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Hat die Homosexualität eine biologische Ursache?

Die Hirnstruktur homosexueller Männer unterscheidet sich in mindestens einer Region deutlich von der ihrer heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Dieses Resultat einer Autopsie an insgesamt 41 Gehirnen, das jetzt in der Fachzeitschrift ,,Science“ (Band 253, S. 1034) veröffentlicht wurde, dürfte die Diskussion über die biologischen Wurzeln sexuellen Verhaltens weiter anheizen.

Simon LeVay aus San Diego, der diese Studien ursprünglich als Hobbyprojekt begonnen hatte, will sich allerdings nicht darauf festlegen, ob die gefundenen anatomischen Unterschiede Ursache oder Folge der Homosexualität sind: „Es gibt Unterschiede zwischen den Hirnen schwuler und normaler Männer, aber meine Daten sagen nichts darüber, wie diese Unterschiede zustande kommen.“

LeVay, selbst homosexuell, hat sich bisher nicht zur gesellschaftlichen Brisanz seiner Erkenntnisse geäußert und bemerkt in seiner Publikation lediglich, daß „dieses Resultat darauf hindeutet, daß sexuelle Orientierung ein biologisches Substrat hat“. Gegenüber dem „Time Magazine“. sagte der Neurobiologe: „Sexualität ist ein wichtiger Teil von uns. Jetzt haben wir eine bestimmte Hirnregion, die wir daraufhin untersuchen können“.

19 der 41 Gehirne stammten von homosexuellen Männern, die allesamt an Aids verstorben waren. 16 weitere Hirne stammten von heterosexuellen Männern, von denen sechs der Immunschwäche erlegen waren, sechs weitere Gehirne kamen von Frauen. Die Unterschiede beziehen sich auf eine winzig kleine Region im Hypothalamus, einem Hirngebiet, von dem man weiß, daß es bei der Regulation männlichen Sexualverhaltens eine wichtige Rolle spielt.

Innerhalb dieser Region nahm LeVay eine Gruppe von Zellen genauer unter die Lupe, für die andere Forscher bereits Unterschiede zwischen den Geschlechtern ermittelt hatten: den sogenannten interstitiellen Nukleus des anterioren Hypothalamus 3 (INAH-3). Dort fand LeVay den kleinen Unterschied, der für große Aufregung sorgt: INAH-3 ist bei Frauen und homosexuellen Männern gleich groß, bei heterosexuellen Männern nimmt die Zellgruppe dagegen doppelt soviel Platz ein.

Die Möglichkeit, daß die Größendifferenz auf die Aidserkrankung zurückzuführen ist, scheidet aus, weil INAH-3 auch bei den heterosexuellen Männern, die der Immunschwäche zum Opfer gefallen waren, doppelt soviel Platz einnahm wie bei den aidsinfizierten Homosexuellen. Dennoch warnt LeVay vor vorschnellen Schlüssen. Zunächst müßten seine technisch schwierigen Untersuchungen von anderen Wissenschaftlern bestätigt werden.

Für die Richtigkeit der Untersuchung spricht aber die Tatsache, daß in jüngster Vergangenheit auch andere biologische Unterschiede festgestellt wurden, die mit der sexuellen Orientierung einhergehen. So berichtete eine Arbeitsgruppe aus Amsterdam über anatomische Unterschiede in einem anderen Bereich des Hypothalamus, dem suprachiasmatischen Kern. Diese Region, von der man annimmt, daß sie für den Tag-Nacht-Rhythmus eine Rolle spielt, ist bei homosexuellen Männern deutlich vergrößert.

Die Psychologin Sandra Witelson von der amerikanischen McMaster University in Hamilton konnte zeigen, daß Linkshänder unter Lesbierinnen überdurchschnittlich häufig zu finden sind. Darüber hinaus konnte Witelson bestätigen, daß diese Besonderheit auch auf homosexuelle Männer zutrifft.

Auch auf die Frage, wie die Hirnentwicklung in den kritischen Regionen gesteuert wird, glaubt Witelson eine – wenn auch spekulative – Antwort zu haben. Untersuchungen an Ratten, die ebenso wie Menschen im Hypothalamus markante Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufweisen, zeigen eine Abhängigkeit der Entwicklung dieser Hirnregion vom Geschlechtshormon Testosteron.

Injektionen des Hormons vergrößern bei weiblichen Tieren kurz nach der Geburt die fragliche Region; werden umgekehrt männliche Ratten im gleichen Alter kastriert, so sinkt der Testosteronspiegel, die Zellgruppe schrumpft zusammen und die Tiere zeigen im Erwachsenenalter ein weniger „männliches“ Verhalten.

Diese Experimente des Neuroendokrinologen Roger Gorski aus Los Angeles unterstützen Witelsons Hypothese, wonach das Gehirn wie ein Mosaik aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt ist, die zu verschiedenen Zeiten während der körperlichen Entwicklung für Sexualhormone empfänglich sind.

Wird aber zuviel oder zuwenig der entsprechenden Hormone ausgeschüttet, oder erfolgt dieses Signal zum falschen Zeitpunkt, so könnte dadurch die Entwicklung der entsprechenden Hirnregionen nachhaltig beeinflußt werden. Da während der Entstehung eines Organismus viele solcher „biologischen Schalter“ nur einmal betätigt werden können, wäre die Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen.

Eine Möglichkeit, die Thesen von Sandra Witelson zu erhärten, wäre der Nachweis von Hormonrezeptoren in der Region von INAH-3. Diese Ankerstellen für Botenstoffe des menschlichen Körpers wurden zwar bisher noch nicht gefunden, doch nimmt die Zahl der Entdeckungen gerade auf diesem Forschungsgebiet rapide zu.

Damit dürfte dann ein weiterer Tummelplatz für Ideologen aller Art entstehen, die Homosexualität als „widernatürlich“ oder gar krankhaft betrachten. Andererseits könnte diese Forschung in Zukunft aber auch die Möglichkeit eröffnen, bei echten medizinischen und psychologischen Problemen mit dem Einverständnis der Betroffenen helfend einzugreifen.

(erschienen in „DIE WELT“ am 12. September 1991)

Quelle: LeVay S. A difference in hypothalamic structure between heterosexual and homosexual men. Science. 1991;253(5023):1034‐1037. doi:10.1126/science.1887219

Guten Appetit!

Nur wenige Gourmets können sich wohl mit dem Gedanken anfreunden, Nigerianische Riesenratten oder Schwarze Leguane zu verspeisen. Dennoch – nach einem Vorschlag des amerikanischen National Research Council (NRC) sollen insgesamt 40 Arten exotischer Tiere und kleinwüchsige Formen „gewöhnlicher“ Kühe, Schweine und Schafe künftig einen wichtigen Beitrag zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung leisten.

Der – ernstgemeinte – Vorstoß erwartet bei einer Umstellung der Ernährung auf kleine Haustiere eine bessere Versorgung der Menschen in der Dritten Welt. Die Expertengruppe des NRC verweist auf das rasche Bevölkerungswachstum: „Haustiere für Entwicklungsländer sollten kleiner und handlicher werden; derzeit brauchen sie einfach zuviel Platz und verursachen zu hohe Kosten.“

Die Kommission begründet ihren Vorstoß damit, daß sämtliche Tiere auf der Liste relativ billig in Anschaffung und Unterhalt sind („Science“, Band 253, S. 378). Mit einer Tonne Heu etwa kann entweder eine einzige Kuh ernährt werden oder aber 300 Kaninchen. Ein weiterer Vorteil liegt in der sprichwörtlichen Vermehrungsrate der Kleinsäuger.

Neben Leguan und Riesenratte werden auch die nur 60 Zentimeter große Mexikanische Minikuh, das elf Kilogramm schwere Sudanesische Zwergschaf und die nepalesische Terai-Ziege als Kandidaten für den erweiterten Speiseplan der Dritten Welt genannt. Weitere Leckereien aus der Familie der Nagetiere: Pampashasen, Agutis, Viscachas und Pakas, allesamt Bewohner des südamerikanischen Kontinents.

(erschienen in DIE WELT am 24. August 1991)

Neues Benzin schont die Umwelt

Eine verblüffende Variante, die zunehmende Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen, wurde in den Vereinigten Staaten entwickelt. Nicht mit Bio-Alkohol, Wasserstoff oder Solarkraft sollen die Automobile des 21. Jahrhunderts angetrieben werden, sondern mit – Benzin. Die achtgrößte amerikanische Ölgesellschaft, Atlantic Richfield (Arco), hat nach eigenen Angaben einen Kraftstoff entwickelt, dessen Verbrennung gegenüber normalem Benzin wesentlich umweltfreundlicher sein soll.

Nach Auskunft der Ölgesellschaft könnte der Treibstoff mit der Bezeichnung EC-X (für Emission Control-Experimental) die Menge gesundheits- und umweltschädigender Abgase um fast die Hälfte reduzieren. EC-X ist bereits marktreif, wird aber vermutlich erst Mitte der neunziger Jahre an die Zapfsäulen amerikanischer Tankstellen gelangen.

Der Treibstoff ist zwar teurer als herkömmliches Benzin, hat aber gegenüber anderen Substanzen wie Methanol den Vorteil, daß er in allen Fahrzeugen ohne Umbauten problemlos genutzt werden kann, ohne zu einem Leistungsverlust zu führen. Die Autofahrer werden vermutlich ab 1995 gezwungen sein, den Preisaufschlag für EC-X hinzunehmen.

Dann wird nämlich der Vorschlag der US-Umweltbehörde (EPA) bindend, „umweltfreundliches“ Benzin in den Großräumen Baltimore, Chicago, Hartford, Houston, Los Angeles, Milwaukee, New York City, Philadelphia und San Diego einzuführen.

87 weitere Regionen können dieser Regelung auf eigenen Wunsch beitreten; insgesamt wäre dann mehr als die Hälfte des amerikanischen Benzins „schadstoffarm“ gemäß den Richtlinien der EPA. Unabhängig davon steht der Bundesstaat Kalifornien bereits kurz vor der Verabschiedung neuer Treibstoffnormen. Alle dort ansässigen Ölgesellschaften müssen dann „sauberes“ Benzin verkaufen oder auf alternative Kraftstoffe umsteigen.

Hintergrund der Bemühungen zur Luftreinhaltung ist der „Clean Air Act“, ein Gesetz, das einschneidende Maßnahmen zur Emissionskontrolle zwingend vorschreibt. Zwar wurden bei der Entwicklung verbrauchsarmer Motoren in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, doch wurde der Verbesserung des Treibstoffs wenig Aufmerksamkeit zuteil. Erst in jüngster Zeit hat man damit begonnen, auch bei der Herstellung von Benzin an die Umwelt zu denken.

Ein Vorschlag der EPA sieht vor, einen Mindestgehalt von zwei Prozent Sauerstoff für Benzin zwingend vorzuschreiben, was zu einer vollständigeren Verbrennung führen würde. Dies ist durch die Addition von Methanol oder Ethanol zum Treibstoff möglich. Der Zusatz von Schwermetallen soll ebenfalls verboten werden; der Anteil der krebserregenden Chemikalie Benzol würde auf maximal ein Prozent begrenzt. In Deutschland sind derzeit noch fünf Prozent Benzol im Benzin erlaubt.

Der Direktor der EPA, William K. Reilly, kommentierte das neue Programm mit den Worten: „Es handelt sich hier um die vielversprechendste Maßnahme zur Reduktion von ozonbildenden Substanzen, giftigen Emissionen und Kohlenmonoxid in den Großstädten. Die Luftverschmutzung in Amerikas Ballungsräumen wird damit deutlich reduziert werden.“

(erschienen in „DIE WELT“ am 25. Juli 1991)

Schon zehn Kilo Uran reichen aus

Trotz gewaltiger Anstrengungen scheint Saddam Hussein nicht in der Lage zu sein, eigene Kernwaffen herzustellen. Nicht nur die Kontrollen der Internationalen Atomenergie-Organisation und die Aktivitäten des UN-Sicherheitsrates versperren dem Diktator den Weg zur Bombe; auch die technischen Schwierigkeiten sind nicht zu unterschätzen.

Zu diesem Urteil kommt Joachim Fechner, der im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zuständig ist für die Sicherung kerntechnischer Anlagen. Fechner verweist Zeitungsmeldungen, nach denen Studenten aus öffentlich zugänglicher Literatur eine funktionsfähige Atombombe bauen könnten, in das Reich der Fantasie: „Hierbei handelt es sich nicht um eine Atombombe, vielmehr um eine kritische Anordnung spaltfähigen Materials. Damit können Sie keine Kettenreaktion aufrechterhalten, allenfalls Neutronenstrahlung erzeugen, die im Umkreis von bis zu 100 Metern tödlich wirkt.“

Für den Bau einer Atombombe werden theoretisch „nur“ zehn Kilogramm Plutonium oder angereichertes Uran benötigt. Dank eines geheimgehaltenen „Forschungsreaktors“ besitzt der Irak vermutlich jetzt schon 25 bis 40 Kilogramm. Die Anreicherung des Urans könnte mit Tausenden simpler Gaszentrifugen erfolgt sein und eine Reinheit von bis zu 90 Prozent erbracht haben – nicht „ideal“, aber ausreichend für den Bau einer Atombombe.

Allerdings bezweifelt der Sicherheitsexperte, daß im Irak genug „hochkarätiger Sachverstand“ vorhanden ist, um eine Bombe zu zünden. Das spaltbare Material muß dazu nämlich innerhalb von millionstel Sekunden gleichmäßig verdichtet werden, da sonst die atomare Kettenreaktion wieder abbricht. „Dies ist die eigentliche Schwierigkeit; die dafür nötigen Daten sind auch niemals veröffentlicht worden“, so Fechner.

(erschienen auf Seite 1 in „DIE WELT“ am 17. Juli 1991)

Viele Schlupflöcher für den illegalen Tierhandel

Seit fünfzehn Jahren gilt in der Bundesrepublik das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA), mit dem der internationale Handel mit gefährdeten Tieren und Pflanzen geregelt werden sollte. Westdeutschland unterzeichnete damals als erster EG-Staat; mittlerweile haben sich 110 Nationen dem Abkommen angeschlossen. Ein Grund zum Jubeln? Die Meinungen gehen auseinander.

Noch vor zwei Jahren wurden von den zuständigen Bundesämtern insgesamt 715 Verstöße gegen das Bundesnaturschutzgesetz verfolgt. Fast die Hälfte der Verfahren wurde eingestellt, in 80 Fällen kam es zu einer schriftlichen Verwarnung; die Summe der verhängten Bußgelder belief sich auf exakt 27280 Mark. Obwohl von gesetzlicher Seite ein Höchststrafmaß von fünf Jahren Freiheitsentzug vorgesehen ist, kam es bisher noch nie zu einem solchen Urteil. Ein Freibrief also für Gesetzesbrecher? Diese scheinen sich jedenfalls nicht von den langen Listen des WA beeindrucken zu lassen, auf denen mittlerweile über 2000 Tierarten und rund 30000 Pflanzenarten verzeichnet sind.

Mit der bisherigen Rechtsprechung in Sachen Artenschutz ist Umweltminister Klaus Töpfer ebenso unzufrieden wie die Aktionsgemeinschaft Artenschutz oder die Umweltstiftung WWF Deutschland. Auf einer Pressekonferenz am Frankfurter Flughafen, der deutschen Drehscheibe für den illegalen Handel mit geschützten Tieren und Pflanzen, machte der Minister seinem Ärger Luft: „Die Gerichte sollen das Strafmaß voll und ganz ausschöpfen“, so Töpfer, der hinzufügte: „Ich bin für ein Mindestmaß an Freiheitsstrafe in gewissen Fällen.“

Damit enden allerdings die Gemeinsamkeiten zwischen empörten Tierschützern und dem Umweltminister. Der WWF verweist darauf, daß für den deutschen Heimtiermarkt jährlich noch immer 35000 bis 40000 lebende Papageien, 500 bis 1000 Krokodile und Warane sowie mehrere tausend Riesenschlangen eingeführt werden, für die in der Regel weder beim Händler, noch beim Käufer eine artgerechte Unterbringung gewährleistet sei.

Die Aktionsgemeinschaft Artenschutz (AGA) unter ihrem Vorsitzenden Günther Peter schlägt in die gleiche Kerbe: „Im Gegensatz zur Bundesregierung hat die AGA nichts Positives über den Vollzug des Übereinkommens zu berichten.“ Seit dem Beitritt vor 15 Jahren habe sich Deutschland zu einem der weltweit größten Verbraucher bedrohter Arten entwickelt.

Dem widerspricht der Bundesumweltminister, der auf die stark gesunkenen Einfuhrzahlen etwa für Elfenbein, Landschildkröten und Wildkatzen verweist. Während 1979 noch 66 Tonnen Rohelfenbein von afrikanischen Elefanten in die Bundesrepublik importiert wurden, ging diese Menge auf 0,43 Tonnen einschließlich Elfenbeinschnitzereien im letzten Jahr zurück. Ausschlaggebend für diesen Erfolg dürfte das Inkrafttreten eines internationalen Handelsverbots sein, dessen Verlängerung derzeit heftig umstritten ist. Die Felle wildlebender Katzenarten wie des Ozelot werden gar nicht mehr importiert; 1979 erreichte ihre Zahl noch 121000.

Diese Zahlen sind zwar erfreulich, aber nicht unbedingt sehr aussagekräftig. Sie reflektieren die Tatsache, daß der afrikanische Elefant oder bestimmte Raubkatzen im Laufe der letzten Jahre in die Liste des WA aufgenommen wurden. Die illegalen Importe geschützter Tiere, Tierprodukte und Pflanzen haben dagegen ständig zugenommen. Schuld an dieser Entwicklung sei auch die „katastrophale Unkenntnis“ von Beamten in den neuen Bundesländern und die personelle Unterbesetzung der Artenschutzbeamten in der Bundesrepublik, so die AGA.

Wie Töpfer mitteilte, sollen in einem neuzuschaffenden Bundesamt für Naturschutz 12 zusätzliche Stellen für den Artenschutz geschaffen werden. Detlef Szymanski, Referatsleiter Artenschutz im hessischen Ministerium für Naturschutz, teilte auf Anfrage mit, für den Vollzug der Artenschutzgesetze stünden 13 Beamte zur Verfügung, mit denen „die vorgegebenen Aufgaben erledigt werden könnten, ohne größere Rückstände entstehen zu lassen“.

Einen anderen Weg zum Schutz bedrohter Arten will der Zentralverband zoologischer Fachbetriebe Deutschlands einschlagen, der jetzt eine „Selbstbeschränkung im Handel mit Heimtieren“ beschlossen hat. Über die Artenschutzliste des WA hinaus sollen eine Reihe von Arten nicht mehr öffentlich präsentiert werden. Der Verkauf weiterer Arten, die besondere Ansprüche an die Haltung stellen, wird für die Mitglieder des Verbandes künftig mit einer Beratungspflicht gekoppelt.

(erschienen in „DIE WELT“ am 3. Juli 1991)

Bulgarien droht ein Tschernobyl

Eine akute Gefährdung des gesamten südeuropäischen Raumes stellt das einzige bulgarische Kernkraftwerk Kozloduj nach Meinung der Betriebsmannschaft dar. In einem inoffiziellen Hilfeersuchen an die Wiener Atomenergiebehörde IAEA ist die Rede davon, daß besonders die Dampferzeuger in dem Kraftwerk sowjetischer Bauart zu versagen drohten. Aber auch der Druckbehälter und der primäre Kühlkreislauf der Blöcke I und II befinden sich in einem „bedenklichen Zustand“.

Wie der Sprecher der IAEA, Hans-Friedrich Meyer, erklärte, habe man gerade eine dreiwöchige intensive Überprüfung der Anlage vorgenommen: „Das Team der IAEA fand das Kraftwerk in einem sehr schlechten Zustand vor, mit einer Anzahl sicherheitsrelevanter Mängel.“ Man habe die bulgarische Regierung gebeten, sofortige Maßnahmen zu ergreifen, doch wollte Sofia dieser Bitte wegen des Energienotstandes im Land keine Folge leisten.

Die Anlage, die sich rund 130 Kilometer nördlich von Sofia an der rumänischen Grenze befindet, deckt etwa 30 Prozent des bulgarischen Strombedarfs. Bei den Atommeilern vom Typ WWER mit jeweils 440 Megawatt Leistung handelt es sich um Bulgariens älteste Kernkraftwerke. Sie wurden bereits Mitte der siebziger Jahre erbaut.

Mittlerweile wurde bekannt, daß Bundesumweltminister Klaus Töpfer den Generaldirektor der IAEA gebeten hat, für den 9. Juli eine Konferenz mit Beteiligung westlicher Nationen und der Weltwirtschaftsbank einzuberufen. Offensichtlich befürchtet man ein Versagen der beiden noch nicht stillgelegten Blöcke, die baugleich mit denen im stillgelegten deutschen Kernkraftwerk Greifswald sind. Ein bereits fertiggestellter sechster Block wurde bisher nicht angeschaltet. Bei dessen Inbetriebnahme droht nach Meinung der Angestellten eine „Katastrophe wie in Tschernobyl“.

Während in Greifswald pro Reaktorblock acht sowjetische Experten zur Ausbildung und für Notmaßnahmen bereitstanden, mußte deren Zahl für die schlecht ausgebildete bulgarische Bedienungsmannschaft verdoppelt werden. Alle 32 sowjetischen Spezialisten, die mit dem russischen Reaktortyp WWER gut vertraut waren, wurden aber schon vor Monaten abgezogen, angeblich weil die bulgarische Regierung in Zahlungsschwierigkeiten geriet. Um Sofia doch noch zum Einlenken zu bewegen, wäre es denkbar, Strom aus westeuropäischen Ländern zur Verfügung zu stellen. Dieser könnte über eine Kupplungsstelle in Österreich in das osteuropäische Netz eingespeist werden.

(erschienen in „DIE WELT“ am 29. Juni 1991)

Was wurde daraus? Keine Ahnung, ob die Sorgen damals vor dem Hintergrund der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl übertrieben waren, oder ob wir einfach nur Glück hatten, dass nichts passiert ist. Jedenfalls wurden alle 4 hier beschriebenen Blocks noch bis 2002 bzw. 2006 weiter betrieben, und seitdem läuft Kosloduj mit zwei neueren Reaktoren (Baujahre 1988 bzw. 1993), die angeblich westlichen Sicherheitsstandards entsprechen.

James Watson im Interview

Vorweg ein Bekenntnis, oder auch die Erklärung eines Interessenkonfliktes: James Watson war es, der mich mit seinem Buch „Die Doppelhelix“ maßgeblich dazu inspiriert hat, Biologie zu studieren. Ich halte ihn nach wie vor für einen der größten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Als ich 1991 die erste längere Dienstreise für meinen damaligen Arbeitgeber „DIE WELT“ planen durfte, war Watson auf meiner Liste ganz oben.

Ankündigung des Interviews auf Seite 1

Während unseres Gesprächs ist meine Bewunderung eher noch gewachsen, und ich gewann den Eindruck, dass er die Genforschung im Allgemeinen und das „Human Genome Project“ im Besonderen auch deshalb vorangetrieben hat, weil er das Leben der Menschen verbessern wollte. Natürlich bin ich nicht naiv und ich weiß von der unrühmlichen Art, wie Watson zusammen mit seinem Partner Francis Crick alleine die Lorbeeren eingeheimst hat für die Entdeckung der Struktur des Erbmaterials, obwohl doch auch deren Kollegin Rosalind Franklin daran einen erheblichen Anteil hatte. Gelinde gesagt ziemlich ungeschickt fand ich Watsons Äußerungen in einem Interview mit der Londoner „Sunday Times“ im Jahr 2007.  Er sehe die Zukunft Afrikas äußerst pessimistisch, denn „all unsere Sozialpolitik basiert auf der Annahme, dass ihre Intelligenz dieselbe ist wie unsere – obwohl alle Tests sagen, dass dies nicht wirklich so ist“. Watson war damals fast 80 Jahre alt und wurde prompt all seiner Ämter enthoben. Später, als er sich nochmals ähnlich äußerte, verlor er auch noch seine Ehrentitel, geriet offenbar in Geldnot und sah sich gezwungen, die Medaille zu versteigern, die er 1962 mit dem Nobelpreis für Medizin erhalten hatte. Ich habe mich entschlossen, in dieser Sache nicht den Richter zu spielen. Journalisten sollten berichten, was ist, und die Meinungsbildung ihren Lesern überlassen. In diesem Sinne hier nun das vollständige Interview aus dem Jahr 1991: 

James Watson: Warum diese Angst vor der Genforschung?

WELT: Am 25. April 1953 veröffentlichten Sie zusammen mit Francis Crick Ihren bahnbrechenden Artikel über die Struktur des Erbmaterials. Heute hat man gelernt, die Einheiten der Erbinformation – die Gene – zwischen den verschiedensten Organismen auszutauschen. Viele neue Medikamente werden jetzt gentechnisch hergestellt; in den USA hat man sogar damit begonnen, bisher unheilbare Krankheiten mittels Gentherapie zu behandeln. Hätten Sie 1953 diese explosionsartige Entwicklung der modernen Biologie für möglich gehalten?

Watson: Nein, ich denke, daß niemand in die Zukunft sehen kann. Als wir damals die Struktur des Erbmaterials – die bekannte Doppelhelix – erkannt hatten, haben wir uns sofort dem Problem zugewandt, wie diese Information benutzt wird, um Eiweißstoffe zu produzieren, jene Moleküle also, die letztendlich für die chemischen Reaktionen innerhalb einer Zelle verantwortlich sind. Als wir darauf eine Antwort gefunden hatten, hatte dies zunächst keine praktischen Konsequenzen. Zu dieser Zeit – das war 1966 – dachte noch niemand daran, daß diese Entdeckungen einmal unser Alltagsleben beeinflußen würden. Dieser Gedanke kam uns erst, als es gelang, einzelne Gene zu isolieren; ich denke, daß uns die außergewöhnlichen Möglichkeiten der neuen Techniken erst gegen 1980 bewußt wurden.

WELT: In den USA wurden die Kartierung und Sequenzierung des gesamten menschlichen Erbguts als nationale Aufgabe definiert. Als Direktor des „Human Genome Project“ koordinieren Sie dieses gewaltige Unternehmen. Worin liegt das Ziel dieses Projektes, dessen Bedeutung manchmal mit der Mondlandung verglichen wird?

Watson: Die Entschlüsselung der in Form von DNA-Molekülen festgelegten Erbinformation liefert Informationen über das chemische Grundgerüst des menschlichen Lebens. Wir werden damit nicht nur die Kenntnisse über die exakte Funktionsweise des gesunden menschlichen Organismus erweitern, diese Forschung wird auch das Verständnis von Erbkrankheiten fördern, die das Leben von Millionen von Menschen beeinflussen. Man hat bereits damit begonnen, die vermutlich 100.000 Gene des Menschen zu entschlüsseln. Die komplette Erbinformation für das Bakterium Escherichia coli wird bereits in drei Jahren vorliegen. Wir beginnen schon heute, die gesamte Maschinerie zu überblicken, welche für die Funktion einer einzelnen Zelle gebraucht wird.

Manche Kritiker meinen, es würde genügen, wenn weiterhin gezielt nur diejenigen Gene erforscht werden, an denen ein fundamentales Interesse besteht. Aber es ist ein Irrtum zu sagen: „Alles was wir von dem menschlichen Genomprojekt haben werden, ist ein Berg von Sequenzdaten.“ Es wird wesentlich mehr an Erkenntnissen abfallen und diejenigen Länder, die meinen, wir brauchen diese Art von Forschung nicht, weil es genügt, sich um einzelne interessante Erbanlagen zu kümmern, werden einen Großteil der Aufregung verpassen, weil sich aus dem kompletten Satz der Erbanlagen – dem Genom – eine wesentlich breitere Perspektive ergibt. Die Freude wird allenfalls etwas getrübt dadurch, daß so viele neue Entdeckungen gemacht werden, daß man kaum noch Schritt halten kann.

WELT: Wie rechtfertigen Sie die enormen Summen – Ihr Kollege Walter Gilbert sprach von drei Milliarden Dollar – die das Projekt verschlingen wird? Handelt es sich hier um reine Grundlagenforschung oder wird auch der Mann auf der Straße davon profitieren?

Watson: Der wesentliche Grund dafür, daß wir überhaupt öffentliche Gelder zur Verfügung gestellt bekommen, liegt darin, daß diese Forschung darauf ausgerichtet ist, die erblichen Grundlagen von Krankheiten zu entdecken. Die Öffentlichkeit will das Gen, welches für manische Depressionen verantwortlich ist und das ist nur natürlich. Ebenso die verschiedenen Gene, die zur Alzheimer´schen Krankheit führen. Einzelne Forschungsprojekte, die sich auf die jeweiligen Krankheiten spezialisieren, wissen oftmals nicht, wonach sie in der Fülle des Erbmaterials suchen sollen. In der Krebsforschung war das ähnlich. Erst als man die Onkogene und die Anti-Onkogene entdeckt hatte, konnte man die Mechanismen verstehen, die zur Entstehung dieser Krankheit führen.

Ich kann nicht verstehen, wie man gegen die Genforschung sein kann, wenn man wirklich etwas über Erbkrankheiten herausfinden will. Man darf diese Forschung nicht aufhalten, weil Gene hinter so vielen menschlichen Leiden stecken. Man wird ohne Genforschung die Ursache der Schizophrenie oder der manischen Depression nicht finden; das ist einfach unmöglich. Mein Leben wurde geprägt von der Erfahrung, daß der genetische Ansatz erfolgreich ist. Wenn man fragt, ob die Entwicklung eines Lebewesens zu verstehen wäre, ohne die verantwortlichen Gene zu kennen, dann muß die Antwort „nein“ lauten.

WELT: Im Gegensatz zu den USA ist die Öffentlichkeit in Deutschland gegenüber der Genforschung sehr kritisch eingestellt. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Watson: Ich glaube, das läßt sich auf zweierlei Arten begründen. Zum einen hat der Gebrauch pseudogenetischer Argumente durch die Nazis, haben Ausdrücke wie „Herrenrasse“ und ähnliches ihre Spuren hinterlassen. Zum anderen gibt es in Deutschland nur wenige Wissenschaftler, die sich öffentlich zur Erforschung der menschlichen Gene bekennen. Wenn ich dem Kölner Genetiker Benno Müller-Hill glaube, kommt das zum Teil daher, daß keiner der an den Kriegsverbrechen beteiligten Wissenschaftler gefeuert oder gar vor ein Gericht gestellt wurde. Alle diese stillen Konspirateure haben ihre Stellungen behalten, dadurch wurden die Lehrstühle zu einem guten Teil bis zum Ende der sechziger Jahre von diesen Leuten besetzt. Es gab also eine Gruppe von Menschen, die ihre Vergangenheit geheim hielten, aus Angst ihre Stellung zu verlieren.

Auch als Ihre Regierung vor kurzem versuchte, die Erforschung des menschlichen Genoms unter dem Namen „prädikative Medizin“ zu verkaufen, war das natürlich blödsinnig. Sie hatten wohl Angst, das Wort Genetik in den Mund zu nehmen, dann gebrauchten sie diesen Ausdruck „prädikative Medizin“ und haben dadurch die Situation noch verschlimmert. Ein weiterer Fehler war es, bei der Ankündigung des Programmes keinerlei Geld bereitzustellen, um die ethischen Aspekte zu untersuchen. Als ich 1988 zum Direktor des „Human Genome Project“ berufen wurde, war es eine meiner ersten Handlungen, Geld einzufordern, um eine Ethikkommission zu finanzieren.

WELT: Dennoch gibt es auch in den USA Befürchtungen, daß die genetischen Daten der Menschen mißbraucht werden könnten, um Arbeitsschutzmaßnahmen zu unterlaufen, Betroffenen den Versicherungsschutz zu verweigern oder ganz allgemein Personen mit mehr oder weniger ernsthaften Erbkrankheiten zu diskriminieren. Jeremy Rifkin und seine Organisation „Foundation on Economic Trends“ haben auf diese Probleme hingewiesen.

Watson: Jeremy Rifkin hat mir gesagt, er wäre nicht gegen das „Human Genome Project“, wenn die Vertraulichkeit der genetischen Daten gewahrt bleibt. Auch für mich ist das ein sehr wichtiges Problem: Niemand sollte das Recht haben, die DNA eines anderen Menschen anzusehen. Auch darf niemand gezwungen werden, seine genetischen Daten offenzulegen, wenn beispielsweise daraus hervorgeht, daß er ein hohes Risiko hat, an Diabetes zu erkranken. Es wäre schrecklich, wenn es einmal soweit kommen sollte.

WELT: Wäre es nicht nötig, jetzt schon Gesetze zu erlassen, die den Mißbrauch genetischer Daten unter Strafe stellen?

Watson: Wir haben zu diesen Fragen bereits einige Analysen in Auftrag gegeben und sind derzeit dabei, Arbeitsgruppen aufzustellen. Momentan brauchen wir noch keine Gesetze aber in zehn Jahren wird es wohl soweit sein, Eine Gefahr sehe ich darin, daß Öffentlichkeit und Staat häufig erst dann auf Lücken in der Gesetzgebung reagieren, nachdem etwas passiert ist. In der Regel sieht die Legislative ja leider auch keine Veranlassung, Gesetze zu erlassen, bevor Mißstände wirklich offen zu Tage treten. Ich gehe daher davon aus, daß wir schon bald etwa fünf Prozent unseres Etats darauf verwenden werden, ethische Lösungen für anstehende Probleme zu finden.

Es ist leider nicht sehr einfach alle ethischen Fragen vorherzusehen, die durch die Sequenzierung des Genoms aufgeworfen werden. Beispielsweise wurde vor kurzem ein weiterer Erfolg bei der Erforschung der Alzheimer´schen Krankheit vermeldet. Nehmen wir ‚mal an, das verantwortliche Gen für diese verheerende Form des geistigen Zerfalls würde gefunden und man könnte daraus ablesen ob und wann diese Krankheit zum Ausbruch kommt. Dann wollten Sie bestimmt nicht, daß der Arbeitgeber davon erfährt, oder die Versicherung.

WELT: Haben Sie keine Angst davor, daß Wissenschaftler eines Tages versuchen könnten, einen Menschen zu klonieren, also identische Kopien von ihm zu züchten?

Watson: Vor 15 Jahren, als wir eine erste Ahnung davon bekamen, was mit den neuen Werkzeugen der Molekularen Biologie möglich sein würde, hatte auch ich diese Sorge. Ich schrieb einen Artikel – der mir heute eher peinlich ist -, und wies auf diese vermeintliche Gefahr hin. Ich wollte ein Gesetz haben, welches diese Anwendung verbietet. Heute allerdings kann man noch nicht einmal eine Maus klonieren. Wenn Sie nämlich eine Zelle aus einem erwachsenen Tier entnehmen, dann hat diese Zelle bereits eine Entwicklung durchgemacht, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann; sie hat sich bereits spezialisiert darauf, beispielsweise eine Haut-, Muskel-, oder Nervenzelle zu sein. Das heißt, diese Zelle kann nicht mehr benutzt werden, um einen kompletten Organismus entstehen zu lassen. Natürlich will das niemand hören, aber wir sind wahrscheinlich durch unsere Gene darauf programmiert, zu sterben.

Dennoch bin ich der Meinung: Wenn es gelingen sollte, eine Maus zu klonieren, müßte man ein Gesetz erlassen, das die Anwendung dieser Technik am Menschen verbietet. Nun könnte man ja sagen: „O.k., laßt uns auch die Versuche an der Maus verbieten damit die Technik gar nicht erst entwickelt werden kann.“ Solch ein Gesetz aber würde es unmöglich machen, die Regeln zu verstehen, nach denen sich ein vollständiger Organismus aus einer befruchteten Eizelle entwickelt.

WELT: Schon heute ist es möglich, vor der Geburt eines Kindes vorherzusagen, ob mit einer Behinderung oder gar einer unheilbaren, tödlichen Krankheit gerechnet werden muss. Wenn schon in wenigen Jahren die gesamte Erbinformation des Menschen vorliegt, wird man in der Lage sein, auch harmlose Krankheiten oder sogar Körpermerkmale wie Haar- und Augenfarbe vorherzusehen. Birgt das nicht die Gefahr in sich, daß Eltern unter den Zwang der Gesellschaft geraten, nur noch „perfekte“ Kinder in die Welt zu setzen? Ist es überhaupt möglich, hier noch eine Grenze ziehen?

Watson: Es wäre sehr schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen solchen Erbkrankheiten, bei denen der Gesetzgeber eine Abtreibung erlauben sollte und anderen Schäden, mit denen Kind und Eltern leben können. Manche Menschen würden beispielsweise sagen: „Ja, ich kann und will ein Kind haben und aufziehen, auch wenn es unter Down Syndrom (Mongolismus) leiden wird,“ von anderen Menschen wäre das vielleicht zu viel verlangt. Die Schwierigkeit liegt darin daß es 100.000 Gene gibt, die sowohl für die verschiedensten Formen von Krankheiten verantwortlich sein können, oder auch für Dinge, die viele als „Ungerechtigkeiten“ empfinden. Viele Ungerechtigkeiten sind eben genetisch bedingt. Man muß sich das einmal vorstellen: Jemand bekommt ein Gen vererbt und hat unter Umständen nur deshalb sein ganzes Leben lang Nachteile in Kauf zu nehmen. All das geschieht, weil zufällig bei der Weitergabe des Erbmaterials ein winziger Fehler passiert ist. Diese Fehler bei der Vermehrung der DNA sind aber zwangsläufig, weil die Natur nun einmal so funktioniert. Es gibt keine Möglichkeit, diese Fehler zu verhindern.

WELT: Mit einer gewissen Fehlerrate muß man also leben?

Watson: Bisher war das auch gut so, weil dieser Mechanismus Variationen im Erbmaterial hervorbringt. In einem Wechselspiel mit der Umwelt wurden dann diejenigen Lebewesen begünstigt, die sich ihrer natürlichen Umgebung am besten angepaßt hatten. Durch Mutation und Selektion sind so die heutigen Organismen entstanden. Es gibt also eine gewisse Fehlerrate, die dafür sorgt, daß ständig neue Varianten erzeugt werden. Manche dieser Mutationen sind nützlich, andere nicht; aber ohne diesen Mechanismus gäbe es keine Evolution. Für unsere Gesellschaft bedeutet das: Einige Menschen haben von Geburt an bessere Chancen als andere und daran wird sich nichts ändern. Diese „genetischen Ungerechtigkeiten“ wird es immer geben. Die Frage ist dann, wie die Gesellschaft mit dieser Tatsache umgeht.

Die Sowjets haben lange Zeit einfach so getan, als ob es diese erblichen Unterschiede zwischen den Menschen nicht geben würde. Aber es ist einfach nicht wahr, daß alle Menschen gleich sind. Mein Gehirn beispielsweise ist nicht so verkabelt, daß ich ein guter Mathematiker geworden wäre oder ein Maler. Auch bin ich wohl nicht dazu bestimmt, in einem Orchester die erste Geige zu spielen. Dafür habe ich aber einige Bücher geschrieben, ich habe also nicht nur schlechte Karten gezogen. Die Gesellschaft muß erkennen, daß viele Menschen einfach nur schlechte Karten bekommen haben. Wir müssen lernen, auf verständnisvolle Weise mit dieser Tatsache umzugehen. Unser Ethikprogramm soll dazu einen Beitrag leisten. Wir können uns keine „genetische Unterklasse“ leisten und ich glaube, daß viele Menschen vor solch einer Entwicklung Angst haben. Darum brauchen wir auch Gesetze, um die Vertraulichkeit genetischer Daten zu gewährleisten. Niemand darf wegen genetischer Defekte zum Aussätzigen gestempelt werden.

WELT: Warum haben so viele Menschen Angst vor der Gentechnik?

Watson: Ich denke, daß das Verständnis für diese Probleme völlig unterentwickelt ist. Eine umfassende Information ist sehr wichtig, um der Angst vor der Gentechnik zu begegnen, die in weiten Kreisen der Gesellschaft herrscht. Solange die Menschen nicht wirklich verstehen, was Gene sind, wird es auch unmöglich sein, der Öffentlichkeit zu erklären, warum wir das „Human Genome Project“ für gut und unvermeidlich halten.

In Deutschland kommt zu dem Unverständnis noch ein Mißtrauen gegenüber den Wissenschaftlern, vielleicht ebenfalls ein Überbleibsel aus der Naziherrschaft. Während dieser Zeit sah es so aus, als würden die Forscher für den Staat arbeiten. Auch war es in Deutschland schon immer sehr bedeutsam, einen Professorentitel zu tragen. Das gibt den Wissenschaftlern einen sozialen Status, der Neid hervorruft. Amerikanische Professoren haben diesen Status nicht.

Doch auch in den Vereinigten Staaten haben wir Probleme mit der Akzeptanz der Gentechnik. Schuld daran ist zu einem guten Teil die Art und Weise, wie man hier mit der Kernkraft umgegangen ist. Weil man glaubte, auf dem militärischen Sektor eine führende Rolle spielen zu müssen, hat das federführende Ministerium sich unehrlich verhalten. Menschen wurden radioaktiver Strahlung ausgesetzt, an der sie später verstorben sind. Die Daten wurden über lange Zeit geheim gehalten. Ich glaube, daß dem Ansehen der Wissenschaftler in diesem Lande damit großer Schaden zugefügt wurde. Die Regierung war nicht ehrlich, was das Atom angeht. Die Menschen saßen da draußen auf ihren Farmen, wurden der Strahlung ausgesetzt und haben nichts von der Gefahr gewußt, das ist schrecklich. Ich bin überzeugt davon, daß die Verhältnisse in der Sowjetunion noch weitaus schlimmer waren. Bei vielen Menschen hat dieses Verhalten zu der Überzeugung geführt, daß der Staat unredliche Ziele verfolgt. Wegen dieser Unehrlichkeit hat die zivile Nutzung der Kernenergie heute in den USA keine Zukunft mehr; selbst dann, wenn sie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wünschenswert wäre. In dieser Hinsicht mögen zwischen Atomen und Genen Parallelen bestehen.

Die Genetik hat in Deutschland ein schlechtes Image, weil die Nazis sich pseudogenetische Argumente zu eigen gemacht haben. Juden und Zigeuner wurden als „Untermenschen“ diskriminiert, Geisteskranke von Ärzten umgebracht; diese Ereignisse haben ihre Spuren hinterlassen. Deutschland hat sich in vieler Hinsicht gut erholt von den Auswirkungen der Hitler-Ära, nicht aber auf dem Gebiet der Wissenschaft – und das, obwohl in Ihrem Land hervorragende Forschung betrieben wird. Heute verbringe ich den größten Teil meiner Zeit damit, um Verständnis und Vertrauen für die genetische Forschung zu werben.

Ich glaube, es ist unvermeidlich, daß Deutschland sich an der Genforschung beteiligt. Auch in Ostdeutschland wurde meines Erachtens zum Teil sehr gute Arbeit geleistet, etwa am Ostberliner Zentrum für Molekulare Biologie. Allerdings war das System völlig korrumpiert und aufgebläht. Die meisten Forscher haben wohl keine besonders gute Arbeit gemacht, so daß der östliche Teil Deutschlands wahrscheinlich noch zehn Jahre darunter leiden wird.

WELT: Wie weit ist man mit dem „Human Genome Project“ fortgeschritten, wann wird das Ziel erreicht?

Watson: Das längste zusammenhängende Stück Erbinformation, das bisher sequenziert wurde, ist das Genom des Cytomegalovirus mit 250000 Bausteinen – dies nur zum Vergleich. Das menschliche Genom hat rund 3 Milliarden dieser Bausteine, ist also 12000 Mal so lang. Wir vergeben momentan Geld an Leute, die Bruchstücke menschlicher Erbsubstanz mit einer Länge von einer Million Bausteinen sequenzieren sollen. Innerhalb der nächsten Jahre wird es wahrscheinlich zehn Gruppen geben, die derartig große Stücke untersuchen. Wir bemühen uns derzeit vor allem, neue Techniken zu entwickeln, mit denen die Kosten pro Baustein auf einen halben Dollar gedrückt werden können. Sehr gute Arbeit auf dem Gebiet der Automatisierung leistet Wilhelm Ansorge am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg; auch an anderer Stelle wird die Entwicklung neuer und schneller Maschinen vorangetrieben, die uns einen Teil der Arbeit abnehmen könnten.

Ich denke, wir haben gute Gründe zu glauben, daß wir erfolgreich sein werden. Wenn die Technik steht – schätzungsweise in fünf oder sieben Jahren – und wir dann genug Geld zur Verfügung haben, werden wir mit der Sequenzierung im großem Maßstab beginnen. Diese Vorgehensweise spart Geld und auch wenn es zwei Jahre länger dauert, ist das kein Beinbruch. Derzeit sind die USA auf diesem Gebiet noch fast alleine, weil wir lange Zeit auf dem Gebiet der Molekularbiologie eine führende Rolle spielten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß das so bleiben wird; dafür ist das Unternehmen einfach zu interessant.

WELT: Der Nobelpreisträger Walter Gilbert hat vorgeschlagen, eine Art „Copyright für Gene“ einzuführen. Derjenige, der ein bestimmtes Gen entdeckt und dessen Erbinformation entschlüsselt, sollte dann Nutzungsgebühren erheben können, wenn diese Information beispielsweise durch Pharmafirmen genutzt wird. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Watson: Ich glaube, derartige Dinge sollten von der Regierung bezahlt werden. Hintergrund des Vorschlages war auch die Befürchtung, daß wichtige Daten über Gene zurückgehalten werden, um sich einen Vorsprung bei der Vermarktung dieser Erkenntnisse zu verschaffen. Auch für uns wäre es leichter, die Ergebnisse unserer Arbeit schnell zu veröffentlichen, wenn andere Länder sich bereiterklärten, dies ebenfalls zu tun. Leider sind die Anstrengungen hier sehr ungleich verteilt.

In Frankreich gibt es zwar einige sehr gute Arbeitsgruppen, aber keinerlei ernsthafte Sequenzierarbeit. Im englischen Cambridge und in Gilberts Labor sieht das ganz anders aus. In Deutschland gibt es eine große Anzahl von Wissenschaftlern, die es gerne tun würden, aber sie trauen sich nicht, das auch öffentlich zu sagen. Es gibt auch keine starke Vereinigung, die sich für die Humangenetik ausspricht. Dabei ist das Unternehmen sogar in wirtschaftlicher Hinsicht lohnend: Es wird sehr viel Geld ausgegeben, um bestimmte Krankheiten wie die manische Depression zu verstehen, aber ohne Genforschung wird man da nicht weiterkommen. Langfristig liegt es in Deutschlands eigenem Interesse, ein starkes Programm zur Förderung der Humangenetik aufzulegen.

(erschienen in „DIE WELT“ am 6. Mai 1991)

Schutz für den Tropenwald

Einen Rodungsstopp für alle Tropenwälder fordert Professor Gundolf Kohlmaier vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Frankfurt. Der Klimaforscher weiß, wovon er redet, denn der 57jährige hat in einem aufwendigen Computerprogramm den Einfluß der Pflanzenwelt auf das Weltklima simuliert. Ergebnis der Studie: Die ständig steigende Produktion des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) durch den Menschen kann kaum noch durch vermehrten Pflanzenwuchs aufgefangen werden.

Laborversuche hatten zuvor ergeben, daß der vermehrte CO2-Gehalt der Atmosphäre das Pflanzenwachsturn begünstigt. Bei der Photosynthese entziehen nämlich die grünen Pflanzen und Algen ihrer Umgebung das Kohlendioxid. Innerhalb gewisser Grenzen wirkt das Treibhausgas wie ein Dünger, so daß manche Forscher argumentierten, dieser Effekt könnte das überschüssige Treibhausgas „wegfangen“ und die schleichende Erwärmung der Atmosphäre verhindern.

Leider aber deutet Kohlmaiers Modell darauf hin, daß die 5,6 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die jährlich bei Verbrennungsprozessen aus den Schornsteinen von Kraftwerken, Industriebetrieben und Privathaushalten entweichen, von der Vegetation nicht mehr bewältigt werden können, wenn die zunehmende Vernichtung der Tropenwälder nicht gestoppt wird. Derzeit schrumpfen diese Regionen jährlich um 140.000 Quadratkilometer.

Kohlmaier, der sein Fachwissen auch in die Enquete-Kommission des Bundestages zum Schutz der Erdatmosphäre einbringt, fürchtet eine weitere Verschärfung des Treibhauseffekts. Wenn die Prognosen der Klimaforscher zutreffen, wird sich die globale Durchschnittstemperatur innerhalb von 50 Jahren um drei Grad erhöhen. Dann, so warnt Kohlmaier, setzt der Boden als einer der größten CO2-Speicher weitere 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff frei – fünfzig Mal so viel, wie jährlich durch die Verbrennung von Öl, Kohle und Gas entsteht.

(erschienen in „DIE WELT“ am 5. April 1991, anlässlich der Verleihung des Philip-Morris Forschungspreis an Prof. Kohlmaier)

Was wurde daraus? Die Welternährungsorganisation FAO hat errechnet, dass alleine in Amazonien zwischen 1990 und 2010 annähernd 600.000 Quadratkilometer Regenwald verschwunden sind – dies entspricht fast der doppelten Fläche Deutschlands. Zwischen 2000 und 2005 schrumpften die bewaldeten Flächen in den meisten wichtigen Ländern aber nur noch um weniger als 1 Prozent, wie ich der Wikipedia entnehme. Eine noch verlässigere Datenquelle dürfte Our World in Data sein, wo man Zahlen der Welternährungsorganisation aufbereitet hat. Dort ist zu sehen, dass in den Jahrzenten zwischen 1990 und 2009 die jährlichen Verluste in Afrika mit etwa 0,5 % und in Amerika mit 0,25 %  zwar noch immer beträchtlich waren, dass aber im gleichen Zeitraum in Asien jeweils 0,25 % neuer Waldflächen wuchsen, und in Europa sogar 0,37 %. Das ist zwar noch immer kein Grund zum Jubeln, scheint mir aber weniger ausgeprägt als der gefühlte bzw. von den Medien transportierte Schwund.

Schlacht kann auf Bildschirm verfolgt werden

Amerikanischen Spionagesatelliten wird in der allseits erwarteten Bodenoffensive der alliierten Streitkräfte im Golfkrieg eine entscheidende Rolle zufallen. Diese Ansicht vertraten mehrere hochkarätige Experten auf der Tagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) in Washington. Danach steht der irakischen Armee im besetzten Kuwait, die über keinerlei Möglichkeiten der Aufklärung verfügt, die bestinformierte Streitmacht aller Zeiten gegenüber.

Wie William Burrows von der Universität Washington erläuterte, gelang es den Vereinigten Staaten in jüngster Zeit, alle wesentlichen Herausforderungen an die Technik der Spionagesatelliten zu erfüllen. So sind die Satelliten des Typs Keyhole (Schlüsselloch) in der Lage, Bilder zu liefern, die von den Bodentruppen der Alliierten direkt empfangen werden können. Die Amerikaner, welche im Besitz der geeigneten Empfangsgeräte sind, könnten die Schlacht quasi am Bildschirm verfolgen – zumindest so, wie sie sich aus großer Höhe darbietet.

Die kleinsten Details, die so mit Unterstützung von bildverarbeitenden Computern noch ausgemacht werden können, haben eine Größe von etwa zehn Zentimetern. Für radargestützte Satelliten beträgt die Auflösung etwa 30 Zentimeter. Auf die Frage, warum es trotz dieser teuren High-Tech-Geräte nicht gelingt, etwa alle Abschußrampen für die sowjetischen Scud-Raketen zu entdecken oder gar Saddam Hussein selbst rund um die Uhr zu überwachen, bot Burrows eine einleuchtende Erklärung:

Das Nadelöhr ist schon lange nicht mehr die Aufzeichnung der Daten, sondern deren Auswertung. Praktisch alle Angehörigen der Nationalen Sicherheitsbehörde NSA, die des Arabischen mächtig sind, befinden sich derzeit am Persischen Golf. Dennoch können bei weitem nicht alle abgehörten Gespräche ausgewertet werden. Bei rund 11.000 Telefongesprächen, die der Satellit Rhyolite schon 1970 synchron aufzeichnen konnte, verwundert das nicht.

(erschienen in „DIE WELT“ am 20. Februar 1991)

Ölfeld explodiert nicht bei Angriffen

Der Zustand der Ölfelder in Kuwait ist wegen widersprüchlicher Meldungen unklar. Die kuwaitische Exilregierung spricht in Zusammenhang mit der angeblichen Zerstörung von Ölfeldern von einer „neuen verbrecherischen Handlung“ der Iraker. Dagegen liegen britischen Militärkreisen keine Informationen über brennende Ölfelder vor.

Ein Sprecher der US-Streitkräfte in Saudi-Arabien hatte erklärt, Luftaufnahmen zeigten, daß der Irak seine Drohungen wahr gemacht habe, Ölquellen und Vorratstanks anzuzünden. Bei der Deutschen Shell AG wollte man sich nicht an Spekulationen beteiligen; es fehle dazu an konkreten Kenntnissen über die geographischen Voraussetzungen in der Krisenregion.

Der Sprecher der Deutschen Shell AG Karl-Wilhelm Lott erklärte: „Es ist nicht einfach, ein Ölfeld in Brand zu stecken.“ Die allermeisten Öl- und Gasvorkommen sind an unterirdisches Trägergestein gebunden und dort in mikroskopisch feine Poren eingelagert. Nur bei einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Lagerstätten (sogenannte eruptive Ölfelder) ist der unterirdische Druck groß genug, um einen regelrechten Ausbruch zu erzeugen. Bei „klassischen“ Ölfeldern muß der Druck dagegen von Pumpen bereitgestellt werden, ohne deren Hilfe der Strom nicht aufrecht erhalten werden kann.

Eruptive und klassische Lagerstätten sind gleichermaßen mit Ausbruchschiebern gesichert. Im Fachjargon werden diese Ventile, die einen „Blow-Out“ verhindern sollen, Christbäume genannt. Bei Sprengung der Ventile eruptiver Lagerstätten schießt ein Gemisch aus Öl, Gas, Sand und Schlamm an die Oberfläche.

„Dieses Gemisch“, so Lott, „kann man entzünden. Das Ganze brennt dann wie eine Fackel“. Saddam Hussein könnte diesen Mechanismus bereits in Gang gesetzt haben, mit dem vorrangigen Ziel, den alliierten Luftstreitkräften durch die enormen Rauchschwaben den Zielanflug zu erschweren.

Ein Explodieren ganzer Ölfelder – sie liegen in der Krisenregion mehrere hundert Meter tief – ist allerdings auch dann nicht zu erwarten, wenn die Förderanlagen massiven Bombenangriffen ausgesetzt sind. Entgegen der Erwartung ist Rohöl nur schwer zu entzünden.

Dennoch darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, die vor allem von den überirdischen Installationen ausgeht. Dort befinden sich, oft über mehrere Quadratkilometer verteilt, neben den Fördertürmen auch Sammeltanks von etwa 50000 Kubikmetern Fassungsvermögen, Entgasungsanlagen und kleinere Raffinerien.

„Diese Anlagen kann man natürlich sprengen oder in Brand setzen; das gibt dann ein ordentliches Feuer“, so Lott. Auch die Ölbohrplattformen vor der Küste bieten Angriffspunkte. Bei einem Angriff auf Plattformen oder Sammelstationen an der Küste, in denen die Pipelines zusammenlaufen, gelänge Öl in größeren Mengen ins Meer. Die Möglichkeit einer verheerenden Ölpest bestünde allerdings auch in diesem Fall „nur“ bei eruptiven Feldern.

(leicht korrigierte Version eines Artikels, veröffentlicht in „DIE WELT“ am 24.1.1991)