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“Größte Wissenschaftskonferenz aller Zeiten”

35 Jahre nach ihrer Gründung hat die US-amerikanische Society for Neuroscience die Grenzen des Wachstums noch immer nicht erreicht. Im Gegenteil durfte das jüngste Jahrestreffen in der US-Hauptstadt Washington mit 34800 Teilnehmern und rund 17000 Forschungsarbeiten den Titel „größte Wissenschaftskonferenz aller Zeiten“ beanspruchen, so die scheidende Präsidentin des Verbandes, Carol Barnes von der University of Arizona in Tucson. Von praxisnahen Präsentationen zu experimentellen Therapien neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen über die Feinheiten der Sinnesphysiologie bei Fledermäusen, Hummern und anderem Getier reichte das Spektrum der Präsentationen bis hin zu den neuronalen Korrelaten höchst menschlicher Eigenschaften wie Empathie und Altruismus.

Quasi zur Einstimmung waren 14000 Neurowissenschaftler zu einem Vortrag des Dalai Lama gekommen, der seinen Zuhörern neben zahlreichen Komplimenten für deren Arbeit auch die Ermahnung mit auf den Weg gab, ihre Forschung in den Dienst der Menschheit zu stellen. Falsch sei die Ansicht, daß die Gesellschaft Wissenschaft und Technik einfach nur fördern solle und die Wahl, was man mit den Ergebnissen macht, dann dem Einzelnen überlassen, erklärte der Friedensnobelpreisträger und spirituellen Führer des tibetanischen Volkes, der für seine Rede mit anhaltendem Applaus bedacht wurde.

Positive Daten zu Amyloid-lösendem Wirkstoff bei Alzheimer

Obwohl der Schwerpunkt des Meetings noch immer auf der Grundlagenforschung liegt, gab es  auch allerlei Praxisrelevantes zu berichten. Ein Highlight: Der Wirkstoff MPC-7869 (Flurizan) der Firma Myriad kann womöglich in einem frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit bei einem beträchtlichen Teil der Patienten den Verfall der geistigen Leistungen verlangsamen. Außerdem können diese Patienten viele Alltagsaktivitäten (ADL) länger verrichten. Im Gegensatz zu den bisher verfügbaren spezifischen Arzneien wirkt Flurizan nicht auf den Botenstoffwechsel des Gehirns, sondern es verringert die Ablagerungen bestimmter Eiweißbruchstücke (Aß) im Gehirn, die von den meisten Wissenschaftlern als Hauptursache des geistigen Verfalls angesehen werden.

207 Patienten hatten in kanadischen und britischen Kliniken entweder ein Scheinmedikament (Plazebo) oder Flurizan zwei Mal täglich in Konzentrationen von 400 Milligramm oder 800 Milligramm zusätzlich zu ihren normalen Medikamenten erhalten. Als effektiv erwies sich in der auf 12 Monate angelegten Untersuchung die höhere Dosierung des Wirkstoffes bei Patienten im frühen Stadium der Krankheit (MMSE größer oder gleich 20), nicht jedoch bei denjenigen, wo das Leiden schon weiter fortgeschritten war.

Die positive Bewertung durch Studienleiterin Sandra E. Black, Neurologieprofessorin an der Universität Toronto, stützt sich zwar nur auf jene 60 Prozent (n=29) der Patienten mit leichter Alzheimer-Krankheit und hoher Flurizan-Dosierung, die auch hohe Plasma-Konzentrationen des Wirkstoffes erreichten. Hier aber vermochte die Substanz den Verfall bei der Bewältigung von Alltagsaktivitäten um 62 Prozent gegenüber Plazebo zu verringern und um 36 Prozent in einem Gedächtnistest, der spezielle für diese Krankheiteit entwickelt wurde, dem sogenannten ADAS-cog. In der Nachbeobachtung hätten sich diese Unterschiede weiter vergrößert, berichtete Black in Washington, und nach 18 Monaten seien die Gedächtnisleistungen sogar gegenüber den 1-Jahres-Werten geringfügig angestiegen.

Für die Firma Myriad sind die Resultate offensichtlich ausreichend, um das Risiko einer groß angelegten Phase III-Studie einzugehen. Wie auf der Website des Unternehmens verlautet, sucht man in den USA 1600 Probanden ab 55 Jahren, bei denen eine mögliche leichte Alzheimer-Krankheit (MMSE 20 – 26) diagnostiziert wurde. Sie sollen ab Februar 2006 an der multizentrischen, doppel-blinden und Plazebo-kontrollierten Studie NCT00105547 teilnehmen, deren Hauptziel es erneut ist Veränderungen der geistigen Leistungen und bei den Aktivitäten des täglichen Lebens zu erfassen. Außerdem sollen in naher Zukunft auch deutsche Patienten die Gelegenheit bekommen, an der weltweiten Studie “Act Early AD” mit Flurizan teilzunehmen. (ACHTUNG: Nachdem sich die ursprünglichen, positiven Daten für Flurizan in weiteren Studien nicht bestätigt haben, wurde die Entwicklung im Juli 2008 eingestellt. Stand Oktober 2009 gab es keinerlei Suchergebnisse mehr zu Flurizan auf der Webseite der Firma Myriad)

Tango gegen Trägheit

Dass regelmäßige, schweißtreibende Übungen nicht nur die körperliche Fitness verbessern, sondern auch die Denkfähigkeit, ist schon lange bekannt. Die Methode allerdings, mit der Patricia McKinley, Assistenzprofessorin an der McGill Universität in Montreal, die Trägheit ihrer Probanden überwunden hat, läßt aufhorchen:

„Weil ich selbst eine begeisterte Tänzerin bin und es alten Menschen keinen Spaß macht, sich stundenlang auf dem Laufband zu quälen, habe ich einer Gruppe allein lebender Senioren Tangostunden angeboten“, sagte McKinley. Mit dem ungewöhnlichen Ansatz sollte auch die Sturzgefahr für Senioren verringert werden, daher wählte man zunächst 30 Alte zwischen 62 und 90 Jahren aus, die im Vorjahr mindestens ein Mal hart gefallen waren und die nun Angst vor weiteren Stürzen hatten.

Während die eine Hälfte der freiwilligen Versuchsteilnehmer über zehn Wochen hinweg zwei mal wöchentlich je zwei Stunden Tangounterricht bei einem professionellen Lehrer erhielt, schickte man die andere Hälfte zu Vergleichszwecken in die städtischen Grünanlagen spazieren.

Vor Beginn und nach Ende der zehn Wochen absolvierten die Senioren eine Reihe schwieriger Tests für Gedächtnis, Balance und Beweglichkeit. Beispielsweise mußten die Teilnehmer möglichst lange auf einem Bein stehen, sich auf engem Raum drehen oder im Laufen das Alphabet aufsagen und bei jedem Schritt einen Buchstaben überspringen.
Es zeigte sich, daß die Tänzer gegenüber den Spaziergängern sowohl ihre Balance und Körperhaltung als auch die Koordination eindeutig verbesserten. „Die Angst, einen weiteren Sturz zu erleiden, war einem neuen Selbstvertrauen gewichen“, so McKinley. Bei den geistigen Übungen schnitten die Tänzer ebenfalls besser ab, wenn auch der Unterschied bei den Gedächtnistests nicht groß genug war, um die Überlegenheit der Tangostunden gegenüber den Spaziergängen eindeutig zu belegen.

Letztlich sei der Tangotanz eine geschickt getarnte Übung, erklärt sich McKinley ihren Erfolg: „Erst kamen die Leute im Trainingsanzug, dann wurden die Herren eleganter und die Frauen begannen, sich zu schminken und Schmuck anzulegen“. Die meisten hätten weitere Lehrstunden sogar aus eigener Tasche bezahlt.

Vagusnerv-Stimulation gegen Bulimie

Neben der anhaltenden Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe und psychologischen Therapieansätzen erobert auch die Neurochirurgie weitere Anwendungsgebiete. So konnte die Psychiaterin Patricia Faris von der Universität Minnesota in Minneapolis von einer – allerdings nicht plazebokontrollierten – Pilotstudie berichten, bei der die Stimulation des Vagusnerves erstmals erfolgreich gegen die Bulimie zum Einsatz kam.

Einige der zehn austherapierten Patientinnen mit durchschnittlich 23 Eß- und Brechattacken pro Woche litten seit mehr als 20 Jahren an der Krankheit. „Bei diesen wirklich schweren Fällen schien es uns gerechtfertigt, die Implantation eines Nervenstimulators zu erproben“, erläuterte Jessica Cici, aus der Arbeitsgruppe von Faris. Allen Teilnehmerinnen wurde deshalb ein etwa 12000 Dollar teures Gerät der Firma Cyberonics in der linken Brust unterhalb des Schlüsselbeins implantiert. Ausgehend von einem Taktgeber, der durch die Haut hindurch programmiert werden kann, wurden dabei mehrere drahtförmige Elektroden um einen bestimmten Bereich des linken Vagusnervs herumgewickelt. Schließlich ermittelten die Ärzte eine optimale Folge elektrischer Reize, mit der sie hofften, den ihrer Theorie nach überaktiven Vagusnerv auf ein normales Maß dämpften.

Zwölf Wochen nach dem Eingriff waren fünf der zehn Patientinnen von ihren Eß- und Brechattacken vollständig befreit. Bei den anderen traten die Anfälle deutlich seltener auf – insgesamt wurde die Zahl der Attacken um 90 Prozent vermindert. Einige Patientinnen hätten sich nach dem Eingriff „ein bißchen unwohl“ gefühlt, sagte Cici. Als Nebenwirkung seien vorübergehende Heiserkeit und Atemschwierigkeiten aufgetreten, sowie ein Kitzeln in der Kehle und ein flaues Gefühl im Magen.

Ein Schönheitschirurg hatte dafür gesorgt, daß bei dem Eingriff lediglich eine kaum sichtbare Narbe im Dekolleté zurückblieb. Nach dem erfolgreichen Abschluß dieser Pilotstudie soll der Vagusnerv-Stimulator nun an 100 weiteren Patientinnen in mehreren US-Kliniken erprobt werden. „Wir hoffen, dann eine Erlaubnis der Zulassungsbehörde FDA zu bekommen, um das System zur Behandlung der Bulimie einzusetzen“, sagte Faris.

Daß die Vagusnerv-Stimulation einmal zur Standardbehandlung gegen die Bulimie werden könnte, glaubt die Forscherin aber nicht: Neben den 12000 Dollar für das Gerät schlugen nämlich die Operation und die Krankenhauskosten mit 30000 Dollar pro Patientin zu Buche.

[Bei dem Text handelt es sich um die “Laienversion” eines Kongreßberichtes, den ich für DNP (Der Neurologe und Psychiater) erstellt habe]

Quellen / Abstracts der zitierten Studien:

  • S. Black, G. Wilcock, J. Haworth, S. Hendrix, K. Zavitz, M. Binger, J. Roch, M. Laughlin, E. Swabb, A. Hobden. A PLACEBO-CONTROLLED, DOUBLE-BLIND TRIAL OF THE SELECTIVE A42-LOWERING AGENT FLURIZAN IN PATIENTS WITH MILD TO MODERATE ALZHEIMERS DISEASE: EFFICACY, SAFETY, AND FOLLOW-ON STUDY RESULTS Program No. 586.6. 2005 Abstract Viewer/Itinerary Planner. Washington, DC: Society for Neuroscience, 2005. Online
  • A.C. Jacobson, P.A. McKinley, A. Leroux, C. Rainville. ARGENTINE TANGO DANCING AS AN EFFECTIVE MEANS FOR IMPROVING COGNITION AND COMPLEX TASK PERFORMANCE IN AT-RISK ELDERLY: A FEASIBILITY STUDY Program No. 757.7. 2005 Abstract Viewer/Itinerary Planner. Washington, DC: Society for Neuroscience, 2005. Online
  • P.L. Faris, E.D. Eckert, R.S. Daughters, L.R. Iversen, K. Borgen, J.M. Cici, C. Adams-Merrill, R.E. Maxwell, B.K. Hartman. VAGUS NERVE STIMULATION THERAPY IN SEVERE BULIMIA NERVOSA Program No. 529.8. 2005 Abstract Viewer/Itinerary Planner. Washington, DC: Society for Neuroscience, 2005. Online.]

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Mitgefühl – Eine Tugend wird erforscht

Eigentlich könnte man den kommenden Festtagen gelassen entgegensehen – und vor allem den Ansprachen des Papstes und des Bundespräsidenten, die wie jedes Jahr zu Nächstenliebe und Mitgefühl aufrufen werden, zu mehr Solidarität und Engagement und weniger Gier und Geiz.

Denn wir waren gut. Wir haben uns auf dem Postamt angestellt und Päckchen und Kärtchen verschickt an Kunden, Freunde und die ferne Verwandtschaft, und diese mit Dank und Lob und kleinen Aufmerksamkeiten und Gebäck und frommen Wünschen bedacht. Wir haben auch alle Wunschlisten abgearbeitet und unsere Liebsten beschenkt. Und über 30 Millionen Deutsche haben in den vergangenen 12 Monaten Geld gespendet, gaben rund 3,5 Milliarden Euro für die Armen und Hungrigen in der Welt, für Tsunamiopfer und Kinderdörfer, fürs Rote Kreuz oder die Rettungsschwimmer.

Warum eigentlich?

Zunehmend interessieren sich Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen für diese Frage. Verhaltensforscher und Volkswirte, Psychologen und Psychiater, auch Mathematiker wollen den Ursprung menschlicher Tugenden wie Mitleid, Nächstenliebe oder Selbstlosigkeit verstehen. Nicht nur reine Neugier treibt die Forscher dabei um, sondern auch die Hoffnung auf neue Therapien gegen Krankheiten wie Autismus oder Schizophrenie, deren Opfer sich nicht oder nur zeitweise in andere Menschen hineinversetzen können. Andere wollen gar wissenschaftlich fundierte Techniken zur Selbstverbesserung entwickeln. So könnte man Gewalttäter wieder in die Gesellschaft integrieren, spekulieren sie. Wieder andere Forscher interessieren sich für die Wirkung religiöser Praktiken wie Meditation, Andacht und Versenkung auf das Gehirn. Sie halten es für möglich, daß die neuen Erkenntnisse auch ungläubigen Menschen den Weg zu Selbsterkenntnis und Besserung eben.

„In einer Zeit weltweiter Konflikte wird es immer wichtiger zu verstehen, wovon unser Verhalten gegenüber Fremden beeinflußt wird“, sagt Elisabeth Phelps, Professorin für Psychologie an der New York University. „Mitgefühl empfinden zu können verstärkt den Gemeinsinn und es verringert Feindseligkeiten“, so Phelps kürzlich auf der Jahrestagung der US-Gesellschaft für Neurowissenschaften in Washington D.C., wo zahlreiche neue Forschungsarbeiten zur Empathie vorgestellt wurden. Auf der gleichen Veranstaltung hatte auch der Dalai Lama für einen Vortrag vor 14000 Hirnforschern großen Applaus geerntet, bei dem der Friedensnobelpreisträger dafür plädierte, Wissenschaft und Religion sollten gemeinsam daran arbeiten, menschliches Leiden zu überwinden.

Pessimisten mögen auf Kriege und Terroranschläge verweisen, auf Massenentlassungen aus Profitgier und auf den Erfolg der „Geiz ist geil“-Kampagne. Es bleibt die Tatsache, daß unzählige Menschen Gutes tun, ohne dabei an sich selbst zu denken. Schon lange trachten Soziobiologen danach, dieses altruistische Verhalten im Sinne von Darwin´s Evolutionstheorie zu deuten: Vereinfacht gesagt kann demnach eine Art durchaus davon profitieren, daß Einzelne sich für die Gemeinschaft opfern. Dazu paßt, daß die Opferbereitschaft im Allgemeinen umso größer scheint, je enger die „Märtyrer“ mit den Nutznießern der Aktion verwandt sind.

Immer genauer zeigen Hirnforscher uns, welche Nervenschaltkreise an der Verarbeitung von Emotionen wie Liebe und Zuneigung beteiligt sind. Nur wenige Quadratzentimeter gross sind etwa die Areale, die auf computergenerierten Hirnbildern regelrecht aufleuchten, wenn Frauen oder Männer das Abbild ihrer Geliebten sehen. Der Schweizer Andreas Bartels, der heute am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen arbeitet, lokalisierte das  „neuronale Korrelat der romantischen Liebe“ in Teilen der „medialen Insula“ und des „anterioren Cingulus“ der Großhirnrinde, sowie in tiefer liegenden Arealen des „Nucleus caudatus“ und des „Putamen“. Etliche Experimente und Untersuchungen von hirngeschädigten Patienten haben gezeigt, daß auch negative Emotionen in ganz bestimmten Strukturen verarbeitet werden, beispielsweise Angst im sogenannten Mandelkern (Amygdala) und Ekel in der „Insula“ der Großhirnrinde sowie in tiefer gelegenen Nervenknoten, den Basalganglien.

Untersucht man Mütter mit einem Kernspintomographen, während sie Bilder ihrer Kinder anschauen, sieht man, daß bei ihnen der Energiebedarf in ganz bestimmten, miteinander verbundenen Hirnregionen zunimmt. Wie Alice Proverbio von der Universität Milan jetzt zeigen konnte, bestehen allerdings große Unterschiede in der Fähigkeit von Erwachsenen, die Stimmung fremder Babies richtig einzuschätzen. Als Proverbio 40 Probanden bat, anhand von schwarz-weiß-Bildern zu sagen, ob die gezeigten Säuglinge ängstlich-leidend oder zufrieden schauten, schnitten Eltern deutlich besser ab als diejenigen ohne eigene Kinder. Mütter wiederum waren bei dieser Aufgabe den Vätern klar überlegen. An ihren Hirnstromkurven läßt sich erkennen, daß sie schneller und deutlicher auf die verschiedenen Gesichtsausdrücke reagieren. „Dieser Versuch zeigt, daß unser Einfühlungsvermögen sowohl von den Genen abhängt, die ja bei Mann und Frau unterschiedlich sind, als auch von der Erfahrung, die etwa eine Elternschaft mit sich bringt“, sagte Proverbio.

In einem weiteren Experiment hat Catherine Bushnell an der McGill-Universität im kanadischen Montreal die nahe Verwandschaft von Mitgefühl und Schmerz belegt. Mütter schauten in diesem Versuch einen Video, bei dem ihre eigenen oder fremde Kinder die Hände in heißes Wasser hielten. Gleichzeitig hatten jedoch auch die Mütter ihre Hände in heißem Wasser. Anschließend wurden diese freiwilligen Versuchsteilnehmerinnen gefragt, wie schmerzhaft ihre eigene körperliche Erfahrung war und wie schlimm sie die Schmerzen der Kinder einschätzten. Dabei zeigte sich, daß die Mütter umso stärkere eigene Schmerzen berichteten, je größer der – vermutete – Scherz der eigenen Kinder war. Mit den fremden Kindern zeigte sich dieser Zusammenhang aber nicht.

Aus ähnlichen Versuchen stammen Hirnbilder, die nahelegen, daß Mitgefühl wie ein Spiegelbild funktioniert. Bei schmerzhaften wie auch glücklichen Geschehnissen werden im Gehirn nämlich jeweils bestimmte Nervenschaltkreise aktiv, und zwar unabhängig davon, ob man direkt betroffen ist oder „nur“ das Geschick eines Mitmenschen beobachtet, dem man sich verbunden fühlt.

Als nächstes will Bushnell erkunden, welche Faktoren darüber entscheiden, ob sich Mitgefühl gegenüber einem Fremden in Not einstellt. Warum lassen wir den einen Bettler buchstäblich links liegen und öffnen für den nächsten bereitwillig den Geldbeutel? Welche Rolle spielen dabei die eigenen Erfahrungen? Gibt es Unterschiede gegenüber Menschen verschiedener Herkunft, Rasse oder Nationalität? Eine der interessantesten Fragen aber lautet: Kann man Mitgefühl erlernen oder gar trainieren wie eine Fremdsprache oder einen Muskel?

Am Institut für Medizinische Psych. und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen will Privatdozent Martin Lotze dies mit seinen Kollegen herausfinden. Zunächst sollen freiwillige Medizinstudenten lernen, Kontrolle über Hirnregionen wie die Insula zu gewinnen, die normalerweise nicht willentlich beeinflußt werden können. Ein an einen Kernspintomographen gekoppeltes Computerprogramm macht den Erregungszustand der untersuchten Hirnregionen für die Probanden sichtbar und zeigt deren Veränderung, wenn sich die Studenten bestimmten Gedanken hingeben. Etwa der Hälfte gelingt es mit dieser Rückkoppelungstechnik sehr schnell, in zuvor unbewußte Reaktionen des Gehirns einzugreifen, berichtet Lotze. Ob dies auch für Kriegs- und Gewaltopfer funktioniert und ob gar Menschen mit „asozialen Persönlichkeitsveränderungen“ per Biofeedback auf den Pfad der Tugend finden, wollen die Forscher unter Leitung von Professor Niels Birbaumer ebenfalls herausfinden, doch muss sich die Methode erst bei Gesunden bewähren.

Ob das Gehirn sich wirklich auf mehr Mitgefühl trainieren läßt ist für Professor Manfred Spitzer eine offene Frage. Sicher scheint dem Direktor der psychiatrischen Uniklinik in Ulm allenfalls, daß „Ballerspiele“ und Gewaltdarstellungen in den Massenmedien das Gegenteil bewirken. Mag sein, daß Psychopillen, Verhaltenstherapien, Biofeedback oder andere Eingriffe ins Gehirn den Schaden in Zukunft werden beheben können. „Sinnvoller wäre es jedoch,“ erklärt Spitzer, „unsere Kinder würden menschliche Tugenden durch das Leben in der Gemeinschaft lernen – und dadurch, daß wir ihnen ein gutes Vorbild geben.“

Quelle:

  • Hauptsächlich die Jahrestagung der Society for Neuroscience, Washington D.C. 12.-16.11.2005.

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Hirnforscher lauschen dem Dalai Lama

Ausgerechnet in der Hauptstadt jenes Landes, in dem religiöse und naturwissenschaftliche Weltanschauungen mit zunehmender Härte aufeinander prallen, ist es dem Dalai Lama gelungen, eine Brücke zwischen den verfeindeten Lagern zu schlagen. An die 800 Hirnforscher hatten in einer Petition gegen den Auftritt „seiner Heiligkeit“ auf dem Jahrestreffen der US-Neurowissenschaftler in Washington protestiert, doch annähernd 14000 waren gekommen, um die Botschaft des Friedensnobelpreisträgers und spirituellen Führers des tibetanischen Volkes zu hören.

„Ich bin ein neugieriger Mensch, und wenn ich nicht Mönch geworden wäre, dann wahrscheinlich Ingenieur“, sagte der 70-jährige, der kürzlich ein Buch über die Gemeinsamkeiten von Wissenschaft und Spiritualität veröffentlicht hat („Die Welt in einem einzigen Atom“). Die östlichen Philosophien mit ihren Meditationspraktiken und die moderne Medizin hätten  zwar völlig unterschiedliche Wurzeln, in ihrem Streben nach der Linderung menschlichen Leidens aber eine gemeinsame Philosophie.

Buddhisten untersuchen ebenso wie Wissenschafter die Realität, erklärte der Mann in der roten Robe, der sich selbst einen „einfachen Mönch“ nennt, obwohl er in der westlichen Welt längst zur Ikone geworden ist und in der tibetanischen Tradition als 14. Wiedergeburt eines Buddha des Mitgefühls verehrt wird.

Respekt vor der Arbeit der Hirnforscher: Der Dalai Lama in Washington

Respekt vor der Arbeit der Hirnforscher: Der Dalai Lama in Washington (Copyright 2005 Michael Simm)

Vor der Besetzung Tibets durch die Chinesen und seiner Flucht aus der Heimat habe er von seinem Palast in Lhasa mit einem Teleskop erst das Treiben in der Stadt beobachtet, dann die Sterne und den Mond. „Ich habe Schatten auf dem Mond gesehen und mich gewundert, denn laut unseren Buddhistischen Schriften strahlt der Mond von sich aus“, erzählte der Dalai Lama. Die Lehre sei also falsch gewesen und er habe dies auch seinem Meister gesagt. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit Kosmologie, Teilchenphysik und der Hirnforschung, wobei er einige der führenden Wissenschaftler als Tutoren hatte, darunter den deutschen Physiker Carl von Weizsäcker und den gebürtigen Österreicher Karl Popper

Er habe tiefen Respekt vor der Arbeit der Hirnforscher, erklärte der Dalai Lama seien Zuhörern. „Wenn wir die menschliche Psyche besser verstehen, finden wir vielleicht auch einen Weg, negative Gedanken und Gefühle zu überwinden“, so die Hoffnung des „Gegenwärtigen“. Es gebe hier viele Gelegenheiten für eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen, sagte der Dalai Lama, der durchgesetzt hat, daß die buddhistischen Mönche am Sitz der tibetanischen Exilregierung im indischen Dharamsala naturwissenschaftlichen Unterricht nehmen müssen.

Falls eine Pille oder Elektroden im Gehirn Verständnis und Mitgefühl fördern würden, hätte er dagegen nichts einzuwenden, so der 70-jährige. Auch Tierversuche könnten notwendig sein, wenn sie insgesamt das Leiden vermindern würden.

Trotz aller Freundlichkeiten fand der Dalai Lama auch mahnende Worte für die Wissenschaft: „Ganz offensichtlich kann unsere Moral nicht Schritt halten mit dem Tempo, mit dem wir neues Wissen und neue Macht erschließen.“ Falsch sei die Ansicht, daß die Gesellschaft Wissenschaft und Technik einfach nur fördern solle und die Wahl, was man mit den Ergebnissen macht, dann dem Einzelnen überlassen. Er wolle keine Verschmelzung von religöser Ethik mit wissenschaftlichen Fragestellungen, stellte der Dalai Lama klar. Vielmehr forderte er eine von der Religion unabhängige Ethik, die sich an Schlüsselprinzipien wie Mitgefühl, Toleranz, Verständnis für Andere und dem verantwortlichen Umgang mit Wissen und Macht orientiert. „Dies sind Prinzipien, welche die Barrieren zwischen Gläubigen und Ungläubigen sowie zwischen den Religionen überragen“.

Das Ende der Rede wurde mit anhaltendem Applaus bedacht. Lediglich eine Frau wurde mit einem Protest-Plakat vor dem Konferenzzentrum gesichtet und einige Handvoll Forscher hatten den Vortrag des Dalai Lama vorzeitig verlassen, um ihren Unmut zu bekunden.

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Rauchen senkt Chance aufs Baby-Glück

Der Lebensstil ungewollt kinderloser Frauen hat einen großen Einfluß auf die Erfolgschancen bei der künstlichen Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation, IVF). Wie eine Gruppe holländischer Ärzte in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Human Reproduction berichtet, ergab ein Vergleich unter annähernd 8500 Patientinnen, daß Raucherinnen, Übergewichtige und ältere Frauen die schlechtesten Aussichten haben, beim ersten Anlauf mit der Methode ein gesundes Baby zur Welt zu bringen.

Für die Untersuchung hatten die Ärzte Behandlungsunterlagen der Jahre 1983 bis 1995 aller zwölf niederländischen IVF-Zentren ausgewertet, die im Rahmen der sogenannten OMEGA-Studie erfaßt worden waren. Im Durchschnitt brachten nur jeweils 15 von 100 Frauen nach dem ersten Behandlungszyklus per IVF ein gesundes Kind zur Welt, eine Erfolgsquote, die dank neuerer Techniken in den vergangenen Jahren leicht gestiegen ist. In der Regel wird die IVF erst angewandt, wenn andere Methoden der Unfruchtbarkeitsbehandlung wie die alleinige Förderung des Eisprungs mit Hormonen und Medikamenten erfolglos geblieben sind. Bei der IVF stimulieren Ärzte ebenfalls die Eierstöcke; anschließend entnehmen sie jedoch die freigesetzten Eizellen und befruchten diese im Labor mit den Spermien des Mannes. Schließlich werden die befruchteten Eier nach mehrmaliger Teilung in die Gebärmutter der Frau eingebracht.

In der holländischen Studie hatten die Ärzte als Ursache des unerfüllten Kinderwunsches verschiedene Gründe ermittelt wie Probleme mit den Eileitern der Frau, mit der Samenqualität des Mannes oder „Subfertilität aus ungeklärtem Grund“. Dennoch zeigte sich in allen Gruppen ein eindeutiger Trend: Rauchende Frauen gebaren etwa ein Viertel weniger gesunde Kinder als ihre nicht rauchenden Geschlechtsgenossinnen. Unter denjenigen Frauen, bei denen die IVF zu einer Schwangerschaft führte, erlitten zudem die Raucherinnen mit 21 Prozent häufiger eine Fehlgeburt als die Nichtraucherinnen mit 16 Prozent. Damit hatten die Zigaretten den gleichen Effekt, als ob die Frauen um zehn Jahre gealtert wären, schreiben die Mediziner in ihrem Fachartikel. Aus früheren Untersuchungen ist nämlich bekannt, daß die Chancen auf ein gesundes Baby umso geringer werden, je älter die Patientinnen zum Zeitpunkt der Behandlung sind.

Doch nicht nur das Rauchen schmälerte in der aktuellen Studie die Aussicht auf Erfolg: Als noch schädlicher erwies sich nämlich ein zu hohes Körpergewicht, definiert als ein „Body-Mass-Index“ (BMI) von über 27. Der BMI errechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Metern zum Quadrat. Ein BMI zwischen 20 und 25 gilt bei Frauen und Männern als normal. In der vorliegenden Untersuchung nun war die Geburtenrate beim ersten IVF-Versuch für Frauen mit einem BMI über 27 um ein Drittel geringer als bei leicht übergewichtigen Patientinnen und ein Fünftel geringer als bei Normalgewichtigen. Rauchen und Übergewicht hätten demnach einen „verheerenden“ Effekt auf die Chancen kinderloser Paare, ihre Unfruchtbarkeit mithilfe der IVF zu überwinden, schreibt das holländische Ärzteteam. Doch die Studienleiterin Dr. Bea Lintsen vom Medizinischen Zentrum der Radboud Universität Nijmegen überbringt lieber eine gute Nachricht: „Unsere Resultate legen nahe, daß Pärchen – insbesondere die Frauen – die Erfolgschancen der IVF-Behandlung womöglich verbessern können, wenn sie abnehmen und mit dem Rauchen aufhören.“

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Parkinson: Pessimisten erkranken häufiger

Auf der Suche nach den Ursachen der Parkinson-Krankheit haben Wissenschaftler der Mayo-Klinik im amerikanischen Rochester eine überraschende Entdeckung gemacht: Pessimisten und andauernd ängstliche Menschen tragen ein um 40 Prozent höheres Risiko, an dem Leiden zu erkranken, als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Wie das Forscherteam um den Nervenarzt James Bower jetzt auf der Jahrestagung der US-Neurologen in Miami berichtete, fand man diesen Zusammenhang beim Rückblick auf Persönlichkeitsdaten, die Anfang der 60er Jahre an fast 5000 gesunden Einwohnern des US-Bundesstaates Minnesota gewonnen worden waren. Insgesamt 128 unter ihnen waren in den Jahrzehnten nach der Erhebung an Parkinson erkrankt – wobei die „Schüttellähmung“ stark gehäuft bei jenen Personen auftrat, die man damals anhand einer psychologischen Bewertungsskala als besonders ängstlich oder pessimistisch eingestuft hatte.

„Wir haben einen klaren und deutlichen Zusammenhang gefunden zwischen einer ängstlichen oder pessimistischen Persönlichkeit und dem zukünftigen Auftreten der Parkinson-Krankheit“, sagte Bower. „Eine Erklärung für diesen Zusammenhang haben wir aber nicht gefunden“. Eine Möglichkeit sei es, daß Angst und Pessimismus über einen noch nicht bekannten Mechanismus das Entstehen des Leidens fördern. Ebenso wäre es möglich, daß bestimmte, noch nicht identifizierte Erbanlagen oder nicht-erbliche Risikofaktoren gleichermaßen eine ängstliche Persönlichkeit fördern, wie auch das Krankheitsrisiko erhöhen.

Von der Parkinson-Krankheit ist etwa jeder 100ste über 65 Jahren betroffen. Bei diesen Personen sind meist über viele Jahre hinweg sehr kleine, spezialisierte Ansammlungen von Nervenzellen an der Basis des Großhirns abgestorben. Diese sogenannten Basalganglien produzieren den Botenstoff Dopamin, den das Gehirn zum Auslösen und Koordinieren von Bewegungen braucht. Anfänglich können Ärzte den Dopaminmangel noch mit einer Reihe von Medikamenten bekämpfen, doch läßt deren Wirkung nach einigen Jahren nach. Dann zittern die Patienten immer häufiger oder sie werden steif und erstarren. In 80 bis 90 Prozent aller Fälle können die Ärzte keinen Auslöser für die Erkrankung benennen. Beim überwiegenden Rest scheint das Krankheitsbild Folge der Rückbildung verschiedener Hirnstrukturen, etwa nach Schädelverletzungen, Schlaganfall, durch Drogen oder Giftstoffe. Auch manche Medikamente können als Nebenwirkung Parkinson-ähnliche Symptome hervorrufen. Nur in sehr wenigen Familien tritt das Leiden gehäuft auf, woraus Forscher auf die Beteiligung einer ganzen Reihe von Erbanlagen schließen.

Mit der jetzt in Miami vorgestellten Untersuchung erweitert sich nun womöglich das Spektrum der bekannten Risikofaktoren für die Parkinson-Erkrankung um bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Allerdings betonte Studienleiter Bower auch, daß das Parkinson-Risiko selbst bei krankhaft ängstlichen Personen noch verhältnismäßig gering sei. „Unter 1000 angstgestörten Menschen im Alter von 40 Jahren werden etwa 27 an Parkinson erkranken – gegenüber etwa 17 von 1000 Menschen in der Gesamtbevölkerung.“ Noch völlig offen ist, ob eine Behandlung ängstlicher und pessimistischer Menschen – etwa mit Medikamenten aus der Klasse der Anti-Depressiva – das Risiko für die Parkinsonkrankheit vermindern kann. Diese wichtige Frage wolle man als nächstes untersuchen, so Bower.

Quellen:

  • Pressemitteilung der Majo Clinic, American Academy of Neurology

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