Zum Hauptinhalt springen

Ein Atlas kaputter Wälder

Der erste gesamtdeutsche Waldschadensbericht liegt nun auch als anschauliche Karte vor. Mitarbeiter des Berliner Umweltbundesamtes haben in Bilder gefaßt, was zuvor nur in langen Zahlenreihen festgehalten war: Die Abbildung zeigt den Anteil geschädigter Bäume am Gesamtbestand in Prozent. Vor allem in den neuen Ländern, aber auch im Bayerischen Wald ist die Situation am schlimmsten. Dort sind teilweise sieben von zehn Bäumen geschädigt.

Im statistischen Durchschnitt werden immerhin 36 Prozent aller deutschen Bäume als „gesund“ eingestuft, 39 Prozent des Bestandes ist „schwach geschädigt“ (Schadstufe 1), jeder vierte Baum weist „deutliche Schäden“ (Schadstufe 2 bis 4) auf.

Damit belegt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich einen der letzten Plätze. Besonders gut geht es dem Wald in Osterreich, wo nur jeder 25ste Baum deutliche Schäden aufweist. Die Schweiz liegt gleichauf mit den alten Ländern der Bundesrepublik (jeder siebte Baum mit deutlichen Schäden); traurige Schlußlichter der Erhebung sind Polen, Großbritannien, die Tschechoslowakei und Weißrußland.

Bewertet wurde die Vergilbung von Nadeln und Blättern in Abhängigkeit von der Höhenlage sowie die Auslichtung der Baumkronen. Unter Federführung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten wurden alte und neue Bundesländer mit einem engen Netz von vier Kilometern Maschenweite überdeckt. In jedem Quadrat nahmen Experten mindestens eine Stichprobe. Nie zuvor wurde der deutsche Wald, der 30 Prozent des bundesdeutschen Territoriums bedeckt, so gründlich überprüft.

Während sich der Zustand von Fichte und Kiefer seit 1986 leicht verbessert hat, nahmen die Schäden vor allem bei Buche und Eiche deutlich zu. Die jüngsten Forschungsergebnisse, so das Umweltbundesamt, bestätigen die Beteiligung von Luftschadstoffen als wesentliche Ursache der Schäden. Deren Reduzierung sei damit „entscheidende Voraussetzung zur Verbesserung des Zustandes der Wälder“.

(erschienen in „Die WELT“ am 3. Juli 1992)

Was wurde daraus? Obwohl die Belastung durch Luftschadstoffe deutlich zurückgegangen ist, und insbesondere der „saure Regen“ dank reduzierter Schwefelemmissionen abgenommen hat, geht es dem deutschen Wald noch immer schlecht. Einem Bericht des Landwirtschaftsministeriums (Download als pdf) entnehme ich, dass 2019 das bisher schlimmste Jahr war, wobei Experten die Dürresommer infolge des Klimawandels verantwortlich machen.

Umweltpolitik: Viele Ideen, wenig Action

Eines der Hauptthemen des Umweltgipfels in Rio ist die Bedrohung der Menschheit durch die von Wissenschaftlern vorhergesagte globale Erwärmung. Weniger häufig wird darüber gesprochen, daß die gleichen Experten auch sehr konkrete Vorschläge unterbreitet haben, wie das Problem am besten anzugehen sei. Für die Bundesrepublik, die in den Augen vieler Entwicklungsländer eine Vorreiter-Rolle hat, gibt es sogar ein „nationales CO2-Minderungsprogramm zum Klimaschutz“.

Das Programm, beschlossen vom Kabinett am 7. November 1990, umfaßt elf Punkte und soll sicherstellen, daß Deutschland seine öffentliche Verpflichtung erfüllt, den Kohlendioxid-Ausstoß bis zum Jahr 2005 um mindestens ein Viertel zu reduzieren. Umweltminister Klaus Töpfer damals: „Mit dem heutigen Beschluß hat die Bundesregierung bewiesen, wie ernst sie die globale Klimagefährdung nimmt.“

Aber noch immer fehlen die unter Punkt 1 der Vorlage vorgeschlagenen „ökonomischen Instrumente“ (sprich Klimasteuern). Die geplante Novelle des Energiewirtschaftgesetzes steht ebenso aus wie die beschlossenen Zusätze zu den Verordnungen über Klein- und Großfeuerungsanlagen, über Wärmeschutz und Heizungsanlagen.

Zwar hat die deutsche Automobilindustrie sich freiwillig bereiterklärt, den Energieverbrauch ihrer Fahrzeuge deutlich zu senken. Einstweilen haben die Konkurrenten aus Japan, Frankreich und Italien aber hier die Nase vorn. Die – ebenfalls 1990 beschlossene – Einführung einer schadstoffbezogenen Fahrzeugsteuer läßt noch immer auf sich warten.

Ohnehin hat das CO2-Minderungsprogramm nur einen kleinen Bruchteil dessen berücksichtigt, was die Experten an Problemlösungen anzubieten haben: Die Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ hatte bereits vor zwei Jahren auf 9173 Seiten dargestellt, was machbar wäre: Sie wertete 150 Studien aus, die alle klimarelevanten Fragen der Energienutzung untersuchen. Seitdem steht das zehnbändige Werk, das nach den Worten seiner Herausgeber die „Klimapolitik der nächsten Jahrzehnte“ bestimmen sollte, in den Bibliotheken.

Eine neue Enquete-Kommission („Schutz der Erdatmosphäre“) hat die Arbeit ihrer Vorgänger fortgesetzt. In dem gerade veröffentlichten Bericht wird dem Bundestag und der Bundesregierung empfohlen, in Zusammenarbeit mit anderen Industrieländern die politische Initiative zu ergreifen, um ein solarthermisches Kraftwerk im Sonnengürtel der Erde zu bauen. Seit mehreren Jahren werden derartige Kraftwerke mit einer Leistung von 350 Megawatt in Kalifornien betrieben; zuverlässig und bereit für die weltweite Markteinführung. Obwohl in Spitzenverbrauchszeiten zusätzlich mit Erdgas gefeuert werden muß, lohnt sich die Sache dreifach: Die Brennstoffkosten sinken auf ein Viertel, die Luftverschmutzung geht gegen Null und natürlich sinkt auch der CO2-Ausstoß drastisch.

Um den Entwicklungsländern die hohen Anschaffungskosten zu versüßen, schlägt die Enquete-Kommission einen „verlorenen Zuschuss“ in Höhe von einem Drittel der Investitionskosten vor, das sind rund 115 Millionen Mark. Konkrete Planungen gibt es für Indien und Brasilien.

Ein zweiter Vorschlag der Kommission wäre billiger zu verwirklichen: Durch einfache Isolationsmaßnahmen ließen sich die Verluste beim Transport von Erdgas drastisch reduzieren. Aus den 220.000 Kilometern Fernwärmeleitungen der ehemaligen Sowjetunion gehen wegen Lecks und technisch überholter Kompressorstationen mindestens acht Prozent des transportierten Erdgases verloren – in Westeuropa und Nordamerika sind es nur 0,5 Prozent.

Vierzig Milliarden Kubikmeter, die Hälfte des deutschen Jahresverbrauches verschwinden so in der Luft. Dabei sind weitere 250.000 Kilometer Leitungen, die benötigt werden, um den Brennstoff zum Verbraucher zu bringen, noch gar nicht mitgerechnet. Aus den Lecks strömt das Treibhausgas Methan, welches den größten Bestandteil des Erdgases ausmacht, direkt in die Atmosphäre. An den Kompressorstationen wird es zu Kohlendioxid verbrannt.

Mit deutscher Hilfe könnten diese Löcher gestopft werden. Dazu die Enquete-Kommission: „Es kann davon ausgegangen werden, daß die zusätzlichen Einnahmen bei einer Sanierung die Ausgaben übersteigen werden“.

(erschienen in „DIE WELT“ am 12. Juni 1992)

Prognosen zur Erderwärmung erneuert

Rechtzeitig zur UNCED-Konferenz vermelden wissenschaftliche Fachzeitschriften eine wahre Flut an neuen Meßwerten, Theorien und Prognosen zum Ausmaß der heiß diskutierten globalen Erwärmung. Auch die Enquetekommission „Schutz der Erdatmosphäre“ des Deutschen Bundestages legte dieser Tage ihre alarmierenden Befunde in Buchform vor.

Die Aussagen der Experten sind eindeutig: „Als Folge einer Politik des Abwartens wird sich die Temperatur der Erdatmosphäre bis zum Jahr 2100 um rund zwei bis fünf Grad erhöhen“, so die Enquetekommission. 370 Klimaforscher, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und von der Weltorganisation der Meteorologen (MO) beauftragt wurden, hatten exakt die gleichen Zahlen genannt – im Juni 1990.

In der Zwischenzeit haben sich diese Wissenschaftler, die sich zum Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zusammengefunden haben, nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht. Viele Klimafaktoren, die bei den ersten Hochrechnungen schlicht unter den Tisch fielen, wurden mittlerweile in die Computersimulationen mit aufgenommen.

Zwei amerikanische Klimamodelle, ein britisches und ein deutsches, das am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie erarbeitet wurde, kommen unter leicht unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zu weitgehend ähnlichen Ergebnissen. In ihren „gekoppelten Ozean-Atmosphäre-Modellen“ haben Physiker und Mathematiker, Meteorologen und Programmierer, Geologen und Klimaforscher gemeinsam versucht, die Auswirkungen der vom Menschen freigesetzten Treibhausgase über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert hinweg zu simulieren.

Dabei wurden die Rußwolken des Golfkrieges ebenso in klimarelevante Zahlen gefaßt wie die Auflösung der Sowjetunion und die neuesten Prognosen zum Bevölkerungswachstum. Die Abholzung der Wälder wurde neu berechnet, außerdem die Auswirkungen des Montrealer Protokolls zur Reduktion von Fluorchlorkohlenwasserstoffen und der Rückgang der Schwefeldioxidemissionen in modernen Kohlekraftwerken (was die Erde paradoxerweise zusätzlich anheizt).

Natürlich gibt es auch unter den Experten strittige Punkte. Die Rolle der Wolken im Klimageschehen beispielsweise ist kaum verstanden. Auch Wechselwirkungen der Treibhausgase mit Tier- und Pflanzenwelt wurden in den Computermodellen bisher nicht berücksichtigt.

Fast 500 Wissenschaftler aus über 70 Ländern und 18 Organisationen waren an der erweiterten Studie des IPCC beteiligt, die jetzt in Rio auf dem Tisch liegt. Eindeutige Bilanz der Experten: Es gibt keinen Grund, die Ergebnisse aus dem Jahr 1990 in Frage zu stellen. Für das Jahr 2100 rechnen die IPCC-Forscher mit einer Erwärmung um 1,5 bis maximal 3,5 Grad gegenüber der heutigen Durchschnittstemperatur. Der untere Wert bezieht sich allerdings auf das optimistischste der sechs Szenarien, welche in die Computer eingegeben wurden.

Dazu müßte sich die Zahl der Erdbewohner bis zum Jahr 2100 bei 6,4 Milliarden Menschen stabilisieren, das wirtschaftliche Wachstum auf bescheidene zwei Prozent jährlich zurückgehen und der Anteil des relativ umweltfreundlichen Erdgases an der Energiegewinnung drastisch ansteigen. Damit nicht genug: Die Kosten für die Nutzung von Kernenergie und Solarkraft müßten deutlich sinken, fluorierte Chlorkohlenwasserstoffe (FCKW) wären bis 1997 vollständig zu verbieten, die Vernichtung der Wälder müßte sofort gestoppt werden. Zusätzlich geht dieses Szenario davon aus, daß fortschrittliche Technologie und verbindliche Gesetze den Ausstoß von Luftschadstoffen weltweit ebenso reduzieren wie die Verluste beim Energietransport.

Würden all diese Voraussetzungen erfüllt, so bliebe es also bei einer Temperaturerhöhung um 1,5 Grad, gleichbedeutend mit dem Abschmelzen sämtlicher Gletscher in den Alpen und einer Verlagerung der landwirtschaftlichen Anbauzonen. Diese Entwicklung ist laut Enquetekommission „sowohl hinsichtlich ihres Ausmaßes als auch ihrer Geschwindigkeit ohne Beispiel in der Vergangenheit“.

Über Bevölkerungswachstum wird allerdings in Rio überhaupt nicht gesprochen, so daß sich vermutlich die jüngste Schätzung der Weltbank von 11,3 Milliarden Erdenbürgern bis zum Ende des 21. Jahrhunderts bewahrheiten wird. Dann ist bei ungebremstem Wirtschaftswachstum von jährlich drei Prozent und anhaltend hohem Verbrauch an fossilen Energien mit jenen 3,5 Grad Temperaturdifferenz zu rechnen, die uns beispielsweise von der letzten Eiszeit trennen.

Vier amerikanische Behörden stimmen in ihrer Beurteilung der aktuellen Lage mit den IPCC-Forschern überein, wonach die ständige Zunahme an Treibhausgasen „bedeutende Änderungen des Klimas“ mit sich bringen wird. Nach einem Bericht der Zeitschrift „Science“ (Band 256, S. 1138) wurde ein entsprechendes Memorandum der Presse zugespielt. Darin heißt es: „Unter den Wissenschaftlern, einschließlich der meisten US-Forscher, herrscht ein breiter Konsens.“ Eine Verdoppelung des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre würde demnach in knapp 150 Jahren zu einer Aufheizung der Erde zwischen 1,5 und 4,5 Grad führen.

Die amerikanische Akademie der Wissenschaft (NSF) hatte dergleichen schon vor 15 Jahren vorhergesagt, die theoretischen Grundlagen für diese Berechnungen wurden bereits im 19. Jahrhundert geschaffen. Trotz dieses Memorandums seiner eigenen Beamten hatte US-Präsident George Bush noch wenige Wochen vor dem Umweltgipfel behauptet, die Prognosen der Klimaforscher seien zu vage, um seine Regierung zum Handeln zu bewegen.

Quellen:

(erschienen in „DIE WELT“ 12. Juni 1992)

Umwelt-Gipfel: Japan will nicht Zahlmeister sein

Hochrangige japanische Regierungsvertreter haben signalisiert, daß die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt nicht bereit ist, eine zweistellige Milliardensumme bereitzustellen, um einen Erfolg der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) zu sichern.

Japans Chefdelegierter für die am 3. Juni in Rio de Janeiro beginnende Konferenz, Nobutachi Akao wies entsprechende Spekulationen in den Medien zurück und sagte vor Journalisten in Tokio: “Wir werden uns nicht verpflichten, acht Milliarden Dollar bereitzustellen.“

Allerdings sind derzeit Bemühungen im Gange, einen Umweltfond ins Leben zu rufen, der von Regierung und Privatwirtschaft gemeinsam finanziert wird und ein Volumen von jährlich 300 Milliarden Yen (ca. 2,3 Milliarden Mark) aufweisen soll.

Der „Internationale Friedens-Kooperationsfond“ sollte nach den Vorstellungen von Regierung und Liberaldemokratischer Partei neben Umweltbelangen auch der Unterstützung von Flüchtlingen zugutekommen und aus einer – noch zu beschließenden – Umweltsteuer sowie aus einer ,,internationalen Beitragssteuer“ finanziert werden.

Sollte der Plan, der unter anderem von dem einflußreichen ehemaligen Premierminister Takeshita Noboru unterstützt wird, in die Tat umgesetzt werden, so würde sich die umweltrelevante Finanzhilfe des Landes praktisch verdoppeln. Die bisherige Praxis Japans bei der Vergabe von Geldern zur Entwicklungshilfe wurde in den USA und in der EG bisher jedoch oft als versteckte Unterstützung für die einheimische Wirtschaft kritisiert.

Nach Angaben von Seiji Kojima, Direktor des Wirtschaftlichen Kooperationsbüros des Außenministeriums sind derzeit weniger als 30 Prozent der Gelder an Aufträge für japanische Firmen gebunden. „Dieser Anteil wurde in den vergangenen Jahren drastisch reduziert“, betonte Kojima.

Dem widerspricht Yoichi Kuroda, Koordinator des japanischen „Tropical Forest Action Network“, einer privaten Umweltschutzorganistion, die Japans Rolle bei der Zerstörung des tropischen Regenwaldes kritisiert. „Schaut man auf die Verträge“, so Kuroda, „sind 90 Prozent aller Gelder an Aufträge für japanische Firmen gebunden.“

UNCED-Botschafter Akao ist sich der schwierigen Lage seines Landes bewußt. Einerseits fordern die USA und Europa sowie UNCED-Generalsekretär Maurice Strong einen größeren Beitrag der Wirtschafts-Großmacht zur Lösung der globalen Probleme, andererseits stößt jede Initiative des Landes auf große Skepsis. ,,Strong hat uns gedrängt, bei der Rio-Konferenz eine Führungsrolle zu übernehmen, er hat sogar Zahlen genannt.“

Im Bereich der Umwelttechnologien – Energieeinsparung, sparsamer Umgang mit Rohstoffen, Bekämpfung von Schadstoffen – sei Japan bereits viel weiter als die USA oder auch Europa, so Akao. „Wenn es den Entwicklungslängdern wirklich darum geht, diese Techniken zu nutzen, wollen wir ihnen gerne dabei helfen. Wir sind zur Kooperation auf kommerzieller Basis bereit, bis zu einem gewissen Grad aber auch in Form von Entwicklungshilfe und Technologietransfer.“

Die Forderung mancher Länder der Dritten Welt, sämtliche Technologie unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, weist Akao jedoch zurück: „Technologien, die in Besitz der Regierung sind, transferieren wir gerne zum Null-Tarif, aber die meisten Entwicklungen wurden von privaten Firmen getätigt, oft nach großen Investitionen. Wir können diesen Firmen nicht befehlen, ihre Geräte umsonst abzugeben.“

Zwar wären die Entwicklungsländer durchaus im Recht, wenn sie Geld fordern, um die von den Industrienationen verursachte Verschmutzung beispielsweise der Ozeane oder der Atmosphäre zu reduzieren, aber „wenn diese Länder nicht bereit sind, die selbst geschaffenen Probleme anzugehen, werden wir das auch nicht bezahlen.“

Zwischenzeitlich hat sich die japanische Regierung offiziell dazu verpflichtet, die Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid einzufrieren. Auch im Jahr 2000 soll demnach die Freisetzung von „japanischem“ CO2, nicht mehr als 318 Millionen Tonnen betragen, ein Wert, der für das Jahr 1990 ermittelt wurde. Die Pro-Kopf-Emission für das 120-MillionenVolk beträgt derzeit rund 2,6 Tonnen, der niedrigste Wert aller Industrienationen.

Gleichzeitig ist die Energieeffizienz im Land der aufgehenden Sonne die höchste. Japan produziert also pro freigesetzter Tonne Kohlendioxid weitaus mehr Wirtschaftsgüter als beispielsweise die Europäische Gemeinschaft oder die Vereinigten Staaten.

Dennoch hat Ex-Premierminister Takeshita vor überzogenen Erwartungen an die Adresse seines Landes gewarnt Takeshita, der durchaus für ein größeres Engagement seines Landes eintritt, sieht Japan auf dem Gipfel von Rio vor allem in einer Vermittlerrolle zwischen den industrialisierten Ländern und der Dritten Welt. Japan, so meint der einflußreiche Politiker, könnte den armen Nationen durchaus als Beispiel dienen.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde unser Land vorwiegend Dank amerikanischer Hilfe aus Hunger und Elend gerettet. Große Darlehen der Weltbank und anderer internationaler Institutionen haben Japan ein enormes Wachstum ermöglicht, das allerdings auch zu gewaltigen Umweltproblemen geführt hat.“ Gesetze zum Schutz der Umwelt hätten dann seit 1970 dazu geführt, daß Japan sich heute zu Recht als „entwickeltes“ Land bezeichnen könne.

„Zuerst sind wir der Armut entkommen, dann der Umweltverschmutzung“, sagte Takeshita. Daher sei es auch wahrscheinlich, daß die Entwicklungsländer eine Führungsrolle Japans auf diesem Gebiet akzeptieren würden.

(erschienen in „DIE WELT“ am 29. Mai 1992. Die mehrtägige Informationsreise erfolgte auf Einladung und auf Kosten der japanischen Regierung.)

Die „Erklärung von Rio“ – Ein Papiertiger?

Präzise formuliert und völkerrechtlich verbindlich sollten die Prinzipien für den Umgang mit der Umwelt in einer „Erdcharta“ festgelegt werden. Die hochfliegenden Erwartungen an den Gipfel von Rio, die noch vor kurzem zu hören waren, haben sich mittlerweile verflüchtigt. Nach monatelangem zähen Ringen zwischen Nord und Süd wurde aus der Charta eine ebenso vage wie unverbindliche „Erklärung von Rio“.

Die Hoffnungen auf ein visionäres Dokument, das ähnliches Gewicht haben könnte wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, sind damit zerschlagen. Über die Frage, ob die größte Konferenz aller Zeiten damit schon vor ihrem eigentlichen Beginn am 3. Juni zum „Ökoflop“ wird, scheiden sich indes die Geister.

UNCED-Generalsekretär Maurice Strong, auf dessen Schultern die Vorbereitung und Organisation des Rio-Gipfels lastet, faßte seine Erwartungen folgendermaßen zusammen: „Die Konferenz muß das Verhältnis zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd, auf eine völlig neue Grundlage stellen. Dazu gehört auch ein gemeinschaftlicher Angriff gegen die Armut als oberste Priorität für das 21. Jahrhundert. Das ist das mindeste, was wir den kommenden Generationen schulden, von denen wir einen empfindlichen Planeten namens Erde geborgt haben.“

Auf kurzfristige Lösungen baut also selbst Strong nicht, der von Berufs wegen zum Optimismus verurteilt ist. Wozu dann diese Konferenz, für die das UNCED-Sekretariat 50 Millionen Mark, die brasilianische Regierung weitere 150 Millionen investiert; wozu dann eine Konferenz, deren Gesamtkosten aller Voraussicht nach die Milliardengrenze überschreiten werden?

Genau 20 Jahre nach der ersten UN-Konferenz über die menschliche Umwelt in Stockholm ist der Rio-Gipfel die erste globale Versammlung von Staatsoberhäuptern zum Thema Umwelt und Entwicklung. Neben den Regierungschefs fast aller 166 UN-Mitgliedstaaten werden etliche 1000 Vertreter regierungsunabhängiger Organisationen (NGOs) erwartet. Vorwiegend handelt es sich dabei um Umweltschutzverbände. Das Spektrum reicht jedoch von Frauenbewegungen bis zu den Indianern des tropischen Regenwaldes. Auch hochkarätige Industrielle, Banker und Manager haben ihre Teilnahme zugesagt.

Begleitet werden die rund 30.000 Teilnehmer von 5000 Medienvertretern. Während der zwölftägigen Konferenz kann also mit einer Nachrichtenflut gerechnet werden, wie sie die Welt zum Thema Umwelt und Entwicklung noch nicht erlebt hat. Alleine die ARD wird den Gipfel am Zuckerhut mit 40 Fernsehsendungen dokumentieren.

Am 15. Juni werden die Probleme des Planeten nicht gelöst sein; so viel steht jetzt schon fest. Fest steht aber auch, daß nach dem Umweltgipfel niemand mehr wird behaupten können, er habe vom Ausmaß der Bedrohung nichts gewußt.

(erschienen in „DIE WELT“ am 25. Mai 1992)

Umweltgipfel: Was die Experten empfehlen

Einen ,,Aktionsplan für die neunziger Jahre“ und darüber hinaus soll die Agenda 21 darstellen. Dieses Dokument wird zwar rechtlich unverbindlich bleiben, dafür aber auf rund 800 Seiten konkrete Vorschläge unterbreiten. Regierungen und Behörden, Industrie, Banken und Umweltschützer – jeder kann hier die gebündelte Weisheit der Experten zum Thema „Umwelt und Entwicklung“ nachlesen. Auf der letzten von vier Vorbereitungssitzungen zur UNCED-Konferenz konnten sich Anfang April in New York die Delegierten aus 160 Ländern allerdings noch nicht auf alle Programmpunkte einigen. Das Kapitel ,,Rettung der Wälder“ etwa ist noch offen, auch deshalb, weil eine für alle akzeptable Definition des Begriffes „Wald“ nicht zu finden war.

Die Sprachschwierigkeiten der Gesandten verblassen allerdings gegenüber dem Hauptproblem der Agenda 21: Die Finanzierung des Maßnahmenpakets hängt derzeit noch völlig in der Luft. Addiert man die geschätzten Kosten für alle Programmbereiche – auch diese Zahlen sind in dem Dokument enthalten -, kommt man auf die stolze Summe von jährlich 200 Milliarden Mark.

Dieser Betrag, so UNCED-Generalsekretär Maurice Strong, würde benötigt, um alle empfohlenen Aktivitäten sofort zu beginnen und bis zur Jahrtausendwende zum Abschluß zu bringen. Zwar rechnen auch die größten Optimisten nicht damit, daß die reichen Industrieländer sich zu Zahlungen in dieser Größenordnung verpflichten könnten, die Chancen für eine „Initialzündung“ stehen aber nicht schlecht.

Inzwischen mehren sich nämlich die Zeichen, daß Japan auf dem Umweltgipfel eine Führungsrolle übernehmen und jährlich mindestens fünf Milliarden Dollar bereitstellen könnte. Damit würde es immerhin die Hälfte jener zehn Milliarden bezahlen, welche die UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung anvisiert, um ein völliges Scheitern der Konferenz zu verhindern.

Sollte die Finanzierung der Agenda 21 trotzdem scheitern, wäre dies keine Entschuldigung für die Industrienationen, die Empfehlungen der Experten zu ignorieren. Die USA, die EG und Japan könnten vieles bewegen, wenn sie nur – wie gefordert – Handelsbarrieren und Subventionen abbauten und damit den Entwicklungsländern neue Einnahmequellen erschlössen.

Bei der wirtschaftlichen Entwicklung wurden ökologische Gesichtspunkte weitgehend ignoriert, konstatiert das Dokument. Die Lösung: „Die Annahme, daß die Umwelt ein frei verfügbares Gut sei“ müsse korrigiert werden. Im Klartext: Die Umweltsünder sollen zur Kasse gebeten werden, bisher frei verfügbare Ressourcen wie Luft und Wasser müßten künftig bezahlt werden.

Quelle:

Agenda 21. Aktionsprogramm der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 (deutsche Übersetzung).

(erschienen in „DIE WELT“, 25. Mai 1992)

WHO: Alarm vor dem Umweltgipfel

„Bewahrung und Verbesserung der Gesundheit aller Menschen sollten im Zentrum der Diskussion um Umwelt und Entwicklung stehen.“ Der Appell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verhallte fast ungehört. Die Diskussion um den Umweltgipfel wird bestimmt von der Sorge um Ozonloch und Tropenwald, von Schlagworten wie „Öko-Kolonialismus“ und „CO2-Steuer“.

Vielleicht hätte die Schlagzeile „Jährlich 40 Millionen Tote …“ es vermocht, wahltaktische Überlegungen und lautstarke Geldforderungen zu übertönen. Jährlich fast 40 Millionen Tote, so ist es im Bericht „Our Planet, our Health“ der WHO-Kommission Gesundheit und Umwelt nachzulesen, gehen auf das Konto von Umwelteinflüssen und ungesunder Lebensweise, das sind 75 Prozent aller Sterbefälle.

„Das dringendste Problem, dem die Welt gegenübersteht, ist die Verschlechterung der Umwelt und der dadurch verursachte Tod von Millionen“, faßt WHO-Generaldirektor Hiroshi Nakajima die Studie zusammen, die von 22 unabhängigen Experten unter Leitung der ehemaligen Präsidentin des Europaparlaments, Simone Veil, erstellt wurde. „Erstmals“, so Nakajima, „stellt eine umfassende Analyse über Gesundheit, Umwelt und Entwicklung die Gesundheit der Menschen an die erste Stelle.“

Der Studie zufolge sind die Leidtragenden meist Neugeborene und Kinder, vorwiegend in Entwicklungsländern. Dort sterben jährlich vier Millionen an Durchfallkrankheiten, verursacht durch verseuchtes Essen und Wasser. Zwei Millionen Tote gehen auf das Konto der Malaria. Mehrere 100 Millionen Menschen werden von Parasiten befallen. Eine geschädigte Umwelt begünstigt die Übertragung gefährlicher Erreger.

Der Report soll aber auch auf Gesundheitsgefahren aufmerksam machen, die bisher ignoriert wurden. Offene Feuer etwa decken den Energiebedarf von 2,5 Milliarden Erdbewohnern. In den meist ungelüfteten Räumen sammeln sich Rauch und Chemikalien und erhöhen das Risiko für Herz-und Kreislaufkrankheiten sowie Krebs. 700 Millionen Frauen und ihre Kinder verbringen den größten Teil ihrer Zeit in dieser Umgebung.

Immer dringlicher wird das Problem der Verstädterung. Sie führt dazu, daß 1000 Millionen Menschen starker Luftverschmutzung ausgesetzt sind – Atemwegserkrankungen und hohe Bleiwerte im Blut von Kindern stehen nachweislich mit dieser Entwicklung in Zusammenhang. Die Ballungszentren der Dritten Welt haben mittlerweile mehr Einwohner als Europa, Japan und Nordamerika zusammen. Eine Milliarde Menschen leben in den Elendsvierteln der Großstädte. In Kalkutta und Colombo ist jeder zweite betroffen, in Bogota und El Salvador sind es zwei von dreien, und in Lima und der größten Stadt der Welt, Mexiko City, liegt ihr Anteil sogar noch höher. Selbst in den Vereinigten Staaten leben zwei Millionen Menschen auf der Straße.

Der Report beschränkt sich indes nicht auf die Schadenserhebung, sondern gibt Empfehlungen. An oberster Stelle steht die Ermahnung an Regierungen und internationale Organisationen, das Bevölkerungswachstum zu bremsen sowie Überkonsum und Abfallerzeugung zu reduzieren.

Damit kritisiert die WHO den Umgang der Industrieländer mit den begrenzten Ressourcen des Planeten. In Vorverhandlungen für den Umweltgipfel hatten Schwellen- und Entwicklungsländer unter Führung von Malaysia und Indien wiederholt, aber erfolglos die Aufnahme einer entsprechenden Passage in die erwartete ,,Erklärung von Rio“ gefordert.

Auf der Suche nach den Ursachen für die mangelhafte medizinische Versorgung weiter Teile der Erdbevölkerung enthüllte die Kommission aber auch Fehlleistungen der Vereinten Nationen, ja der WHO selbst. Selbstkritisch heißt es: „Gesundheit hängt ab von unserer Fähigkeit, Wechselwirkungen zwischen menschlichen Aktivitäten und der Umwelt zu verstehen und zu gestalten. Wir haben dieses Wissen, aber haben nicht danach gehandelt, obwohl wir über die Mittel verfügen, um gegenwärtige und zukünftige Bedürfnisse dauerhaft abzusichern.“

Bemängelt wird eine ungenügende Beteiligung der Hauptbetroffenen: „Menschen, die von natürlichen Ressourcen abhängig sind, sollten an Entscheidungen über deren Gebrauch und Schutz in vollem Umfang beteiligt sein.“ Und weiter: „Wir brauchen Menschen, deren Sorge über die Qualität ihrer nächsten Umgebung hinausgeht. Nur sie können ihre Regierungen bewegen, den internationalen Konsens zu erreichen, der für einen gesunden Planeten unerläßlich ist.“

Quelle:

WHO Commission on Health and Environment & World Health Organization. (‎1992)‎. Our planet, our health : report of the WHO Commission on Health and Environment. World Health Organization.

(erschienen in „DIE WELT“, 25. Mai 1992)

Jetzt handeln, fordert Klimaforscher Hartmut Graßl

Klare Forderungen an die Politik: Prof. Hartmut Graßl, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie von 1988 – 2005

Unmittelbar vor dem „Umweltgipfel“ von Rio wuchs das Interesse der Öffentlichkeit an den Folgen der globalen Erwärmung. Mein damaliger Chefredakteur Manfred Schell hatte nicht nur das journalistische Gespür sondern auch ein offenes Ohr für die Thematik. Gemeinsam haben wir deshalb einen der renommiertesten deutschen Klimaforscher interviewt: Professor Hartmut Graßl (geb. 1940), Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und Mitglied der Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre“. Im Rückblick nach 30 Jahren beeindruckt mich noch immer die Weitsicht Graßls, dessen allgemeinverständliche Darstellung der Problematik ohne Polemik oder Panikmache, und vor allem die konkreten Handlungsvorschläge.

 

„Die Stürme nehmen zu,
die Gletscher laufen davon“

 

In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die sagen, wir stünden vor einer Klimakatastrophe. Wie ernst nehmen Sie solche Thesen, Herr Professor Graßl?

Graßl: Wir sind heute in einer Situation, die mein amerikanischer Kollege Steven Schneider so beschrieben hat: „Ich wette, daß wir uns im Jahr 2000 hinstellen werden und sagen, der Zeitpunkt, wo der vom Menschen verursachte zusätzliche Treibhauseffekt in den Daten erkennbar geworden ist, ist das Ende der 80er Jahre.“ Wir spüren davon weniger die schleichende Veränderung der Mittelwerte – die langsame Erwärmung etwa -, sondern die stets damit verbundenen Extremwerte. Erst lange im Nachhinein wird eine seriöse wissenschaftliche Analyse sagen: „Von diesem Zeitpunkt ab war es im Wesentlichen von den Menschen verursacht.“

Aber es gibt viele Hinweise, daß da was läuft: Nicht nur der Globus erwärmt sich, auch Stürme nehmen zum Teil zu, und die Alpengletscher, die laufen praktisch davon. In meinem Heimatdorf, Ramsau bei Berchtesgaden, wo einmal fünf Gletscher existierten, gibt es jetzt nur noch einen. Mein Vater ist auf 1850 Meter Meereshöhe auf den Gletscher gestiegen. Wenn ich das heute machen möchte, muß ich auf 2200 Meter Höhe marschieren.

Kann man denn vorhersagen, in welchem Zeitraum sich die Erde um wieviel Grad erwärmen wird?

Graßl: Die Frage ist ohne gekoppelte Ozean-Atmosphäre-Modelle nicht zu beantworten, und da setzen die Schwierigkeiten ein. Daß die Erwärmung angestoßen ist, ist ein Faktum, aber wo, wann, um wieviel Grad Celsius, ist in der Wissenschaft weiterhin mit großen Fehlerbalken versehen. Inzwischen weiß man nicht nur, daß der Mensch einen massiven Einfluß auf das Klimageschehen ausübt, sondern man weiß auch, daß der Ozean nicht wesentlich dämpft, wie das früher vermutet wurde, sondern nur verzögert.

Die Natur kann also die Eingriffe des Menschen nicht mehr ausgleichen?

Graßl: Ich gehe mal vorsichtig vor und sage, wir nehmen die unterste Grenze dessen, was die UN-Gremien oder die Enquete-Kommission des Bundestages zum Schutz der Erdatmosphäre als Erwärmung bei Nichtstun vorgegeben haben, ernst, und vergleichen dies mit in der Klimageschichte beobachtbaren Temperaturänderungen. Dann lautet die Aussage: Etwas, was wir in ein Jahrhundert packen, nämlich zwei Grad mittlere Erwärmung, steckt die Natur in Jahrtausende.

Und wenn wir uns an der oberen Grenze orientieren, was passiert dann?

Graßl: Nehmen wir die obere Grenze der Prognosen ernst, die genauso wahrscheinlich ist wie die untere, dann lautet die Voraussage, daß uns, wenn wir so weitermachen wie bisher, im nächsten Jahrhundert eine Erwärmung droht, die vergleichbar ist mit dem Unterschied zwischen Eiszeit und Warmzeit, also im globalen Mittel viereinhalb Grad. Während der letzten Temperaturänderung von solch einem Ausmaß, ist nachweislich der Wald von der Riviera ans Nordkap gegangen und zurück.

Wäre das denn in der Gesamtbilanz ein Unglück für die Welt?

Graßl: Der Planet Erde geht nicht kaputt, wenn es um einige Grad Celsius wärmer wird auf der Erde. Was uns betroffen macht, ist nur die Geschwindigkeit, mit der das ablaufen wird, und das Wissen, daß viele Ökosysteme an solche raschen Veränderungen nicht angepaßt sind und dann zusammenbrechen.

Würden Sie eine mittlere Erwärmung der Erde um 4,5 Grad persönlich als Unglück empfinden? Man kann doch auch vermuten, daß Stürme, Überschwemmungen, Verödungen zumindest teilweise durch positive Veränderungen in anderen Gebieten aufgewogen würden.

Graßl: Denken Sie nur mal daran, was zehn Prozent Schrumpfung des Sommerniederschlages in Mitteleuropa und ein Grad Celsius Erwärmung bedeuten. Das heißt: fast keine Gletscher mehr in den Alpen. Das würde die Wasserführung der Donau, des Rheins ganz massiv beeinflussen. Dann muß man fragen, können wir den Rhein noch schiffbar halten im Sommer, bei so vergleichsweise läppischen Klimaänderungen. Der Planet ist nicht der wirklich Betroffene, sondern die menschliche Gesellschaft in ihrer jetzigen Form, praktisch aus allen Nähten platzend. Wo sind denn die Hungergebiete? Fast nur in den semiariden Subtropen und Tropen. Weil dort die natürliche Variabilität des Klimas ein Maximum erreicht, eine winzige Verlagerung der tropischen Niederschlagsbänder, um ein, zwei Grad Breite, über die Ernte entscheidet.

Ich gebe mal ein kleines Beispiel: Jeder hat mitbekommen, wie Bangladesch im vorigen Jahr von einem Wirbelsturm überschwemmt wurde. Es gab 150 000 Tote. Und wodurch ist das zustande gekommen? Bei weniger Mangrovenwald, etwas weniger Dschungel und noch mehr Menschen, bei leicht gestiegenem Meeresspiegel hat ein Standardwirbelsturm eine Katastrophe verursacht.

Was wir Forscher eigentlich sagen wollen: In 20 oder 30 Jahren wird bei noch etwas weniger Mangrove, noch weniger Dschungel, noch mehr Menschen, noch mal beschleunigt gestiegenem Meeresspiegel nicht mehr der Standardhurrikan kommen, sondern einer mit etwas höherer Intensität auf einer vorher nicht üblichen Bahn und wie schaut es dann aus?

Neben der globalen Erwärmung bedroht uns auch die fortschreitende Zerstörung der Ozonschicht. Die von den Industrienationen freigesetzten chlorhaltigen Treibgase, Schäum- und Kühlmittel zerstören mit ihren Abbauprodukten Ozon, das vor der UV-B-Strahlung der Sonne schützt. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?

Graßl: Letztlich ist das Ozonloch bisher fast ausschließlich auf den antarktischen Kontinent beschränkt geblieben. Was glauben Sie, was passiert wäre, wenn fünf bis zehn Prozent Ozon in den Tropen fehlen würden, wo es sowieso schon die höchste UV-B-Bestrahlung gibt? Dann würden wir jetzt schon über die Erblindeten reden. Das Ozonloch ist ein Fingerzeig Gottes am Himmel, weil es weit weg von uns aufgetreten ist, wo fast kein Mensch und auch kein Tier wohnt. Hier in Mitteleuropa ist es sogar höchst wahrscheinlich, daß die UV-B-Belastung trotz Ozonabbaus in der Stratosphäre abgenommen hat. Das ist auf die erhöhte Luftverschmutzung und stärkere Bewölkung während der letzten vier Jahrzehnte zurückzuführen. Ich will damit nicht niederreden, daß der beobachtete Ozonabbau eine große Gefahr ist für die Australier und für die Patagonier und noch mehr Menschen auf der nördlichen Erdhälfte. Für Gebiete mit relativ sauberer Luft wird es zu einer Vervielfachung des Grauen Stars kommen, wenn nur – wie schon beobachtet – zehn Prozent Ozon fehlen.

Was mich beim Ozonabbau aber viel mehr bedrückt, ist, daß das Pflanzenwachstum von der UV-B-Strahlung abhängt. Eine nur wenige Prozente betragende Verminderung der Biomasseproduktion hat ja Folgen für die Welternährung. Betroffen sind aber auch dann wieder diejenigen, die sowieso schon kaum ausreichend Nahrung haben. Wir dagegen, wir sind die Region, die am flexibelsten reagieren wird. Wir werfen ein bißchen mehr Stickstoff auf die Felder, wir erhöhen die Deiche, wir pflanzen andere Kulturen an.

Für Prognosen benötigen Sie gewaltige Mengen an Meßwerten, die einerseits von meteorologischen Stationen kommen, andererseits aber auch von milliardenteuren Satelliten. Allerdings kritisierten Sie, daß die aus Steuergeldern gewonnen Satellitendaten vorwiegend zur Herstellung schöner Kalenderblätter herhalten müssen.

Graßl: Das Dilemma besteht darin, daß man fast das gesamte Geld, das für eine bestimmte Mission bereitgestellt wurde, für Konstruktion, Bau, den Schuß in den Weltraum und Aufbau eines Bodensegments zum Datenempfang verbraucht. Dann gibt es noch ein paar Idealisten, die sich Gedanken machen über die Auswertung der Daten. Das geschieht unkoordiniert.

Viel Geld müssen die Forscher ausgeben, damit sie die Daten überhaupt bekommen, Universitätsinstitute können sich das schon gar nicht mehr leisten. Wenn Sie zum Beispiel die Daten des amerikanischen LandsatSatelliten auf Magnetband haben wollen, kostet das für eine Fläche von 185 x 185 Kilometer 3000 Dollar. Dadurch wird die Forschung behindert.

Die Bevölkerung möchte doch wissen, „Wieviel Wald ist abgeholzt worden?“, „Ist das in Malaysia besonders schlimm oder in Brasilien?“, „Wie hat sich die Landnutzung in meinem Heimatland im Laufe von 20 Jahren geändert?“ Die Daten liegen da, aber die systematische Auswertung auf hohem wissenschaftlichen Niveau wird nicht betrieben. Also quetscht man aus den Milliarden, die man in Form von hochgezüchteten Radiometern in den Weltraum geschossen hat, am Boden nicht das heraus, was man eigentlich hätte herausquetschen ‚können.

Der europäische Umweltsatellit ERS-1 hat Milliarden Mark gekostet und sendet in jeder Sekunde unvorstellbare Datenmengen zur Erde. Wie steht es um die Auswertung dieser Daten?

Graßl: In der Bundesrepublik Deutschland sind Anträge von organisierten Nutzergruppen, die an das Bundesministerium für Forschung gerichtet waren, abgelehnt worden. Teilweise mit der Bemerkung, man würde ja schon so viel für den ERS-1 bezahlen müssen. Ich habe deshalb vorgeschlagen, eine unabhängige Organisation einzurichten, um die Finanzierung der Datenauswertung zu sichern. Ich rede dabei über relativ viel Geld. Mein erster Steinwurf war eine Milliarde Mark pro Jahr für die Europäer, um eine adäquate Datenauswertung sicherzustellen. Mein Vorschlag dazu wurde von der Esa sehr wohlwollend aufgegriffen.

Anfang Juni beginnt in Rio die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED). Delegationen aus rund 150 Ländern werden anwesend sein; insgesamt werden mehr als 50 000 Teilnehmer erwartet. Die hochgesteckte Erwartung, daß konkrete und für alle Länder verbindliche Maßnahmen zum Schutz der Umwelt getroffen werden, scheint sich nicht zu erfüllen. Stattdessen zeichnet sich eine neue Auflage des Nord-Süd-Konfliktes ab.

Graßl: Ja, man muß den Nord-SüdKonflikt auf dem Umweltsektor extrem ernst nehmen, sonst werden wir Industrieländer ununterbrochen auf die Anklagebank gesetzt. Ein kleines Beispiel: Einmal nur hat ein sowjetischer Delegierter gewagt, in einem Gremium der Vereinten Nationen, dem ich angehöre, zu sagen, wir müssen schon erhöhte Weizenproduktion in den nördlichen Waldzonen mit dem gestiegenen Meeresspiegel gegenrechnen. Der Vertreter der Malediven, der bis dahin nichts gesagt hatte, sprach, ruhig an alle Delegierten gerichtet, er möchte zur Kenntnis bringen, daß in seinem Land der höchste Berg drei Meter über dem Meeresspiegel liege. Damit war klar, welche Dimensionen dieser Konflikt hat.

In dem UN-Bericht, der zur Weltklimakonferenz herausgegeben wurde, steht: Auch schon wenige Dezimeter Meeresspiegel Anstieg bedeuten das Aus für einige Inselstaaten. Nicht daß das Land immer überschwemmt wäre, aber die Süßwasserversorgung wird zerstört oder zumindest gefährdet, denn es dringt Salzwasser in die Süßwasserlinsen im Inneren der Inseln vor. Kiribati, Malediven, Tuvalu und wie diese kleineren Staaten in der Südsee alle heißen; die sind alle gefährdet. Der Vertreter von Kiribati sagte einmal bei einer solchen Sitzung zum Vertreter der Vereinigten Staaten, er möchte fragen, ob die USA bereit sind, die Einwohner der Inselstaaten aufzunehmen. Es gab keine Antwort.

Den Vereinigten Staaten kommt auf der Konferenz eine Schlüsselrolle zu. Die Entwicklungländer und die Schwellenländer wollen sich nur dann auf weitreichende Verpflichtungen einlassen, wenn die USA finanzielle Hilfe zusagen und ihren Energieverbrauch einschränken.

Graßl: Ja, die letzte Weltmacht läßt in den Gremien die Schwellenländer als Bremser agieren. Da filibustert dann der Saudi-Araber als allererster, der meldet sich bei jedem Thema, und versucht nach höflichen diplomatischen Einleitungen das Ganze zu zerreden, weil ja alles noch so unsicher sei.

Die Mexikaner wiederum sind absolut dagegen, daß man überhaupt Klimafolgen für die Wirtschaft diskutiert. Ziel war es, den Ländern zu sagen: „Paßt auf, besonders empfindlich seid ihr, wenn …“ Wenn es darum geht, eine erste internationale Koordination zu diskutieren, springen sofort andere Schwellenländer auf und wittern Souveränitätsverlust.

Die Brasilianer sagen, wir diskutieren hier über den Urwald nur, wenn ihr selbst mit Minderungsmaßnahmen begonnen habt. Also ist die Grundvoraussetzung für einen Erfolg in Rio der Start der Industrienationen mit Reduktionen bei der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas.

Und das steht und fällt mit der Zusage der Vereinigten Staaten, Herr Professor?

Graßl: Nicht unbedingt. Die Vereinigten Staaten stehen für ein Viertel der weltweiten Emissionen. Aber ich möchte es einmal anders formulieren: In unserem Land wie in anderen Ländern regt sich ja inzwischen die Erkenntnis, auch bei Wirtschaftswissenschaftlern, daß eine staatlich gestützte, massive Effizienzsteigerung bei der Nutzung der fossilen Energie eher die Wirtschaft fördert als sie stark behindert, wegen der Exportchancen, die damit verbunden sind, und auch wegen der eingesparten Rohstoffe.

Meine persönliche Meinung lautet: Wenn die Amerikaner jetzt nicht mitmachen, dann verabschieden sie sich zu Teilen von der modernen Industriegesellschaft, dann werden sie diejenigen sein, die das demnächst zu spüren bekommen, daß es ihnen nicht gelungen ist, den Kühlschrank mit der halben Wattzahl zu bauen und das besonders sparsame Auto und wärmegedämmte Häuser eingeführt zu haben.

Die Fahrt mit dem Auto über 40 Meilen jeden Morgen zum Betrieb, gezwungenermaßen, weil ein öffentliches Verkehrssystem nicht existiert, ist schon eine ungeheure Energie- und Materialverschwendung, und eine Verschwendung von menschlichen Ressourcen obendrein.

Also: Wenn die Vereinigten Staaten so weitermachen, dann werden sie weiterhin besonders stark von dieser Schmutzenergie abhängen und in die Nähe dessen rücken, was wir jetzt im Ostblock erleben.

Können wir eigentlich guten Gewissens verlangen, daß zum Beispiel die chinesischen Haushalte auf ihren Kühlschrank verzichten, um die Ozonschicht nicht weiter zu belasten?

Graßl: Nein, das dürfen wir nicht. Es ist doch eine Vermessenheit, wenn ein Mensch, der einen Fernseher, einen Kühlschrank, und eine Gefriertruhe im Haus und einen Zweitwagen vor dem Haus stehen hat, wenn der sich aufschwingt, darüber zu reden was der Chinese haben darf.

Unsere Industrialisierung ist ein schönes Beispiel dafür, wie ineffizient wir ursprünglich waren. Deshalb können wir uns da nicht aufspielen. Es ist mittlerweile eigentlich eine Platitüde geworden: Die Effizienzsteigerung in den Industrienationen liefert die Basis für die regenerativen Energieformen und ist die Grundvoraussetzung für eine zukunftsträchtige Entwicklung in der Dritten Welt. Deswegen ärgert es mich eigentlich so, daß die Vereinigten Staaten da nicht mitmachen.

Lassen wir einmal die Vereinigten Staaten beiseite – was kommt auf uns Europäer, auf uns Deutsche zu?

Graßl: Wir haben eher einen Exportvorteil, wenn wir jetzt mit dem Sparen anfangen und die Amerikaner nichts machen, aber man muß das ja in der Gesamtschau sehen, denn wir reden hier über ein globales Thema.

Es gibt Menschen, die glauben, technische Lösungen für das Treibhausproblem parat zu haben. Einige Vorschläge laufen darauf hinaus, mehrere Millionen Quadratkilometer Wald zu pflanzen oder die Ozeane mit Eisen zu düngen, um durch gesteigertes Planktonwachstum CO2, aus der Atmosphäre zu entfernen. Wieder andere sagen, man muß die Kernenergie einfach ausbauen. Wie stehen Sie dazu?

Graßl: Das sind die Ingenieurslösungen, wie ich das nenne. Die sind äußerst gefährlich in einem nicht durchblickten System. Warum geht es denn eigentlich nicht in die Köpfe, daß man die Quellen herunterfahren muß? Und daß wir dies leicht machen können.

Sie hatten die Kernenergie angesprochen. Wieviel trägt sie denn weltweit zur Energiegewinnung bei? Bezogen auf die Primärenergie handelt es sich um einige wenige Prozent. Wir reden aber über die Beseitigung von 80 Prozent des Primärenergieeinsatzes in einem halben Jahrhundert, um von dieser Störung der Atmosphäre und des ganzen Planten loszukommen. Und jetzt möchte ich mal fragen, was ist auf der Erde los, wenn wir die Kernenergie in einen Bereich von zehn, 20 und 30 Prozent des Gesamtenergieeinsatzes der Erde treiben?

Dann haben wir natürlich keine unmittelbare globale Störung, aber wir haben regional unbewohnbares Gelände. Wie um Tschernobyl herum. Denn man muß nicht glauben, daß die Menschen so intelligent sind, daß sie solche Systeme auch immer so betreiben können, daß nichts passiert.

Wir wollen doch nicht Schmutz durch Schmutz ersetzen. Ich rede jetzt von den wirklich großen Dimensionen, und ich meine, wir müssen in einem Kraftakt die 80 Prozent ersetzen. die wir gegenwärtig aus fossilen Brennstoffen gewinnen.

Welche Maßnahmen wären notwenig, um den globalen Klimawandel abzumildern?

Graßl: Der Start der Industrienationen in Richtung einer konzertierten Politik zur Effizienzsteigerung bei fossilen Energien, das ist das A und O. Denn erst danach greifen erneuerbare Energien wirklich. Jedes Haus sollte nur noch die Hälfte der Heizenergie verbrauchen. Wir müßten einfach den schwedischen Standard bei der Wärmedämmung einführen. Die neue Verordnung liegt ja bereits im Entwurf vor.

Seit wann?

Graßl: Sie ist bereits in der Koalition verabredet. Das heißt, es müßte in dieser Legislaturperiode kommen, aber es muß rasch kommen.

Wärmedämmung allein reicht aber nicht aus?

Graßl: Nein, auch der Verkehr ist ein großer Posten, wo man anpacken muß. Ich meine zum Beispiel, daß man zu Flottenverbrauchsregeln kommen muß. Also nicht da noch eine Geschwindigkeitsbeschränkung oder dort noch eine. Damit bewegen Sie insgesamt nur zehntel Prozent. Wir müssen den Spritverbrauch pro 100 Kilometer, der seit Ende der 60er Jahre unverändert ist, reduzieren. Wir fahren zur Zeit Autos, die zwar pro PS viel effizienter sind als die alten, aber wir haben die PS-Zahl so gesteigert, daß wir weiterhin zehn Liter pro 100 Kiolometer brauchen. Erst in den letzten ein bis zwei Jahren deutete sich eine kleine Verbesserung an. Wenn Mercedes, BMW, VW, Audi von der Politik vorgegeben wird, den über alle verkauften Modelle summierten Spritverbrauch jährlich um fünf Prozent zu reduzieren und dies als Langfristprogramm bis zum Jahre 2003 festgelegt wird, dann sind unsere Ingenieure die letzten, die das nicht schaffen. Ebenso wichtig wie Flottenverbrauchsregeln ist jedoch die Verlagerung eines Teils des privaten Verkehrs zum öffentlichen Verkehr und die Vermeidung unnützer Fahrten. Auch bei den Haushaltsgeräten haben wir noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgereizt. Ich rede wohlgemerkt überhaupt nicht von Wohlstandsverlusten.

Das Umweltherz der Menschen ist eine Grundvoraussetzung dafür, daß die Politiker entscheiden. Aber es bewegt die großen Energiemengen nicht. Was hilft es denn, wenn fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung sehr energiebewußt sind und die anderen 90 oder 95 weiterhin so aasen wie bisher? Aber diese fünf bis zehn Prozent brauchen Sie, um den Druck auf die Politiker auszuüben, damit die was tun. Und den Druck haben wir in Teilbereichen erreicht, oder wir stehen kurz davor. Wir sind ein Land, daß durch die Umweltverbände und die langjährige Diskussion doch ziemlich vorangekommen ist und weitaus günstigere Bedingungen für politische Maßnahmen hat als andere.

(erschienen in „DIE WELT“ am 4. Mai 1992)

Kommentar – Scheinheilige Scheichs

Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Wenige Wochen vor dem Umweltgipfel in Rio hat sich die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) in seltener Einmütigkeit gegen jegliche Art von Energiesparmaßnahmen ausgesprochen. Die handfeste Weigerung, konkrete Schritte gegen die fortschreitende globale Erwärmung zu ergreifen, wird mit der Sorge um das wirtschaftliche Wachstum der Entwicklungsländer, „einschließlich der Ölexportländer“ begründet.

Die Sorge ist ebenso scheinheilig wie unfundiert. Längst sind sich alle – unabhängigen – Klimaforscher einig, daß der weltweite Anstieg der Temperaturen zum überwiegenden Teil auf die Verbrennung fossiler Rohstoffe durch die sechs Milliarden Erdbewohner zurückzuführen ist. Jedes Schulkind weiß heute, daß das Treibhausgas Kohlendioxid beim Verfeuern von Öl und Gas, von Holz und Kohle freigesetzt wird.

„Unter der absehbaren Klimaveränderung werden vor allem die Länder der Dritten Welt zu leiden haben“, befindet zum Beispiel die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages. Vor allem den Entwicklungsländern – einschließlich der meisten Opec-Staaten – drohen Dürreperioden, Flutkatastrophen und im Gefolge dieser Naturereignisse Hungersnöte bisher nicht gekannten Ausmaßes.

Besonders peinlich muß es daher anmuten, wenn sich hochentwickelte Ölexportnationen in das Wehklagen der OPEC-Länder einreihen. Der kanadische Energieminister Rick Orman etwa hält es für wenig sinnvoll, „die Ausgaben für den Kampf gegen Kohlendioxid stark anzuheben“. Die Klimaforscher, so lautet die abenteuerliche. Begründung, könnten sich derzeit noch nicht darauf einigen, ob der CO2-Gehalt der Atmosphäre sich erst in hundert oder schon in sechzig Jahren verdoppeln wird.

(erschienen im Wirtschaftsteil „DIE WELT“ am 25. April 1992)

Wasser bleibt Mangelware

Wollte man die Wassermassen unseres Planeten gerecht verteilen, so stünde jedem Erdenbürger die unvorstellbare Menge von 300 Milliarden Litern zur Verfügung. Doch die Realität sieht anders aus. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO leben 1200 Millionen Menschen ohne das für uns so selbstverständliche saubere und sichere Trinkwasser. 1800 Millionen sogar leiden unter mangelhaften bis katastrophalen sanitären Verhältnissen. Die Folgen sind verheerend. Alleine fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben in jedem Jahr.

,,80 Prozent aller Krankheiten und mehr als ein Drittel aller Todesfälle in den Entwicklungsländern werden durch verseuchtes Wasser verursacht“, erklärte Maurice Strong, der Generalsekretär der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED), jetzt anlässlich eines Wassergipfels in der irischen Hauptstadt Dublin.

Die ,,Internationale Konferenz über Wasser und Umwelt“ tagt noch bis Freitag und soll die Weichen stellen für verbindliche Abkommen zum Schutz des kostbaren Nasses. Den über 500 Experten aus mehr als 100 Ländern erläuterte der Exekutiv-Direktor des UN-Umweltprogrammes Mostafa Tolba die Zielsetzung der Veranstaltung. ,,Was wir brauchen ist eine konkrete handlungsorientierte und ausführbare Empfehlung. Was wir brauchen sind Angaben darüber, was getan werden kann, von wem, innerhalb welchen Zeitraumes, zu welchem Preis und wer diesen Preis bezahlen soll.“ All diese Empfehlungen sollen zusammengefasst und am Freitag als ,,Dublin-Statement“ bekannt gegeben werden. Diese Erklärung wiederum soll auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro in die Tat umgesetzt werden. Die im Juli 1992 stattfindende UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) wird das bislang mit Abstand größte umweltpolitische Ereignis aller Zeiten sein.

Optimisten erhoffen sich globale und verbindliche Vereinbarungen, die der fortschreitenden Umweltzerstörung einen Riegel vorschieben würden. Außer dem Trinkwasser wird sich die UNCED auch mit der weltweiten Klimaveränderung, mit der Zerstörung der Wälder, der bedrohten Artenvielfalt und der Gefährdung der Ozeane auseinander setzen müssen.

Wasser – erst bei längerem Nachdenken wird klar, was sich alles hinter dem Stoff mit der simplen chemischen Formel H2O verbirgt. Unser Körper selbst besteht zu 70 Prozent aus Wasser und benötigt täglich runde zwei Liter der Substanz. Auch bei Gesamtvorräten von 1,5 Milliarden Kubikkilometern wird Wasser manchmal knapp. Nur zwei Prozent liegen nämlich als Süßwasser vor und von diesen rund 30 Millionen Kubikkilometern ist der Großteil in den polaren Eiskappen und großer Tiefe dem menschlichen Zugriff entzogen. Für die Erdbevölkerung stehen damit ,,nur“ noch eine Million Kubikkilometer zur Verfügung. Das ist weniger als ein hundertstel Prozent der Gesamtmenge, ungleichmäßig und ungerecht verteilt in Zeit und Raum.

Kein Wunder also, dass schon Adam Smith auf das Paradoxon hinwies, dass Wasser als Essenz allen Lebens fast nichts kostet, während Diamanten, die für das Überleben völlig entbehrlich sind, Spitzenpreise erzielen. Nur selten gerät das Thema Wasser in die Schlagzeilen, wie etwa im letzten Jahr, als eine gewaltige Cholera-Epidemie durch Lateinamerika und Afrika fegte. Exakt 332.828 Infektionen zählte die Weltgesundheitsorganisation bis zum 8. August 1991. Ursache: Mit Bakterien verseuchtes Wasser und miserable sanitäre Verhältnisse. Doch diese Epidemie ist nur die Spitze des Eisbergs. Typhus, Kinderlähmung und infektiöse Hepatitis, Diarrhoe, Malaria und eine Reihe unappetitlicher Wurmerkrankungen verursachen unermessliches Leiden überall da, wo die Jahrhunderte alten Erkenntnisse der Hygienekunde nicht konsequent umgesetzt werden.

In den letzten Jahrzehnten ist zu den biologischen Verseuchungen noch eine neue Kategorie hinzugekommen: Nitrit und Nitrat, Schwermetalle und Pestizide haben als Rückstände einer intensiven Landwirtschaft und Produkte der Industriegesellschaften Einzug in das Grundwasser gehalten. Auch in Deutschland werden die EG-Grenzwerte mit unschöner Regelmäßigkeit überschritten; die Wasserwerke sind machtlos.

Allein die UN hat 24 Körperschaften, die sich mit dem Problem auseinander setzen, wobei der medizinische Aspekt nur einer von vielen ist. Die Landwirtschaft beispielsweise ist fast völlig abhängig von einem gleichmäßig strömenden Fluss an frischem Wasser. Zwei Drittel des Gesamtverbrauchs geht auf ihr Konto. Neue Bewässerungstechniken werden es erlauben, bei gleichem oder reduziertem Verbrauch mehr Land zu nutzen oder auf derselben Fläche höhere Erträge zu erwirtschaften.

,,Meine eigene Familie benutzt noch die gleichen Methoden, die bereits vor 7000 Jahren entwickelt wurden“, erklärte UNEP-Exekutivdirektor Tolba. Hier wäre noch reichlich Raum für Verbesserungen. Aber die Verbreitung Wasser sparender Bewässerungsverfahren kostet Geld und, so Tolba, ,,finanzielle Engpässe sind das Hauptproblem“.

Jährlich 36 Milliarden Dollar, so schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, wären erforderlich, um bis zum Ende des Jahrzehnts allen Erdbewohnern sauberes Trinkwasser und akzeptable sanitäre Verhältnisse zu verschaffen. Aber obwohl ein rapides Bevölkerungswachstum, zunehmende Verstädterung, Kriege, Hunger- und Dürrekatastrophen auch in Zukunft die Aufgaben der Hilfsorganisationen erschweren werden, könnten, so die Prognose, 80 Prozent der Bedürftigen versorgt werden, wenn man die Verbreitung von billigen Technologien vorantreiben würde. Dies würde nur 30 Prozent der geforderten 36 Milliarden Dollar jährlich kosten.

Schon einmal, im November 1980, hatte man eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, den flüssigen Lebensspender für alle erreichbar zu machen. Die ,,International Drinking Water Supply and Sanitation Decade“ ging 1990 zu Ende, konnte ihr Ziel aber nicht erreichen. So groß waren die Probleme, dass die Vereinten Nationen diese Periode heute noch als die ,,verlorene Dekade der Entwicklung“ bezeichnen. Dennoch ist die Bilanz nicht nur negativ. Immerhin erhielten 1,6 Milliarden Menschen erstmals Wasser an ihrem Wohnort und fast 800 Millionen erlebten erstmals die Segnungen sanitärer Anlagen. Besonders erfolgreich war das Programm in ländlichen Gegenden. Dort erhalten jetzt 63 Prozent der Einwohner das kostbare Nass frei Haus. Zuvor waren es nur 30 Prozent.

Ob das Drittel der Menschheit, das noch immer ohne eigenes Wasser auskommen muss, und die 43 Prozent ohne sanitäre Anlagen bald unter menschenwürdigeren Umständen leben werden, wird nicht auf dem Wassergipfel in Dublin entschieden. Erst im Sommer, wenn auf dem Weltumweltgipfel von Rio de Janeiro die politischen Entscheidungen getroffen werden – oder nicht – wird sich erweisen, ob das Rennen gegen die Uhr doch noch gewonnen werden kann.

(erscheinen in redigierter / gekürzter Form in „DIE WELT“, 28. Januar 1992)