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Mustergeschöpfe – Ausstellung in Schorndorf

Statt Nachrichten aus der Medizin gibt es heute einmal Denkanstöße aus der Kunst und eine Diskussion zu vermelden: „Mustergeschöpfe – Zwischen hohen Erwartungen und großen Befürchtungen“ heißt eine Ausstellung, die am Freitag, dem 9. Juli um 19:00 mit einer Vernissage im Röhm eröffnet – auch bekannt als Alte Lederfabrik Schorndorf. Dort stellt die Künstlerin Verena Braunstein interessante Fragen: Macht es uns glücklicher, wenn wir all das verwirklichen, was möglich ist? Wenn alle Menschen vollkommen sind, verlieren wir dann unsere Identität?

Kunst trifft Wissenschaft: Ab 9. Juli im Röhm, Schorndorf

„Da wachsen Zwitterwesen in einem Garten heran, kraftvolle Keimlinge strecken sich und Leckereien verführen uns zur Gestaltung unserer selbst – gleichzeitig gerät da auch etwas aus den Fugen, verläßt den kontrollierbaren Bereich, entwickelt ein Eigenleben“, heißt es im Prospekt. Es geht also um die Grenzbereiche des wissenschaftlichen Fortschritts, insbesondere um die Reproduktionsbiologie. Und weil die mich ebenso interessiert wie Frau Braunstein werde ich an diesem Tag gleich zwei mal mitdiskuttieren, sowohl in einer geschlossenen Schülerveranstaltung, als auch nach der Vernissage mit den Besuchern der Ausstellung. Und wer am Freitag nicht kommen kann, bekommt an folgenden Terminen eine zweite Chance, die Ausstellung zu sehen und sich näher mit der Thematik zu befassen:

  • Am 11. Juli gibt es um 11:00 eine Sonntagsmatinée mit Frau Annegret Braun, Leiterin der Beratungsstelle Pränataluntersuchung und Aufklärung des Diakonischen Werks Württemberg. „Auf dem Weg zum perfekten Kind“ lautet das Thema und es geht dabei um die Angst werdender Eltern, schon während der Schwangerschaft etwas zu versäumen. Das Thema geriet erst vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen, nachdem der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil die Präimplantationsdiagnostik außerhalb des Mutterleibs quasi erlaubt hat (genauer: Sie wird nicht bestraft).
  • Die Ausstellung ist geöffnet am Samstag, dem 10.7. von 15:00 bis 19:00 und am Sonntag, dem 11.7. von 11:00 bis 18:00 sowie am
  • Freitag, dem 16.7. von 16:00 bis 21:00, Samstag 17.7. von 15:00 bis 19:00 und Sonntag 18.7. von 11:00 bis 18:00.

Für alle, denen der Weg nach Schorndorf zu weit ist, oder die sich nach der Ausstellung noch aus weiteren Quellen über die Möglichkeiten, Grenzen und auch den Missbrauch der Techniken zum „Baby-machen“ informieren wollen, habe ich folgende Lese- und Videotipps:

  • Die Wikipedia mit zahlreichen Fakten zur künstlichen Befruchtung
  • „Frozen Angels“ (Engel auf Eis) von Frauke Sandig und Eric Black ist eine spannende, 90-minütige Dokumentation über die US-Befruchtungsindustrie und deren Auswüchse, die seit dem Erscheinen des Films im Jahr 2005 keineswegs geringer geworden sind. Der Film hat sogar eine eigene Webseite, Sie können sich aber auch die DVD bei Amazon bestellen.
  • Deutlich kürzer, mit Schwerpunkt auf den Verhältnissen in Deutschland und deutlich positiver wurde das Thema dargestellt in einer Quarks & Co Sendung im September 2008 mit dem Titel: Der steinige Weg zum Wunschkind. Auf der WDR-Webseite kann man sowohl ein Manuskript als auch einen Mitschnitt bestellen. Ganz nebenbei wäre es wohl auch eine interessante Übung für das Fach Medienkunde, den Film „Frozen Angels“ mit der WDR-Produktion zu vergleichen.
  • Der Science-Fiction Film GATTACA schließlich greift in äußerst beeindruckender Weise das Thema der Optimierung des Menschen durch die Möglichkeiten der Gentechnik auf. Als gelernter Genetiker halte ich GATTACA  für einen der besten – und realistischsten – Science-Fiction-Filme überhaupt. Eine schöne Besprechung findet sich auf Wikipedia, und natürlich kann man auch diese DVD bei Amazon bestellen.
  • Zurück in der Wirklichkeit: Die Kinderwunsch-Seite gibt Nachhilfe nicht nur über die Grundlagen der Fruchtbarkeit und die natürliche Familienplanung, sondern informiert auch über die zahlreichen Methoden, mit denen Ärzte versuchen, unerfüllte Kinderwünsche zu verwirklichen. Ergänzt wird die gut gemachte Seite durch ein sehr reges Forum, Buchtipps und zahlreiche Service-Angebote.

Zweifaches Übel: Depressionen fördern Alzheimer

Die Frage, ob Depressionen das Risiko für die Alzheimer-Krankheit erhöhen, haben US-amerikanische Forscher jetzt eindeutig mit „Ja“ beantwortet. Wie der Neuropsychologe Robert S. Wilson und sein Team vom Medizinischen Zentrum der Rush University in der Fachzeitschrift Neurology berichten, hat man die Klärung der Streitfrage vor allem 357 älteren Einwohnern des Stadtteils South Side in Chicago zu verdanken. Sie hatten an einer Langzeitstudie teilgenommen – dem Chicago Health and Aging Project – deren wichtigstes Ziel es ist, Risikofaktoren für die Alzheimer-Krankheit dingfest zu machen.

Die 357 Senioren waren ausgewählt worden, weil sie alle an Alzheimer erkrankt waren. Ein erster Blick auf die Daten bestätigte dabei, dass in dieser Gruppe etwa doppelt so viele Menschen an Depressionen litten, wie bei einer Vergleichsgruppe von Senioren, die nicht an Alzheimer erkrankt waren. Allerdings konnten die Forscher auch zeigen, dass die Häufigkeit von Depressionen unter den späteren Alzheimer-Patienten über den gesamten Studienzeitraum fast unverändert geblieben war. „Das legt nahe, dass Depressionen ein echter Risikofaktor für die Alzheimer-Erkrankung sind“, so Wilson. „Wenn Depressionen nämlich nur ein frühes Zeichen der Alzheimer-Krankheit wären, dann hätte sich die Häufigkeit der Depressionen mit dem Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit erhöhen müssen“, erklärte der Wissenschaftler.

Wilson zieht aus seiner Studie die Lehre, dass Depressionen eben nicht als ein unvermeidlicher Bestandteil der Alzheimer-Krankheit betrachtet werden sollten. „Wenn aber ein Alzheimer-Patient Depresionen hat, sollten dies auch behandelt werden.“ Für die Forscher der Rush University sind damit noch längst nicht alle Fragen beantwortet. Als nächstes wolle man klären, warum Depressionen das Alzheimer-Risiko erhöhen. Denkbar sind mehrere Ursachen. Zum einen haben Neurowissenschaftler bereits vor mehreren Jahren beobachtet, dass Depressionen zum Zellverlust in bestimmten Hirnregionen führen. Besonders stark betroffen ist davon der Hippocampus, eine Struktur die für das Abspeichern von Gedächtnisinhalten von zentraler Bedeutung ist. Möglich ist es aber auch, dass depressive Menschen deshalb häufiger an Alzheimer erkranken, weil sie weniger soziale Kontakte haben. Ein großer Freundes- und Bekanntenkreis und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben haben sich nämlich in jüngster Zeit als mögliche Schutzfaktoren erwiesen, die das Risiko für den Gedächtnisschwund verringern könnten.

Quellen:

Weitere Informationen:

Deutschland ist Weltmeister – in Wehleidigkeit

Das war mal wieder ein gefundenes Fressen – für die Nachrichtenagenturen ebenso wie für die Zeitungen, die sich auf eine Pressemitteilung der Techniker Krankenkasse gestürzt haben: Fast alle Patienten (95 Prozent) seien mit ihren Ärzten zufrieden, hallte es durch den Blätterwald und durch das Internet. Allenfalls mehr Informationen hätte Otto Normalpatient gerne von seinem Arzt und er möchte stärker in die ärztlichen Entscheidungen einbezogen werden.

Weitaus interessanter fand ich aber ganz andere Ergebnisse der angeblich repräsentativen Umfrage, die telefonisch mit 1000 gesetzlich Versicherten durchgeführt wurde. Ich schreibe angeblich repräsentativ, denn die privat Versicherten hat man offensichtlich ignoriert und deren Verhalten in punkto Gesundheit unterscheidet sich bekanntlich deutlich von dem gesetzlich versicherter Menschen. Jetzt aber genug der Vorrede und weiter mit dem für mich wirklich Erstaunlichen an dieser Untersuchung:

  • 45 Prozent der Befragten waren innerhalb der letzten vier Wochen beim Arzt
  • 90 Prozent waren im letzten halben Jahr beim Arzt, und jetzt kommt´s:
  • nahezu jeder Zweite hielt sich für chronisch krank, bei den über 60-Jährigen waren es sogar zwei Drittel

Mehr Arztbesuche pro Kopf als jedes andere Land: Sind wir ein Volk von Heulsusen?

Oh je, oh je. Geht es uns wirklich so schlecht? Ein klares „Nein“ ist die Antwort, den die Schätzungen für den Anteil „echter“ chronisch Kranker an der Bevölkerung liegt laut statistischem Bundesamt bei 28 Prozent und aus den Versichertendaten der Techniker Krankenkasse ergibt sich „nur“ ein Wert von 20 Prozent. Als „chronisch“, das sei nebenbei bemerkt, gelten Krankheiten, die sich langsam entwickeln oder lange (mehr als vier Wochen) anhalten. Das jeder zweite sich für chronisch krank hält, findet der Vorstandsvorsitzende der TK, Norbert Klusen übrigens bedenklich: „Und es lässt auch Rückschlüsse auf die Erwartungshaltung der Menschen gegenüber unserem Gesundheitswesen zu“.

Dem kann ich nur zustimmen und schließe aus dieser Umfrage, dass die Deutschen offensichtlich ganz besonders wehleidig sind. Eine weitere Zahl aus der Umfrage bestätigt meinen Verdacht: Mit 18 Arztbesuchen pro Jahr liegen wir weltweit an der Spitze.

Quellen:

Weitere Informationen:

Warum wir immer die Falschen wählen

Zweifel an unserem Wahlsystem habe ich nicht erst seit Merkel & Co sich mit immer neuen Gesetzen über den Willen des Volkes hinwegsetzen. Oder bevorzugen Sie etwa Christian Wulff als Bundespräsident gegenüber Joachim Gauck? Hätten Sie für die Griechenlandhilfe gestimmt? Waren Sie für eine „Transferunion“, bei der Deutschland mit mindestens 175 Milliarden für andere Euro-Länder haftet? Wollten Sie die „notleidenden Banken“ retten, und haben Sie ihre D-Mark freiwillig gegen den Euro eingetauscht? Und wie kommt es eigentlich, dass ein ums andere Mal Politiker gewählt werden, die offensichtlich inkompetent sind und die immer wieder damit durchkommen, uns frech zu belügen?

Nun, zumindest auf die letzte Frage haben Wissenschaftler des University College London und der Universität Princeton (USA) eine überzeugende Antwort gefunden: Wir sind selbst schuld. Die meisten Wähler vergeben ihre Stimmen nämlich nicht etwa nach gründlicher Überlegung an diejenigen mit den besten Argumenten. Entschieden wird vielmehr anhand von Oberflächlichkeiten – etwa weil der scheinbar entschlossene Gesichtsausdruck des einen Kandidaten gefällt, die nachdenkliche Mimik des Konkurrenten aber nicht.

Entschlossener Blick, aber keine Ahnung: So wird man Präsident (Foto: Eric Draper)

„Wähler beurteilen die Kompetenz von Politikern anhand von deren Gesichtsausdrücken und aufgrund dieser, auf Äußerlichkeiten basierenden Urteile kann man sowohl das Wahlverhalten des Einzelnen als auch den Ausgang der Wahl insgesamt vorhersagen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Springer-Fachverlages, bei dem Dr. Christopher Olivola und Professor Alexander Todorov ihre Untersuchung veröffentlicht haben. Die Erklärung für dieses unselige Verhalten lautet: Weil das Gehirn eine ganze Flut von Informationen über die Kandidaten verarbeiten müsste, um zu einer gut fundierten Entscheidung zu kommen, sei es keine Überraschung, dass die Wähler „geistige Abkürzungen“ nehmen. Heraus gefunden haben Olivola und Todorov dies mit einer interessanten Kombination aus Literaturstudium und Computersimulation. Erst haben die beiden Psychologen jene Gesichtsausdrücke identifiziert, die gemäß früheren Studien bei den meisten Menschen den Eindruck von Kompetenz erwecken. Dann manipulierten sie mit dem Computer diese Gesichtsausdrücke und ermitteln die Reaktionen ihrer freiwilligen Versuchspersonen. Heraus kam, dass der Anschein von Reife einerseits und körperliche Attraktivität andererseits die beiden wichtigsten Merkmale waren, aufgrund derer die Studienteilnehmer jemanden für kompetent hielten.

„Es wird keine leichte Aufgabe, die Menschen dazu zu bewegen, diese Macht des ersten Eindrucks zu überwinden“, fürchten Olivola und Todorov. Wegen der Schnelligkeit und dem Automatismus, mit dem Schlussfolgerungen aufgrund von Oberflächlichkeiten getroffen werden, seien diese Urteile nur schwer zu korrigieren. „Noch dazu ist es den Leuten oft nicht einmal bewusst, dass sie ihre Urteile anhand des Aussehens der Anderen treffen.“ Ein Patentrezept haben die beiden Forscher deshalb nicht zu bieten. „Den Einfluss des Fernsehens und anderer Medien zu kontrollieren wäre wohl extrem schwierig. Den Wählern eine bessere Bildung zukommen zu lassen wäre wahrscheinlich die bessere Strategie“, spekulieren die beiden Wissenschaftler.

Quelle:

Pharmaindustrie: Fragwürdige Selbstverpflichtung

Mit einer „freiwilligen Selbstverpflichtung“ wollen die forschenden Arzneimittelfirmen offenbar verlorenes Vertrauen wieder herstellen. Die Ergebnisse klinischer Studien müssen zwar bereits seit 2005 online veröffentlicht werden, allerdings waren dort oftmals nur sehr spärliche Informationen zu finden. Nun sollen in den online-Artikeln alle zu Studienbeginn vorgesehenen Auswertungen enthalten sein. Außerdem „muss“ jeder, der inhaltlich zu solch einer Fachpublikation beigetragen hat, aufgeführt werden – und zwar mit Angaben zur Art des Beitrages, der Zugehörigkeit zu einer Firma oder Institution „sowie zu potentiellen Interessenskonflikten“, teilt der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (VfA) in einer Pressemitteilung mit.

Dazu hätten sich der internationale und der europäische Pharmaverband sowie weitere nationale Verbände am 10. Juni 2010 geeinigt. Man wolle so eine „noch weitergehende Transparenz“ schaffen erklärte Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des VfA. Yzer war für die CDU von 1990 bis 1998 im Bundestag gesessen und von 1994 bis 1997 Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesforschungsministerium gewesen, von wo aus sie direkt in ihren neuen Beruf als Deutschlands oberste Pharmalobbyistin wechselte.

Während der VfA in seiner Pressemitteilung bei den Kernelementen der Selbstverpflichtung immer wieder das Wörtchen „muss“ gebraucht, erweist sich das Positionspapier selbst bei näherer Betrachtung als völlig unverbindliches Dokument. „Wir ermutigen alle Geldgeber klinischer Versuche, diesen Prinzipien zu folgen“, heißt es dort etwa. Dann folgt die Einschränkung, dass die Publikationen den Datenschutz der Autoren gewährleisten müssten, sowie geistige Eigentumsrechte und bestehende Verträge.

Zwar „sollten“ alle von der Industrie finanzierten klinischen Studien für eine Veröffentlichung „in Betracht gezogen werden“ – „egal ob die Ergebnisse für die Arznei des Herstellers positiv oder negativ sind“. Schon im nächsten Satz aber wird auch diese freundliche Ermahnung wieder eingeschränkt: „Mindestens sollten alle Ergebnisse aus Phase III-Studien zu Veröffentlichung eingereicht werden und alle medizinisch bedeutsamen Studienergebnisse.“

Die Publikation „sollte“ zeitnah erfolgen, und es folgt eine recht großzügige Auslegung von zeitnah als „wann immer möglich innerhalb von 12 Monaten und nicht später als 18 Monate nach Abschluss der Studie für Medizinprodukte, die bereits auf dem Markt sind“. Die gleiche, unverbindliche Frist gilt für Arzneien und Geräte, die noch in der Entwicklung sind. Gemessen wird hier ab „der Zulassung  durch die Behörden oder der Entscheidung des Herstellers, die Entwicklung einzustellen“.

In der Praxis würde dies bedeuten, dass eine Firma, die beispielsweise in einer Phase II-Studie mit 100 Patienten feststellt, dass ihr Arzneimittelkandidat unerträgliche Nebenwirkungen verursacht, sich durchaus ein halbes Jahr zur Entscheidungsfindung nehmen könnte. Danach blieben nochmals 1,5 Jahre Zeit bis zur Veröffentlichung der unerfreulichen Resultate, ohne gegen den Wortlaut oder den Geist der Selbstverpflichtung zu verstoßen.

Immer wieder waren in den vergangenen Jahren Pharmaunternehmen angeklagt worden, weil sie Studienergebnisse nur teilweise veröffentlicht und damit Patienten geschadet hatten. Dass dabei offenbar vorsätzlich solche Daten unter den Teppich gekehrt wurden, die den Herstellern der getesteten Arzneien nicht ins Konzept passten, hatte unlängst eine Veröffentlichung des Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) nahe gelegt.

Quellen:

Weitere Informationen:

  • Die Wikipedia über Klinische Studien: Warum man sie braucht, in welchen Stadien sie ablaufen und welche Interessenskonflikte dabei bestehen.
  • Entscheidungshilfe für Patienten, ob und warum sie an einer klinischen Studie teilnehmen sollten: Der Blaue Ratgeber der Deutschen Krebshilfe

Pharmaindustrie: Was nicht passt, wird verschwiegen

Es gibt viele Arten zu lügen, und eine davon ist es, die Wahrheit zu verschweigen. Offensichtlich ist diese Art von Lügen sowohl in der Pharmaindustrie als auch an Universitäten weit verbreitet, wie nun eine Untersuchung des Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) ergeben hat. Die noch unter Ex-Kanzler Gerhard Schröder gegründete Einrichtung hat unter anderem die Aufgabe, den Nutzen von Arzneimitteln unabhängig und im Interesse der Patienten und Beitragszahler zu bewerten. Und dass wir solch eine Einrichtung bitter nötig haben, beweisen die Mitarbeiter des IQWIG mit ihrer Studie, die soeben in der Fachzeitschrift Trials veröffentlich wurde. Was da genau ´drin steht, kann man hier nachlesen, die zugehörige Pressemitteilung habe ich im folgenden komplett abgedruckt:

Die Geheimarchive der Medizin

Niemand weiß, wie vielen Müttern und Kindern die Geburtszange bereits das Leben gerettet hat. Das Instrument gehört seit etwa 250 Jahren zur Grundausstattung jedes Kreißsaals. Trotzdem gibt es einen Schatten auf der Erfolgsgeschichte: Denn nachdem die Brüder Chamberlen die Zange Anfang des 17. Jahrhunderts erfunden hatten, wurde sie über 3 Generationen von ihnen und ihren Nachkommen eingesetzt, aber vor anderen Geburtshelfern geheim gehalten. Während die Familie der Chamberlens sich dank der Zange Ruhm und Reichtum erwarb, starben andernorts weiterhin Mütter und Kinder, weil das Instrument dort nicht verfügbar war.

Die Geschichte der Geburtszange ist eines der ältesten dokumentierten Beispiele dafür, welche Folgen Geheimhaltung in der Medizin haben kann. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben jetzt in einem Artikel für die Fachzeitschrift „Trials“ über 60 Fälle zusammengetragen, wie die Ausbreitung von Wissen in der Medizin behindert wurde. Dazu haben sie hunderte von Artikeln aus Fachzeitschriften und andere Quellen ausgewertet, unter anderem aus den Gebieten Psychiatrie, Schmerztherapie, Herz-Kreislauf-Medizin, Hautkrankheiten, Krebstherapie, und Infektionskrankheiten. Entsprechend groß ist auch die Spannbreite der betroffenen Verfahren: Sie reicht von Arzneimitteln über Impfstoffe bis hin zu Medizinprodukten wie Ultraschallgeräten oder Hilfsmitteln zur Wundversorgung. Die Sammlung liest sich wie ein Skizzenbuch zu einer Krimiserie.

Verschweigen ist häufig

Ein Gegengewicht zur Pharmaindustrie: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Foto: IQWIG)

In der Wissenschaft wird das Phänomen „publication bias“ genannt, zu Deutsch etwa „Verzerrung durch selektives Veröffentlichen“. Das geschieht auf zwei Ebenen. Auf der obersten Ebene bleiben ganze Studien unveröffentlicht: So zeigt eine Analyse von 90 neu in den USA zugelassenen Medikamenten, dass diese in insgesamt 900 Studien erprobt worden waren. Aber auch 5 Jahre nach der Zulassung waren 60 % dieser Studien noch nicht veröffentlicht. Auf der zweiten Ebene werden nur ausgewählte Ergebnisse aus Studien publiziert: Forscher müssen heute vor Beginn einer Studie in einem so genannten Studienprotokoll aufschreiben, welche Ergebnisse sie messen wollen und wie diese ausgewertet werden. Vergleiche mit späteren Veröffentlichungen in Zeitschriften zeigen, dass in 40 bis 60 % der Studien Ergebnisse entweder ganz weggelassen oder die Auswertungen geändert wurden. „Dadurch werden Studienergebnisse oft positiver dargestellt als sie es eigentlich sind“, sagt Beate Wieseler, Stellvertretende Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung im IQWiG.

Das betrifft nicht nur pharmafinanzierte Studien. So zitieren die IQWiG-Mitarbeiter eine Analyse, in der 2000 Studien im Bereich Krebsmedizin nach Geldgebern getrennt ausgewertet wurden. Hier war der Anteil publizierter Studien extrem niedrig: Von den industriefinanzierten Projekten waren 94 Prozent nicht veröffentlicht, aber auch von den durch Universitäten finanzierten Projekten fehlten 86 %. „Auch Zulassungsbehörden sind aufgrund gesetzlicher Regelungen teilweise dazu gezwungen Daten zurückzuhalten“, sagt Thomas Kaiser, Leiter des Ressorts Arzneimittelbewertung.

Den Schaden haben die Patienten

Das hat oft Konsequenzen für Patientinnen und Patienten. Es kann einerseits dazu führen, dass – wie im Fall der Geburtszange – vorteilhafte Maßnahmen zu spät eingesetzt werden oder sich zu langsam ausbreiten. Häufiger ist aber, dass gerade schlechte Nachrichten und Misserfolgsmeldungen unveröffentlicht bleiben. „Das hat zur Folge, dass Ärzte und Patienten Therapien einsetzen, die in Wahrheit nutzlos oder sogar schädlich sind“, sagt Beate Wieseler. Forscher schätzen zum Beispiel, dass in den 1980er Jahren verschriebene Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen zehntausende Menschen das Leben gekostet haben, weil frühe Hinweise auf gefährliche Nebenwirkungen nicht veröffentlicht wurden.

Appelle genügen nicht

Auslöser für die Suche der IQWiG-Mitarbeiter nach dokumentierten Beispielen für „publication bias“ waren die eigenen Erfahrungen, die das Institut in der täglichen Arbeit macht, zuletzt beispielsweise bei der Bewertung des Medikaments Reboxetin zur Behandlung von Depressionen. Hier hat das Pharmaunternehmen Pfizer dem IQWiG erst unter öffentlichem Druck Studien zur Verfügung gestellt, die es bis dahin unter Verschluss gehalten hatte. Und in diesen unveröffentlichten Studien schnitt Reboxetin erheblich schlechter ab, als es zuvor anhand der veröffentlichten Studien den Anschein hatte. „Über viele Jahre wurden Patientinnen und Patienten, aber auch Ärztinnen und Ärzte getäuscht“, sagt Beate Wieseler.

Die in „Trials“ veröffentlichte Fallsammlung zeigt, dass die Neigung, unliebsame oder nicht den eigenen Erwartungen entsprechende Ergebnisse unter den Tisch fallen zu lassen, so weit verbreitet ist, dass Appelle und Vorschläge freiwilliger Lösungen das Problem nicht wirksam beheben können. „Die zunehmende Anmeldung von Studien in öffentlichen Registern ist ein wichtiger erster Schritt“, sagt Thomas Kaiser: „Wir brauchen aber zum Schutz von Patienten gesetzliche Regelungen, damit Ergebnisse aller klinischen Studien zügig und vollständig veröffentlicht werden. “

Quelle:

Weitere Informationen:

Gut so: Mehr Geld für die Forschung

Jeder lebt in seiner eigenen Welt – aber meine ist die Richtige. Das singen nicht nur die Lassie-Singers auf einer leider längst vergriffenen CD. Auch ich will nicht bestreiten, manchmal eine sehr spezielle Sicht der Dinge zu haben. So sind zum Beispiel in meiner Welt die Forscher und Wissenschaftler, die Ärzte und die Ingenieure die Guten. Die Bösen dagegen sind die Banker, die Juristen und natürlich die Politiker – von der einen oder anderen Ausnahme ´mal abgesehen 😉

So gesehen ist es sehr erfreulich, dass in Deutschland immer mehr Geld für die Forschung ausgegeben wird, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtet. Demnach gaben alleine die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland im Jahr 2008  9,3 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus. Das waren 9,4% mehr als im Jahr 2007.

Ein Teil der Ausgabensteigerung sei auf „Sondereffekte bei der Max-Planck-Gesellschaft zurückzuführen, deren Haushalt zur Steuerkompensation aufgrund der Neubeurteilung der Unternehmereigenschaft durch die Finanzbehörden erhöht worden war“, heißt es in einer Presemitteilung und was dies nun genau zu bedeuten hat ist mir ziemlich schleierhaft.

Jedenfall betrug die Steigerung auch ohne die Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft  7,4 Prozent, und das ist ein gutes Zeichen. Noch besser finde ich, dass gut drei Viertel (75,9%) der Ausgaben für außeruniversitäre Forschung allein auf die Bereiche Naturwissenschaften (4,6 Milliarden Euro) und Ingenieurwissenschaften (2,5 Milliarden Euro) entfielen. Mit 1,2 Milliarden Euro haben die Geistes- und Sozialwissenschaften, meines Erachtens genug abgekriegt, schließlich sind Bleistifte billiger als Teilchenbeschleuniger und DNA-Sequenzer. Ziemlich knickrig scheint der Staat aber bei der Human­medizin mit schlappen 0,6 Milliarden Euro (6,5%) gegenüber 0,5 Milliarden Euro (5,2%) für die agrarwissenschaft­liche Forschung. Ist die Gesundheit nicht des Menschen höchstes Gut? Und sollten wir uns das nicht etwas mehr kosten lassen als – sagen wir Subventionen für betrügerischere Mitgliedsländer der Euro-Zone?

Aber ich will ja nicht polemisieren, sondern nur weitergeben, was ich vom Statistischen Bundesamt gelernt habe. Demnach entfielen im Jahr 2008 mit 7,1 Milliarden Euro gut drei Viertel (75,6%) der gesamten außeruniversitären Forschungsausgaben auf die gemeinsam von Bund und Ländern geförderten privaten Forschungseinrichtungen. Im Einzelnen waren dies die Helmholtz-Zentren mit 3,0 Milliarden Euro, die Institute der Max-Planck-Gesellschaft mit 1,6 Milliarden Euro, die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft mit 1,4 Milliarden Euro und die Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft mit Ausgaben von 1,0 Milliarden Euro. Auf die Akademien der Wissenschaften entfielen 100 Millionen Euro.

Schaut man auf die Gesamtbilanz, so entfiel nicht einmal ein Drittel der gesamten Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland im Jahr 2008 auf die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und die Hochschulen. Nahezu 70% der gesamten Forschungstätigkeiten fanden dagegen in Unternehmen statt. Insgesamt wurden 2008 nach vorläufigen Berechnungen 66,1 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aufgewendet. Dies entspricht einem Anteil von 2,6% am Bruttoinlandsprodukt. Das ist zwar nicht wenig. Allerdings sind alleine die Staatsschulden im Vorjahr um satte 116 Milliarden Euro auf nunmehr 1762 Milliarden Euro gewachsen. 45 Milliarden davon haben übrigens die Stützungsaktionen für die „notleidenden Banken“ gekostet. Wo unser Steuergeld besser angelegt wurde, mag jeder selbst beurteilen.

Mit dunkler Schokolade gegen den Schlaganfall?

Als Schokoladen-Fan freue ich mich über die folgende Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Postdam-Rehbrücke. Wenn es stimmt, was dessen Wissenschaftler in einer großen Studie mit 20000 Teilnehmern heraus gefunden haben, dann ist ein tägliches kleines Stück (rezeptfreier) dunkler Schokolade ähnlich wirksam zur Senkung des Schlaganfall- und Herzinfarkt-Risikos, wie die besten Medikamente, die es derzeit gegen Herzkreislauferkrankungen gibt. Natürlich ist dies kein seriöser Vergleich, und mancher Kollege wird mich deshalb vielleicht schelten, denn untersucht wurden im ersten Fall die Ernährungsgewohnheiten gesunder Männer, während die Medikamente ja in der Regel nur besonders gefährdeten Personen verschrieben werden. Aber interessant wäre es doch, so eine Vergleichsstudie von Statinen gegen Schokolade und ich würde mich dafür sogar freiwillig melden…

Langzeitstudie: Schokolade kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken

Der tägliche Verzehr von einem kleinen Stück Schokolade kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken, insbesondere für Schlaganfall. Dabei ist der Effekt zum Teil auf eine blutdrucksenkende Wirkung der Schokolade zurückzuführen. Zu diesem Ergebnis kam ein Forscherteam vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE), nachdem es die Daten einer großen Langzeitstudie mit circa 20000 Teilnehmern ausgewertet hatte.

Mmmm - dunkle Schokolade. Und gesund ist sie auch noch, denn sieben Gramm am Tag senken den Blutdruck senken und verringern dadurch das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle (Foto: Wikipedia)

Der in dunkler Schokolade enthaltene Kakao enthält viele Flavanole, die sich günstig auf die Elastizität der Blutgefäße und den Blutdruck auswirken. Dies haben in den letzten Jahren verschiedene klinische Kurzzeitstudien belegen können. Ergebnisse aus Langzeitstudien gab es aber kaum. Für die DIfE-Forscher war dies der Grund, den Sachverhalt mit Hilfe der Potsdamer Epic-Studiendaten zu überprüfen und mit dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung zu bringen. Die Epic-Studie ist ein europaweites Projekt, das die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Krebs und anderen chronischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes untersucht. Insgesamt hat Epic 519000 Teilnehmer, deren Daten von 23 Zentren in zehn Ländern erfasst werden. Epic ist eine prospektive Studie, was bedeutet, dass TeilnehmerInnen zu Beginn der Studie noch nicht an der zu untersuchenden Krankheit leiden. Die Risikofaktoren für eine bestimmte Erkrankung lassen sich so vor ihrem Entstehen erfassen. Bei retrospektiven („zurückschauenden“) Studien dagegen werden bereits erkrankte Menschen befragt. Diese Methode hat aber eine geringere Aussagekraft, weil die Daten durch ein schlechtes Gedächtnis und verfälschte Erinnerungen der Studienteilnehmer ungenauer sind.

In der aktuellen Studie erlitten während der durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von etwa acht Jahren 166 Studienteilnehmer einen Herzinfarkt – 136 Personen erkrankten an einem Schlaganfall. Aus den in den Jahren 1994 bis 1998 erhobenen Epic-Basisdaten ermittelten die Forscher die Zusammenhänge zwischen dem Schokoladenverzehr, dem Blutdruck und dem Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wie die Studie zeigt, haben Personen, die im Schnitt etwa sieben Gramm kakaohaltiger Schokolade pro Tag verzehren, im Vergleich zu Personen, die nur wenig Schokolade essen, ein um fast 40 Prozent verringertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dabei sank das Schlaganfallrisiko um fast die Hälfte – das Herzinfarktrisiko verminderte sich um 27 Prozent. Der Erstautor der neuen Studie, Brian Buijsse, war bereits vor vier Jahren durch die Auswertung einer niederländischen Bevölkerungsstudie mit 470 Männern zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen: Dort hatte sich gezeigt, dass Personen, die im Durchschnitt täglich vier Gramm Kakao verzehren, nicht nur einen niedrigeren Blutdruck, sondern in dem 15-jährigen Beobachtungszeitraum auch ein vermindertes Risiko hatten, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Vier Gramm Kakao ist eine Menge, die mit zehn Gramm Bitterschokolade vergleichbar ist.

„Schokolade ist für ihren blutdrucksenkenden Effekt bekannt. Da ein hoher Blutdruck für Schlaganfälle ein stärkerer Risikofaktor ist als für Herzinfarkte, haben wir erwartetet, dass der Schokoladenverzehr auch stärker mit einem verminderten Schlaganfallrisiko verbunden ist. Genau dies haben wir in den Studiendaten gesehen“, sagte Buijsse.

In der aktuellen Studie hatten die Personen mit dem höchsten Schokoladenverzehr einen geringeren Blutdruck als die Personen mit dem geringsten Schokoladenverzehr. Allerdings war der Blutdruckunterschied weniger stark ausgeprägt als in anderen Studien. Ein Grund für die relativ geringe Blutdrucksenkung könne die Vorliebe der meisten Studienteilnehmer für Vollmilchschokolade sein, mutmaßt Buijsse. Denn Vollmilchschokolade hat einen geringeren Kakaoanteil als Bitterschokolade und somit auch einen geringeren Anteil an blutdrucksenkenden Flavanolen.

Heiner Boeing, Studienleiter der Potsdamer EPIC-Studie, merkt an, dass die neuen Studienergebnisse keinen Freibrief für einen ungehemmten Schokoladenverzehr erteilen. Denn Schokolade in großen Mengen konsumiert macht dick und ist damit ungesund. Geringe Mengen Schokolade können dagegen die kardiovaskuläre Gesundheit verbessern. Dabei sind insbesondere Schokoladen mit einem hohen Kakaoanteil zu empfehlen.

Quellen:

Buijsse et al. Chocolate consumption in relation to blood pressure and risk of cardiovascular disease in German adults. European Heart Journal DOI 10.1093/eurheartj/ehq068

Buijsse B, Feskens EJ, Kok FJ, Kromhout D. Cocoa intake, blood pressure, and cardiovascular mortality: the Zutphen Elderly Study. Arch Intern Med. 2006 Feb 27;166(4):411-7.

Mit dem Laser gegen Altersweitsichtigkeit

Das ist ja ´mal eine interessante Geschichte zu einem Gebrechen, das mich ebenso betrifft wie so ziemlich jeden über 50: Die Altersweitsichtigkeit könnte womöglich mit einer neuartigen Lasertherapie überwunden werden. Zur Klarstellung: Dies ist ein Verfahren, das bisher nur im Tierversuch (an Kaninchen) und an den Augenlinsen verstorbener Organspender erprobt wurde. Dennoch möchte ich Professor Christian Ohrloff zitieren: „Diese Resultate sind sehr vielversprechend“, sagt der Direktor der Universitätsaugenklinik Frankfurt am Main. Das Verfahren der so geannnten fs-Lentotomie könnte erstmals die Altersweitsichtigkeit (Presbyopie) bei der Ursache angreifen, so Ohrloff.

Genaueres erklärt die folgende, nur leicht überarbeitete Pressemitteilung der Deutschen Ophthalmologische Gesellschaft (DOG):

Das Problem beginnt schon im mittleren Alter und zeigt sich zum Beispiel beim Lesen: Zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr erfassen die Augen der meisten Menschen nahe Ziele nicht mehr scharf. Ursache dieser Altersweitsichtigkeit oder Presbyopie ist die nachlassende Flexibilität der Linse. Zwar gleicht eine Lesebrille die verlorene Nahanpassung des Auges aus. Wiederherstellen lässt sich die verlorene Sehkraft aber bislang nicht. Ein neues Laserverfahren kann nun die Elastizität der Linse wieder erhöhen, wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) betont. Bisher noch in der experimentellen Phase, lässt dies erstmals auf eine ursächliche Therapie der Altersweitsichtigkeit hoffen.

Hauptursache der Presbyopie ist die zunehmende Verhärtung des Linsengewebes. Die Linse kann sich dadurch nicht mehr ausreichend abkugeln, um Gesehenes auf die Mitte der Netzhaut zu projizieren. „Dadurch rücken jene Objekte, die das Auge gerade noch fokussieren kann, mit steigendem Alter immer weiter in die Ferne“, erläutert DOG-Mitglied Professor Holger Lubatschowski vom Laser Zentrum Hannover. „Angesichts der älter werdenden Bevölkerung betrifft dieses Problem zukünftig immer mehr Menschen“, gibt Professor Christian Ohrloff, Mediensprecher der DOG zu  bedenken. Zwar ermöglichen neben der Lesebrille seit einigen Jahren auch implantierbare Kunstlinsen das Fokussieren auf nahe Gegenstände. Aber die Elastizität der natürlichen Linse ließ sich bislang nicht steigern.

Dies ändert jetzt der Femtosekunden-Laser (fs-Laser). Dessen ultrakurze Pulse nutzen Augenmediziner schon seit Jahren dazu, die Brechkraft der Hornhaut zu verändern. „Bei der neuen fs-Lentotomie schneidet der Laser gezielt feinste dreidimensionale Muster in die Linse“, sagt  Lubatschowski. „Die dadurch erzeugten Gleitebenen sollen die Elastizität erhöhen, so dass sich das Auge wieder dynamisch auf nahe Ziele einstellen kann.“ Ein Team um Lubatschowski prüfte das Verfahren zunächst an mehr als 40 menschlichen Autopsielinsen unterschiedlichen Alters. Bei zwei Drittel der Linsen stieg die Flexibilität, bei fast der Hälfte sogar um über 30 Prozent.

Zunächst waren unmittelbar nach dem Eingriff sowohl die vom Laser erzeugten Gasbläschen als auch die Schnittmuster im Linsengewebe sichtbar. Aber die Bläschen verschwanden binnen Stunden vollständig. Im Tiermodell am Kaninchen blichen die Schnittstrukturen während der folgenden Monate weitgehend aus. Inwieweit die noch verbleibenden geringen Spuren die Sehqualität beeinträchtigen, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen.  Abseits der Schnitte fanden die Forscher jedenfalls keinerlei verändertes Gewebe. Damit sei eine Trübung der Linse äußerst unwahrscheinlich, betonen sie.  Bis das Verfahren zum Einsatz kommen kann, seien jedoch noch „umfassende Studien“ nötig.

Quelle:

Lieber einen dicken Hintern…

… als einen dicken Bauch – so könnte man das Ergebnis einer Studie mit knapp 11000 Teilnehmern zusammenfassen, die Wissenschaftler der Universität München in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism veröffentlicht haben. Dabei ging es den Forschern allerdings nicht um Fragen des Geschmacks sondern um das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. Um dieses Risiko abzuschätzen haben Mediziner lange Zeit den so genannten Body-Mass-Index (BMI) genutzt, der sich ausrechnen läßt, wenn man die Körpermasse (in Kilogramm) teilt durch die Körpergröße (in Metern) zum Quadrat. Auch die Weltgesundheitsorgansisation (WHO) setzt trotz zunehmender Kritik von Experten noch immer auf diese Meßgröße.

Doch der BMI ist ein alter Hut – sagen jedenfalls die Münchener Wissenschaftler um Studienleiter Dr. Harald J. Schneider von der Medizinischen Klinik, Campus Innenstadt. In ihrer Untersuchung hatten sie bei knapp 11000 Freiwilligen anfangs sowohl den BMI gemessen als auch den als WHtR abgekürzten Wert, der sich ergibt, wenn man den Taillenumfang durch die Körpergröße teilt. Als die Forscher nach drei- bis achtjähriger Beobachtungszeit dann die Zahl der Infarkte mit den ursprünglich gemessenen BMI- und WtHR-Werten verglichen war das Ergebnis eindeutig: „Der BMI spielt keine Rolle für das Schlaganfall-, Herzinfarkt- oder Todesrisiko eines Menschen“, so Schneider.

Nicht die Menge, sondern die Verteilung des Körperfetts ist nämlich entscheidend für bestimmte Krankheits-Gefahren, erläutern die Wissenschaftler und sprechen deshalb auch von „gutem und bösem Fett.“ Der Speck um den Bauch – also um die Taille – kann schädliche Fettsäuren abgeben und verschiedene Botenstoffe in den Körper abgeben, die Entzündungen fördern, erklären sie. Das passiert auch und gerade in den Gefäßen, was die Arterienverkalkung (Arteriosklerose) vorantreibt und somit Infarkte begünstigt. Hüft-, Oberschenkel- und Gesäßfett hingegen haben nach jüngsten Erkenntnissen nichts mit dem Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen zu tun und wirken mitunter sogar schützend, wie manche Untersuchungen zeigen. „Es gibt immer mehr Studien, die belegen, dass die Messung des BMI wenig bringt“, sagt Schneider – und hofft nun darauf, „dass medizinische Fachgesellschaften und WHO ihre Empfehlungen für die Messung des Körperfetts bald ändern.“

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