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Epilepsie – Die übersehene Krankheit

Es kann jedem passieren, zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort: Eine vorübergehende Geistesabwesenheit oder mitten im Satz das völlige Unvermögen, die eben noch präsenten Worte zu formulieren, zählen zu den vergleichsweise harmlosen Varianten epileptischer Anfälle.

Für Unbeteiligte oftmals erschreckend sind dagegen die von Medizinern als „Grand mal“ (französisch: Großes Übel) beschriebenen Erscheinungsformen: Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt es etwa zu einem plötzlichen Verkrampfen der Muskulatur – manchmal noch ein Schrei und die Betroffenen stürzen wie ein gefällter Baum zu Boden. Unfähig zu atmen bleiben sie mehrere Sekunden liegen, bis dann rhythmische Muskelzuckungen einsetzen, die zwei bis drei Minuten anhalten können. Rötlicher Schaum vor dem Mund, verstärkt noch das Entsetzen der Umstehenden, dabei hat sich der jetzt scheinbar tief schlafende Mensch während des Muskelkrampfes doch „nur“ auf die Zunge gebissen. Wenn dieser endlich erwacht, kann er sich an nichts mehr erinnern. Um sich herum lauter verstörte Gesichter, hat er selbst oftmals Schwierigkeiten, das Geschehene zu begreifen.

Nicht selten wird auch sofort der Notarzt verständigt, was laut dem früheren Vorsitzenden des Kuratoriums Epilepsie, Jürgen Peiffer, „zwar verständlich, aber unnötig“ ist. Wichtig sei es vor allem, den „krampfenden“ Menschen vor Verletzungen durch die unkontrollierten Bewegungen zu schützen rät der ehemalige Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Tübingen. Peiffer wird nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, daß keiner vor solch einem Mißgeschick gefeit ist.

„Jedes menschliche Gehirn kann unter bestimmten Umständen mit einem epileptischen Anfall reagieren“, unterstreicht auch Peter Berlit von der Neurologischen Klinik am Essener Alfried Krupp Krankenhaus. Auf einem Journalistenseminar der Firma Wellcome, das kürzlich in München stattfand, hob Berlit hervor, daß etwa jeder Zwanzigste damit rechnen muß, einmal in seinem Leben einen mehr oder weniger stark ausgeprägten „Gelegenheitsanfall“ zu bekommen. Auslöser können so unterschiedliche Faktoren sein wie Schlafentzug, Sauerstoffmangel, Alkohol oder DrogenG, das Flimmern eines Fernsehapparates oder die rhythmischen Lichtblitze in einer Diskothek.

Von einer Epilepsie sprechen die Experten zwar erst dann, wenn die Anfälle sich wiederholen, dennoch geht man für die Bundesrepublik von 800000 Kranken aus – etwa ebenso viele, wie es Zuckerkranke gibt. Unter ihnen muß ein Drittel damit rechnen, mehr als einen Anfall pro Monat zu erleiden. Ein weiteres Drittel ist zwischen einem und zwölf Mal jährlich betroffen, das letzte Drittel seltener. Zwischen den Anfällen sind die Patienten geistig meist völlig störungsfrei und ohne sorgfältige Diagnose von gesunden Menschen nicht zu unterscheiden.

Trotz ihrer weiten Verbreitung wird die manchmal als „heimlich-unheimliche Krankheit“ titulierte Epilepsie in der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen. Noch immer hält jeder vierte Deutsche die Epilepsie für eine Geisteskrankheit, fast ein Drittel gab in einer Umfrage sogar an, ihr Kind dürfe keinen Epilepsiekranken heiraten. Gerade Schulkinder haben unter solchen Einstellungen sehr zu leiden, wie Gerda Hefner, Psychiaterin an der Bonner Epileptologischen Klinik, zu berichten weiß. Sie sind dem Spott der Mitschüler ausgesetzt, wenn nach einem Anfall etwa eine Pfütze unter dem Stuhl zurückbleibt, als sichtbarer Beweis dafür, daß sie das Wasser nicht haben halten können.

Auch die gutgemeinten Bemühungen der Eltern oder Lebenspartner können Anfallskranken zu schaffen machen. Die übertriebene Fürsorge der Familie und die daraus erwachsende Abhängigkeit hinterläßt zwangsläufig ihre Spuren, auch wenn die Epilepsie im Laufe der Jahre kuriert werden kann. „Natürlich haben diese Menschen ein erhöhtes Risiko, aber man darf sie auch nicht zu sehr unter die Käseglocke setzen“, rät Gerda Hefner.

Zur sozialen Ausgrenzung, die in der Bundesrepublik laut Professor Heinz-Joachim Meenke viel stärker ausgeprägt ist, als in den Vereinigten Staaten oder den europäischen Nachbarländern, kommen noch eine Reihe handfester Nachteile hinzu. Meenke, der sich am Berliner Rudolf Virchow Klinikum immer wieder mit den psychosozialen Folgen der Krankheit auseinandersetzten muß, trifft häufig auf besorgte Patienten, die ihr Leiden aus Angst vor Entlassung gegenüber ihrem Arbeitgeber und den Kollegen verschweigen.

Schwierigkeiten gibt es auch beim Abschluß privater Lebens-, Kranken- und Unfallversicherungen, denn die früher auch als „Fallsucht“ bezeichnete Krankheit erhöht das Risiko tödlicher Unfälle beträchtlich. Meist tritt eine Ausschlußklausel in Kraft, die alle Folgen der Epilepsie vom Versicherungsschutz ausnimmt, oder es werden erheblich höhere Prämien verlangt. Eine erhöhte Selbstmordrate unter Epileptikern kann als trauriger Beweis dafür gelten, daß ein Leben in ständiger Angst und die oft ablehnende Reaktion der Mitmenschen für viele zur unerträglichen Belastung wird.

Weniger dramatisch scheint dagegen das für alle Epileptiker geltende generelle Fahrverbot, doch wird auch diese Vorsichtsmaßnahme von vielen als beträchtliche Einschränkung der persönlichen Freiheit empfunden. Den Führerschein dürfen die Betroffenen erst wieder beantragen, wenn sie mindestens zwei Jahre anfallsfrei waren. Während der Sinn dieser Regelung von Ärzten und Patienten kaum in Frage gestellt wird, traf ein anderes Handicap auf weniger Verständnis: „Bis vor kurzem war die Verbeamtung von Anfallskranken grundsätzlich nicht möglich“, erläutert Meenke.

Die Krankheit mag unheimlich sein – unheilbar ist sie nicht. Gerade in den letzten Jahren wurde das Arsenal an Medikamenten, die gegen die zahlreichen Formen der Epilepsie zum Einsatz kommen, beträchtlich erweitert. Vigabatrin und Lamotrigin, Clobazam und Gabapentin, Oxacarbazepin, Felbamat und Topiramat heißen die Präparate, die in jüngster Zeit neu auf Markt kamen oder kurz vor der Zulassung stehen.

Den raschen Fortschritten in der Hirnforschung ist es größtenteils zu verdanken, daß derzeit rund 100 weitere Arzneimittelkandidaten in amerikanischen und europäischen Labors getestet werden. „Insgesamt eine Verbesserung der Therapie“ erwartet daher Christian E. Elger, Direktor der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn, für die nähere Zukunft. „Der große Durchbruch aber wird ausbleiben“, sagte Elger gegenüber der Ärztezeitung.

Trotz der vergleichsweise großen Zahl von Arzneimitteln gelingt es derzeit nur in etwas mehr als der Hälfte aller Fälle, sämtliche Anfälle zu unterdrücken, so Stefan R.G. Stodieck von der Klinik für Neurologie der Universität Münster. Bei einem weiteren Viertel wird zwar die Zahl der Anfälle verringert; die psychologische Belastung aber bleibt. Außerdem leidet ein Drittel aller Patienten – auch derjenigen, bei denen sich keine Besserung zeigt – unter Arzneimittelnebenwirkungen, die laut Stodiek „zum Teil sehr massiv sein können“.

Da nicht jedes Medikament bei jeder Anfallsform hilft, wird die Suche nach der besten Arznei oftmals zu einem jahrelangen Wechselspiel von Versuch und Irrtum. Es verwundert daher nicht, daß jeder dritte Patient seine verordneten Medikamente nur unregelmäßig einnimmt.

Stodiek ist sich mit seinen Kollegen dennoch einig, daß es viele Gründe für einen möglichst frühzeitigen Therapiebeginn gibt. Zum einen sinken die Erfolgschancen, je länger die Krankheit unbehandelt bleibt; zum anderen erhöht jeder Anfall die Wahrscheinlichkeit für den Nächsten. Warum das so ist, glaubt der Epileptologe mit neueren Erkenntnissen aus der Gehirnforschung erklären zu können:

Demnach handelt es sich bei der Epilepsie um spontane elektrische Entladungen größerer Gruppen von Nervenzellen (Neurone). Bei vielen Patienten werden offensichtlich immer die gleichen Nervenbahnen aktiviert, die sich dadurch einschleifen und – so die Theorie der Neurobiologen – immer leichter erregbar werden. Die Entladungen selbst kommen vermutlich zustande, weil sich ein Ungleichgewicht eingestellt hat zwischen einem anregenden Botenstoff – dem Glutamat und der aus dem Glutamat gebildeten Gamma-Aminobuttersäure (GABA), welche die Aufregung im Gehirn zu dämpfen vermag.

Das resultierende Dauerfeuer der Neurone kann von verschiedenen Regionen des Gehirns seinen Ausgang nehmen. Bei bestimmten Formen der Epilepsie, den sogenannten fokalen Anfällen, sind dann jeweils die Körperpartien oder -funktionen zuerst betroffen, die von der entsprechenden Hirnregion gesteuert werden. Beginnt solch ein fokaler Anfall beispielsweise mit einem Zucken des Mundwinkels oder rhythmischen Kaubewegungen gelingt es oftmals, die Störung einer eng umschriebenen Hirnregion zuzuschreiben. Bleibt die medikamentöse Behandlung erfolglos, so kann bei schweren Fällen ein chirurgischer Eingriff erwogen werden, bei dem das „epileptogene Areal“ entfernt wird, ohne daß es beim Patienten zu bleibenden Schäden kommt.

Drei Zentren für derartige Eingriffe gibt es in Deutschland: Neben Bonn und Bethel verfügt seit kurzem auch die Universität Erlangen-Nürnberg über ein Epilepsiezentrum der höchsten Leistungsstufe. Mit fünf Millionen Mark fördert dort das Bundesministerium für Gesundheit die Versorgung von Epilepsiepatienten, für die ein operativer Eingriff die einzige Chance auf ein normales Leben bedeutet.

Allerdings ist auch dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Den jährlich etwa 200 Operationen, die in Deutschland durchgeführt werden, stehen etwa 20000 Epileptiker gegenüber, die durch solch einen Eingriff geheilt werden könnten. Immerhin dauert die Vorbereitung eines Eingiffs rund drei Wochen, in denen der Patient rund um die Uhr überwacht werden muß. Anhand von Videoaufnahmen und der laufend aufgezeichneten Hirnstromkurven versuchen Neurologen und Neurochirurgen, Informatiker und Ingenieure, Physiker und Psychologen gemeinsam, den Krankheitsherd zu ermitteln.

Modernste Diagnosegeräte messen winzige Magnetfelder im Gehirn und erlauben eine dreidimensionale Darstellung der feinsten Strukturen. All der Aufwand dient letztlich dazu, das Risiko für den Patienten möglichst gering zu halten. In bis zu 85 Prozent aller Fälle führen diese Operationen am kompliziertesten Organ des Menschen zum Erfolg: Die Patienten werden auf Dauer von ihren Anfällen befreit.

Für die Zukunft träumt Stodiek jedoch von einem Verfahren, das auf den ersten Blick utopisch erscheinen mag: Ein „Hirnschrittmacher“ soll mit kleinen Stromstößen den rechten Takt angeben, sobald die grauen Zellen aus dem Schritt geraten. Wie der „New Scientist“ vermeldet, ist ein erster Schritt in diese Richtung bereits gelungen:

Mit Elektroden, die im Nacken von Epilepsiepatienten angebracht wurden, stimulierte ein amerikanisch-europäisches Forscherteam in kurzen Abständen den Nervus vagus, einen der großen Nervenstränge, die vom Gehirn ausgehend die Arbeit der inneren Organe steuern.

Dazu implantierten die Ärzte bei 127 Patienten ein kleines Steuergerät auf der linken Brustseite unter der Haut. In etwa zehnminütigem Abstand schickte dieser Stimulator elektrische Reize an den Nervus vagus. Nach 18 Monaten zählten die Wissenschaftler im Durchschnitt nur noch halb so viele Anfälle wie zu Beginn der Behandlung.

Die Epilepsiekranken, bei denen Medikamente wirkungslos geblieben waren, mußten dabei als Nebenwirkung ein Kribbeln während der Stimulationen in Kauf nehmen, auch klagten manche über leichte Halsschmerzen. Mit einem über den Stimulator gehaltenen Magneten konnten die Patienten die elektrischen Reize auch selbst hervorrufen, was in einigen Fällen ausrichte, um eine sich anbahnende Attacke im Keim zu ersticken.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 16. September 1993)

Quellen:

Dioxin – die Fakten

Seveso ist überall heißt ein Klassiker der Umweltschutz-Literatur. Untertitel des 1989 erschienen Werkes von Egmont R. Koch und Fritz Vahrenholt: „Die tödlichen Risiken der Chemie.“ Es steht auch in meinem Bücherschrank und hat wesentlich zur Sensibilisierung gegenüber der Umweltverschmutzung beigetragen. Der so aufgebaute Druck dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass innerhalb weniger Jahre sehr strenge Schutzmaßnahmen ergriffen wurden und die Belastung durch das „Supergift“ deutlich gesunken ist. Wer es etwas genauer wissen will findet hier einen Artikel, den ich anhand der Unterlagen zum 2. Internationalen Dioxin-Symposium in Berlin für die Pharmazeutische Zeitung vom 9. September 1993 geschrieben habe:

Obwohl in Deutschland heute wesentlich weniger Dioxine und Furane freigesetzt werden als noch vor einigen Jahren, sind weitere Maßnahmen möglich und erforderlich, um die Schadstoffbelastung der Umwelt zu reduzieren. Diese Forderung erhoben Experten des Bundesgesundheitsamtes und des Umweltbundesamtes kürzlich in einem Sonderheft des Bundesgesundheitsblattes.

Die Ableitung einer »gesundheitlich unschädlichen« Dosis wird erschwert durch einen Mangel an verwertbaren Hinweisen aus epidemiologischen Studien am Menschen. Der Beweis einer krebserzeugenden Wirkung von niedrigen Dosen des »Seveso-Giftes« 2,3,7,8-Tetrachlor-Dibenzo-p-Dioxin steht für den Menschen noch aus, wird in der Auswertung des 2. Internationalen Dioxin-Symposiums mitgeteilt. Allerdings werden die Ergebnisse des Follow-Up in Seveso erst in einigen Jahren vorliegen, und die Daten aus verschiedenen Untersuchungen zeigten, »daß es sich beim 2,3,7,8-TCDD mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Humankanzerogen handelt«.

Weniger deutlich sind die Hinweise auf eine Störung des Immunsystems oder der Reproduktionsfähigkeit durch die verschiedenen Vertreter der polychlorierten Dibenzo-p-dioxine und -furane (PCDDVF). Derzeit gibt es keine verläßlichen Anhaltspunkte dafür, daß derartige Effekte beim Menschen durch geringe Dosen dieser Substanzgruppe ausgelöst werden können.

Schwierig ist auch die Beurteilung von schädlichen Einflüssen auf das Zentralnervensystem. An Personen, die längerfristig beruflich oder durch Chemieunfälle exponiert waren, wurde zwar eine Reihe von Befindlichkeitsstörungen, Beschwerden und Befunden immer wieder registriert. So klagten Betroffene nach akuter Exposition mit hohen Dosen über Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und Impotenz und waren zudem leicht reizbar. Chronische Exposition hatte unter anderem abgeschwächte oder nicht auslösbare Muskeleigenreflexe und Empfindungsstörungen in den Extremitäten zur Folge. In umfangreichen psychologischen Studien wurde lediglich »eine vermehrte psychosomatische Störbarkeit und eine erhöhte Verstimmbarkeit« aufgezeigt.

Probleme mit Richt- und Grenzwerten

»Eine eindeutige oder gar dosisabhängige neurotoxische Wirkung für PCDD/F konnte bei der Mehrzahl der Untersuchten nicht festgestellt werden«, bilanzierten Professor Jörg Schuster und Dr. Jutta Dürkop. Schwierigkeiten bereitet den Experten die Vielzahl der Dioxine und Furane, die trotz des gemeinsamen Wirkmechanismus ein stark unterschiedliches toxikokinetisches Verhalten zeigen. Die wissenschaftliche Basis der TCDD-Äquivalenzfaktoren (TEF), die in Form von Richt- und Grenzwerten in die Gesetzgebung eingehen, ist daher umstritten. TEF stützen sich im Wesentlichen auf Versuche zur chronischen Toxizität, die Induktion von Monooxygenasen bei der Ratte und auf teratogene Wirkungen. Aussagen zur möglichen Kanzerogenität und zur Immuntoxizität stehen somit auf wackeligen Beinen.

Die Bandbreite der gesundheitsbezogenen Richtwerte im verschiedenen Ländern ist dennoch relativ gering. Die vom Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation errechnete »hinnehmbare tägliche Aufnahme« von zehn Picogramm 2,3,7,8-TCDD pro Kilogramm Körpergewicht und Tag wurde von Kanada, den Niederlanden und Großbritannien akzeptiert. Der Nordische Rat hat für die skandinavischen Länder fünf Picogramm festgelegt, in Deutschland geht man von einem bis zehn Picogramm aus, wobei ein Sicherheitsfaktor von 100 bis 1000 zugrunde gelegt wurde.

Kinder stark belastet

Zumindest die untere Grenze dessen, was die Experten hierzulande als »hinnehmbar« ansehen, wird in der Regel überschritten. Erwachsene nehmen in Deutschland durchschnittlich zwei Picogramm Toxizitätsäquivalente (TE) pro Tag und Kilogramm Körpergewicht auf, einjährige Kinder etwa das Doppelte.

Am stärksten betroffen sind Säuglinge, die beim Stillen täglich im Durchschnitt 150 Picogramm TE je Kilogramm Körpergewicht aufnehmen. Wie Dr. Dietrich Schulz vom Umweltbundesamt mitteilte, deuten Untersuchungen aus Nordrhein-Westfalen darauf hin, daß die durchschnittlichen Konzentrationen in der Frauenmilch zwischen 1989 und 1991 um etwa ein Drittel abgenommen haben. Als dichtbesiedeltes und hochindustrialisiertes Land nimmt die Bundesrepublik damit weiterhin eine unerfreuliche Spitzenstellung ein. Trotz dieser Belastung sieht das BGA aber keine gesundheitliche Gefährdung des Säuglings und empfiehlt nach wie vor allen Müttern, vier bis sechs Monate voll zu stillen.

Eine Reihe von Schutzmaßnahmen wurde in den letzten Jahren eingeleitet, um die freigesetzten Dioxinmengen zu begrenzen. Doch werden nach Schätzungen zwischen einem und zwei Kilogramm Dioxin-Toxizitätsäquivalente jährlich auf der Gesamtfläche der alten Bundesländer deponiert. Für die Niederlande geht man von fast einem Kilogramm aus, in Schweden, wo die Gesamtemissionen innerhalb von sieben Jahren um achtzig Prozent verringert wurden, rechnet man mit 120 bis 290 Gramm TE auf der gesamten Landesfläche.

Dioxine aus der Müllverbrennung

Während früher die chemische Industrie die Hauptquelle für Dioxine war und »als Ursache für heutige Altlasten anzusehen ist«, so der Bericht, spielen mittlerweile thermische Prozesse wie die Abfallverbrennung und Metallschmelzen die wichtigste Rolle. Die 17. Bundesimmissionsschutzverordnung (BimSchV) verlangt, daß die 400 Gramm Dioxin-TE, die noch 1989 aus Müllverbrennungsanlagen entwichen, spätestens bis 1996 auf vier Gramm reduziert werden.

Eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung der Verordnung bilden neue Erkenntnisse zur Dioxinbildung, die am Kernforschungszentrum Karlsruhe von Professor Hubert Vogg gewonnen wurden. Sie erlauben es, durch eine präzise Steuerung des Verbrennungsprozesses die Bildung der Schadstoffe auf weniger als ein zehnmilliardstel Gramm pro Kubikmeter Abluft zu reduzieren. Fraglich ist allerdings, ob der BImSchV-Grenzwert von 0,1 Nanogramm Dioxin-TE pro Kubikmeter Abluft auch beim Schmelzen von Eisen und Stahl, beim Umschmelzen von Aluminium oder der Kupferrückgewinnung eingehalten werden kann. Nach groben Schätzungen dürften diese Anlagen mehr als doppelt so viel Dioxin freisetzen wie alle fünfzig deutschen Müllverbrennungsanlagen zusammen.

Probleme gibt es auch bei der Umset­zung der bereits im Januar vom Kabi­nett verabschiedeten Dioxinverord­nung. Zu Jahresbeginn hatte man laut Umweltminister Klaus Töpfer die »weltweit niedrigsten Grenzwerte für Dioxine in Stoffen, Zubereitungen und Erzeugnissen festgelegt«. Alle toxiko­logisch relevanten chlorierten Dioxi­ne, 17 an der Zahl, wurden erfaßt; erstmalig gab es auch Grenzwerte für acht bromierte Dioxine und Furane. Rechtskräftig ist die Verordnung in­des noch nicht, weil die Notifizierung durch die zuständigen EG-Behörden noch aussteht. Bis zu einem Jahr dür­fen sich die Brüsseler Bürokraten Zeit lassen, um die deutsche Verordnung zu begutachten.

Quellen:

Bundesgesundheitsblatt – Sonderheft 1993, Hrsg.: Jörg Schuster und Jutta Dürkop. 2 Interna­tionales Dioxin-Symposium und 2. fachöffentliche Anhörung des Bundesgesundheitsamtes und des Umweltbundesamtes zu Dioxinen und Furanen in Berlin vom 9. bis 13. November 1992. 1. Auswer­tung.

Gentherapie gegen Rheuma?

Eine Gentherapie gegen Rheuma und Arthrose soll in Zusammenarbeit zwischen der Universität Pittsburgh und der Düsseldorfer Firma Orthogen entwickelt werden. Das Vorhaben wird vom Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen mit 1,25 Millionen Mark gefördert. „Dies ist auch ein Stück PR zur Ermutigung von Wissenschaftlern in unserem Land“, sagte Staatsekretär Hartmut Krebs vor Journalisten in Düsseldorf.

Der Transfer von Genen mit antiarthritischen Eigenschaften in Gelenkhautinnenzellen wurde bisher allerdings lediglich bei Kaninchen erprobt. Dort gelang es der Arbeitsgruppe von Professor Chris Evans an der University of Pittsburgh School of Medicine durch Blockade des Rezeptors für Interleukin-1, Entzündungen und Zerstörung des Knorpels im Gelenk zu verhindern.

Ursprünglich hatte man versucht, Synovialzellen durch die Injektion von rekombinanten Retroviren direkt im Gelenk zu transduzieren. Dies scheiterte daran, daß Retroviren nur sich teilende Zellen infizieren können, die Gelenkhautinnenzellen aber lediglich eine sehr geringe mitotische Aktivität aufweisen. Dagegen war man beim Gentransfer in vitro erfolgreich: In Liposomen verpackte Kopien des IRAP-Gens wurden in Synovialzellen eingeschleust, die zuvor dem Gelenk entnommen worden waren. Nach Retransplantation produzierten die Zellen bis zu sechs Wochen lang das Interleukin-Rezeptor-Antagonist-Protein (IRAP).

Nebenwirkungen erwartet Evans von der neuen Methode nicht, da die eingeschleusten Gene im Gegensatz zu gebräuchlichen Medikamenten ihre Wirkung nur im Gelenkspalt entfalten würden. Da Evans beim Gentransfer auf den Einsatz von Retroviren verzichtet, schließt er eine Gefährdung der Patienten aus. „Bisher ist noch kein Empfänger fremder Gene als Folge solch einer Behandlung erkrankt.“

Innerhalb von „zwei bis drei Jahren“ soll das Verfahren jetzt zur klinischen Anwendung gebracht werden, sagte Orthogen-Geschäftsführer Peter Wehling. Wichtigstes Ziel der Wissenschaftler ist es dabei, die Dauer der Genexpression erheblich zu steigern. Der Orthopäde stellt sich dabei vor, daß lokal durch Arthoskopie gewonnene Synovialzellen nach Düsseldorf geflogen und dort im Speziallabor mit antiarthritischen Genen versehen werden. Anschließend – so Wehlings Vision – werden die Zellen in einer ambulanten Behandlung den Patienten vor Ort reimplantiert. Auch einen Preis kann der habilitierte Neuroimmunologe schon heute nennen: „Zwischen 10000 und 40000 Mark“ soll ein einzelner Gentransfer kosten.

Heftig kritisiert wurde Wehling unterdessen vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, Professor Joachim Robert Kalden:  „Das so darzustellen, ist gefährlich, unkritisch und falsch“, sagte Kalden gegenüber dem Ärtzeblatt.

Eine amerikanische Studie zur Inhibition von IL-1 habe bei weitem nicht den Erfolg gebracht, den man sich hätte vorstellen können, erklärte der Neuroimmunologe. Dagegen habe man mit der Hemmung von TNF- durch monoklonale Antikörper sowohl im Tierversuch als auch am Patienten sehr gute Erfolge erzielt.

„Ich meine, daß man in der Diskussion über die Hierarchie der Zytokine, die für die Perpetuation der Inflammation bei der chronischen Polyarthritis verantwortlich sind, noch ganz am Anfang steht. Es sieht so als, als ob IL-1 ein Kandidat sei, möglicherweise aber nicht der entscheidende. Jetzt schon Pressekonferenzen über eine Gentherapie bei der chronischen Polyarthritis zu entwickeln, halte ich für sehr gewagt.“

(unveröffentlichter Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt vom 30. August 1993)

Quelle: Pressekonferenz und Telefonat, keine Fachpublikation.

Was wurde daraus? Nach dieser Ankündigung machte Prof. Wehling noch mehrfach Schlagzeilen, unter anderem im Jahr 2009 mit einem „Ersten Hinweis auf klinische Erfolge der Gentherapie„. Etabliert ist das Verfahren allerdings bis heute nicht. Bei der Firma Orthogen, die laut der Webseite Bionity.com inzwischen 25 Mitarbeiter hat, zielt man nun offenbar weniger hoch und bewirbt stattdessen mit Orthokin(R) „ein Medizinprodukt zur Herstellung Autologen Conditionierten Serums, das entzündungshemmende Zytokinantagonisten und Wachstumsfaktoren enthält“. Außerdem arbeitet man an einer „neuartigen Stammzelltechnologie zur Knorpelregeneration aus nicht-embryonalen Stammzellen“, die jedoch keine eigene Erfindung darstellt, sondern „exklusiv von Harvard lizensiert“ wurde. 

Saurier aus dem Genlabor

Die Dinosaurier kommen! Wer glaubt, daß die Aufregung um Tyrannosaurus rex und Konsorten nach einer Flut von Büchern und Bausätzen, von Gummitieren und Sonderausstellungen, allmählich ihren Höhepunkt überschritten habe, der wird wohl am 2. September eines Besseren belehrt. Das Datum markiert die Premiere des Spielberg-Films „Jurassic Park“ in deutschen Kinos. Vieles spricht dafür, daß der Reißer um die gentechnische „Wiederbelebung“ der vor 65 Millionen Jahren ausgestorbenen Dinosaurier zum größten Kassenschlager aller Zeiten wird.

Jurassic Park ist aber mehr als nur ein technisch brillant gemachter Horrorfilm. Die Science-Fiction-Story verarbeitet vielmehr topaktuelle wissenschaftliche Entwicklungen, deren mögliche Konsequenzen dann allerdings in den grellsten Farben ausgemalt werden: Mit gentechnischen Methoden gelingt es, so die Geschichte, an das Erbmaterial verschiedener Dinosaurier heranzukommen. Statt wie herkömmliche Paläontologen nach versteinerten Knochen zu graben, kam man nämlich bei der Firma InGen auf die Idee, in Bernstein – dem fossilen Harz vorgeschichtlicher Bäume – nach eingeschlossenen Insekten zu untersuchen. Die Hoffnung, dabei vereinzelt Tiere zu erwischen, die kurz nach einer Blutmahlzeit bei einem Dinosaurier konserviert wurden, bewahrheitet sich. Im Insektendarm finden sich unverdaute Blutzellen der ausgestorbenen Echsen und im Kern dieser Blutzellen mehr oder weniger gut konservierte Bruchstücke des gesuchten Erbmaterials – der Dinosaurier-DNA.

Hirngespinste sind das keineswegs: Erst im Juni berichteten Wissenschaftler in der britischen Fachzeitschrift Nature von einer spektakulären Entdeckung. Raúl J. Cano und seinen Kollegen war es an der Polytechnischen Universität San Luis Obispo in Kalifornien gelungen, einzelne Gene aus einem Rüsselkäfer zu isolieren, der vor 120 Millionen Jahren in Bernstein eingeschlossen worden war. Damals – in der Kreidezeit – hatten die Kontinente sich gerade erst voneinander gelöst, die Dinosaurier erreichten ihre größte Artenvielfalt.

Allerdings suchten und fanden die amerikanischen Forscher in ihrem Bernstein nur Erbsubstanz des Käfers, die sie dann zu Vergleichen mit noch lebenden Verwandten des Insektes benutzten. Cano betont, daß Saurier-Gene bisher noch niemals gefunden wurden. Und David Grimaldi, der am New Yorker Museum für Naturkunde über die weltweit größte Sammlung von in Bernstein eingeschlossenen Insekten wacht, ist ebenfalls skeptisch. Obwohl schon etwa 10000 im fossilen Harz konservierte Krabbeltiere untersucht wurden, fand sich bisher noch keine Spur von Saurierblut. „Wenn man allerdings genug Material untersucht, wird man irgendwann einmal fündig werden“, glaubt der Paläontologe.

Das Wettrennen um die ersten Saurier-Gene ist jedenfalls schon in vollem Gange. Mit von der Partie ist auch George Poinar von der kalifornischen Berkeley-Universität, der schon 1982 den Vorschlag gemacht hatte, im Bernstein nach Saurier-DNA zu suchen. Doch zwischen dem Aufspüren vereinzelter Gene und der Rekonstruktion eines kompletten Tieres liegen Welten: Cano und seine Mitarbeiter untersuchten zwei Fragmente, die aus insgesamt 550 Bausteinen zusammengesetzt waren. Im Vergleich dazu ist das komplette Erbmaterial eines Reptils etwa sechs Millionen Mal so lang.

Russel Higuchi, ein Angestellter der kalifornischen Gentechnik-Firma Cetus, der sich jahrelang mit der Analyse von Mammut-DNA beschäftigte, fand einen anschaulich Vergleich für die Schwierigkeiten beim Lösen derartiger „Mammut-Puzzles“: Es wäre, als ob man eine große Enzyklopädie finden würden, geschrieben in einer kaum verständlichen Sprache und zerrissen in viele Fetzen, sagte er gegenüber der Zeitschrift Science. Die Aufgabe der Forscher bestünde darin, die Teile zusammenzusetzten, ohne die Hände zu benutzen.

Im Film ist dagegen alles vergleichsweise einfach: Mit Hilfe leistungsfähiger Computer und begabter Gentechnologen werden die Bruchstücke der reichlich vorhandenen Saurier-DNA zusammengefügt, verbleibende Lücken kurzerhand mit der Erbsubstanz von Fröschen gestopft. Zwar werden auch heute schon kurze Gene im Labor künstlich hergestellt und anschließend verknüpft. Die Obergrenze für derartige Experimente liegt allerdings derzeit bei etwa 5000 Basenpaaren, was allenfalls für die einfachsten Viren ausreicht.

Schließlich kommt im Kino auch noch eine Variante der Reagenzglasbefruchtung ins Spiel: Die komplettierten DNA-Stränge werden in unbefruchtete Eizellen von Krokodilen eingesetzt, die Eier anschließend bis zum Schlüpfen der Baby-Saurier bebrütet. Auch hier gibt es durchaus Parallelen zu aktuellen Entwicklungen, etwa in der Landwirtschaft. Allerdings fügt man dort meist einzelne Gene zu einer befruchteten Eizelle hinzu, die in der Regel der gleichen Tierart entstammt wie das Spendergen.

Während zeitgenössische Züchter sich nach gelungenem Eingriff an „Hochleistungsrindern“ mit extremer Milchleistung oder an übergroßen Karpfen erfreuen, bringt der kleine Trupp brillanter Biologen, Computerexperten und Mathematiker in „Jurassic Park“ gleich fünfzehn verschiedene Saurierarten zur Welt. Michael Crichton, der Autor des Bestsellers, auf dem der Film basiert, darf zufrieden sein. Regisseur Steven Spielberg hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Leinwand mit ganzen Herden von friedlichen Hadrosauriern, gemeinen Velociraptoren, hörnerbewehrten Triceratops und unaussprechlichen Procompsognathiden zu bevölkern.

Der Beratung durch den anerkannten Saurierexperten Jack Horner – er ist im Film unschwer in der Figur des Allen Grant zu erkennen – ist es zu verdanken, daß auch die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen berücksichtigt wurden. So wie die Paläontologen selbst ihre Vorstellungen vom Leben und Sterben der Dinosaurier in jüngster Zeit korrigieren mußten, lernen auch die Kinobesucher dazu. Statt trägen und vor allem dummen Kolossen begegnen die Darsteller äußerst wendigen, lernfähigen und damit auch gefährlichen Tieren. Als die Sicherungssysteme in der als Vergnügungspark geplanten Anlage ihren Dienst versagen, ist die Katastrophe daher vorprogrammiert…

(erschienen in der Stuttgarter Zeitung am 28. August 1993)

Quellen und weitere Infos:

  1. Cano RJ, Poinar HN, Pieniazek NJ, Acra A, Poinar GO Jr. Amplification and sequencing of DNA from a 120-135-million-year-old weevil. Nature. 1993 Jun 10;363(6429):536-8.
  2. Jurassic Park – der Film und seine Fortsetzungen als DVD und Blue-Ray bei Amazon
  3. DinoPark, von Michael Crighton, verschiedene Ausgaben bei Amazon
  4. Dinosaurier, von David Norman. Einer der bekanntesten Dinosaurierexperten beschreibt nicht nur Entwicklung und Lebensweise der „schrecklichen Echsen“. Der Leser wird auch herangeführt an die aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen und bekommt einen Einblick in die mühsame Geschichte der Saurierforschung. Unter der Vielzahl von Büchern zu diesem Thema glänzt dieses durch die fundierte Darstellung und die einzigartigen Illustrationen.

Gentherapie gegen Rheuma geplant

Nachdem ich die Redakteursstelle bei der WELT aufgegeben hatte, folgten meine ersten Jahre als Freier Journalist für Medizin & Wissenschaft. Häufig habe ich dann ein Thema mehreren Regionalzeitungen gleichzeitig angeboten, was vor dem Internet bei nicht überlappenden Verbreitungsgebieten der Print-Ausgaben problemlos möglich war. Manchmal wurde auch noch eine Fachversion erstellt, beispielsweise für das Deutsche Ärzteblatt oder die Ärzte-Zeitung, oder die Infos wurden als Teil eines größeren Artikels einem Magazin angeboten. Ein Beispiel ist dieser Text, den ich hier in 3 Versionen poste:

(Süddeutsche Zeitung, 26. August 1993, gekürzt in der Stuttgarter Zeitung am 28. August)

Eine neue Strategie gegen die schmerzhaften Gelenkkrankheiten Rheuma und Arthrose wollen Wissenschaftler in Düsseldorf und Pittsburgh gemeinsam erproben. Fast jeder zweite Bundesbürger über 65 leidet unter den Beschwerden, denen mit Medikamenten oftmals nicht beizukommen ist. Bei den gebräuchlichen Arzneien, die in Pillenform aufgenommen oder mit einer Spritze in die Blutbahn injiziert werden, kommt es außerdem häufig zu Nebenwirkungen, die dann ebenfalls mit Medikamenten gelindert werden müßen.

Durch einen Gentransfer in die Zellen der Gelenkinnenhäute gelang es den Molekularbiologen im Tierversuch an Kaninchen, das Problem an der Wurzel zu packen. Dabei wurden zunächst mit einer Arthroskopie Zellen aus dem erkrankten Gelenk entfernt. Anschließend schleußten die Forscher im Labor mit Hilfe von Fettkörperchen (Liposomen) das IRAP-Gen in die Zellen ein. Dadurch erhielten die kranken Zellen die Fähigkeit, ein Eiweiß herzustellen – das Interleukin-Rezeptor-Antagonist-Protein – welches das Hormon Interleukin 1 blockiert und dadurch der Rheumaentstehung entgegenwirkt.

Nachdem die genmanipuierten Zellen wieder in die Gelenke der Tiere zurücktransplantiert wurden, produzierten die Tiere das schützende Eiweiß bis zu sechs Wochen lang. Sowohl die für Rheuma typische Entzündung als auch die anschließende Zerstörung des Knorpels wurden dadurch verhindert. Hauptziel der Wissenschaftler ist es jetzt, die Wirksamkeit der transferierten Gene möglichst lange zu erhalten. Allzu häufige Eingriffe an den späteren Patienten mit den dazugehörigen Injektionen veränderter Zellen in die Gelenke wären nicht nur schmerzhaft und unpraktisch, sie könnten auch selbst zu neuen Entzündungen führen.

Die Drei-Mann-Firma Orthogen will als Träger des Projekts das Prinzip unter Leitung von Peter Wehling zur Anwendungsreife weiterentwickeln. Unterstützt wird Wehling dabei vom Minsterium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen, das insgesamt 1,25 Millionen Mark bereitstellt. Wehling, der etwa zwei Millionen Mark Kapital aufgebracht hat, hofft darauf, in „zwei bis drei Jahren“ die ersten menschlichen Patienten behandeln zu können. Das Konzept sieht vor, daß Gelenkhautinnenzellen dann jeweils von Spezialisten vor Ort entnommen und anschließend per Spezialtransport nach Düsseldorf gebracht werden, wo der Gentransfer stattfinden soll. Die genmanipulierten Zellen würden dann – so Wehlings Vision – zurückgeflogen und den Patienten während einer ambulanten Behandlung verabreicht.

(VDI-Nachrichten, 27. August 1993)

Rheuma und Arthrose könnten in zwei bis drei Jahren durch eine Gentherapie behandelt werden, so die Hoffnung von Peter Wehling, Leiter der Düsseldorfer Firma Orthogen. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Pittsburgh soll in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt ein Verfahren entwickelt werden, bei dem bundesweit kranke Zellen aus den Gelenken der Patienten entnommen und anschließend in einem zentralen Labor korrigiert werden. Nach dem Rücktransport sollen die genmanipulierten Gelenkhautinnenzellen den Rheumakranken dann während einer ambulanten Behandlung wieder verabreicht werden.

Nach Angaben von Wehling leidet in Deutschland fast jeder zweite Rentner an den oft sehr schmerzhaften Gelenkkrankheiten Rheuma und Arthrose. Im Extremfall müßten täglich bis zu acht verschiedene Medikamente eingenommen werden.

Gegenüber den bisherigen Medikamenten hätte das gentechnische Verfahren den Vorteil, daß schützende Wirkstoffe direkt im Gelenkspalt produziert würden, statt den gesamten Organismus zu überschwemmen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Arzneien, die in Pillenform oder als Spritze verabreicht werden, seien daher bei dem neuen Verfahren Nebenwirkungen nicht zu erwarten, erklärte der Begründer der Technologie, Professor Chris Evans von der Universität Pittsburgh.

Bisher wurde der Gentransfer in die betroffenen Zellen der Gelenkinnenhäute jedoch lediglich an Kaninchen erprobt. Dazu schlossen die Forscher ein Therapiegen in kugelförmige Fettkörperchen, (Liposomen) ein, die nach Kontakt mit der Zellmembran ihre Fracht in das Zellinnere entlassen. Die Zellen nutzten daraufhin bis zu sechs Wochen lang den molekularen Bauplan zur Herstellung eines Eiweißes, des Interleukin-Rezeptor-Antagonist-Proteins (IRAP). IRAP wiederum blockierte das Hormon Interleukin-1, welches bei der Rheumaentstehung eine entscheidende Rolle spielt.

Die Rechnung der Wissenschaftler ging auf; die für Rheuma und Arthrose typischen Entzündungen und Knorpelzerstörungen im Gelenk konnten bei den Tieren verhindert werden. Obwohl die Wirkungsdauer vor einer Anwendung des Verfahrens am Menschen noch wesentlich verlängert werden müßte, fördert das Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen das Projekt mit rund 1,25 Millionen Mark. Damit wolle man ein Standortsignal setzen für die Bio- und Gentechnologie und zur besseren Akzeptanz beitragen, erklärte Staatssekretär Hartmut Krebs: „Dies ist auch ein Stück PR zur Ermutigung von Wissenschaftlern in unserem Land.“

(unveröffentlichte Version für Deutsches Ärzteblatt vom 30. August 1993)

Eine Gentherapie gegen Rheuma und Arthrose soll in Zusammenarbeit zwischen der Universität Pittsburgh und der Düsseldorfer Firma Orthogen entwickelt werden. Das Vorhaben wird vom Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen mit 1,25 Millionen Mark gefördert. „Dies ist auch ein Stück PR zur Ermutigung von Wissenschaftlern in unserem Land“, sagte Staatsekretär Hartmut Krebs vor Journalisten in Düsseldorf.

Der Transfer von Genen mit antiarthritischen Eigenschaften in Gelenkhautinnenzellen wurde bisher allerdings lediglich bei Kaninchen erprobt. Dort gelang es der Arbeitsgruppe von Professor Chris Evans an der University of Pittsburgh School of Medicine durch Blockade des Rezeptors für Interleukin-1, Entzündungen und Zerstörung des Knorpels im Gelenk zu verhindern.

Ursprünglich hatte man versucht, Synovialzellen durch die Injektion von rekombinanten Retroviren direkt im Gelenk zu transduzieren. Dies scheiterte daran, daß Retroviren nur sich teilende Zellen infizieren können, die Gelenkhautinnenzellen aber lediglich eine sehr geringe mitotische Aktivität aufweisen. Dagegen war man beim Gentransfer in vitro erfolgreich: In Liposomen verpackte Kopien des IRAP-Gens wurden in Synovialzellen eingeschleust, die zuvor dem Gelenk entnommen worden waren. Nach Retransplantation produzierten die Zellen bis zu sechs Wochen lang das Interleukin-Rezeptor-Antagonist-Protein (IRAP).

Nebenwirkungen erwartet Evans von der neuen Methode nicht, da die eingeschleusten Gene im Gegensatz zu gebräuchlichen Medikamenten ihre Wirkung nur im Gelenkspalt entfalten würden. Da Evans beim Gentransfer auf den Einsatz von Retroviren verzichtet, schließt er eine Gefährdung der Patienten aus. „Bisher ist noch kein Empfänger fremder Gene als Folge solch einer Behandlung erkrankt.“

Innerhalb von „zwei bis drei Jahren“ soll das Verfahren jetzt zur klinischen Anwendung gebracht werden, sagte Orthogen-Geschäftsführer Peter Wehling. Wichtigstes Ziel der Wissenschaftler ist es dabei, die Dauer der Genexpression erheblich zu steigern. Der Orthopäde stellt sich dabei vor, daß lokal durch Arthoskopie gewonnene Synovialzellen nach Düsseldorf geflogen und dort im Speziallabor mit antiarthritischen Genen versehen werden. Anschließend – so Wehlings Vision – werden die Zellen in einer ambulanten Behandlung den Patienten vor Ort reimplantiert. Auch einen Preis kann der habilitierte Neuroimmunologe schon heute nennen: „Zwischen 10000 und 40000 Mark“ soll ein einzelner Gentransfer kosten.

Heftig kritisiert wurde Wehling unterdessen vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, Professor Joachim R. Kalden:  „Das so darzustellen, ist gefährlich, unkritisch und falsch“, sagte Kalden gegenüber dem Ärtzeblatt.

Eine amerikanische Studie zur Inhibition von IL-1 habe bei weitem nicht den Erfolg gebracht, den man sich hätte vorstellen können, erklärte der Neuroimmunologe. Dagegen habe man mit der Hemmung von TNF- durch monoklonale Antikörper sowohl im Tierversuch als auch am Patienten sehr gute Erfolge erzielt.

„Ich meine, daß man in der Diskussion über die Hierarchie der Zytokine, die für die Perpetuation der Inflammation bei der chronischen Polyarthritis verantwortlich sind, noch ganz am Anfang steht. Es sieht so als, als ob IL-1 ein Kandidat sei, möglicherweise aber nicht der entscheidende. Jetzt schon Pressekonferenzen über eine Gentherapie bei der chronischen Polyarthritis zu entwickeln, halte ich für sehr gewagt.“

Quelle: Pressekonferenz und Telefonat, keine Fachpublikation.

Was wurde daraus? Nach dieser Ankündigung machte Prof. Wehling noch mehrfach Schlagzeilen, unter anderem im Jahr 2009 mit einem „Ersten Hinweis auf klinische Erfolge der Gentherapie„. Etabliert ist das Verfahren allerdings bis heute nicht. Bei der Firma Orthogen, die laut der Webseite Bionity.com inzwischen 25 Mitarbeiter hat, zielt man nun offenbar weniger hoch und bewirbt stattdessen mit Orthokin(R) „ein Medizinprodukt zur Herstellung Autologen Conditionierten Serums, das entzündungshemmende Zytokinantagonisten und Wachstumsfaktoren enthält“. Außerdem arbeitet man an einer „neuartigen Stammzelltechnologie zur Knorpelregeneration aus nicht-embryonalen Stammzellen“, die jedoch keine eigene Erfindung darstellt, sondern „exklusiv von Harvard lizensiert“ wurde. 

Lebensqualität bei Schwerkranken

Erfolge bei der Behandlung schwerkranker Patienten werden heute nicht mehr ausschließlich anhand klinischer Parameter gemessen. Zunehmend betonen Ärzte, Kranke und deren Angehörige die Bedeutung der Lebensqualität. Während diese schwer zu quantifizierende Eigenschaft in Australien sogar schon bei der Zulassung von Arzneimitteln berücksichtigt wird, steckt ihre Erforschung und Bewertung in Deutschland noch in den Kinderschuhen.

„Die Messung der Lebensqualität im Rahmen von Therapiestudien genügt meist nicht wissenschaftlichen Ansprüchen“, bemängelte Professor Fritz Muthny im Rahmen der diesjährigen Paul-Martini-Vorlesung der Medizinisch-Pharmazeutischen Studiengesellschaft. So fanden sich bei einer Literaturanalyse zum Bronchialkarzinom zwar 130 Arbeiten zum Stichwort „Lebensqualität“, darunter aber nur 12 Studien mit einem Randomisierungsdesign, von denen wiederum keine einzige gleichzeitig Fremd- und Selbsteinschätzungen ermittelte.

Grundsätzlich sollte aber ein möglichst breites Spektrum erfaßt werden, darunter Daten zum Gesundheitszustand und den Beschwerden der Patienten, zur Funktions- und Leistungsfähigkeit in verschiedenen Lebensbereichen, zum emotionalen Befinden sowie Anzahl und Güte der Beziehungen, forderte der Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. „Sehr wichtig ist es auch, das Verfahren im Kontakt mit den Patienten zu entwickeln“, sagte Muthny.

Unter Beachtung dieser Richtlinien kann die Lebensqualitäts-Forschung durchaus von Nutzen für die Praxis sein, wie der promovierte Mediziner und Psychologe anhand eigener Untersuchungen belegte: In einer multizentrischen Studie an jeweils etwa 300 Krebspatienten der Diagnosen Bronchialkarzinom, Leukämien und Lymphome sowie colorecatale Karzinome konnten Gemeinsamkeiten in den meisten erfragten psychischen und psychosomatischen Beschwerden aufgezeigt werden: Gereiztheit, Angstgefühle, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen sowie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen wurden in allen drei Gruppen mit der gleichen Häufigkeit festgestellt. Zwischen 7 und 10 Prozent der Befragten gaben an, die genannten Symptome in starkem Maße zu erfahren.

Unterschiede gab es dagegen bei den physischen Beschwerden. So litten Bronchialkarzinompatienten erwartungsgemäß am stärksten unter Kurzatmigkeit, Husten und Schmerzen. Leukämie- und Lymphompatienten klagten indessen vorwiegend über Haarausfall, Stomatitis, Übelkeit und Geschmacksstörungen als Folge von Strahlen- und Chemotherapie.

Die relativ höchste Unzufriedenheit wurde bei der körperlichen Leistungsfähigkeit und beim Sexualleben festgestellt. Fast ein Drittel der Patienten gab an, mit diesen Lebensbereichen „unzufrieden“ zu sein. Verzeichnet wurde aber auch eine überraschend hohe Zufriedenheit mit der sozialen Situation. Rund 80 Prozent der Kranken gaben an, mit dem Familienleben und ihrer Stellung in der Familie „zufrieden“ zu sein, davon war die Hälfte sogar „sehr zufrieden“. Auch mit der Anzahl von Freunden und Bekannten und mit dem Verhalten des Partners zeigten sich 70 Prozent der Befragten „zufrieden“.

Überraschendes förderte Muthny auch mit einer anderen Untersuchung zu Tage, bei der vier Gruppen chronisch Kranker verglichen wurden. An der Studie nahmen 451 Patientinnen mit den Diagnosen Herzinfarkt, chronische Niereninsuffizienz, Mamma- und Unterleibskrebs sowie Multiple Sklerose teil. Dabei zeigte sich, daß die Krebspatientinnen nicht wie erwartet die ungünstigste Lebensqualität hatten, sondern zusammen mit den Herzinfarkt-Patientinnen eine Gruppe vergleichsweise hoher Lebenszufriedenheit bildeten. Die höchsten Depressionswerte und die höchste Beschwerdesumme zeigte die Gruppe der Dialysepatientinnen; zusammen mit den MS-Kranken bildeten sie ein Kollektiv chronisch Kranker mit deutlich verringerter Lebenszufriedenheit.

Welch große Bedeutung dem „inneren Referenzmaßstab“ zukommt, geht aus einem Vergleich zwischen Gesunden sowie Herzinfarkt- und Bronchialkarzinom-Patienten hervor, an dem insgesamt fast 700 Personen teilnahmen. Dabei zeigte sich, daß in der Kategorie „sehr zufrieden mit der generellen Lebenssituation“ Bronchialkarzinom-Patienten am häufigsten vertreten waren, obwohl sie die objektiv ungünstigste Prognose hatten. An zweiter Stelle folgten die Herzinfarkt-Patienten; am geringsten war der Prozentsatz der sehr Zufriedenen unter den Gesunden.

Muthnys Interpretion lautet: „Wer dem Tod von der Schippe gesprungen ist, kann selbst mit sehr eingeschränkten Lebensverhältnissen sehr viel zufriedener sein, als ein Gesunder, der eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen hohen Erwartungen und tatsächlichen Möglichkeiten erlebt.“ Die dem Mediziner möglicherweise paradox erscheinenden Verhältnisse machten die Erhebung subjektiver Lebensqualitätsdaten keineswegs sinnlos, erklärte Muthny. Sie seien vielmehr als Hinweis zu werten, daß zukünftige Forschungen den Referenz-Maßstab des Patienten stärker beachten müssen.

Bei sorgfältiger Durchführung sowie enger Kooperation zwischen Vertretern der klinischen Medizin und der psychosozialen Fächer erhofft sich Muthny von der Lebensqualitätsforschung einen vielfältigem Nutzen für die Onkologie. Die adäquatere Erfassung des Begleitwirkungen einer Therapie werde ebenso ermöglicht wie eine bessere Beurteilung des Krankheitsverlaufs. Weitere Vorteile sieht der Institutsleiter in einer Schulung der ärtztlichen Wahrnehmung in diesem Bereich sowie in gezielten Hinweisen darauf, wo die Schwerpunkte bei der psychosozialen Versorgung zu setzen sind.

(Erschienen in der Ärzte-Zeitung am 25. August 1993)

Lebensqualität bei Schwerkranken

Erfolge bei der Behandlung schwerkranker Patienten werden heute nicht mehr ausschließlich anhand klinischer Parameter gemessen. Zunehmend betonen Ärzte, Kranke und deren Angehörige die Bedeutung der Lebensqualität. Während diese schwer zu quantifizierende Eigenschaft in Australien sogar schon bei der Zulassung von Arzneimitteln berücksichtigt wird, steckt ihre Erforschung und Bewertung in Deutschland noch in den Kinderschuhen.

„Die Messung der Lebensqualität im Rahmen von Therapiestudien genügt meist nicht wissenschaftlichen Ansprüchen“, bemängelte Professor Fritz Muthny im Rahmen der diesjährigen Paul-Martini-Vorlesung der Medizinisch-Pharmazeutischen Studiengesellschaft. So fanden sich bei einer Literaturanalyse zum Bronchialkarzinom zwar 130 Arbeiten zum Stichwort „Lebensqualität“, darunter aber nur 12 Studien mit einem Randomisierungsdesign, von denen wiederum keine einzige gleichzeitig Fremd- und Selbsteinschätzungen ermittelte.

Grundsätzlich sollte aber ein möglichst breites Spektrum erfaßt werden, darunter Daten zum Gesundheitszustand und den Beschwerden der Patienten, zur Funktions- und Leistungsfähigkeit in verschiedenen Lebensbereichen, zum emotionalen Befinden sowie Anzahl und Güte der Beziehungen, forderte der Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. „Sehr wichtig ist es auch, das Verfahren im Kontakt mit den Patienten zu entwickeln“, sagte Muthny.

Unter Beachtung dieser Richtlinien kann die Lebensqualitäts-Forschung durchaus von Nutzen für die Praxis sein, wie der promovierte Mediziner und Psychologe anhand eigener Untersuchungen belegte: In einer multizentrischen Studie an jeweils etwa 300 Krebspatienten der Diagnosen Bronchialkarzinom, Leukämien und Lymphome sowie colorecatale Karzinome konnten Gemeinsamkeiten in den meisten erfragten psychischen und psychosomatischen Beschwerden aufgezeigt werden: Gereiztheit, Angstgefühle, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen sowie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen wurden in allen drei Gruppen mit der gleichen Häufigkeit festgestellt. Zwischen 7 und 10 Prozent der Befragten gaben an, die genannten Symptome in starkem Maße zu erfahren.

Unterschiede gab es dagegen bei den physischen Beschwerden. So litten Bronchialkarzinompatienten erwartungsgemäß am stärksten unter Kurzatmigkeit, Husten und Schmerzen. Leukämie- und Lymphompatienten klagten indessen vorwiegend über Haarausfall, Stomatitis, Übelkeit und Geschmacksstörungen als Folge von Strahlen- und Chemotherapie.

Die relativ höchste Unzufriedenheit wurde bei der körperlichen Leistungsfähigkeit und beim Sexualleben festgestellt. Fast ein Drittel der Patienten gab an, mit diesen Lebensbereichen „unzufrieden“ zu sein. Verzeichnet wurde aber auch eine überraschend hohe Zufriedenheit mit der sozialen Situation. Rund 80 Prozent der Kranken gaben an, mit dem Familienleben und ihrer Stellung in der Familie „zufrieden“ zu sein, davon war die Hälfte sogar „sehr zufrieden“. Auch mit der Anzahl von Freunden und Bekannten und mit dem Verhalten des Partners zeigten sich 70 Prozent der Befragten „zufrieden“.

Überraschendes förderte Muthny auch mit einer anderen Untersuchung zu Tage, bei der vier Gruppen chronisch Kranker verglichen wurden. An der Studie nahmen 451 Patientinnen mit den Diagnosen Herzinfarkt, chronische Niereninsuffizienz, Mamma- und Unterleibskrebs sowie Multiple Sklerose teil. Dabei zeigte sich, daß die Krebspatientinnen nicht wie erwartet die ungünstigste Lebensqualität hatten, sondern zusammen mit den Herzinfarkt-Patientinnen eine Gruppe vergleichsweise hoher Lebenszufriedenheit bildeten. Die höchsten Depressionswerte und die höchste Beschwerdesumme zeigte die Gruppe der Dialysepatientinnen; zusammen mit den MS-Kranken bildeten sie ein Kollektiv chronisch Kranker mit deutlich verringerter Lebenszufriedenheit.

Welch große Bedeutung dem „inneren Referenzmaßstab“ zukommt, geht aus einem Vergleich zwischen Gesunden sowie Herzinfarkt- und Bronchialkarzinom-Patienten hervor, an dem insgesamt fast 700 Personen teilnahmen. Dabei zeigte sich, daß in der Kategorie „sehr zufrieden mit der generellen Lebenssituation“ Bronchialkarzinom-Patienten am häufigsten vertreten waren, obwohl sie die objektiv ungünstigste Prognose hatten. An zweiter Stelle folgten die Herzinfarkt-Patienten; am geringsten war der Prozentsatz der sehr Zufriedenen unter den Gesunden.

Muthnys Interpretion lautet: „Wer dem Tod von der Schippe gesprungen ist, kann selbst mit sehr eingeschränkten Lebensverhältnissen sehr viel zufriedener sein, als ein Gesunder, der eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen hohen Erwartungen und tatsächlichen Möglichkeiten erlebt.“ Die dem Mediziner möglicherweise paradox erscheinenden Verhältnisse machten die Erhebung subjektiver Lebensqualitätsdaten keineswegs sinnlos, erklärte Muthny. Sie seien vielmehr als Hinweis zu werten, daß zukünftige Forschungen den Referenz-Maßstab des Patienten stärker beachten müssen.

Bei sorgfältiger Durchführung sowie enger Kooperation zwischen Vertretern der klinischen Medizin und der psychosozialen Fächer erhofft sich Muthny von der Lebensqualitätsforschung einen vielfältigem Nutzen für die Onkologie. Die adäquatere Erfassung des Begleitwirkungen einer Therapie werde ebenso ermöglicht wie eine bessere Beurteilung des Krankheitsverlaufs. Weitere Vorteile sieht der Institutsleiter in einer Schulung der ärtztlichen Wahrnehmung in diesem Bereich sowie in gezielten Hinweisen darauf, wo die Schwerpunkte bei der psychosozialen Versorgung zu setzen sind.

(Erschienen in der Ärzte-Zeitung am 25. August 1993)

Fehler bei Aids-Tests unvermeidlich

Für viele ist es ein beängstigender Gedanke: „Stell Dir vor, Du machst einen Aids-Test und wartest auf das Ergebnis … “ Über 20 Millionen Mal haben Deutsche bisher den Mut zu diesem Schritt aufgebracht, fast zehntausend von ihnen mußten – zumindest kurzfristig – mit der Diagnose „HIV-Infiziert“ leben.

Die Arbeit einer australischen Forschergruppe hat nun bestätigt, daß die berüchtigten Bluttests in manchen Fällen falsche Ergebnisse liefern. „Wir glauben, daß ein positiver Antikörpertest keinen unwiderleglichen Beweis für eine Infektion mit dem Immunschwächevirus darstellt“, faßte die Biophysikerin Eleni Papadopoulos-Eleopoulos vom Royal Perth Hospital die Studie zusammen, in der etliche der weltweit gebräuchlichen Verfahren unter die Lupe genommen wurden.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, zuständig für die Beurteilung der Testmethoden und Impfstoffe bei gefährlichen, ansteckenden Krankheiten, sieht allerdings keine Veranlassung, die in Deutschland zugelassenen Reagenzien vom Markt zu nehmen.

Die Erkenntnisse, welche die australischen Wissenschaftler etwa über die Zuverlässigkeit russischer Testverfahren gewonnen haben, sind nämlich nach Überzeugung von PEI-Präsident Reinhard Kurth nicht auf hiesige Verhältnisse zu übertragen. In der ehemaligen Sowjetunion hatte man noch vor zwei Jahren 30.000 Menschen ausgemacht, deren Immunsystem anscheinend auf die Gegenwart von Aids-Viren mit der Produktion von Antikörpern reagiert hatte. Eine genaue Analyse ergab allerdings, daß nicht einmal jeder Vierhundertste, den man als „HIV-positiv“ eingestuft hatte, auch tatsächlich infiziert war. „Wir haben uns die hausgebastelten Tests der Russen privat besorgt und näher angeschaut. Sie erreichen keinesfalls die Qualität der bei uns zugelassenen Produkte“, versicherte Kurth.

Den Moskauer Kollegen bleibt allerdings keine Wahl. Wie in vielen Teilen der Welt ist man auch in Rußland aus Geldmangel gezwungen, Testsysteme der „ersten Generation“ zu benutzen. Dabei wird in Kauf genommen, daß viele „falsch-Positive“ registriert werden. Denn je empfindlicher ein Test ist, umso geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß ein „falsch-negatives“ Ergebnis ermittelt wird. Dies wäre etwa dann der Fall, wenn eine verseuchte Blutkonserve nicht erkannt wird. Die Gesundheitspolitiker sind sich weitgehend über die Prioritäten einig: Trotz der psychologischen Belastung für den Einzelnen sind „falsch-Positive“ weniger schlimm als „falsch-Negative“.

Die Empfindlichkeit und Genauigkeit der in Deutschland zugelassenen Testsysteme liegt inzwischen nach Angaben von Kurth bei 99,8 Prozent. Selbst ein milliardstel Gramm an Viruseiweiß läßt sich mit dem ELISA-Test noch erfassen. Allerdings werden nicht die Eiweiße direkt gemessen. Stattdessen muß aus einer Farbreaktion abgelesen werden, ob das Immunsystem des Patienten Antikörper gebildet hat, welche an eines oder mehrere Viruseiweiße binden können.

Unter 10.000 Menschen, die noch nie mit dem Aids-Virus in Kontakt gekommen sind, müssen also immer noch etwa 20 damit rechnen, als „falsch-positiv“ eingestuft zu werden, weil sie Antikörper besitzen, die „fremdgehen“. Möglicherweise hatten diese Personen irgendwann in ihrem Leben Kontakt mit Krankheitserregern, die in ihrer Oberflächenstruktur Teilen des Aidsvirus ähnlich sind.

Da hierzulande etwa jeder zehntausendste Einwohner tatsächlich infiziert ist und auch diese Personen mit 99,8-prozentiger Sicherheit erkannt werden, käme man auf ein groteskes Mißverhältnis von 20 „falsch-Positiven“ gegenüber einem „echt-Positiven“. Deshalb wird in aller Regel vor Bekanntgabe des Resultats ein aufwendiger Bestätigungstest vorgenommen, der sogenannte Western-Blot. Er macht die Größe der vereinheitlichten Viruseiweiße sichtbar; durch Vergleich mit einem Standard läßt sich ein Fehlurteil praktisch ausschließen.

Dennoch können Verwechslungen von Blutproben und andere Mißgeschicke vorkommen. „Ein theoretisches Restrisiko ist nicht ganz auszuschließen“, räumt Kurth ein, auch wenn er den Herstellern von Testsubstanzen bescheinigt, sich außerordentliche Mühe gegeben zu haben. Letztlich liegt dies auch in deren eigenem Interesse, wie Rudolf Koberstein von der Firma Boehringer Mannheim zugibt. „Man kann es sich nicht leisten, einen HIV-Positiven zu übersehen“.

Daß Vertrauen allein nicht ausreicht, beweist jedoch ein Vorfall, der Ende Juli in Frankreich für Schlagzeilen sorgte. Dort wurden neun verschiedene Testsysteme auf Geheiß der Gesundheitsbehörden vom Markt genommen. Drei der Kandidaten hatten vom Paul-Ehrlich-Institut keine Zulassung erhalten, drei weitere waren bereits im Dezember letzten Jahres vom Markt genommen worden, weil sie auf einer „zwischenzeitlich überholten Technologie basierten und ihre Empfindlichkeit nicht mehr akzeptabel war“. Die übrigen drei Verfahren sind in Deutschland erhältlich. Nach Auskunft von Reinhard Kurth entsprechen sie den hiesigen Qualitätsvorschriften.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 19. August 1993)

Quellen:

Papadopulos-Eleopulos E, Turner VF, Papadimitriou JM. Is a positive western blot proof of HIV infection? Biotechnology (N Y). 1993 Jun;11(6):696-707. doi: 10.1038/nbt0693-696

Fehler beim AIDS-Test unvermeidlich

Für viele ist es ein beängstigender Gedanke: „Stell Dir vor, Du machst einen Aids-Test und wartest auf das Ergebnis … “ Über 20 Millionen Mal haben Deutsche bisher den Mut zu diesem Schritt aufgebracht, fast zehntausend von ihnen mußten – zumindest kurzfristig – mit der Diagnose „HIV-Infiziert“ leben.

Die Arbeit einer australischen Forschergruppe hat nun bestätigt, daß die berüchtigten Bluttests in manchen Fällen falsche Ergebnisse liefern. „Wir glauben, daß ein positiver Antikörpertest keinen unwiderleglichen Beweis für eine Infektion mit dem Immunschwächevirus darstellt“, faßte die Biophysikerin Eleni Papadopoulos-Eleopoulos vom Royal Perth Hospital die Studie zusammen, in der etliche der weltweit gebräuchlichen Verfahren unter die Lupe genommen wurden.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, zuständig für die Beurteilung der Testmethoden und Impfstoffe bei gefährlichen, ansteckenden Krankheiten, sieht allerdings keine Veranlassung, die in Deutschland zugelassenen Reagenzien vom Markt zu nehmen.

Die Erkenntnisse, welche die australischen Wissenschaftler etwa über die Zuverlässigkeit russischer Testverfahren gewonnen haben, sind nämlich nach Überzeugung von PEI-Präsident Reinhard Kurth nicht auf hiesige Verhältnisse zu übertragen. In der ehemaligen Sowjetunion hatte man noch vor zwei Jahren 30.000 Menschen ausgemacht, deren Immunsystem anscheinend auf die Gegenwart von Aids-Viren mit der Produktion von Antikörpern reagiert hatte. Eine genaue Analyse ergab allerdings, daß nicht einmal jeder Vierhundertste, den man als „HIV-positiv“ eingestuft hatte, auch tatsächlich infiziert war. „Wir haben uns die hausgebastelten Tests der Russen privat besorgt und näher angeschaut. Sie erreichen keinesfalls die Qualität der bei uns zugelassenen Produkte“, versicherte Kurth.

Den Moskauer Kollegen bleibt allerdings keine Wahl. Wie in vielen Teilen der Welt ist man auch in Rußland aus Geldmangel gezwungen, Testsysteme der „ersten Generation“ zu benutzen. Dabei wird in Kauf genommen, daß viele „falsch-Positive“ registriert werden. Denn je empfindlicher ein Test ist, umso geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß ein „falsch-negatives“ Ergebnis ermittelt wird. Dies wäre etwa dann der Fall, wenn eine verseuchte Blutkonserve nicht erkannt wird. Die Gesundheitspolitiker sind sich weitgehend über die Prioritäten einig: Trotz der psychologischen Belastung für den Einzelnen sind „falsch-Positive“ weniger schlimm als „falsch-Negative“.

Die Empfindlichkeit und Genauigkeit der in Deutschland zugelassenen Testsysteme liegt inzwischen nach Angaben von Kurth bei 99,8 Prozent. Selbst ein milliardstel Gramm an Viruseiweiß läßt sich mit dem ELISA-Test noch erfassen. Allerdings werden nicht die Eiweiße direkt gemessen. Stattdessen muß aus einer Farbreaktion abgelesen werden, ob das Immunsystem des Patienten Antikörper gebildet hat, welche an eines oder mehrere Viruseiweiße binden können.

Unter 10.000 Menschen, die noch nie mit dem Aids-Virus in Kontakt gekommen sind, müssen also immer noch etwa 20 damit rechnen, als „falsch-positiv“ eingestuft zu werden, weil sie Antikörper besitzen, die „fremdgehen“. Möglicherweise hatten diese Personen irgendwann in ihrem Leben Kontakt mit Krankheitserregern, die in ihrer Oberflächenstruktur Teilen des Aidsvirus ähnlich sind.

Da hierzulande etwa jeder zehntausendste Einwohner tatsächlich infiziert ist und auch diese Personen mit 99,8-prozentiger Sicherheit erkannt werden, käme man auf ein groteskes Mißverhältnis von 20 „falsch-Positiven“ gegenüber einem „echt-Positiven“. Deshalb wird in aller Regel vor Bekanntgabe des Resultats ein aufwendiger Bestätigungstest vorgenommen, der sogenannte Western-Blot. Er macht die Größe der vereinheitlichten Viruseiweiße sichtbar; durch Vergleich mit einem Standard läßt sich ein Fehlurteil praktisch ausschließen.

Dennoch können Verwechslungen von Blutproben und andere Mißgeschicke vorkommen. „Ein theoretisches Restrisiko ist nicht ganz auszuschließen“, räumt Kurth ein, auch wenn er den Herstellern von Testsubstanzen bescheinigt, sich außerordentliche Mühe gegeben zu haben. Letztlich liegt dies auch in deren eigenem Interesse, wie Rudolf Koberstein von der Firma Boehringer Mannheim zugibt. „Man kann es sich nicht leisten, einen HIV-Positiven zu übersehen“.

Daß Vertrauen allein nicht ausreicht, beweist jedoch ein Vorfall, der Ende Juli in Frankreich für Schlagzeilen sorgte. Dort wurden neun verschiedene Testsysteme auf Geheiß der Gesundheitsbehörden vom Markt genommen. Drei der Kandidaten hatten vom Paul-Ehrlich-Institut keine Zulassung erhalten, drei weitere waren bereits im Dezember letzten Jahres vom Markt genommen worden, weil sie auf einer „zwischenzeitlich überholten Technologie basierten und ihre Empfindlichkeit nicht mehr akzeptabel war“. Die übrigen drei Verfahren sind in Deutschland erhältlich. Nach Auskunft von Reinhard Kurth entsprechen sie den hiesigen Qualitätsvorschriften.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 19. August 1993)

Quellen:

Papadopulos-Eleopulos E, Turner VF, Papadimitriou JM. Is a positive western blot proof of HIV infection? Biotechnology (N Y). 1993 Jun;11(6):696-707. doi: 10.1038/nbt0693-696

AIDS-Therapie: Streit um den Zeitpunkt

Vorbeugen ist besser als abwarten, sollte man meinen. Was für Zahnärzte selbstverständlich ist, wird jedoch von vielen Aidsforschern bestritten. Die Frage, wann eine Behandlung mit dem lebensverlängernden Standardmedikament Azidothymidin (AZT) beginnen sollte, ist zum heißen Eisen geworden. Auslöser der Debatte war eine großangelegte Untersuchung, die den Verdacht nahelegte, daß zu viele teure Pillen an Infizierte abgegeben werden, die davon keinen echten Nutzen haben.

Seit der Veröffentlichung der Concorde-Studie auf dem Berliner Aids-Kongreß Anfang Juni streiten sich Ärzte und Betroffene, Statistiker, Pharmakonzerne und Gesundheitsreformer über die Deutung der vorliegenden Daten. In der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ wurde nun das Resultat einer australisch-europäischen Forschungsarbeit präsentiert, die im Gegensatz zur Concorde-Studie eine möglichst frühzeitige Behandlung für alle Infizierten ratsam erscheinen läßt.

Würde es sich bei AZT um ein billiges Arzneimittel ohne große Nebenwirkungen handeln, wäre der Fall klar: Ärzte und Patienten müßten sich nicht den Kopf zerbrechen, das Ausfüllen der Rezepte wäre reine Routine. Leider ist jedoch das Gegenteil der Fall. Etwa jeder Zehnte leidet so stark unter Übelkeit und andern Nebenwirkungen von AZT, daß die Therapie abgebrochen werden muß. Die jährlichen Behandlungskosten gehen außerdem in die Zehntausende.

Unbestritten ist die Wirksamkeit der Arznei. Der erste große Versuch mit Aids-Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit wurde in den USA schon nach sieben Monaten abgebrochen, weil AZT die Lebenserwartung gegenüber einem Scheinmedikament deutlich verlängerte. Alle Probanden erhielten daraufhin die Substanz, die im März 1987 von der zuständigen Behörde, der Food and Drug Administration (FDA) offiziell zugelassen wurde.

Nur wenige Monate später ging man die Frage an, ob die Patienten davon profitieren, wenn mit der Therapie früher begonnen wird. Früh heißt dabei: Die Infizierten haben noch relativ große Mengen an bestimmten Immunzellen, den CD4-Helferzellen. Bis heute haben die Mediziner keinen besseren Gradmesser für den Verlauf der Krankheit finden können als die Zahl dieser Zellen in jedem millionstel Liter Blut. Normal sind über 1000, im Endstadium der Krankheit oft weniger als 100.

Vorläufige Daten überzeugten die FDA davon, AZT für alle Patienten mit CD4-Zahlen unter 500 zuzulassen. Fast alle Ärzte befolgten denn auch die „500erRegel“. Mit einem Schlag hatte sich die Zahl der HIV-Infizierten, denen das teure Medikament verschrieben wurde, fast verzehnfacht.

Nach Erscheinen der Concorde-Studie änderte die FDA ihre Empfehlung und empfahl den Ärzten, „nach individuellen Kriterien“ zu entscheiden. Ob dieser Ratschlag nun nochmals geändert wird, ist zweifelhaft, denn bei näherer Betrachtung sind die jüngsten Studien gar nicht so widersprüchlich, wie AZT-Hersteller Wellcome glauben machen will: Nach einer Laufzeit von 55 Wochen wurden bei beiden Untersuchungen Zwischenanalysen vorgenommen, deren Ergebnisse weitgehend übereinstimmen, erklärte Frank-Detlef Goebel von der Universitäts-Poliklinik München.

Bei Patienten, die AZT vom Beginn der Untersuchung an einnahmen, kam es eindeutig seltener zu „klinischen Erscheinungen“ als bei denjenigen, denen zuerst ein Scheinmedikament verabreicht wurde. „Des Rätsels Lösung liegt darin, daß die Concorde-Leute den Mut hatten, ihre Studie trotz dieser Datenlage weiterzuführen“ so Goebel, der ebenfalls an der neuen Untersuchung (EACG 020) beteiligt war.

Wäre der Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen immer weiter angewachsen, wie viele es befürchteten, so würde man heute wohl mit Fingern auf die verantwortlichen Wissenschaftler zeigen. Stattdessen verflüchtigten sich die Vorteile wieder, die bei der frühzeitigen Einnahme von AZT beobachtet wurden.

Professor Ian Weller von der Middlesex School of Medicine in London, der für die Concorde-Studie verantwortlich zeichnet, verweist auf die unterschiedlichen „Endpunkte“ in beiden Untersuchungen: Weil die Concorde-Studie länger lief und mehr Teilnehmer hatte als alle anderen Studien, erkrankten und verstarben über 300 Patienten an Aids. Dabei machte es keinen Unterschied, ob man AZT schon verabreichte, bevor sich bei den Patienten erste Symptome von Aids zeigten, oder erst zu einem späteren Zeitpunkt eingriff.

„In der australisch-europäischen Untersuchung gab es wegen der relativ kurzen Dauer keinen einzigen Toten zu beklagen, die Statistik mußte sich hier auf weichere Daten stützen“, erklärt Weller. Das Fortschreiten der Krankheit mußte zum Beispiel an der Zahl der CD4-Zellen gemessen werden oder daran, ob Mundsor als eine relativ harmlose Begleiterkrankung registriert wurde oder nicht. Derartige Diagnosen sind aber nicht immer eindeutig und auch Goebel räumt ein, „daß es Probleme gab, klinische Ereignisse sauber zu definieren“, obwohl bei EACG 020 eine separate Arbeitsgruppe mit dieser Aufgabe betraut wurde.

„EACG 020 zeigt, daß es für einen begrenzten Zeitraum sinnvoll sein kann, Patienten mit 500 bis 750 CD4-Zellen zu behandeln, auch wenn sie noch keine Symptome zeigen“, bilanziert Goedel. Andererseits könne man aus der Concorde-Studie lernen, daß es wenig Sinn mache, Patienten mit Helferzellzahlen unter 500 drei Jahre lang AZT zu geben.

Für Nick Partridge, Chef von Großbritanniens größter Aids-Stiftung, ist auch die neue Untersuchung kein Grund zum Feiern. „Die Studie EACG 020 bestätigt zwar erneut den Nutzen von AZT, aber von einem Medikament, welches die Infizierten 20 oder 30 Jahre gesund hält, sind wir noch sehr weit entfernt.“

(Originalversion eines Artikels, der in gekürzter Form in der Süddeutschen Zeitung am 5. August 1993 erschienen ist)