch auf andere Erkrankungen angepasst werden, erwartet die DGN-Vizepräsidentin.

Während bei SMA die Übersetzung eines „schwachen“ Gens gefördert wird, ließe sich stattdessen auch das Ablesen schädlicher Gene verhindern. Im Tierversuch ist dies beispielsweise bei Mäusen schon gelungen, die als Modell für die Huntington´sche Krankheit dienten. Aber auch in klinischen Studien wurde und wird die Antisense-Technik bereits erprobt, beispielsweise gegen die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Rheuma, Asthma, Morbus Crohn sowie eine Vielzahl von Krebserkrankungen.

(Vorlage für eine Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vom 5. Januar 2017)

Quellen:

Impfstoff gegen Ebola

Schon im kommenden Jahr könnte ein hochwirksamer Impfstoff gegen das gefürchtete Ebola-Virus in den besonders gefährdeten Ländern Afrikas zur Verfügung stehen. Grund für diesen Optimismus ist der Ausgang mehrerer Studien mit fast 6000 Menschen, die vorwiegend in Guinea in direkten oder indirekten Kontakt mit Ebola-Infizierten Personen gekommen waren, und die den neuen Impfstoff „rVSV-ZEBOV“ bekommen hatten.

In der Fachzeitschrift The Lancet berichten Forscher um die WHO-Angestellte Dr. Ana Maria Henao-Restrepo über Einzelheiten: Demnach wurden die Teilnehmer der Studie nach dem Losverfahren entweder sofort geimpft, oder mit einer Verzögerung von drei Wochen. In der ersten Gruppe waren nach zehn Tagen keine Viren mehr festzustellen, in der zweiten Gruppe erkrankten dagegen 23 Menschen an der Seuche. Knapp drei Monate lang schauten die Forscher auch nach möglichen Nebenwirkungen von rVSV-ZEBOV. Dabei kam es zu einem Fall von extrem hohem Fieber und einer Überempfindlichkeitsreaktion, die beide glimpflich ausgingen. Ansonsten traten lediglich milde Nebenwirkungen auf Kopfweh, Müdigkeit und Muskelschmerzen.

„Beim nächsten Mal gewappnet“ – WHO-Direktorin Kieny (Foto: WHO)

Der Impfstoff, der auf einem gentechnisch veränderten Virus (VSV) basiert, war zuvor an Affen getestet worden, wo er Neuinfektionen zu 100 Prozent verhindern konnte. Bei bereits infizierten Tieren verhinderte rVSV-ZEBOV den Ausbruch der Krankheit immerhin in jedem zweiten Fall. rVSV-ZEBOV wirkt möglicherweise nicht gegen alle Stämme des Ebola-Virus gleich gut. Besonders effektiv verhindert der Impfstoff aber den Ausbruch der Zaire-Variante von Ebola, die mit einer Sterblichkeit von bis zu 90 Prozent zu den tödlichsten Infektionskrankheiten überhaupt zählt.

Die Globale Impfallianz GAVI hat fünf Millionen Dollar zugesagt, um einen Vorrat von 300.000 Dosen des Impfstoffes anzulegen. „Wenn die nächste Epidemie kommt, werden wir gewappnet sein“, sagt die Studienleiterin Dr. Marie-Paule Kieny, Stellvertretende Generaldirektorin für Gesundheitssystem und Innovation der WHO in Genf.

(eine ausführliche Fachversion dieser Nachricht ist erschienen am 4. Januar 2017 bei Medscape)

Quellen:

Multiple Sklerose früh behandeln

Nach der Diagnose sollten Patienten mit Multipler Sklerose (MS) möglichst schnell behandelt werden. Das fordert einer der renommiertesten Experten auf diesem Gebiet, Professor Ludwig Kappos, Chefarzt Neurologie am Universitätsspital in Basel. Er stützt sich dabei auf eine Studie, bei der Patienten mit unterschiedlichem Behandlungsbeginn über elf Jahre hinweg verfolgt und auf ihren Gesundheitszustand hin überprüft wurden.

„Unsere Studie bestärkt uns darin, Betroffenen bereits beim ersten Auftreten von hochverdächtigen MS-Symptomen dringend eine vorbeugende Therapie zu empfehlen. Ein früher Behandlungsbeginn hat gegenüber einer verzögerten Therapieeinleitung nachweisbare Vorteile, weil damit der Ausbruch von MS verzögert oder sogar verhindert werden kann“,

sagte Kappos in einer Pressemitteilung. Im Hintergrund der Studie stehen auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den Neurologen angesichts sehr unterschiedlicher Verlaufsformen der Krankheit. Bei manchen Patienten schreiten die Behinderungen wie Schwäche, Koordinations- und Sprachstörungen nur langsam fort. Meist entwickelt sich die Krankheit auch in Schüben. Beschwerden wie Taubheit, eingeschränktes Sehvermögen, Kraftminderung oder Gleichgewichtsstörungen tauchen plötzlich auf und vergehen wieder, manchmal sogar ohne Behandlung. Dies hatte in der Vergangenheit einige Experten dazu bewogen, bei der Gabe von Medikamenten Zurückhaltung zu fordern. Immerhin können Beta-Interferone, die als Standard-Arzneien gegen die MS gelten, auch Nebenwirkungen wie Schwäche und Müdigkeit hervorrufen, die die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigen.

Die Einschätzung des Behandlungserfolgs ist auch deshalb schwierig, weil nach den Krankheitsschüben im Gehirn offenbar ein Reparaturprozess statt findet, der die Schäden zumindest teilweise kompensiert. Angesichts eines in der Regel jahrzehntelangen Krankheitsverlaufs konnten die bisherigen Studien mit ihren wenigen Jahren Laufzeit Kosten und Nutzen einer möglichst frühen Behandlung daher nicht zuverlässig beurteilen, sagen die Forscher um Kappos. Hier schafft die neue Untersuchung nun Klarheit, deren Ergebnisse ich wie folgt zusammenfassen und übersetzen möchte:

Teilgenommen haben 468 Personen mit ersten verdächtigen MS-Symptomen, die aber noch nicht ausreichten, um eine sichere Diagnose zu stellen. Immerhin konnten andere Ursachen ausgeschlossen werden und Magnetresonanzaufnahmen des Gehirns hatten mindestens zwei asymptomatische „Herde“ nachgewiesen – also Regionen mit MS-typischen Veränderungen.

Die Teilnehmer erhielten dann nach dem Zufallsprinzip innerhalb von maximal 60 Tagen ab Beginn der Symptome entweder das Medikament Interferon β-1b oder ein Scheinmedikament. Nach spätestens zwei Jahren oder früher, wenn bei den Betreffenden nach einem zweiten Schub MS diagnostiziert wurde, konnte die Placebo-Gruppe ebenfalls auf die Einnahme von Interferon β-1b oder eines vergleichbaren Medikaments umsteigen.

Elf Jahre nach dem Beginn der Studie konnten die Forscher die Daten von fast 300 Patienten auswerten. Es  zeigte sich, dass jene mit früher Therapie eine um 33 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit hatten, definitiv an MS zu erkranken als jene, die erst später behandelt wurden. Außerdem verstrich bei der frühen Gruppe deutlich mehr Zeit bis zum ersten Rückfall der Krankheit, nämlich 1888 Tage im Vergleich zu 931 Tagen bei der späteren Gruppe. Schließlich war auch die Häufigkeit von Krankheitsschüben in der frühen Gruppe um 19 Prozent geringer gewesen. Diese Unterschiede spiegelten sich allerdings nicht beim Vergleich der Behinderung. „Insgesamt hatten beide Gruppen nach elf Jahren nur wenig dauerhafte Beeinträchtigungen“, teilen die Forscher mit. Die durchschnittliche Verschlechterung auf der zehnstufigen Behinderungsskala EDSS hatte jeweils nur 0,5 Punkte betragen, und nur rund acht Prozent der Teilnehmenden waren nach elf Jahren vorzeitig berentet.

Originalartikel:

Kappos L, Edan G, Freedman MS, et al. The 11-year long-term follow-up study from the randomized BENEFIT CIS trial. Neurology. 2016;87:1-10.  (noch kein Link verfügbar)

(veröffentlicht auf hinstimulator.de am 11. August 2016)

Computer gegen Retinitis pigmentosa

Mit den unterschiedlichsten Ansätzen versuchen Forscher, die Ursache für die Augenkrankheit Retinitis pigmentosa (RP) aufzuhalten: den fortschreitenden Zerfall der Fotorezeptor-Zellen in der Netzhaut auf der Rückseite des Auges. Erste Anzeichen sind meist eine Verkleinerung des Gesichtsfeldes und eine Verschlechterung der Nachtsicht

Zwar gibt es einige Erfolgsmeldungen aus frühen Versuchen, das Leiden mit einer Gentherapie zu lindern. Auch die Transplantation von Stammzellen ins Auge wird erprobt. Und man hat man herausgefunden, dass die Einnahme von Vitamin A das Fortschreiten der RP womöglich verlangsamen kann. Einige einige Patienten haben durch sogenannte Retina-Implantate sogar einen Teil ihres Sehvermögens zurückgewonnen.

Eine echte Heilung für das Gros der Patienten, deren Zahl alleine in Deutschland auf 30000 bis 40000 geschätzt wird, ist aber noch nicht in Sicht. Umso mehr freue ich mich über eine gute Nachricht, die ich von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) erhalten habe, der wissenschaftlichen Vereinigung deutscher Augenärzte. Ich zitiere in Auszügen:

Tübinger Augenärzte haben … ein computerbasiertes Training entwickelt, das die Wahrnehmung und das Orientierungsvermögen der Betroffenen innerhalb von sechs Wochen deutlich verbessert. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) sieht in der Software eine Chance, die Sicherheit und die Lebensqualität von Menschen mit Retinitis pigmentosa zu steigern und empfiehlt, das Training in die Behandlung dieser Patienten mit einzubinden.

„Die Patienten erkennen Hindernisse zu spät, sie stürzen häufiger, und das Risiko, als Fußgänger im Straßenverkehr zu Schaden zu kommen, ist erhöht“, sagt Professor Susanne Trauzettel-Klosinski, die an der Universität Tübingen die Forschungseinheit für visuelle Rehabilitation leitet. Darunter leidet die Lebensqualität: „Viele Menschen mit Tunnelblick trauen sich kaum mehr ihre Wohnung zu verlassen und am öffentlichen Leben teilzunehmen“, sagt sie.

Dagegen hilft offenbar ein Trainingsprogramm, bei dem die Patienten vor einem Bildschirm sitzen, auf dem zufallsgesteuert Zahlen erscheinen. Die Aufgabe besteht darin, die Zahlen mit der Maus wegzuklicken. Dabei erscheinen einige Zahlen auch außerhalb des Gesichtsfeldes der Patienten. Durch gezielte Bewegungen der Augäpfel lernen sie aber, auch diese Zahlen zu erfassen. Ein ähnliches Training nutzen bereits Schlaganfallpatienten, bei denen der Hirnschaden zu einem Gesichtsfeldausfall geführt hat.

In einer ersten klinischen Studie testeten 25 Patienten mit Retinitis pigmentosa das PC-Programm zu Hause am Laptop. Sie trainierten an fünf Tagen pro Woche für jeweils 30 Minuten. Die Ergebnisse wurden nun im Fachblatt PLOS One veröffentlicht: Nach sechs Wochen Training hatten die Patienten ihre Reaktionszeiten im PC-Training um 37 Prozent gesenkt. Die Patienten konnten danach einen Gehtest mit Hindernissen schneller und mit weniger Fehlern absolvieren als eine Vergleichsgruppe, die nur an einem Lesetraining teilgenommen hatte. Während des Gehtests trugen alle Teilnehmer ein Gerät, das die Augenbewegungen registrierte.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Probanden vermehrt die Umgebung ihres eingeschränkten Gesichtsfeldes erkunden, erklärt Trauzettel-Klosinski: „Durch das Training haben sie gelernt, die Bewegung ihrer Augäpfel bewusst zu steuern – so nehmen sie Hindernisse besser wahr als untrainierte Patienten.“ Ein solches Training kann die Mobilität auch nach einem bereits erfolgten Orientierungs- und Mobilitätstraining mit dem Langstock verbessern. Die Tübinger Ophthalmologen arbeiten die Trainingssoftware nun zu einem benutzerfreundlichen Programm aus. Die Kosten dafür schätzt Trauzettel-Klosinski auf etwa 300 Euro und hofft, dass die Krankenkassen sich daran beteiligen.

Übertriebene Hoffnungen möchten die Tübinger Augenärzte trotzdem nicht aufkommen lassen. Das Training kann die RP weder aufhalten noch heilen. Aber es hilft offenbar, trotz des fortschreitenden Sehverlustes im Alltag besser zurecht zu kommen. „Die Übungen helfen den Betroffenen ihr verbliebenes Blickfeld effektiver zu nutzen und sich so im Alltag besser zurechtzufinden“, erklärt Professor Frank G. Holz vom Vorstand der Stiftung Auge, die die Tübinger Studie unterstützt hat. Für die Patienten böte das Training spürbare Vorteile: sie können aktiv etwas gegen die Folgen der Erkrankung unternehmen und gewinnen an Lebensqualität.

(veröffentlicht bei hirnstimulator.de am 11. August 2016)

Originalliteratur:

Ivanov IV, Mackeben M, Vollmer A, Martus P, Nguyen NX, Trauzettel-Klosinski S. Eye Movement Training and Suggested Gaze Strategies in Tunnel Vision – A Randomized and Controlled Pilot Study. PLoS One. 2016 Jun 28;11(6):e0157825.

Asthma – Wege zur Vorbeugung

Vom Sport über die Hundehaltung bis zum „Genuss“ von Rohmilch reicht die Liste der Maßnahmen, die dem Asthma vorbeugen oder Beschwerden bei bereits Erkrankten lindern sollen. Dies zeigen mehrere Studien, die Arbeitsgruppen aus Deutschland, Schweden und Kanada in den vergangenen Monaten veröffentlicht haben.

Ein Grund für die Suche nach Präventionsmöglichkeiten dürfte sein, dass die Häufigkeit des Leidens in den vergangenen Jahrzehnten ständig zugenommen hat – besonders in den 1980er und 1990er Jahren. In manchen Regionen der Welt sind bis zu 30 Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Epidemiologen beobachten deshalb Menschen mit unterschiedlichen Lebensumständen und vergleichen dann die Häufigkeit, mit der die verschiedenen Gruppen später im Leben an Asthma erkranken.

„Nur 30 Minuten am Tag: Regelmäßige Übungen erleichtern Asthma-Symptome“, vermeldeten beispielsweise Forscher der Concordia Universität in Montreal und deren Kollegen. Sie haben dazu 643 Asthma-Patienten untersucht und nach Zusammenhängen zwischen der Aktivität und der Schwere der Symptome gesucht. Tatsächlich hatten diejenigen, die sich mindestens 30 Minuten am Tag zu Fuß oder auf dem Fahrrad bewegten, eindeutig weniger Atemprobleme als ihre unsportlichen Leidensgenossen. Sogar ein halbe Stunde Yoga am Tag vermochte die Symptome zu lindern.

Wie der Studienleiter Professor Simon Bacon erläutert, besteht ein Teil des Problems darin, dass Asthmatikern meist vom Sport abgeraten wird, aus Sorge, dies könne Kurzatmigkeit und Atemnot hervorrufen. Die Angst vor den so genannten Bronchospasmen sei zwar nicht völlig unbegründet, dem könne man jedoch durch die Einnahme seiner Medikamente vor dem Sport und durch langsames Abkühlen danach vorbeugen, sagt Bacon. „Auch wenn Sie Asthma haben ist das keine Entschuldigung dafür, sich nicht sportlich zu betätigen.“

Eine andere Spur haben Forscher der Universität von Uppsala in Schweden verfolgt: Sie nutzten die umfangreichen Datenbanken ihres Landes, in denen sowohl medizinische als auch soziale Informationen für alle Einwohner gespeichert sind. Die Studienkoordinatorin Tove Fall vom Department of Medical Sciences and the Science for Life Laboratory konnte dadurch bei mehr als einer Million Kindern überprüfen, ob sie an Asthma erkrankt waren, und ob sie mit oder ohne Hunde in ihren Familien aufgewachsen waren. Das Ergebnis war, dass Kinder, die mit Hunden aufwuchsen um etwa 15 Prozent seltener an Asthma erkrankten.

Wie sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, begründete Fall folgendermaßen: „Frühere Studien haben gezeigt, dass sich das Asthmarisiko für Kinder in etwa halbiert, wenn sie auf einem Bauernhof aufwachsen. Wir wollten sehen, ob dieses Verhältnis auch auf Kinder zutrifft, die in ihrem Zuhause mit Hunden aufwachsen.“ Weil die Forscher Zugang zu solch einer großen und detailreichen Datenbank hatten, konnten sie auch ausschließen, dass Faktoren wie Asthmaerkrankungen der Eltern, der sozioökonomische Status oder der Wohnort das Ergebnis verfälschten. Aus der Studie folgt allerdings nicht, dass alle Kinder mit Hunden aufwachsen sollten. Im Gegenteil sollten Kinder, die bereits an einer Katzen- oder Hundeallergie leiden, diese Tiere vermeiden.

Auch eine deutsche Arbeitsgruppe hat sich an der Suche nach möglichen Schutzfaktoren gegen das Asthma beteiligt. Erika von Mutius, Leiterin der Asthma- und Allergieambulanz am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwigs-Maximilians-Universität in München entdeckte dabei, dass Kinder, die Rohmilch trinken seltener erkranken als solche, die mit „normaler“, industriell bearbeiteter, Milch aufwachsen. Etwa 1000 Mütter hatten für die Studie namens „Pasture“ notiert, was ihre Kinder bis zum sechsten Lebensjahr gegessen und getrunken hatten, und an welchen Krankheiten sie litten. Die Forscher vermuten, dass der Schutzeffekt zumindest teilweise mit dem höheren Fettanteil der Rohmilch und den darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren erklärt werden kann. Je intensiver die Milch nämlich bearbeitet wird, umso mehr zersetzen sich diese Säuren.  Trotzdem empfehlen die Wissenschaftler nicht, den Kindern Rohmilch zu geben, weil sie Keime enthalten kann, die Infektionskrankheiten verursachen könnten.

Originalarbeiten:

Bacon SL, Lemiere C, Moullec G, Ninot G, Pepin V, Lavoie KL. Association between patterns of leisure time physical activity and asthma control in adult patients. BMJ Open Respir Res. 2015 Jul 24;2(1):e000083.

Fall T, Lundholm C, Örtqvist AK, Fall K, Fang F, Hedhammar Å, Kämpe O, Ingelsson E, Almqvist C. Early Exposure to Dogs and Farm Animals and the Risk of Childhood Asthma. JAMA Pediatr. 2015 Nov;169(11):e153219.

Brick T, Schober Y, Böcking C, Pekkanen J, Genuneit J, Loss G, Dalphin JC, Riedler J, Lauener R, Nockher WA, Renz H, Vaarala O, Braun-Fahrländer C, von Mutius E, Ege MJ, Pfefferle PI; PASTURE study group. ω-3 fatty acids contribute to the asthma-protective effect of unprocessed cow’s milk. J Allergy Clin Immunol. 2016 Jun;137(6):1699-1706.e13.

(veröffentlicht auf Simmformation.de am 10. August 2016)