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Polio – Die Ausrottung bleibt ein Traum

In vielen Entwicklungsländern fordert die Kinderlähmung (Poliomyelitis) auch heute noch ihre Opfer. Schätzungen über die Zahl derjenigen, die von dieser Viruskrankheit betroffen sind, schwanken zwischen 250000 und zwei Millionen Menschen.

In den industrialisierten Ländern dagegen, wo schon seit Ende der fünfziger Jahre umfassende Impfprogramme zum Schutz der Bevölkerung‘ eingeführt wurden, tritt die grausame Krankheit nur noch sehr selten auf. Nach Angaben des Berliner Bundesgesundheitsamtes (BGA) sowie des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden erkrankte im letzten Jahr in der Bundesrepublik nur noch eine einzige Person an der Poliomyelitis. Auch für die Jahre davor lässt sich die Zahl derjenigen, die nach einer Infektion mit dem Virus erkrankten, an zwei Händen abzählen.

Wie Dr. Klaus-Dieter Zastrow vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie des BGA betonte, handelte es sich dabei ausschließlich um eingeschleppte Fälle: Die Betroffenen hatten sich jeweils während eines Auslandaufenthaltes infiziert. Auch diese Ansteckungen hätten sich wohl zum größten Teil vermeiden lassen, wenn die Reisenden rechtzeitig an einer Auffrischungsimpfung teilgenommen hätten. Zumeist waren die Betroffenen nämlich noch nie geimpft worden; in anderen Fällen lag die Impfung schon mehr als 20 Jahre zurück. Die Mediziner warnen daher vor einer völlig unberechtigten Impfmüdigkeit in der Bevölkerung.

Prominentes Opfer: Der US-Präsident Franklin Roosevelt wurde 1921 ein Opfer der Poliomyelitis und war seitdem von der Hüfte ab weitgehend gelähmt (Foto: Margaret Suckley via Wikimedia Commons) Prominentes Opfer: Der US-Präsident Franklin Roosevelt erkrankte 1921 an der Poliomyelitis und war seitdem von der Hüfte ab weitgehend gelähmt (Foto: Margaret Suckley via Wikimedia Commons)

Prominentes Opfer: Der US-Präsident Franklin Roosevelt erkrankte 1921 an der Poliomyelitis und war seitdem von der Hüfte ab weitgehend gelähmt (Foto: Margaret Suckley via Wikimedia Commons)

Selten wurde eine schwere Krankheit so schnell unter Kontrolle gebracht wie die Kinderlähmung in Nordamerika und Europa nach Einführung des ersten Impfstoffes. Zahlen für die USA belegen den drastischen Rückgang der Infektionen: Fast 40000 Erkrankungen pro Jahr lautete die Bilanz, als 1954 eine landesweite Kampagne gestartet wurde, in der eine von Dr. Jonas Salk entwickelte Vakzine aus abgetöteten Krankheitserregern zum ersten Mal zum Einsatz kam. Wenige Jahre später war die Anzahl der Kinderlähmungen schon auf unter 600 Fälle gesunken.

Nachdem Albert Sabin Anfang der sechziger Jahre einen Impfstoff aus abgeschwächten lebenden Polioviren entwickelt hatte, ging die Zahl der Kinderlähmungen in den USA nochmals zurück – auf mittlerweile kaum mehr als ein Dutzend Erkrankungen pro Jahr.

Das ursprüngliche „wild type“-Virus war von Sabin und seinen Kollegen so lange in Zellkulturen gehalten worden, bis sich schließlich eine Variante isolieren ließ, die zwar die fatale Krankheit nicht mehr hervorrief, die das Immunsystem aber noch in vollem Umfang stimulierte. Dieser „Sabin“-Impfstoff zählt heute zu den sichersten Vakzinen überhaupt und wurde von der Bevölkerung bislang voll akzeptiert. Dazu trug sicher auch die einfache und schmerzlose Art der „süßen“ Schluckimpfung bei.

In extrem seltenen Fällen – etwa bei einer unter drei Millionen Impfungen – treten jedoch Komplikationen auf, die unter anderem dadurch zustande kommen, dass die – lebenden – Viren durch spontane Genveränderungen ihre krankmachende Eigenschaft zurückgewinnen. Auch Geimpfte können dann unter Umständen an der Kinderlähmung erkranken. Mit gentechnischen Tricks „umgebaute“ Polioviren sollen in Zukunft dazu beitragen, das Impfrisiko noch einmal zu senken.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist von der Wirksamkeit der Poliomyelitis-Impfung so überzeugt, dass sie 1976 ein Programm startete, das sich neben anderen Krankheiten auch die Ausrottung der Kinderlähmung bis zum Jahre 1990 zum Ziel gesetzt hatte. Leider wurde der schöne Traum, Krankheiten weltweit auszurotten, bisher nur für die Pocken verwirklicht. Im Falle der Poliomyelitis stehen dem jedoch die mangelhaften hygienischen Verhältnisse in den Entwicklungsländern entgegen: Das Virus wird nämlich häufig durch Fäkalien übertragen, die ins Trinkwasser gelangen.

Der Lebendimpfstoff muss auch dort versagen, wo Durchfall (Diarrhö) eine weitverbreitete Erscheinung ist. In Indien sind etwa 30 Prozent der Neuerkrankungen darauf zurückzuführen, dass die Impfviren, die den Schutz vermitteln sollen, ausgeschieden werden, bevor sie sich im Darm ansiedeln können. Es wird daher auch die Frage diskutiert, ob sich für diese Länder nicht die gute alte – inzwischen mehrfach verbesserte – Vakzine aus abgetöteten Erregern besser eignet, die mittels Spritzen injiziert wird.

Für die Bundesrepublik jedoch halten es Fachleute wie Dr. Horst- Günther Weber, Medizinischer Direktor des Gesundheitsamtes Hannover, für erforderlich, die gegenwärtige Praxis der Poliomyelitis-Schluckimpfung beizubehalten. Diese solle auch weiterhin vom öffentlichen Gesundheitsdienst und niedergelassenen Ärzten gleichermaßen angeboten werden, betont der Experte in einem Beitrag für die Zeitschrift „Sozialpädiatrie“.

Wiederholungsimpfungen sollten im Abstand von etwa zehn Jahren durchgeführt werden, um einen hohen Durchimpfungsgrad zu gewährleisten. Die einstmals gefürchtete Kinderlähmung kann so auch weiterhin in Schach gehalten werden.

(erschienen in der WELT vom 26. August 1989)

59-info@2xWas ist daraus geworden? Noch immer ist die Kinderlähmung nicht ausgerottet. Seit dem Erscheinen meines Artikels ist die Zahl der Fälle zwar weltweit um 99 % gesunken, und die letzte Ansteckung in Deutschland gab es im Jahr 1990. Zu oft wurden jedoch Impfkampagnen durch Kriege und neuerdings auch religiöse Fanatiker verhindert oder abgebrochen.

Signale aus dem Weltraum leisten Hilfe bei der Landvermessung

Das „Global Positioning System“ (GPS) – bekannt als Navigationshilfe für den Schiffs- und Flugverkehr – wird nach Meinung von Fachleuten die Vermessungstechnik revolutionieren. Parabolspiegel werden dann die rot-weißen Stangen ersetzen, mit denen die Geodäten zurzeit noch Lagebestimmungen vornehmen. Mit hochempfindlichen Antennen werden bei dem neuen Verfahren Satellitensignale aufgezeichnet, aus denen dann die Position des Empfängers auf der Erde mit großer Genauigkeit berechnet werden kann.

Eine Simulation von 24 GPS-Satelliten (4 auf jeder der 6 Umlaufbahnen), die die Anzahl der zu einer bestimmten Zeit nutzbaren Satelliten an einem fixen Punkt (45°N) zeigt. (Quelle: El pak via Wikimedia Commons)

Eine Simulation von 24 GPS-Satelliten (4 auf jeder der 6 Umlaufbahnen), die die Anzahl der zu einer bestimmten Zeit nutzbaren Satelliten an einem fixen Punkt (45°N) zeigt. (Quelle: El pak via Wikimedia Commons)

Signalbauten und Leiterkonstruktionen, die als Ausdruck einer regen Vermessungstätigkeit häufig die Landschaft verunzieren, könnten bald der Vergangenheit angehören. Denn Arbeiten, die unter Einsatz des „Global Positioning Systems“ (GPS) in Münster durchgeführt wurden, sind sehr erfolgreich verlaufen, wie Karl Wendland, Leiter der Abteilung Neuvermessung und Bewertung am dortigen Vermessungs- und Katasteramt, mitteilte. Bei GPS handelt es sich um ein Ortungssystem, das mit Unterstützung von Satelliten genaue Positionsbestimmungen auf der Erde ermöglicht.

Bei den Münsteraner Studien wurde eine Fläche von rund 320 Quadratkilometern vermessen. Zwei Vermessungstrupps benötigten dazu – anstatt eines halben Jahres – nur 16 Tage. Dabei übertrafen die gewonnenen Daten frühere, mit herkömmlichen Methoden der Landesvermessung erzielte, bei weitem an Genauigkeit. Einzelne Positionen können jetzt bis auf einen Zentimeter genau festgelegt werden. Mit konventionellen Methoden läge der Fehler bei mindestens zwei bis drei Zentimetern, so Wendland.

Die Handhabung der Messelektronik ist relativ einfach. Sind die Empfänger erst einmal aufgestellt und die Satelliten angepeilt, läuft alles andere „wie von selbst“: Mehrere Stunden lang messen zwei zeitgleich arbeitende Empfänger die Phase der Sinusschwingungen, die von den Satelliten ausgesandt werden. Zur späteren Auswertung werden die Daten auf einer Kassette gespeichert.

Damit unterscheidet sich die Landvermessung von anderen Positionierungsverfahren, die ebenfalls auf GPS zurückgreifen. Diese messen nur solche Signale, die der erwähnten Grundschwingung praktisch „übergestülpt“ (aufmoduliert) werden. Dafür genügt ein einziger Empfänger, der in Sekundenschnelle eine Positionsangabe liefert – wenn auch mit geringerer Präzision als sie durch Auswertung der Trägerphasen möglich ist.

Abweichungen von 20 Metern, die für die Schifffahrt oder militärische Zwecke toleriert werden können, dürfen bei der Geodäsie natürlich nicht auftreten. Zwei Wochen dauert die Umrechnung der gespeicherten Daten durch die Firma Geosat. Wie Dr. Hans-Jürgen Larisch hierzu erläuterte, würden mit Hilfe der frei zugänglichen Bahndaten der Satelliten Differenzen zwischen Koordinaten der Messpunkte errechnet. Diese werden dann an die Auftraggeber – wie hier das städtische Vermessungsamt in Münster – weitergeleitet.

Die Satelliten mit Namen „Navstar“ umkreisen in einer Höhe von 20 000 Kilometern die Erde und legen dabei in jeder Sekunde fast vier Kilometer zurück. An Bord der Kunstmonde befinden sich hoch präzise Atomuhren, die in 30000 Jahren nur um eine Sekunde abweichen, aber auch Detektoren, mit denen nukleare Explosionen nachgewiesen werden können.

Finanziert wird das achteinhalb Milliarden Dollar teure GPS-System nämlich vom amerikanischen Verteidigungsministerium. Die qualitativ besten Daten zur Positionsbestimmung (die aufmodulierten Signale) sollen daher auch bald so verschlüsselt werden, dass sie nur den US-Streitkräften zur Verfügung stehen. Signale für zivile Nutzer werden dann elektronisch verzerrt und damit weniger genau.

Die Technik der Trägerphasenvermessung, die von der Firma Geosat genutzt wird, ist von den Amerikanern unabhängig. Wegen der langen Rechenzeiten ist sie auch nicht für militärische Zwecke geeignet. Um diese Technik bei der Geodäsie anwenden zu können, ist es allerdings Voraussetzung, dass ein Blickwinkel von etwa 30 Prozent zum Himmel gegeben ist; sonst können die Signale der Navstar-Satelliten nicht empfangen werden. In dicht bebauten Innenstädten ist man also auch weiterhin auf das herkömmliche Messverfahren unter Einsatz von Signalbauten angewiesen.

Überall sonst aber entfällt das Errichten von Leiterkonstruktionen und Signalbauten, die gerade in unwegsamem Gelände oft über zehn Meter hoch sein müssen, um eine Sichtverbindung zwischen zwei Messpunkten zu ermöglichen. Wie Wendland betonte, ist der Aufbau dieser Gerüste mit einem enormen Zeitaufwand verbunden. Positiver Nebeneffekt der Satellitenpeilung: Der Flurschaden, der mit der alten Methode entstand, lässt sich jetzt weitgehend vermeiden.

Zurzeit befinden sich erst neun von insgesamt 18 geplanten Satelliten im Einsatz, von denen allerdings nur sechs zu Positionierungsaufgaben genutzt werden können. Die restlichen Kunstmonde warten in den USA auf den Transport in den Weltraum.

Bei ihren Arbeiten in den vergangenen Wochen hatten die Messtrupps der Stadt Münster das Glück auf ihrer Seite. Die Peilungen, für die mindestens vier Satelliten gleichzeitig am Himmel stehen müssen, waren allesamt in der regulären Arbeitszeit möglich. Da sich das Beobachtungsfenster aber jeden Tag um vier Minuten in den Morgen hinein verschiebt, wird das nächste Projekt, das für den September geplant ist, nachts stattfinden. Während der 23 Tage dauernden Arbeiten werden die Geodäten dann vielleicht häufiger von dem nicht mehr fernen Zeitpunkt träumen, an dem 18 GPS-Satelliten exakte Positionsbestimmung an jedem Ort und zu jeder Zeit ermöglichen werden.

(erschienen in der WELT am 25. August 1989)

59-info@2xWas ist daraus geworden? Meine damaligen Gesprächspartner sind weiterhin in der Landvermessung tätig und GPS kennt heute jedes Kind. Seit Mitte der 90er Jahre sind die Navstar-Satelliten vollzählig, eine Schar von aktuell 31 künstlichen Erdtrabanten ermöglicht heute kostenlose Navigationsdienste für jedermann. Aus der Landvermessung ist die Hilfe vom Satelliten (Satellitengeodäsie) heute kaum mehr wegzudenken.

Forschung betreibt vor allem die deutsche Industrie

Rund eine Milliarde Mark werden in der Bundesrepublik jährlich für die Krebsforschung aufgebracht. Bei dieser Summe handelt es sich um eine grobe Annäherung, da offizielle Zahlenangaben nicht erhältlich sind. Das liegt nicht etwa daran, dass man Zahlen für die Krebsforschung hierzulande nicht veröffentlichen will.

Vielmehr lässt sich bei einem Großteil aller Forschungsgelder nicht von vornherein sagen, zu welchen praktischen Anwendungen sie später führen werden. Das betrifft besonders die Grundlagenforschung: So kommen zum Beispiel Fortschritte auf dem Gebiet der Molekularbiologie außer der Krebsforschung unter anderem auch der Herz-Kreislauf-Forschung sowie der Arzneimittel- und Impfstoffherstellung zugute.

DKFZ-Hauptgebäude

Flagschiff der Forschung: Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. (Foto: Tobias Schwerdt)

Mit einer Milliarde Mark aber fließt in die Krebsforschung weniger als ein Fünfzigstel dessen, was Wirtschaft, Bund und Länder insgesamt für Forschung und Entwicklung ausgeben. Die Bundesregierung finanziert Krebsforschung im weitesten Sinne mit über 250 Millionen Mark, die vornehmlich über das Bundesforschungsministerium verteilt werden.

Die größten Summen werden allerdings von der Industrie ausgegeben. Allein die deutschen Pharmakonzerne lassen sich in diesem Jahr die Erforschung von Medikamenten zur Krebsbehandlung 400 Millionen Mark kosten. Hier geht es vor allem um die Verbesserung und Neuentwicklung von Wirkstoffen zur Hemmung des Zellwachstums (Zytostatika). Auch Substanzen, die an der Regulation des Immunsystems beteiligt sind, und solche mit hormonartiger Wirkung werden untersucht.

Andere Wirtschaftsbereiche forschen kräftig mit. So war vom Elektroriesen Siemens zu erfahren, dass die Neu- und Weiterentwicklung von Geräten, die vorwiegend in der Krebserkennung und -behandlung eingesetzt werden, jährlich zwischen 150 und 200 Millionen Mark verschlingt. Es handelt sich hier um Computertomographen, Mammographiegeräte sowie Systeme für Strahlentherapie und Ultraschalldiagnose.

Der Bund fördert vor allem die Grundlagenforschung: Von der Biotechnologie erwarte man sich entscheidende Hilfen für die menschliche Gesundheit. Besonders gelte dies für die weitere Aufklärung der Tumorentstehung und der Struktur-Funktionsbeziehungen in der Immunologie und Virologie, heißt es im Bundesbericht Forschung 1988.

Der größte Posten staatlicher Förderung entfällt dabei auf das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, eine der 13 Großforschungseinrichtungen des Bundes. Die Arbeit der 1200 Forscher wird im laufenden Jahr 119 Millionen Mark kosten. Es folgt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit über 35 Millionen Mark sowie die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) in Neuherberg bei München, die 22,5 Millionen für die Krebsforschung ausgibt.

Der Beitrag gemeinnütziger Vereine, die ihre Mittel aus Spenden beziehen, darf nicht unterschätzt werden. Sie springen vor allem dort in die Bresche, wo eine schnelle und unbürokratische Hilfe nötig ist. Hier ist zum Beispiel der Verein zur Förderung der Krebsforschung in Deutschland zu nennen, der 1958 gegründet wurde mit dem primären Ziel, an der Universität Heidelberg ein Krebsforschungszentrum zu errichten. Aus Spendenmitteln wurde die Betriebsstufe I des Institutes finanziert, das später zur größten Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet in der ganzen Bundesrepublik avancierte – dem DKFZ. Dieser Initialzündung sind mittlerweile mehr als eine halbe Milliarde Mark gefolgt.

Die klinische Versorgung von Krebspatienten lässt in Deutschland nach Angaben von Experten noch manche Wünsche offen. Obwohl seit 1981 der Auf- und Ausbau von Tumorzentren und onkologischen Schwerpunkten gefördert wurde, sind personelle und sachliche Mittel weiterhin knapp. Über 20 Tumorzentren – sie sind meist den Universitäten angeschlossen – gibt es mittlerweile in der Bundesrepublik. Dennoch findet längst nicht jeder Krebspatient ein Bett in einer dieser spezialisierten Kliniken, wie Dr. Volker Budach vom Westdeutschen Tumorzentrum in Essen beklagte.

Die Kapazitäten der Universitäten würden von Problemfällen voll in Anspruch genommen; hier suchten vor allem Patienten mit Rückfällen (Rezidiven) Rat, deren Erstbehandlung in anderen Krankenhäusern oder durch den Hausarzt erfolgte. „Die Finanzierung reicht hinten und vorne nicht“, meinte der Oberarzt im Gespräch mit der WELT.

Ohne die finanzielle Unterstützung aus Drittmitteln wie DFG und Deutsche Krebshilfe wäre nicht einmal die klinische Routine möglich. Gerade die medizinische Versorgung von Tumorpatienten erfordere nämlich einen immensen Aufwand an Personal und Sachmitteln, der dem einer Intensivstation durchaus vergleichbar sei.

Lücken in der Patientenversorgung versuchen zahlreiche Gesellschaften, Organisationen und Selbsthilfegruppen zu schließen, die sich um direkte Hilfe für Tumorpatienten bemühen. Die Deutsche Krebshilfe – mittlerweile eine der größten Bürgerinitiativen in der Bundesrepublik – führt ihren Kampf gegen den Krebs unter bewusstem Verzicht auf die Inanspruchnahme staatlicher Subventionen. Im vorigen Jahr setzte der Verein über 50 Millionen Mark an Spendengeldern ein.

Neben umfangreichen Forschungsprojekten ist die Organisation auf vielen anderen Gebieten tätig: Selbsthilfegruppen, alternativen Möglichkeiten der Krebsbekämpfung, Schmerztherapie. Es gibt kaum ein Gebiet, das von dem Verein nicht gefördert wird. Hilfe für den Betroffenen soll durch Information und Aufklärungsprogramme über die Bedeutung von Früherkennung und Prävention geleistet werden. Dazu bietet der Verein eine Vielzahl von Broschüren an, die für jedermann kostenlos erhältlich sind.

Eine weitere wichtige Einrichtung für Kranke und deren Angehörige ist der Krebsinformationsdienst (KID), eine telefonische Auskunftsstelle am DKFZ, die vom Bundesgesundheitsamt dieses Jahr noch mit 550 000 Mark unterstützt wird. Unter der Telefonnummer 0800 – 420 30 40 geben Experten dort werktags von sieben bis 20 Uhr Auskunft über Adressen, Therapien, Nachsorge, Prävention und Diagnostik sowie staatliche und karitative Hilfe. Mittlerweile ist es zu bestimmten Zeiten sogar möglich, die Informationen in türkischer Sprache zu erhalten. Ein fachübergreifendes Team tritt in Aktion, wenn die Anfragen nicht spontan beantwortet werden können.

(erschienen in der WELT am 21. August 1989)

59-info@2xWas ist daraus geworden? Der obige Artikel war damals schwer zu recherchieren, weil es keine Statistik gibt, die Forschungsausgaben für ganz Deutschland nach Sachgebieten auflistet! Sicher scheint nur, dass die staatliche Förderung im Vergleich zu den USA beschämend niedrig ist. Und dass die jährlichen Einnahmen aus der Tabaksteuer (zuletzt ca. 14 Milliarden Euro) die Forschungsausgaben um ein Vielfaches übertreffen. Selbst der Krebsinformationsdienst – sicher eine der besten Einrichtungen auf diesem Gebiet – hatte zwischendurch Finanzierungsprobleme, die jetzt aber behoben sind. Und aus Dr. Budach ist Prof. Budach geworden 😉

Schnappschüsse per Laserblitz

„Um den Übergang der Energie von der heißen Sonne zur kalten Erde auszunutzen, breiten die Pflanzen die unermesslichen Flächen ihrer Blätter aus und zwingen die Sonnenenergie in noch unerforschter Weise, chemische Synthesen auszuführen, von denen man in unseren Laboratorien noch keine Ahnung hat.“

So fasste der große Physikochemiker Ludwig Boltzman am Anfang dieses Jahrhunderts den Stand der Forschung auf dem Gebiet der Photosynthese zusammen. In den 84 Jahren, die seit dieser Feststellung vergangen sind, haben die Wissenschaftler jedoch einiges dazugelernt. Laserblitz und Infrarotstrahlung, Computersimulation und Röntgenbeugung sind das Handwerkszeug, mit dem die Experten in die Geheimnisse dieses Prozesses eindringen.

Vor rund drei Milliarden Jahren wurde die Photosynthese „erfunden“ und damit die Voraussetzung für die Entwicklung höheren Lebens auf unserem Planeten geschaffen. Unvorstellbare Energiemengen werden von photosynthetischen Bakterien, Algen und grünen Pflanzen in Form von Sonnenlicht aufgenommen.

Diese Energie wird benutzt, um jährlich mehr als zehn Milliarden Tonnen Kohlenstoff in organische Moleküle einzubauen. Der Sauerstoff der Luft, ohne den wir alle zugrunde gehen müssten, ist ein „Abfallprodukt“ dieser Reaktion. Die Nahrung, die wir zu uns nehmen, stammt letztlich ebenso aus dieser „wichtigsten Reaktion der Welt“ wie die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas.

Kein Wunder also, dass die Forschung sich für die Vorgänge interessiert, mit denen der Sonnenschein in nutzbare Energie überführt wird. Einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis dieser Reaktion lieferten deutsche Wissenschaftler, denen es gelang, die Struktur und Funktion des photosynthetischen Reaktionszentrums am Purpurbakterium Rhodopseudomonas aufzuklären.

Hartmut Michel, Johann Deisenhofer und Robert Huber erhielten im vorigen Jahr den Nobelpreis für Chemie, weil sie in dem ungeheuer komplexen Molekül die räumliche Anordnung einiger 10000 Atome zueinander mit dem Verfahren der Röntgenstrukturanalyse feststellen konnten.

Dass dieser Erfolg keinen Einzelfall darstellt, zeigt die deutsche Beteiligung an internationalen Fachkonferenzen. Bald jeder dritte Teilnehmer kommt dort mittlerweile aus der Bundesrepublik. Neben München und Berlin wird auch in Freiburg intensiv an den Mechanismen der Photosynthese geforscht.

Am Institut für Biophysik und Strahlenbiologie gilt das Hauptinteresse den sogenannten Primärreaktionen, bei denen die Lichtenergie dazu benutzt wird, um eine Trennung elektrischer Ladungen herbeizuführen. Wie bei einer Batterie können die einmal getrennten Ladungen später wieder in der Sekundärreaktion vereint werden. Die dabei freiwerdende gespeicherte Energie treibt dann die Stoffwechselvorgänge in den Zellen an.

Photosynthese - Wikipedia

Eine Reaktion, von der alles Leben auf der Erde abhängt: Die Photosynthese (Quelle: Lanzi via Wikimedia Commons)

Die Primärreaktion, die hier unter Leitung von Prof. Werner Mäntele untersucht wird, läuft mit kaum fassbarer Geschwindigkeit ab. Entsprechend groß ist auch der experimentelle Aufwand, den die Forscher betreiben müssen, um die einzelnen Schritte der Reaktion noch auflösen zu können. Laser geben Lichtblitze von einigen milliardstel Sekunden Dauer ab. Die Ereignisse, die damit in den Biomolekülen ausgelöst werden, können mit Hilfe der Infrarotspektroskopie exakt erfasst werden, obwohl sie in weniger als einer millionstel Sekunde ablaufen.

Die Präzisionsgeräte werden vom benachbarten Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik zugeliefert und dann in der hauseigenen Werkstatt an die speziellen Bedürfnisse der Biophysiker angepasst. Selbst die Computersoftware, die komplexe Messungen erst ermöglicht, wurde von der sechsköpfigen Arbeitsgruppe selbst entwickelt. Stolz präsentiert Prof. Mäntele eine Granitplatte, die auf mehrere Autoreifen gelagert ist. Das komplette System hat ihn drei Flaschen Wein gekostet und schützt die etwa 100000 Mark teuren Laser genauso zuverlässig vor unerwünschten Schwingungen, wie die kommerziellen Gegenstücke, die zum Stückpreis von 15 000 Mark zu haben sind.

Mäntele erläutert die Vorteile der Infrarotspektroskopie (lRS) gegenüber der Röntgenstrukturanalyse von Proteinkristallen, wie sie die letztjährigen Träger des Chemienobelpreises angewandt haben: Während die Auswertung von Beugungsmustern, die beim Beschießen der Kristalle mit Röntgenstrahlen entstehen, nur eine Momentaufnahme des photosynthetischen Reaktionszentrums vermittelt, kann die IRS den Weg der Ladungsträger durch das Molekül verfolgen.

Die ständige Weiterentwicklung und Verfeinerung der Technik, die hier schon seit 1982 angewandt wird, erlaubt es, auch noch die kleinsten Bewegungen in dem Riesenmolekül zu verfolgen. Die Änderung einer einzelnen Bindung – einer sogenannten Wasserstoffbrücke – nach der Aufnahme von Lichtenergie konnte so nachgewiesen werden.

In dem Reaktionszentrum dient ein umfangreiches Eiweißgerüst dazu, eine Anzahl von Farbstoffmolekülen (Pigmenten) so auszurichten, dass nach dem „Einfangen“ eines Lichtteilchens zwei Ladungen unterschiedlichen Vorzeichens entstehen. Der Trick der Natur besteht nun darin, das negativ geladene Teilchen so schnell vom Ort des Geschehens zu entfernen, dass die Wiedervereinigung mit der zurückbleibenden positiven Ladung unterbleibt.

Wie ein Schalter wirkt dabei eines der Pigmente und zwingt das Eiweißgerüst etwa 200Picosekunden lang“ (fünf milliardstel Sekunden also) in eine Form, die diesen Elektronentransport ermöglicht. Dann ist die „Hauptarbeit“ bei der Photosynthese geleistet.

Dies weiß man, weil es gelang, die Abstände einzelner Atome zueinander während dieses Vorganges zu beobachten. Das negative Teilchen ist anschließend jenseits einer zellulären „Trennwand“ gespeichert. Später wird es kontrolliert wieder mit einem positiven Teilchen vereinigt. Dabei wird etwa 50 Prozent der ursprünglichen Energie des Lichtteilchens als nutzbare Energie frei.

Mittlerweile weiß man, dass sich viele der Erkenntnisse, die man an einfachen Bakterien gewonnen hat, auch auf höherstehende Lebewesen übertragen lassen. Diese sind allerdings noch komplizierter und leistungsfähiger. So haben die grünen Pflanzen und die Algen gleich zwei Reaktionszentren, die sich gegenseitig ergänzen. Das Photosystem II ist dabei dem der Bakterien sehr ähnlich. Die Ladungstrennung verläuft in vergleichbaren Zeiträumen, und auch die beteiligten Moleküle zeigen nur geringfüge Unterschiede zu denen der Purpurbakterien.

Beim Photosystem I dagegen tappt man noch weitgehend im Dunkeln, hier sind noch nicht einmal alle Moleküle bekannt, die an der Umsetzung der Lichtenergie beteiligt sind. Röntgenfähige Kristalle, die Prof. Horst Tobias Witt von der TU Berlin hergestellt hat, könnten aber in naher Zukunft zu einem Durchbruch führen.

Mit seinen bisherigen Ergebnissen lassen sich aber noch keine einzelnen Atome lokalisieren. Strukturen, die vier Milliardstel Zentimeter (Ångström) auseinander liegen, kann Witt derzeit schon erkennen. Bei einer Auflösung unter drei Ångström wird es möglich, die Positionen einzelner Atome zu errechnen. Dann wäre das letzte große Geheimnis der Photosynthese gelüftet. Denkbar wäre es dann beispielsweise, neuartige Schaltelemente für die Mikroelektronik zu fertigen, aufgebaut nach dem Muster der photosynthetischen Pigmente. Diese würden es ermöglichen, noch kleinere und schnellere Computer zu konstruieren. Im Moment sind derartige Überlegungen, wie sie von amerikanischen Wissenschaftlern angestellt werden, allerdings noch Zukunftsmusik.

(erschienen in der WELT am 19. August 1989)

Viele Tüftler erfinden je nach Saison

Fragen kostet nichts, zumindest für „Erfinder, Erwerbslose und Studenten“, die ihre Einfälle in gewinnbringende Patente ummünzen wollen. Darauf haben Experten gestern bei einem Pressegespräch im Bonner Bundesforschungsministerium (BMFT) hingewiesen.

Heinz Riesenhuber

Einer der besten Forschungsminister, die wir je hatten: Dr. Heinz Riesenhuber (Foto-AG Gymnasium Melle [CC BY-SA 4.0] via Wikimedia Commons)

Kreativität und Innovationsbereitschaft bestimmen ganz wesentlich die Zukunftschancen einer Industrienation, so Forschungsminister Heinz Riesenhuber. Vor allem den freien Erfindern steht in der Bundesrepublik eine ganze Reihe von Einrichtungen zur Verfügung, die Schutz und gewinnbringende Verwertung zündender Ideen erleichtern sollen. Trotzdem kommt der überwiegende Anteil der rund 35 000 Patente, die letztes Jahr hierzulande angemeldet wurden, aus der Industrie.

Tüftler und Bastler sollten sich von den 40 000 Mark, die der weltweite Schutz einer Erfindung kostet, nicht abschrecken lassen. Wie Hans-Jochen Bischof von der Patentstelle der deutschen Forschung erklärte, können Erfindern finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Im Rahmen eines Fördervertrages werde dabei ein zinsloses Darlehen gewährt, das nur bei späterer Vermarktung des Patents zurückgezahlt werden muss.

Eine kostenlose Erfinderberatung bietet zum Beispiel das Innovations- und Patent-Centrum (IPC) in Hamburg, dessen rund drei Millionen Patentschriften umfassender Bestand wöchentlich um etwa 2600 wächst. Auch Computerdatenbanken können abgefragt werden, erklärte Andrea Koch. Damit wird es möglich, mit der Datenflut Schritt zu halten, die sich etwa alle fünf Jahre verdoppelt. Die Ingenieurin wies darauf hin, dass die Bedeutung von Patenten als beste Quelle für technisches Wissen überhaupt von den privaten Erfindern meist übersehen werde.

Ein großer bayerischer Elektrokonzern dagegen hat alleine acht Mitarbeiter abgestellt, die bei der deutschen Patentschriften-Auslegestelle (PAS) in Nürnberg die Patentanträge sichten, wenn sie nach 18monatiger Frist offengelegt werden. Lothar Wild, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft deutscher PAS, berichtete aus seinen Patent-Erfahrungen. Etwa zwei- bis dreimal im Jahr werde das Perpetuum mobile „erfunden“. Auch unterliegt die Kreativität wohl saisonalen Schwankungen: Im Frühjahr werden viele Tüftler der Umweltprobleme gewahr – wie etwa der Vertreibung von Weinbergschnecken auf das Nachbargrundstück.

Dagegen kreisten in den Wintermonaten die Gedanken mehr darum, wie die Freizeit möglichst fortschrittlich zu verbringen sei. Dennoch gebe es keine unsinnigen Patente. Als Beispiel erwähnte Wild eine Bergsteigerhilfe in Form eines Rucksacks, die 1925 trotz ihrer eher zweifelhaften Tauglichkeit patentiert worden sei. Mittlerweile ist das damals patentierte Prinzip im Rahmen der Mondlandungen zu Ehren gekommen.

(erschienen in der WELT am 18. August 1989)

Schlamperei im Labor bringt Forscher in Verruf

Ungenauigkeiten bei der Auswertung von „genetischen Fingerabdrücken“ werfen Schatten auf ein molekularbiologisches Verfahren, das in der Gerichtsmedizin immer breitere Anwendung findet. Weil keine zwei Personen exakt gleiches Erbmaterial besitzen (eineiige Zwillinge ausgenommen), ist es möglich, durch präzise Analyse der Erbsubstanz (DNA) die Identität eines Menschen zweifelsfrei festzulegen. Dem Engländer Alec Jeffreys gelang es vor vier Jahren, diese Erkenntnis in die Praxis umzusetzen. Seitdem wird über Schuld und Unschuld eines Angeklagten immer häufiger anhand der Aussagen von Experten entschieden, die verschiedene DNA-Muster gegeneinander vergleichen.

Alec Jeffreys Wikipedia
Alec Jeffreys erfand das „DNA-Fingerprinting“ (Foto: Morpheus.Tpvipin [CC BY-SA 2.0] via Wikimedia Commons) 

Findet man am Ort eines Verbrechens noch Spuren des Täters wie etwa Blut, Haare oder Sperma, so kann man auch aus kleinsten Mengen dieser Zellen noch das Erbmaterial isolieren und mit dem von Verdächtigen vergleichen. In den Vereinigten Staaten wird diese Praxis jetzt in Frage gestellt, weil Mitarbeiter der privaten Firma Lifecodes die technisch schwierigen Untersuchungen nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgenommen haben.

In einem in der Rechtsprechung bisher einmaligen Vorgang haben Wissenschaftler, die als Sachverständige für beide Parteien in einem Mordprozess tätig waren, eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Insgesamt seien die DNA-Daten in diesem Fall wissenschaftlich nicht verlässlich genug, um zu einer sicheren Aussage zu kommen, heißt es dort. Vorausgegangen war dieser Erklärung ein gerichtsmedizinischer Bericht der Firma Lifecodes an die Staatsanwältin des Bezirks Bronx (New York). Blut, das auf der Uhr des Verdächtigen Jose Castro gefunden wurde, hätte das gleiche DNA-Muster wie das Erbmaterial von Vilma Pons, einem der beiden Mordopfer. Dieses Muster käme in der Bevölkerung nur einmal unter knapp 200 Millionen Menschen vor.

Peter Neufeld, Anwalt der Verteidigung, war über diese Art der Beweisführung besorgt: In der Wissenschaft gebe es bisher scheinbar keine Übereinstimmung über die Art und Weise, in der der Test durchzuführen sei. Alles deutet darauf hin, dass die Mitarbeiter der privaten Firma ihre Analysen nicht mit Kontrollversuchen absicherten, wie sie in der Wissenschaft allgemein üblich sind. Bei der Beurteilung der Identität der genetischen Fingerabdrücke gingen sie von anderen Voraussetzungen aus als bei der späteren Berechnung, wie häufig solch ein Muster zu erwarten wäre – ebenfalls eine Vorgehensweise, die einer kritischen Überprüfung nicht stand hält.

Der Fall Castro sei sicher nicht typisch für den Umgang mit der neuen Technologie, meint der Molekularbiologe Richard Roberts, der Zeuge der Anklage war. „Kein Biologe bezweifelt die potentielle Macht der DNA-Typisierung“, sagt auch Eric Lander, der ebenso wie Roberts an der gemeinsamen Stellungnahme der Experten beteiligt war. Was der Gerichtsmedizin fehle, seien vielmehr angemessene Richtlinien, wie derartige Experimente durchzuführen sind. Die Nationale Akademie der Wissenschaften versucht zurzeit, 300000 Dollar aufzubringen, um eine entsprechende Studie zu finanzieren. Auch das FBI hat sich der Problematik angenommen und ist dabei, eigene Standards zu entwickeln.

Unabhängig von dem Urteil, das in den nächsten Tagen gefällt werden soll, ist die Wiederaufnahme bereits abgeschlossener Verfahren zu erwarten. Auch die Anklage hat mittlerweile eingeräumt, dass die DNA-Analyse in diesem Fall nicht zulässig ist.

Während die genetischen Fingerabdrücke in den USA schon über hundert Mal als Beweismittel dienten, wurde das Verfahren hierzulande erst in zwei Fällen benutzt. Wie Dr. Wolfgang Steinke vom Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden auf Anfrage mitteilte, ist man der Auffassung, das Verfahren sei reif zur Anwendung auch durch deutsche Polizeilabors. Die Landeskriminalämter in Baden- Württemberg und Berlin sowie das BKA arbeiten seit etwa zweieinhalb Jahren mit der Technik und haben beim Test mit Spurenmaterial die Zuverlässigkeit des Verfahrens unter Beweis gestellt, so Steinke. Die Innenministerkonferenz hat der Arbeitsgemeinschaft „Recht der Polizei“ mittlerweile den Auftrag erteilt, das Konzept der Kriminalämter zur Durchführung des „Fingerprinting“ zu überprüfen.

(erschienen in der WELT am 16. August 1989)
59-info@2xWas ist daraus geworden? Der Fall Castro hat die Glaubwürdigkeit von DNA-Beweisen vor Gericht erschüttert und die Tendenz verstärkt, dem DNA-Fingerprinting mehr Gewicht bei der Entlastung eines Angeklagten zuzusprechen, als bei dessen Verurteilung. Im Fall Castro entschied das Gericht, dass die Blutspuren auf Castros Uhr nur als Beweis gewertet durften, dass es nicht Castros Blut war, jedoch nicht um zu zeigen, dass es sich um das Blut eines Opfers handelte. Außerdem empfahl das Gericht zukünftig strengere Protokolle und eine bessere Dokumentation bei der Untersuchung der DNA-Fingerabdrücke. Ob Castro schlussendlich verurteilt wurde, habe ich übrigens trotz heftigster Googelei nicht heraus gefunden.

Singapurs Bohrer fühlen deutschen Ärzten auf den Zahn

Bislang galt Singapur lediglich als Durchgangsstation für Fernreisende, als Tummelplatz für den guten und teuren Einkauf. Nun gibt es ein neues Angebot in dem südostasiatischen Stadtstaat: Billigpreise in Praxen und Dentallabors locken immer mehr ,,Medizintouristen“ an.

Die Praxis, in der sich Hans-Peter Schürmann am Ende noch seinen Zahnstein entfernen lässt, unterscheidet sich wenig von deutschen Behandlungszimmern. Mund auf – und schon ertönt das vertraute Schleifgeräusch eines schwäbischen Markenproduktes. Der größte Teil der Ausrüstung, die Dr. Henry Lee Thian Lin hier verwendet, stammt aus der Bundesrepublik. Ungewöhnlich ist aber der Ort der Behandlung: Singapur, der Stadtstaat im Herzen Südostasiens.

Wie viele seiner Kollegen ist Thian Lin guter Hoffnung, dass „Zahntouristen“ aus Deutschland die Dienste der hiesigen Dentisten bald häufiger in Anspruch nehmen werden. Nachdem bei Zahnbehandlungen in der Bundesrepublik seit Anfang des Jahres nur noch maximal 60 Prozent der anfallenden Kosten von der Krankenkasse bezahlt werden, erscheint manchem der Besuch bei ausländischen Zahnärzten als billigere Alternative. Oft sind die Lohn- und Nebenkosten im Vergleich zur Bundesrepublik so niedrig, dass bei größeren Eingriffen auch nach Abzug der Reisekosten noch gespart werden kann. In Kürze sollen daher die ersten Pauschalreisen nach Singapur angeboten werden, bei denen einer zahnmedizinischen Behandlung ein Urlaub in Tropenparadiesen folgen soll.

Singapur hat sich mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern zu einer modernen Metropole entwickelt. Die hohe durchschnittliche Lebenserwartung von 74 Jahren (75 Jahre in der Bundesrepublik) und die niedrige Kindersterblichkeit (etwa 0,9 gegenüber 0,8 Prozent hierzulande) sind Indikatoren für die Qualität des Gesundheitswesens Singapurs, das von vielen Reisenden vor allem als günstige Einkaufsgelegenheit bei einem Zwischenstopp angesehen wird.

Im Gesundheitsministerium gibt Dr. Lim Kheng Ann, Direktor der zahnmedizinischen Abteilung, Auskunft über seine Arbeit. Das Ministerium wacht über die Einhaltung der professionellen und ethischen Richtlinien unter den knapp 700 registrierten Zahnärzten Singapurs. Kheng Ann weist darauf hin, dass Singapur den ärmeren Nachbarn wie Malaysia und Indonesien Hilfestellung bei der Ausbildung des medizinischen Nachwuchses gibt. Ziel dieser Förderung sei es, durch Wissenstransfer den Standard der gesundheitlichen Versorgung in Südostasien auf das Niveau Singapurs anzuheben. Auch der Welt-Dentalkongress, der hier im nächsten Jahr stattfinden wird, bezeugt, dass Singapur Anschluss an die westlichen Industrienationen gefunden hat.

Die zahnärztliche Versorgung der Bevölkerung ist ebenfalls ausgezeichnet, wie ein Besuch der National University of Singapore verdeutlicht. Auf dem grünbewachsenen Gelände, das große Ähnlichkeit mit einem amerikanischen Campus zeigt, erhalten die meisten der hiesigen Zahnärzte ihre Ausbildung. Die Szenen in den Behandlungsräumen erscheinen vertraut: Vom Kleinkind bis zum Greise gibt es auch in Asien nur wenige, die einen Besuch beim Zahnarzt als angenehm empfinden, Wer aber erwartet, hier seine Klischees über unhygienische Verhältnisse oder altertümliche Behandlungsmethoden bestätigt zu bekommen, erlebt eine angenehme Überraschung: Ob U-Bahn oder Zahnlabor – in Singapur herrscht fast schon sterile Sauberkeit.

Das Ausbildungsniveau an der Universität könne mit den besten deutschen Zahnkliniken konkurrieren, meint Professor Loh Hong Sai, Dekan der Fakultät für Zahnheilkunde. „Singapur bietet einen qualitativ hochwertigen Service zu sehr attraktiven Preisen.“ Etwa ein Drittel ihrer Positionen hält die Fakultät für ausländische Bewerber offen, um einen regen Erfahrungsaustausch auf internationaler Ebene zu ermöglichen.

Von der Möglichkeit, in Singapur zu famulieren, machen mehrere deutsche Studenten Gebrauch. Auch sie sind voll des Lobes über die angebotenen Leistungen. Die Universität sei besser ausgestattet als Europas größte Zahnklinik in Münster, sagt Elisabeth Weber, die dort im neunten Semester Zahnmedizin studiert. Ihre Kommilitonin Delia van den Bosch pflichtet ihr bei: Die Vorlesungen fänden in einem sehr kleinen Kreis von nur sechs bis zehn Personen statt und hätten – im Gegensatz zu den Lehrveranstaltungen in der Bundesrepublik – eher Tutoriumscharakter. Knapp 500 Mark zahlen die beiden für ihren achtwöchigen Gastaufenthalt an der Universität.

Die günstigen Rahmenbedingungen wollen sich Frank S. Gerold und Rainer C. Scherer zunutze machen. Die beiden Deutschen haben mit dem „Eurasia Dental Labor“ das größte und modernste Dentalzentrum Südostasiens gegründet. 26 Techniker mit durchschnittlich acht Jahren Berufserfahrung arbeiten hier unter der Leitung des Zahntechnikers Scherer. Konzentriert sitzen sie vor Kauwerkzeugen aller Art, arbeiten mit Pinsel, Spatel und anderem Feingerät, bis das Aufbiss dem strengen Auge Scherers genügt. Die Verständigung läuft in englischer Sprache ab, die hier als kleinster gemeinsamer Nenner von Chinesen, Malaysiern und Indem gleichermaßen beherrscht wird.

Geschäftsführer Gerold rechnet vor, wie die konkurrenzlosen Niedrigpreise zustande kommen, mit denen die Dentaltouristen nach Singapur gelockt werden sollen: Zahntechnikerstunden werden in Singapur mit etwa fünf Mark vergütet. Auch die Gehälter der mehr als 60 singapurischen Vertragszahnärzte, die mit dem Eurasia Dental Labor zusammenarbeiten, liegen erheblich unter denen ihrer deutschen Kollegen. Eine Kooperation mit örtlichen Partnern sichert dem Unternehmen den sogenannten „Pionier-Status“. Im Klartext bedeutet das eine dreijährige Steuerbefreiung.

Etwa 40 deutsche Patienten haben sich hier bereits einen Zahnersatz anfertigen lassen – zu Kosten, die etwa bei einem Drittel dessen liegen, was in der Bundesrepublik zu entrichten wäre. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die deutschen Krankenkassen (mit Ausnahme der Beihilfe zum öffentlich-rechtlichen Dienst) für eine Behandlung in Nicht-EG-Staaten keinerlei Kosten übernehmen, so rechnet sich der weite Weg nach Südostasien (14 Stunden reine Flugzeit) doch bei größeren Eingriffen.

In Zusammenarbeit mit einem deutschen Reiseunternehmen wollen Gerold und Scherer das Geschäft weiter ausbauen. Der typische Zahntourist soll von September an mit einem kompletten Heil- und Kostenplan – ausgestellt von seinem einheimischen Zahnarzt – die Reise nach Singapur antreten. Im Gruppentarif sind Flug und zehntägiger Aufenthalt in einem Vier-Sterne-Hotel ab 2300 Mark zu haben.

Innerhalb dieses Zeitraums nehmen Vertragszahnärzte wie Dr. Lin einen Gebissabdruck und passen nach erfolgter Laborarbeit den Zahnersatz an. In der Zwischenzeit hat der Patient Gelegenheit, an Ausflugsfahrten teilzunehmen oder die pompösen Einkaufszentren der Millionenstadt zu besuchen. Falls gewünscht, können die Reisenden bei einem Anschlussaufenthalt die kulinarischen Köstlichkeiten Südostasiens mit neuem Biss erproben oder einen entspannenden Badeurlaub an tropischen Stränden verbringen.

Bedenken bezüglich der Nachsorge, wie sie vor allem vom Bundesverband der Deutschen Zahnärzte vorgebracht werden, sollen durch bisher 18 Vertragszahnärzte ausgeräumt werden, die für das Eurasia Dental Labor in der Bundesrepublik arbeiten. Hierbei anfallende Kosten werden von einer Versicherung abgedeckt – auch die ist im Reisepreis inbegriffen.

(erschienen in der WELT am 15. August 1989)

„Oostzee“: Nach Unfall schärfere Vorschriften?

Der Frachter „Oostzee„, auf dem es nach einem Seeunfall zur Freisetzung der krebserzeugenden Chemikalie Epichlorhydrin kam, wird nach erfolgter Entsorgung heute von Brunsbüttel aus seine Rückreise nach Rotterdam antreten. Über mögliche Konsequenzen der jüngsten Serie von Giftfrachtunfällen berichteten Expertengestern vor der Wissenschaftspressekonferenz in Bonn. Wie Ministerialdirektor Christoph Hinz vom Bundesministerium für Verkehr mitteilte, werde sein Haus eine Überprüfung einleiten, um festzustellen, ob internationale Gefahrgutvorschriften eingehalten worden seien, und diese gegebenenfalls verschärft werden müssten.

Bei Beachtung der Vorschriften zum Transport von Epichlorhydrin wäre der Unfall nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen gewesen. Die Weltschifffahrtsorganisation, so Hinz, befasse sich zurzeit mit einem Übereinkommen für den Transport von Chemikalien als Massengut auf dem Seeweg, wie es für Öl bereits existiert.

Als Ursache des Unglücks, bei dem keine Menschen zu Schaden kamen, nannte Günter Hollmann, Mitglied des Krisenstabes „Oostzee“, die unsachgemäße Lagerung der Giftfässer, die entgegen den Vorschriften direkt auf dem Schiffsboden aufgestellt worden waren. Auch seien die Fässer nicht richtig gestapelt gewesen. Leergefäße sind bei schwerem Seegangzusammengedrückt worden und hatten dadurch das Verrutschen der Ladung ermöglicht.

Michael Hegenauer vom Verband der Chemischen Industrie hält eine Erweiterung der Gesetze zum Gefahrguttransport auf See nicht für nötig. Christoph Thies, der für Greenpeace als zeitweiliger Beobachter im Krisenstab war, betonte hingegen, das Beispiel Oostzee habe gezeigt, dass derartige Ereignisse prinzipiell nicht beherrschbar seien. Er plädierte dafür, durch eine Erhöhung der Transportkosten die Gefahrgüter auf kürzere und ungefährlichere Wege zu zwingen. Nur so könne erreicht werden, dass die Käufer solcher Güter sich nach dem nächstgelegenen Hersteller richteten und nicht nach dem billigsten.

(erschienen in der WELT am 9. August 1989)

59-info@2xWas ist daraus geworden? Unter den vielen Unfällen auf See sorgte dieser für besondere Aufregung, obwohl zumindest unmittelbar keine Menschen zu Schade kamen. Unter anderem berichteten damals auch der Spiegel und die Zeit. Zehn Jahre später wurden mehrere Krebserkrankungen und Todesfälle mit der Katastrophe in Verbindung gebracht, heißt es in einem Artikel der WELT. Laut einem Rückblick von Eige Wiese, der 2014 im Hamburger Abendblatt erschienen ist, hat die schleswig-holsteinische Landesregierung mittlerweile in Zusammenhang mit der „Oostzee“ allein 17 anerkannte Dienstunfälle bei Polizisten eingeräumt. Die Witwen zweier Wasserschutzbeamten, die an seltenen Krebserkrankungen verstorben waren, hätten jahrelang auf Entschädigung geklagt. Um auf ähnliche Katastrophen künftig besser vorbereitet zu sein, hatte das Verkehrsministerium seinerzeit den Auftrag zur Konstruktion spezieller Bergungsschiffe erteilt, auf denen vor allem die Rettungsmannschaften bei ihrer Arbeit besser geschützt sind. Vier solcher Schiffe sind mittlerweile im Dienst. Außerdem, berichtet Wiese, hätten 13 Feuerwehren in norddeutschen Küstenländern spezielle Teams für die Bekämpfung solcher Unfälle gebildet, die alle die gleiche Ausbildung erhalten haben und die gleichen Geräte benutzen.