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Presseschau vom 31. Dezember

Ja, ja. Die guten Vorsätze. Einer davon ist, mehr Leben auf meine Webseiten zu bringen. Deshalb gibt´s ab sofort alle paar Tage diese Presseschau mit Meldungen, die im weitesten Sinne mit Medizin und Gesundheit zu tun haben. Und los geht´s:

  • Das Land Baden-Württemberg „sitzt auf“ 2,6 Millionen Dosen Schweinegrippe-Impfstoff, empört sich die Badische Zeitung auf Seite 1, und meldet im Innenteil, dies sei nur ein Drittel der bestellten Menge. Im Ländle wurden demnach nur etwa eine Million Einwohner geimpft (von denen ich einer bin) und der Preis liegt bei sieben Euro pro Dosis.Für 30 Prozent der Bundesbürger wurde deutschlandweit Impfstoff geordert, wobei man noch von zwei notwendigen Impfungen ausging. Jetzt will man mit den Herstellern verhandeln, um weniger abnehmen zu müssen. Im Kommentar ereifert sich Michael Neubauer: „Ob bei Weltgesundheitsorganisation oder bei Politikerrunden: Die Impfstoffhersteller saßen an den Krisentischen.“ Und weiter „Sich die Frage zu stellen, wie stark Politik und Öffentlichkeit der Pharmalobby auf den Leim gegangen sind, muss ein Pflichtvorsatz fürs neue Jahr sein.“ Sorry, da muss ich widersprechen. Mag sein, dass man die Gefahr überschätzt hat, doch wer hätte es besser machen können? Der Politkommentator der Badischen Zeitung vielleicht? Nein – diese Gleichung hatte einfach zu viele Unbekannte und mir ist es allemal lieber, dass mein Steuergeld und meine Krankenkassenbeiträge solch eine Lebensversicherung mitfinanzieren, als Abwrackprämien, Milchbauersubventionen und anderen Blödsinn.
  • Das Statistikamt der EU, Eurostat, hat Vergleichszahlen über die Jugend in den 27 Mitgliedsländern der EU vorgelegt. Für mich sind interessant die Zahlen über den Anteil der Raucher bei den 15 – 24jährigen (35 Prozent). Nur die Ungarn und die Österreicher quartzen demnach mehr. Auch beim Saufen stehen deutsche Jugendliche in der ersten Reihe: Jeder zweite der 15 – 16-Jährigen ist hierzulande mindestens ein Mal im Jahr betrunken, neun von zehn in diesem Alter tranken mindestens ein mal im Jahr Alkohol. Bei der Drogen stellte Eurostat fest, dass knapp 15 Prozent der Deutschen zwischen 15 und 34 Jahren kiffen und 1,7 Prozent koksen. Dick sind sie auch noch: Mit 26,5 Prozent Übergewicht für die Altersklasse von 15 bis 24 und 42,7 Prozent für die Altersklasse von 25 bis 34 liegen wir jeweils auf Platz drei unter den 27 EU-Ländern.

Klima & Gesundheit: Bewegung ist besser als Spritsparen

Statt Autos mit niedrigem Benzinverbrauch zu kaufen sollten umweltbewusste Menschen lieber aufs Fahrrad umsteigen oder zu Fuß gehen, rät ein internationales Team von Wissenschaftlern. Wie Professor Ian Roberts, James Woodcock und deren Kollegen in der Fachzeitschrift Lancet für die Großstädte London und Delhi vorrechnen, ließe sich damit nicht nur die Luftverschmutzung reduzieren, sondern auch mehrere Tausend Todesfälle jährlich verhindern. Die Forscher von der London School of Hygiene and Tropical Medicine sowie weiterer Einrichtungen in Großbritannien, Indien, den USA und Neuseeland hatten mehrere Szenarien für die Verkehrsplanung bis zum Jahr 2030 entworfen und deren Auswirkung auf die Gesundheit der Menschen berechnet.

Trotz der gewaltigen Unterschiede zwischen den beiden Millionenstädten London und Delhi ergaben sich in beiden Fällen klare Vorteile für eine Politik, bei der die Bedürfnisse von Fußgängern und Radfahrern gegenüber dem motorisierten Verkehr Vorrang haben. Für die englische Hauptstadt mit ihren 7,5 Millionen Einwohnern ließen sich dadurch ein Zehntel bis zu einem Fünftel aller Herzerkrankungen und Schlaganfälle verhindern, was bis zu 6800 Todesfällen jährlich entsprechen würde. Auch an Demenzen, Brust- und Darmkrebs sowie an Diabetes und Depressionen würden voraussichtlich jeweils mehrere Hundert Menschen pro Jahr weniger sterben, schätzen die Forscher. Bei ihren Hochrechnungen berufen sie sich auf insgesamt 79 Studien mit mehr als einer Million Teilnehmern. Sie alle haben gezeigt, dass Menschen, die sich mehr bewegen, seltener von den genannten Krankheiten betroffen sind.

Vergleicht man nun die Bevorzugung von Fußgängern und Radfahrern mit einer Politik, die auf den vermehrten Einsatz von Energie sparenden Autos setzt, so brächte die Förderung der „aktiven Bewegung“ in London einen 40 Mal größeren Nutzen für die Gesundheit; in Delhi wäre der Nutzen sieben Mal so groß. Dabei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Londoner doppelt so viel zu Fuß gehen wie heute und acht mal so große Entfernungen mit dem Fahrrad zurück legen. Im Jahr 2030 müssten sie dann im Durchschnitt 573 Kilometer laufen und 1239 Kilometer Rad fahren. Die Forscher merken an, dass solche Werte in einigen besonders umweltbewussten Städten Europas bereits erreicht werden, beispielsweise in Kopenhagen, Amsterdam und Freiburg.

In ihren Szenarien haben Roberts und Woodcock auch den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid berechnet. Macht man ohne große Änderungen weiter wie bisher („Business-as-usual“), so wird sich der Ausstoß pro Kopf in London auf 1,17 Tonnen erhöhen – eine Zunahme von vier Prozent gegenüber dem Jahr 1990. Erzwingt die Politik den Einsatz Energie sparender Autos, so würde der Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 auf 0,73 Tonnen sinken – ein Rückgang um 35 Prozent gegenüber dem Jahr 1990. Anreize, mehr zu Fuß zu gehen und das Fahrrad zu benutzen, hätten einen geringfügig größeren Effekt auf die CO2-Emissionen: Jeder Londoner würde dann 0,69 Tonnen Kohlendioxid verantworten; das wären 38 Prozent weniger als im Jahr 1990.

Den größten Gewinn für Mensch und Umwet hätte man, wenn beide Maßnahmen miteinander verbunden würden. Mit einem Pro-Kopf-Ausstoß von 0,45 Tonnen CO2 wäre dann eine Verringerung des Werte von 60 Prozent gegenüber 1990 erreicht. Die Einwohner von Delhi würden dann mit 0,36 Tonnen zwar weniger CO2 als ihre Zeitgenossen in London verursachen, ihr Ausstoss gegenüber 1990 hätte sich gleichwohl verdoppelt.

„Wenn man Stadtfahrten mit dem eigenen Auto durch aktive Bewegung ersetzt, lassen sich erhebliche Gewinne für die Gesundheit und reduzierte Kohlendioxid-Emissionen erreichen“, bilanzieren die Forscher. Den Stadt- und Verkehrsplanern empfehlen sie: „Der Gang zu Fuss oder die Fahrt mit dem Rad sollte in der Stadt jeweils die direkteste, bequemste und schönste Route sein.“ Dafür müsse man Investitionen umschichten vom Straßenbau hin zu einer besseren Infrastruktur für Radfahrer und Fußgänger. „Gegenüber Autos und Lastwagen sollten Fußgänger und Radfahrer den direkten Weg für sich haben und an den Kreuzungen die Vorfahrt genießen“, fordert das Wissenschaftlerteam.

Quelle:

Woodcock, J et al. Public health benefits of strategies to reduce greenhouse-gas emissions: urban land transport. The Lancet, online 25 November 2009 DOI:10.1016/S0140-6736(09)61714-1

Kein Wunschdenken: Alter Körper – frischer Geist

Wer so wie ich ständig über Alzheimer und anderer Gedächtniskrankheiten (Demenzen) schreibt, könnte leicht verzweifeln: Fast jede Veröffentlichung zu diesem Thema verweist auf die mehr als eine Million alter Menschen, die bereits heute in Deutschland an Alzheimer leiden. Ohne einen echten Durchbruch bei der Entwicklung neuer Arzneien sagen Statistiker eine Verdoppelung dieser Zahl in naher Zukunft voraus. Und schon bei meiner ersten Geschichte zu diesem Thema (vor nunmehr 20 Jahren) sagte mir der damals hierzulande führende Forscher, Professor Konrad Beyreuther, resignierend: „Wenn wir alt genug werden, kriegen wir alle Alzheimer“. Da kommt mir eine Geschichte mit dem Titel „Alter Köper – frischer Geist“ gerade recht, die ich dem Magazin amPuls Online der Universität Freiburg entnehme. Vier von fünf Senioren beiben demnach von der gefürchteten Krankheit verschont.

Professor Michael Hüll, Demenz-Experte am dortigen Klinikum sieht die Sache positiv und betont: Das Nachlassen des Gedächtnisses jenseits der 60 muss nicht sein. Bei bestimmten Fähigkeiten nimmt die Leistung sogar zu. „80 Prozent der über 80-jährigen haben keine Demenz“, sagt Hüll, Demenz-Experte des Universitätsklinikums Freiburg, wenn er auf die Gefahren der Altersdemenz angesprochen wird. Keinesfalls will er, dass diese ernsthafte Krankheit unterschätzt wird.

Doch vier von fünf Menschen werden im hohen Alter keine größeren Probleme mit dem Merken von Neuem, Erinnern von Erlebtem und Wiedererkennen vertrauter Gesichter haben. „Beim normalen Altern verliert der Mensch keine Nervenzellen“, sagt der Leiter der Sprechstunde für Gedächtnisstörungen. Die Zusammenhänge zwischen Alter und Gedächtnis seien nämlich weniger beunruhigend, aber deutlich komplizierter, als allgemein angenommen. Mit dem Alter macht der Körper Veränderungen durch, die sich auf manche Fähigkeiten positiv, auf andere negativ auswirken. So sind Sportler in den meisten Disziplinen mit 25, spätestens 30 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Danach nehmen Kraft und Ausdauer aber auch die Reaktionsgeschwindigkeit nachweisbar ab. „Wenn Michael Schuhmacher mit 40 Jahren doch nicht wieder Rennen fahren will, wird das auch an seiner Reaktionsfähigkeit liegen“, ist sich Gedächtnis-Experte Hüll sicher. Während die Fähigkeit zu hören und zu sehen abnimmt, können wir nicht mehr so schnell so viele Informationen aufnehmen und verarbeiten wie in jungen Jahren. Die Folge: Das Gehirn hat es schwerer, die zum Teil unvollständigen Informationen zu verarbeiten. Der Mensch reagiert langsamer, braucht mehr Zeit um Sachverhalte zu erkennen – er wird aber nicht unbedingt vergesslicher.

Der Versuch einem Gespräch zu folgen kann zum Beispiel schlicht am schlechten Hören scheitern. Beobachter denken hingegen, dass viele Einzelheiten vergessen wurden. „Große Schriftsteller haben ihre besten Werke meistens im Alter geschrieben“, nennt Hüll den Gegenpol zur abnehmenden körperlichen Leistungsfähigkeit. Während diese sinkt, und mit ihr die Möglichkeit Informationen schnell zu verarbeiten, reifen im Alter soziale Fähigkeiten und das Verständnis für Zusammenhänge erst richtig heran.

Altersweisheit ist daher kein bloßes Gerücht. „Welt- und Erfahrungswissen können zusammen mit einer zunehmenden sprachlichen Gewandtheit die Abnahme unserer Verarbeitungsgeschwindigkeit kompensieren“, ist sich der Experte sicher. Bei der Frage, wie sich das Gehirn nun bis ins hohe Alter fit halten lässt, scheiden sich jedoch die Geister. Ein Patentrezept gibt es ohne Zweifel nicht. Dafür mehren sich Hinweise, was sich positiv auf die Gedächtnisleistung auswirken kann. „Das Gehirn lässt sich nicht trainieren wie ein Muskel“, sagt Experte Hüll. Aber vielfältige Anregungen von Geburt an steigern sehr wahrscheinlich die Chance, auch im hohen Alter geistig fit zu sein. Viele Sozialkontakte und vielfältige Interessen halten das Denkorgan am Laufen.

Die besten Grundlagen für die „graue Masse“ legen sich dabei in jungen Jahren: „Eine gute schulische und berufliche Ausbildung gibt Hirnreserven im Alter“, so Hüll. Auch wichtig: Es gibt Hinweise, dass die sogenannte „mediterrane Ernährung“ mit wenig Fleisch und regelmäßigem Fischkonsum sich auf den Erhalt unseres Denk-Organs auswirkt. Andererseits gibt es Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Demenz steigern. Wenig körperliche Bewegung, einseitige Ernährung oder Depressionen mitsamt sozialer Zurückgezogenheit gelten unter Experten als Risiko-Faktoren. Die meisten dieser Faktoren lassen sich durch unsere Lebensführung beeinflussen. Eine Garantie gegen Alzheimer ist das sicher nicht, aber doch ein erneuter handfester Hinweis, dass jeder selbst etwas tun kann, um seine Gefährdung zu verringern.

Weitere Informationen:

Transzendentale Meditation gegen den Herztod?

Mit Skepsis habe ich eine Pressemeldung zur Kenntnis genommen, wonach Herzpatienten durch Anwendung der Transzendentalen Meditation® ihr Risiko nahezu halbiert hätten, Infarkte oder Schlaganfälle zu erleiden und an ihrer Krankheit zu sterben. Dies sei das Ergebnis einer Studie, die auf der weltgrößten Konferenz von Herzspezialisten in Chicago vorgestellt wurde, erfahre ich vom Büro für Öffentlichkeitsarbeit des Medical College Wisconsin. Demnach waren 201 Afro-Amerikaner mit verengten Herzkranzgefäßen im Rahmen einer Studie nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Die eine Gruppe dieser besonders Infarkt-gefährdeten Menschen hatte die üblichen Arzneien gegen Gefäßverkalkung und Bluthochdruck bekommen und war in Vorträgen auf Vorbeugemaßnahmen wie Sport und eine gesunde Ernährung hingewiesen worden. Die andere Gruppe bekam ebenfalls Medikamente, statt der Vorträge meditierte man hier jedoch zwei mal täglich 15 bis 20 Minuten gemäß der Anleitung eines „Experten“.

„Über fünf Jahre hinweg hatten die Patienten, die zusätzlich zur Standardbehandlung die Transzendentale Meditation praktizierten, um 47 % weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle“, entnehme ich der Pressemitteilung. Sowohl der Studienleiter Robert Schneider, als auch dessen Kollege Theodore Kotchen verweisen darauf, dass Blutdruck-senkende Arzneien in großen Studien die Infarktrate lediglich um ein Viertel reduziert haben, und selbst die viel gepriesene Medikamentenklasse der Statine die Herzsterblichkeit „nur“ um 30 bis 40 Prozent zu senken vermag.

„Insgesamt hat sich die Transzendentale Meditation (TM) als ebenso mächtig erwiesen, wie jede Art von neuen Herzmedikamenten auf dem Markt“, behauptet Schneider. Die von der Amerikanischen Herzgesellschaft (AHA) veröffentlichte Kurzzusammenfassung der Studie (der „Abstract“) verrät mir allerdings, dass man gemäß den Regeln der Statistik gerade eben so schließen durfte, dass die TM wirksamer war als die Arzneien. Wer es genauer wissen mag: Der so genannte p-Wert mit dem man die Irrtumswahrscheinlichkeit mißt, betrug 0,048. Ist er größer als 0,050 gilt eine Hypothese als nicht bestätigt. Aussagekräftiger sind da schon die absoluten Zahlen der Infarkte, Schlaganfälle und Todesfälle. Mit der Standardbehandlung gab es 31 solcher „Ereignisse“, in der TM-Gruppe waren es 20.

Beeindruckender scheint auf den ersten Blick die im Lauf der Untersuchung nachgewiesene Senkung des oberen Blutdruckwertes um durchschnittlich 5,1 (p=0,012). Mit anderen „Entspannungstechniken“ wie Yoga und Tai Chi, Spaziergängen und sogar durch Beten wurden allerdings in anderen Studien ähnlich starke Blutdrucksenkungen beobachtet. Selbst wenn sich in unabhängigen großen Untersuchungen die „Halbierung“ der Herzsterblichkeit durch TM bei Schwarzen bestätigen ließe, muss dies noch lange nicht gelten für Menschen mit weißer (oder gelber) Hautfarbe. Bekannt ist nämlich, dass gerade die Afro-Amerikaner innerhalb der USA die ethnische Gruppe mit dem höchsten Infarktrisiko bilden – und es ist logisch, dass diese auch am stärksten von einer Blutdrucksenkung profitieren.

Klarer Interessenskonflikt

Geschäftstüchtiger Yogi: Der 2008 verstorbene Maharishi (via Wikipedia)

Geschäftstüchtiger Yogi: Der 2008 verstorbene Maharishi (via Wikipedia)

Es gibt weitere Gründe, skeptisch zu sein. Studienleiter Robert Schneider ist nämlich Direktor des Instituts für Naturmedizin und Prävention an der Maharishi Universität für Management in Fairfield, Iowa. Diese Einrichtung ist nach eigener Darstellung „keine gewöhnliche Universität“ und wurde von dem 2008 verstorbenen Maharishi Magesh Yogi gegründet. Maharishi wiederum ist ein indischer Guru, der sich von seinem Lehrer Guru Dev die Transzendentale Meditation abgeschaut, sie im Westen bekannt und dort zu einer religiösen Bewegung ausgebaut hat.  Populär wurde die TM in den 1960er Jahren, als die Beatles und andere Berühmtheiten zu meditieren begannen. Den Begriff  „Transzendentale Meditation“ hat Maharishi sich markenrechtlich schützen lassen, was bedeutet, dass nur die Anhänger seiner Bewegung sie unterrichten dürfen. Auf bis zu fünf Millarden Euro wird das Vermögen der Organisation geschätzt, die heute als „Globales Land des Weltfriedens“ auftritt. Wer die „TM“ lernen will zahlt dafür in Deutschland 2322 Euro.

Und die Moral von der Geschicht? Wer glaubt, die Schweinegrippe sei eine Verschwörung der Pharmaindustrie oder Antidepressiva für gefährliche Wohlfühldrogen hält, der sollte auch  Sensationsmeldungen aus dem Bereich der Alternativmedizin mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnen. Und wer seinen Blutdruck senken will, kann beim Spazieren gehen jede Menge Geld sparen.

Quellen:

USA: Pharma-Lobby schreibt Reden für Politiker

Hut ab vor dem Kollegen Robert Pear, der am vergangenen Sonntag in der New York Times auf Seite 1 enthüllte, wie die Gentechnikfirma Genentech Dutzenden von US-Politikern ihre Worte in den Mund legte. „Im Parlament sprechen viele mit einer Sprache – und zwar der der Lobbyisten“, so könnte man die Überschrift des Artikels übersetzten (hier geht´s zum Original). Dem Journalisten war aufgefallen, dass viele Politiker immer wieder die Biotech-Industrie lobten – und zwar teilweise mit identischen Sätzen. Einer der sich dafür nicht zu Schade war, war der Republikanische Abgeordnete Joe Wilson. Während der heftigen Debatten um die Reform des US-amerikanischen Gesundheitssystems sagte Wilson: „Einer der Gründe, warum ich die US-Biotechindustrie schon lange unterstützte ist, dass dies eine hausgemachte Erfolgsgeschichte ist und ein Motor zur Schaffung neuer Arbeitsplätze für unser Land“. Den Exakt gleichen Satz hatte auch Wilsons Parteigenosse Blaine Luetkemeyer genutzt. Die schönen Worte stammten allerdings nicht von den beiden „Volksvertretern“, sondern sie wurden von Lobbyisten geschrieben, die in der US-Hauptstadt Washington für die Firma Genentech arbeiten.

E-Mails, die der New York Times vorliegen, zeigen demnach, dass die Lobbyisten die gleiche Botschaft in zwei Varianten an die Abgeordneten heran trugen: Eine für Angehörige der Demokratischen Partei und eine zweite Variante für Republikaner. Mit dieser Strategie seien die Lobbyisten so erfolgreich gewesen, dass die entsprechenden Äußerungen auch mehrfach im Congressional Record landeten, der offiziellen Zeitung, in der alle Tätigkeiten und Debatten des US-Parlaments für die Öffentlichkeit und die Geschichtsbücher dokumentiert werden.

Genentech, das mittlerweile vom Schweizer Pharmariesen Roche übernommen wurde, war die erste reine Biotechnologiefirma der Welt und zählt heute zu den vier größten Unternehmen in diesem Bereich. Wie Pear berichtet, hätten insgesamt 42 Abgeordnete beider Parteien Argumente aus den Vorlagen der Lobbyisten übernommen. Die nahe liegende Frage, ob und welche Gegenleistungen die Politiker für das Nachplappern der Pharmaparolen bekommen haben, beantwortet der Journalist zwar nicht. Pear deckt aber auf, dass die Stellungsnahmen aus der Feder von Matthew L. Berzok stammen, einem Anwalt der Kanzlei Ryan, MacKinnon, Vasapoli & Berzok. Verteilt wurden die Statements dann von den Lobbyisten einer anderen Kanzlei, Sonnenschein Nath & Rosenthal. Zum Beweis zitiert Pear aus einer E-Mail, die einer der Leiter der Kanzlei geschrieben hat: „“Wir versuchen alles menschenmögliche, um so viele republikanische und demokratische Kongressabgeordnete für diese Stellungsnahmen zu gewinnen, wie wir können“, gab Todd M. Weiss die Richtung vor und wies seine Lobbyisten an: „aggresiv auf unsere Kontaktleute einzuwirken, damit deren Bosse die angehängten Stellungsnahmen in die öffentlichen Aufzeichnungen bringen.“

Pear hat übrigens auch einen nicht namentlich genannten Lobbyisten befragt, „der Genentech nahe steht“. Für diesen Mann war die Sache offensichtlich wenig aufregend: „So etwas passiert jeden Tag“, sprach der Lobbyist. „Daran war überhaupt nichts Schändliches.“

Depression – Das heimliche Leiden

Robert Enke ist tot und ungezählte Fans sind ebenso fassungslos wie die Familie, Freunde, Nachbarn und Kollegen des deutschen Fußballnationaltorwarts. Dass ein körperlich gesunder Mensch mit 32 Jahren seinem Leben ein Ende bereitet, ist für die meisten unerklärlich – zu weit weg sind sie von jenen düsteren Geisteswelten in denen so viele Depressive gefangen sind. Mein Mitgefühl, aber auch meine Bewunderung gilt Teresa Enke, die den Mut hatte, auf einer Pressekonferenz im Detail über jenes grausame Gedanken-Gefängnis zu berichten, in dem ihr Mann so lange eingesperrt war. Denn noch immer ist die Depression – wie die meisten „Geisteskrankheiten“ – von Mauern des Schweigens und des Unverständnis umgeben. Es sind diese Mauern, hinter denen die „Seelenfinsternis“ wachsen kann. Dank Teresa Enke werden viele nun genauer hinschauen.

Je früher die versteckte Volkskrankheit erkannt wird, umso besser stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung, betont Professor Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Freiburg. „Wichtig ist, dass die Depression vom behandelnden Arzt schnellstmöglich erkannt wird, um eine speziell auf den Patienten zugeschnittene Therapie beginnen zu können“, denn „wurde die richtige Diagnose einmal gestellt, kann 80 Prozent der Erkrankten in einem überschaubaren Zeitraum entscheidend geholfen werden“, sagt Berger in amPuls-online, einer Veröffentlichung der Uniklinik Freiburg.

Dort wird auch auf Zahlen der Weltgesundheitsorganisation verwiesen, wonach Depressionen die häufigste Ursache sind für „durch eine gesundheitliche Behinderung gravierend beeinträchtigten Lebensjahre.“ Laut den deutschen Rentenversicherern zählen Depressionen zu den wichtigsten Ursachen für Krankschreibungen und Berentungen – mit steigender Tendenz. Depressionen können in jedem Lebensalter auftreten. Die erschreckend hohe Suizidrate von 15 Prozent bei schwer erkrankten depressiven Langzeitpatienten, unterstreicht die Wichtigkeit einer frühzeitigen Therapie. Unwissenheit, Verdrängung oder Schamgefühle hindern jedoch oft Betroffene daran, sich der Umwelt zu öffnen oder einen Arzt aufzusuchen.

Ein Nadelöhr beim Aufspüren der heimlichen Krankheit sind offensichtlich die Hausärzte, schließe ich aus einer Studie der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Freiburg. Die ergab nämlich, dass eine entsprechende Schulung von Hausärzten die Erkennungsrate bei Depressionen auf 70 Prozent verdoppelte. Anders gesagt übersehen selbst Hausärzte zwei von drei Depressionen. Dabei ist Schnelligkeit entscheidend, denn „je weniger Krankheitsepisoden der Patient bis zum Beginn einer Therapie durchlebt hat, desto besser ist die langfristige Prognose“, so Berger.

Die genaue Grundlage der Depression ist noch nicht ausgemacht, heißt es bei amPuls-online. Einigkeit besteht jedoch bereits darüber, dass es kein einzelnes Depressionsgen gibt. Familien- und Zwillingsstudien belegen zwar eine genetische Veranlagung zur Depression. Die Zwillingsstudien zeigen auch, dass die Gene nur ein Teilfaktor sind. Selbst bei eineiigen Zwillingen erkrankt der Zwillingspartner nur in etwa mehr als der Hälfte der Fälle. Zu bedenken sei, dass zwischen genetischen Faktoren und sozialen Umweltfaktoren komplizierte Wechselbedingungen bestehen.

Der zweite Faktor für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko sind belastende Erfahrungen in der Kindheit. Bei genetisch oder durch eine schlimme Kindheit vorbelasteten Patienten genügen oft schon kleine Auslöser, wie ein Zeitzonen- oder Jahreszeitenwechsel, um die Depression auszulösen. Dies kann auch Berger bestätigen: „Tatsächlich verzeichnen wir in Frühling und Herbst die meisten Depressionserkrankungen.“

Der Einsatz von so genannten Antidepressiva sei heute nicht mehr so umstritten wie vor einigen Jahren, berichtet der Psychiater. Diese Medikamente sollen die Stimmung aufhellen, den inneren Antrieb normalisieren und so gleichzeitig die körperlichen Beschwerden wie Rückenschmerzen und Schlaflosigkeit verringern. Sie wirken gezielt auf die Übertragung der Nervenimpulse im Gehirn. „Antidepressiva lösen bei einigen Patienten und ihren Angehörigen Bedenken aus“, weiß Berger, und urteilt: „Die Nebenwirkungen sind bei den heutigen Medikamenten meist gering, eine Suchtgefahr besteht nicht.“ Unabdingbar sei in der Regel eine begleitende psychotherapeutische Behandlung. Solch eine Psychotherapie bezieht das soziale Umfeld der Patienten mit ein und versucht, seelische Belastungen in alltäglichen Situationen Schritt für Schritt abzubauen. Kritische und krankheitsverursachende Lebenssituationen sollen dabei bearbeitet werden und gemeinsam mit dem Patienten probt der Therapeut, den Umgang mit schwierigen emotionalen Situatonen und vermittelt ein positives Selbstbild.

Weitere Informationen:

  • Das Heft Depressionen überwinden der Stiftung Warentest beschreibt ausführlich den Stand des Wissens über Depressionen und deren Behandlungsmöglichkeiten.
  • Seelenfinsternis heißt das Buch eines holländischen Psychiaters. Die einfühlsame Autobiographie hilft, depressive Menschen besser zu verstehen.
  • Zwei Bücher, die sich kritisch mit den gesellschaftlichen Hintergründen von Depressionen und dem möglichen Missbrauch von Medikamenten auseinandersetzten, sind Verdammt schöne Welt von Elisabeth Wurztel (im englischen Original Prozac Nation) sowie die überarbeitete Fassung des Klassikes Listening to Prozac von Peter D. Kramer. Leider scheint es dazu keine aktualisierte deutschsprachige Ausgabe zu geben, sondern lediglich die 1995 erschienene Übersetzung Glück auf Rezept
  • Das Deutsche Bündnis gegen Depression entstand aus einem Forschungsprojekt, dem Kompetenznetz Depression. Auf den Webseiten gibt es ein eindrückliches Informationsvideo, ein Forum sowie zahlreiche Fakten für Betroffene und Angehörige.
  • Nein, ich schäme mich nicht für eine Broschüre mit dem Titel „Zurück ins Leben“, die ich im Jahr 2003 für den Verband forschender Arzneimittelhersteller erstellt habe.
  • “Es ist, als ob die Seele unwohl wäre”, heißt eine umfangreiche und sehr lesenswerte Broschüre, die meine Kollegin Claudia Eberhardt-Metzger im Auftrag des Bundesforschungsminsteriums erstellt hat. Sie kann auf der Seite http://www.bmbf.de/publikationen/2705.php bestellt werden oder Sie können die Publikation direkt im pdf-Format herunterladen (ca. 1,5 MB)
  • Immer noch lesenswert: Das Stern-Extra „Blick in die Seele“
  • In einem Artikel für den Gesundheitsdienst Netdoktor.de erläutert einer der führenden Fachleute, Professor Ulrich Hegerl, Wissenswertes zur Depression. Dort finden sich auch Informationen zu den verschiedenen Arzneimitteln gegen die Krankheit.
  • Das Onlineportal Denke positiv, welches von der Pharmafirma Wyeth “unterstützt” wird, informiert multimedial über Depressionen und Angsterkrankungen. Auch das Unternehmen Lundbeck unterhält eine eigene Website mit brauchbaren Informationen und Services zur Depression und anderen Erkrankungen des Gehirns.

Gentherapie stoppt schwere Hirnerkrankung

Französische, deutsche und amerikanische Wissenschaftler haben womöglich einen Durchbruch in der Gentherapie erzielt. Durch die Transplantation gentechnisch veränderter Blutstammzellen ist es ihnen bei zwei siebenjährigen Jungen gelungen, eine fatale erbliche Erkrankung des Gehirns aufzuhalten – die Adrenoleukodystrophie (ALD). Auf einer Pressekonferenz in Paris verkündeten die Wissenschaftler gestern ihren Erfolg; heute veröffentlichte die Fachzeitschrift Science dann Details zu dem gelungen Versuch. Demnach haben die Forscher den zwei Buben vor mehr als zwei Jahren zunächst defekte Blutstammzellen entnommen und diesen Zellen dann mithilfe eines „umgebauten“ Virus gezielt ein Gen hinzugefügt. Anschließend hatten Ärzte die schadhaften blutbildenden Zellen im Körper der Kinder mit Medikamenten ausgemerzt. Im letzten Schritt erhielten die beiden Jungs dann mit einer Infusion die gentechnisch reparierten Zellen aus dem Labor zurück in den Körper, wo sie sich vermehrten und den Krankheitsprozess zum Stillstand brachten.

Schema zur Gentherapie gegen Adrenoleukodystrophie (Grafik mit freundlicher Genehmigung von Patrick Aubourg)

Schema zur Gentherapie gegen Adrenoleukodystrophie (Grafik mit freundlicher Genehmigung von Patrick Aubourg)

Zum Beweis präsentierten die Forscher Aufnahmen von den Gehirnen der beiden Jungs, die vor und nach dem Eingriff mit einem Kernspintomographen aufgenommen wurden. Sie zeigen, dass der für die ALD typische Verlust der lebenswichtigen „Isolierungsschicht“ (Myelinscheide) um die Nerven bald nach der Gentherapie zum Stillstand kam. Im Vergleich dazu zeigen die Aufnahmen eines unbehandelten Achtjährigen, dass die Schäden sich dort wie bei einem Flächenbrand fast über das gesamte Gehirn ausbreiteten. Auch die neurologische Untersuchung bestätigt den Erfolg der Gentherapie: Während vier unbehandelte Kinder zwei Jahre nach Ausbruch der ALD gelähmt, stumm und blind waren, seien die geistigen und körperlichen Funktionen des einen Gentherapie-Empfängers bis auf eine Sehstörung normal und unverändert geblieben. Der zweite Junge, dem man die genmanipulierten Zellen verabreicht hatte, behielt ebenfalls sein Sprachvermögen. Seine körperliche Leistungsfähigkeit ging zwar auf einer Skala von ursprünglich 99 auf 74 Punkte zurück, blieb aber von da an stabil.

Die einzige Möglichkeit, die ALD zu stoppen war bisher eine Knochenmarktransplantation. Allerdings ist dieser radikale Eingriff mit einem Sterberisiko von fünf bis 20 Prozent äußerst riskant und außerdem nur in jenen Fällen möglich, wo auch ein geeigneter Spender zur Verfügung steht. Dies war bei den beiden Jungen, an denen die Gentherapie der ADL erstmals erprobt wurde, nicht der Fall. Umso mehr freute sich der leitende Arzt des internationalen Forscherteams, Patrick Aubourg: „Dies ist das erste Mal, dass wir solch eine Gen-Fähre erfolgreich beim Menschen benutzt haben und es ist auch das erste Mal, dass eine sehr schwere Erkrankung des Gehirns mittels Gentherapie wirksam behandelt wurde“, sagte der Professor für Kinderheilkunde an der Universität Paris-Descartes. Etwa 35 Babies pro Jahr werden in Frankreich mit ADL geboren, in Deutschland sind es schätzungsweise 40.

An der Entwicklung der Genfähre, auf die Aubourg viele Jahre lang gehofft hat, waren deutsche Wissenschaftler vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg maßgeblich beteiligt, darunter auch der Sprecher des Direktoriums, Professor Christof von Kalle. In einem Video-Interview erinnerte der Mediziner daran, dass ein früher Versuch, Stammzellen des Blutes mit gentechnisch veränderten Retroviren „umzuprogrammieren“ schwere Nebenwirkungen hervorgerufen hatte. Zwar konnte damals bei zehn von elf Kindern die bislang unheilbare Immunschwäche X-SCID besiegt werden, allerdings hatten mehrere Kinder Jahre später einen Blutkrebs (Leukämie) entwickelt. Für die Therapie der ALD hatten die Heidelberger Forscher deshalb Gensequenzen aus einem anderen Virus genutzt – und zwar aus dem menschlichen Immunschwächevirus HIV. Dass ausgerechnet der Aids-Erreger das geeignete Rohmaterial für eine Gentherapie des Gehirns liefern sollte, mag Laien verrückt erscheinen, doch scheint die Rechnung aufzugehen.

„Dies ist die erste Machbarkeitsstudie, die zeigt, dass auf der Basis von Aids-Viren konstruierte Genfähren für therapeutische Zwecke beim Menschen genutzt werden können“, so von Kalle. Die Krankheit könne gestoppt und der Schaden repariert werden und man hoffe, damit langfristig auch einen Ausblick auf eine mögliche Heilung der ALD zu schaffen. Nun gelte es, diese Technik weiter zu entwickeln, damit auch andere Gendefekte damit korrigiert werden können.

Dass auch die neue Therapie trotz etlicher Vorsichtsmaßnahmen nicht ohne Risiko ist, gab indes der Franzose Aubourg zu bedenken: Obwohl die Konstruktion der Genfähre die Patienten weniger anfällig mache für Nebenwirkungen könne im schlimmsten Fall nicht ausgeschlossen werden, dass die Biologie der manipulierten Blutzellen gestört werde. „Es gibt noch viel zu tun, um diese Form der Gentherapie wirksamer, einfacher und billiger zu machen“, sagte Aubourg. „Dies ist nur der Anfang.“

Hintergrund: Lorenzos Öl und die Adrenoleukodystrophie

Die Adrenoleukodystrophie (ALD) ist eine seltene Erbkrankheit, die zum Verlust der lebenswichtigen „Isolierungsschicht“ (Myelinscheide) um die Nerven führt und damit zu einer Art „Kurzschluss“ des Gehirns. Bekannt wurde das Leiden durch den Film „Lorenzos Öl“, in dem die Geschichte von Lorenzo Odone erzählt wird, der im Alter von sechs Jahren mit ADL diagnostiziert wurde. Lorenzos verzweifelte Eltern hatten daraufhin auf eigene Faust ein Heilmittel gesucht und glaubten dies auch mit einer speziellen Mischung zweier Öle gefunden zu haben. Tatsächlich überlebte Lorenzo ungewöhnlich lange und starb erst mit 30 Jahren. Bei vielen anderen Kindern blieb Lorenzos Öl indes erfolglos, Experten sind überwiegend skeptisch und unerwähnt bleibt meistens auch, dass Lorenzo selbst seit seinem 15 Lebensjahr gelähmt und schwerst behindert war.

Quellen:

Weitere Informationen:

  • Der Bundesverein Leukodystrophie informiert Betroffene und Angehörige. Auch im Myelin-Projekt Deutschland haben sich Menschen zusammen gefunden, die an Entmarkungskrankheiten wie Multipler Sklerose oder Leukodystrophie leiden. Ebenso wie das amerikanische Vorbild, das Myelin-Project wirbt man auch für Spenden um die Forschung voran zu bringen, bei denen die „Isolierschicht“ der Nerven (das Myelin) zerstört wird. Gegründet wurde diese Organisation von Augusto und Michaela Odono, deren Suche nach einem Heilmittel für ihren Sohn Lorenzo die Vorlage für den Film Lorenzos Öl lieferte.
  • Gentherapie: Nebenwirkung Krebs. Ein Artikel von Focus-Redakteurin Claudia Gottschling über den ernüchternden Ausgang einer Studie, bei der elf Kinder mit einer seltenen Immunschwäche zunächst erfolgreich behandelt worden waren.
  • Lorenzos Öl – die vollständige Geschichte hieß ein Beitrag der BBC, der die Legende von einem Heilmittel gegen ALD in Zweifel zieht (auf englisch)

Hirnscans zeigen das Kühlsystem im Kopf

Jeder kennt sie, die faszinierenden bunten Bilder von der „Aktivität“ unseres Denkorgans. Doch was genau mit der zugrunde liegenden Methode der funktionellen Kernspintomographie (fMRI, auch Kernspinresonanz genannt) dargestellt wird, ist unter Experten umstritten. Nun glauben japanische Hirnforscher, das Rätsel gelöst zu haben: Dort, wo der Computer Hirnregionen in rot oder anderen warmen Farbtönen darstellt, fließt besonders viel Blut, weil dort die Wärme abgeleitet werden muss, die von aktiven Nervenzellen produziert wird, schließen die Professoren Tsutomu Nakada und Kiyotaka Suzuki von der japanischen Niigata-Universität aus Modellrechnungen, die sie kürzlich auf einem Fachkongress in Chicago vorgestellt haben.

Hirnaktivität beim Tippen mit dem linken Zeigefinger (Foto: Wikipedia)

Hirnaktivität beim Tippen mit dem linken Zeigefinger (Foto: Wikipedia)

„Was immer wir tun erfordert Arbeit vom Gehirn“, erklären die Forscher. Welche Teile des Denkorgans dabei aktiv werden, hängt von der Art der Arbeit ab – sei es ein Fußball- oder ein Schachspiel. Bekannt ist, dass dann auch der Blutfluss in den beteiligten Hirnregionen zunimmt und dass die fMRI diese Veränderung anhand der Menge der von roten Blutkörperchen transportierten Sauerstoffmoleküle sichtbar machen kann. Die bisherige Vermutung, dass dies den Nährstoffverbrauch der Nervenzellen widerspiegelt, sei jedoch falsch, beteuern Nakada und Suzuki. Deren Berechnungen zufolge wäre im Blutstrom nämlich etwa sechs Mal mehr Energie in Form von Zucker- und Sauerstoffmolekülen enthalten, als die Nervenzellen für ihre Aktivitäten benötigen. „Dieser Unterschied war für Hirnforscher bislang ein ärgerliches Rätsel“, sagen die Japaner, und sie verweisen darauf, dass solch riesigen Unterschiede zwischen Verbrauch und Bedarf in der Natur äußerst ungewöhnlich seien.

Ihre Forschung zeige nun, dass die bei der fMRI gemessene Zunahme des Blutflusses ein Mechanismus ist, mit dem das „Überhitzen“ von Nervenzellen verhindert wird. Der Blutfluss, der in nicht aktiven Hirnregionen – also im „Ruhezustand“ – statt findet, würde nämlich nur drei Viertel der Wärme abtransportieren können, die von aktiven Teilen des Denkorgans erzeugt wird. „Unser Modell hat bestätigt, dass die Zunahme des Blutflusses bei der Aktivierung von Hirnregionen genau den nötigen Umfang hat, um die zusätzliche Wärme abzuführen“, rechen die Neurowissenschaftler vor.

Quelle:

  • Nakada T, Suzuki K, Kwee I.L.: Excess heat removal is likely to be the main role of increase in regionla blood flow associated with brain activation. Abstract 406.3 des 2009 Neuroscience Meeting Planner. Chicago, IL: Society for Neuroscience, 2009. Online.

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Tai Chi dämpft Schmerzen bei Kniegelenks-Arthrose

Ältere Patienten, die unter einem vorzeitigen Verschleiß des Kniegelenks leiden, können ihre Schmerzen offenbar durch regelmäßige Tai Chi-Übungen vermindern. Wie der Mediziner Dr. Chenchen Wang und dessen Kollegen von der Tufts University School of Medicine in der Fachzeitschrift Arthritis Care and Research berichten, hat man die Wirksamkeit des chinesischen Volkssports bei 40 übergewichtigen Senioren erfolgreich getestet. Die durchschnittlich 65 Jahre alten Versuchsteilnehmer wurden per Los in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen die eine zwei mal wöchentlich für eine Stunde Tai Chi-Unterricht erhielt, während die andere Gruppe über ihre Krankheit – die Kniegelenksarthrose – informiert wurde und zusätzlich 20-minütige Dehnungsübungen absolvierte.

Nach zwölf Wochen stellten die Wissenschaftler anhand einer speziellen Schmerzskala (WOMAC) fest, dass die Schmerzen bei den Tai Chi-Praktikern wesentlich stärker abgenommen hatten, als bei der Vergleichsgruppe. Außerdem förderten die Tai Chi-Übungen sowohl die Fitness als auch das Selbstvertrauen stärker als die spezielle Krankheitsberatung, und in der Tai Chi-Gruppe traten zudem Depressionen seltener auf.

Tai Chi-Übungen im Smog von Shanghai (Foto: Jgremillot via Wikipedia)

Tai Chi-Übungen im Smog von Shanghai (Foto: Jgremillot via Wikipedia)

Der ursprünglich als Kampfkunst entwickelte chinesische Volkssport Tai Chi (auch T ai-Chi-Ch´uan oder chinesisches Schattenboxen genannt) besteht aus extrem langsamen, fließenden Bewegungen, die mit großer Konzentration ausgeführt werden. Die Übungen sollen angeblich nicht nur die Gesundheit fördern, sondern auch die Entwicklung der Persönlichkeit, sagen Anhänger des Tai Chi. Wissenschaftlich untersucht wurde die Methode jedoch erst in den vergangenen Jahren. Dabei sank in mehreren Studien der Blutdruck der Teilnehmer, andere fanden eine verbesserte Balance und in einer weiteren Untersuchung führte das Tai Chi zu mehr Fingerspitzengefühl.

„Tai Chi ist eine Methode für Geist und Körper, die als Behandlung für Ältere mit Kniegelenksarthrose geeignet ist“, folgerte Wang aus seiner Studie. Die körperlichen Übungen stünden im Einklang mit aktuellen Empfehlungen zur Behandlung des krankhaften Gelenkverschleißes. Wie manche andere Forscher ist auch Wang davon überzeugt, dass die geistigen Übungen und Meditationen des Tai Chi die negativen Auswirkungen der Schmerzen auf die Patienten vermindern, indem sie die Psyche stabilisieren und die Zufriedenheit mit dem Leben erhöhen. „Unsere Beobachtungen unterstreichen die Notwendigkeit, die biologischen Wirkungen des Tai Chi näher zu untersuchen, damit mehr Menschen davon profitieren können“, so Wang.

Quelle:

  • Wang C et al. Tai Chi Is Effective in Treating Knee Osteoarthritis: A Randomized Controlled Trial. Arthritis Care and Research. Online, 29. Oktober 2009. DOI:10.1002/art.24832

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Gentherapie hilft blinden Kindern

Im Kampf gegen die Blindheit hat ein US-amerikanisches Forscherteam in Zusammenarbeit mit italienischen und belgischen Augenärzten erhebliche Fortschritte gemacht. Wie die Fachzeitschrift Lancet vermeldet, gelang es bei vier Kindern mit einer seltenen Form erblicher Blindheit – der Leber-Amaurose – den Verlust des Augenlichts nicht nur aufzuhalten, sondern auch das Sehvermögen erheblich zu verbessern. Alle Kinder erlangten wieder die Fähigkeit, sogar bei schwachem Licht Objekte zu erkennen und Hindernissen auszuweichen. Den größten Erfolg erzielten die Wissenschaftler mit einem achtjährigen Jungen, der fast die gleiche Lichtempfindlichkeit erreichte wie gesunde Gleichaltrige. Videoaufnahmen des Jungen, der vor und nach der Behandlung versucht, einen Hindernisparcour zu durchlaufen, wurden ins Internet gestellt und belegen den Triumph der Wissenschaftler, dem mehr als zwei Jahrzehnte von Laborexperimenten und Tierversuche mit Mäusen und Hunden voraus gegangen waren.

Insgesamt wurden 12 Patienten im Alter zwischen acht und 44 Jahren behandelt. Sie erhielten jeweils in das Auge mit dem schlechteren Sehvermögen eine einzige Spritze mit einem gentechnisch veränderten Virus. Diesem Virus hatten die Geningenieure die Erbinformation für ein Enzym mit auf den Weg gegeben, das die Zellen in der Netzhaut der Patienten wegen eines Gendefektes nicht herstellen konnten. Dieser Gendefekt tritt extrem selten auf und betrifft nur rund sechs Prozent aller Patienten mit der Leber-Amaurose vom Typ 2. In ganz Nordamerika und Europa werden jährlich nur etwa zehn Babies mit dieser Erbkrankheit geboren. Theoretisch ist es aber möglich, die Prozedur so abzuändern, dass auch andere Formen der Leber-Amaurose und weiterer erblicher Augenkrankheiten damit behandelt werden könnten.

Wie die Forscher um Albert Maguire und Katherine High von der Universität Pennsylvania in Philadelphia berichten, gaben alle zwölf Patienten bereits zwei Wochen nach der Spritze an, ihr Sehvermögen im Dämmerlicht habe sich verbessert. Keiner der Patienten habe ernsthafte Nebenwirkungen verspürt, heißt es weiter in der Fachpublikation. Am deutlichsten zeigte sich die Wirkung der Genspritze beim Pupillenreflex, der sich bei allen Versuchspersonen um mindestens das Hundertfache verstärkte. Mit verschiedenen Messmethoden ermittelten Ärzte die Sehschärfe ihrer Patienten und fanden eine „deutliche und stabile Zunahme“ bei sieben der zwölf Versuchspersonen, bei vier war sie unverändert und nur bei einem verschlechterte sie sich. Sechs der zwölf Probanden gelten vor dem Gesetz nun nicht mehr als blind, das heißt ihr Sehvermögen beträgt mehr als ein 50stel gegenüber normalsichtigen Personen.

Erfolgreich nach 20 Jahren: Katherine High (Mitte) und Kollegen (Foto: Children's Hospital of Philadelphia)

Erfolgreich nach 20 Jahren: Katherine High (Mitte) und Kollegen (Foto: Children's Hospital of Philadelphia)

Die beste Wirkung erzielte die Genspritze bei den Kindern, was zu erwarten war, da die Leber-Amaurose eine fortschreitende Erkrankung ist, die sich von Geburt an immer weiter verschlimmert und normalerweise im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt zur völligen Erblindung führt. Katherine High, eine Pionierin der Gentherapie, zeigte sich begeistert über den Ausgang der Versuche: „Dieses Experiment zeigt dramatische Ergebnisse bei der Wiederherstellung des Sehvermögens für Patienten, die zuvor keine Behandlungsmöglichkeit hatten. Die neuen Erkenntisse könnten auch die Entwicklung von Gentherapien für häufigere Erkrankungen der Netzhaut beschleunigen – etwa für die Makuladegeneration.“

In einem Kommentar, ebenfalls im Lancet, bestätigten diese Einschätzung auch zwei unabhängige Forscher: „Zwar hat es bei Gentherapieversuchen mit Retroviren einige unvorhergesehene Rückschläge gegeben“, erinnern die Niederländer Frans Cremers und Rob Collin vom Medizinischen Zentrum der Universität Nijmegen, beides anerkannte Spezialisten für erbliche Augenkrankheiten. „Die neue Studie aber wird der Gentherapie neuen Auftrieb verleihen und gibt Anlass zur Hoffnung für Patienten mit erblicher Blindheit und anderen genetischen Störungen.“

Quellen: