Zum Hauptinhalt springen

Ammoniumnitrat

Chemische Verbindung mit der Summenformel NH4NO3. Bedeutsam als Düngemittel (gemischt mit Kaliumchlorid) und als Bestandteil von Sprengstoffen im Bergbau. Jährlich werden aus den Ausgangsstoffen Ammoniak und Salpetersäure weltweit mehrere Millionen Tonnen produziert. Zum Einsatz als Flüssigdünger kamen beispielsweise in Deutschland im Wirtschaftsjahr 2017/18 etwa 145.000 Tonnen Ammoniumnitrat-Harnstofflösung.

In reiner Form ist Ammoniumnitrat ein farbloses, an feuchter Luft zerfließendes Salz. Es kann explosionsartig zerfallen, wenn es in abgeschlossen Räumen erhitzt wird, wodurch es wiederholt zu großen Unfällen kam. Zwei davon – in einem Werk der BASF 1921, und im Hafen von Texas City 1947 – forderten jeweils mehr als 500 Menschenleben.

Innerhalb der EU sind der Transport, die Lagerung und der Verkauf von Ammoniumnitrat durch strenge Gesetze geregelt. In Deutschland und der Schweiz fällt die Substanz sogar unter das Sprengstoffgesetz.

Das jüngste große Unglück geschah im Hafen von Beirut (Libanon) unter Bedingungen, die hierzulande undenkbar wären: Offenbar waren 2750 Tonnen des Materials 7 Jahre auf engstem Raum gelagert und – laut einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung – alle Warnungen ignoriert worden, welche die Zollbehörden an die Justizbehörde gerichtet hatten. Schweißarbeiten in einem benachbarten Hangar sollen dann ein Feuer ausgelöst haben, das übergriff und zu einer Explosion führte, die mehr als 160 Menschen tötete und über 6000 verletzte. Experten der Universität Sheffield sprachen von einer der größten, nicht-nuklearen Explosionen der Geschichte, und schätzten deren Wucht auf etwa ein Zehntel der Hiroshima-Bombe.

Da Ammoniumnitrat vergleichsweise leicht beschafft werden kann, wurde es immer wieder auch bei Bombenattentaten benutzt.

Es war der bevorzugte Sprengstoff der „Irisch-republikanischen Armee“ (IRA), die für ein unabhängiges, kommunistisches und wiedervereinigtes Irland kämpfte, ebenso wie von Aufständischen im Irak.

Für den Anschlag von Oklohoma City im Jahr 1995 hatte Timothy McVeigh ein Bombe gebaut, die 2200 Kilogramm Ammoniumnitrat und Heizöl enthielt. Es starben 168 Menschen, darunter 19 Kinder.

Besonders perfide war der Anschlag auf eine Bar und Diskothek im indonesischen Bali im Jahr 2002, bei dem ein Selbstmordattentäter zunächst eine kleinere Bombe zündete und kurz danach eine zweite, größere Bombe in einem Auto zahlreiche fliehende Menschen tötete. Es gab mehr als 200 Todesopfer.

Auch Anders Breivik hatte vor seinen Anschlägen in Norwegen Ammoniumnitrat in Form von Düngemittel gehortet. Er setzte es in einer Autobombe ein, die 8 Menschen tötete, bevor er auf der Ferieninsel Utoya 69 weitere erschoss.

Zuletzt waren im April 2017 in London 5 Männer verurteilt worden, die 600 Kilogramm gekauft und einem Bericht der BBC zufolge offenbar einen Anschlag geplant hatten, der aber vereitelt wurde.

Vitiligo – Weiße Flecken auf dunkler Haut

Eine fortschreitende, nicht ansteckende Hautkrankheit, die bislang nicht geheilt werden kann. Typisch sind scharf begrenzte, hellrosa bis kalkweiße Flecken. Sie treten oft symmetrisch auf, bilden einen auffälligen Kontrast zur natürlichen Hautfarbe, und finden sich vorwiegend an den Körperöffnungen, sowie am Rumpf und den Extremitäten. Dies ist zwar nicht gefährlich, kann jedoch insbesondere für dunkelhäutige Menschen ein großes kosmetisches Problem darstellen. Angeblich soll auch der verstorbene Pop-Star Michael Jackson unter Vitiligo gelitten haben.

Betroffen sind – je nach Quelle – zwischen 0,5 und 2,0 % der Bevölkerung. Meist beginnt die Krankheit im Alter zwischen 10 und 30 Jahren.

Ursache ist eine Fehlfunktion des Immunsystems. Sie führt zum Verlust jener Zellen (Melanozyten), die in der Haut den gelblichen bis schwarzen Farbstoff Melanin bilden.

Wenn es nicht ausreicht, kleinere Flecken mit Schminke abzudecken, kann die Behandlung mit Entzündungshemmern (Glukokortikoide und Calcineurininhibitoren) erfolgen, oder mit einer Phototherapie, die aber nicht bei allen Patienten erfolgreich sind.

Eine Alternative ist bei kleineren betroffenen Flächen die Übertragung von Gewebe von nicht betroffenen Körperteilen des Patienten. Letzter Ausweg bei größeren Flächen ist die vollständige Entfärbung (Depigmentierung) der Haut mit einem Bleichmittel (Monobenzon), das aber über mehrere Monate hinweg mehrmals täglich aufgetragen werden muss.

In den letzten Jahren wurden mindestens drei neue Wirkstoffe erprobt: Afamelanotid, ein künstliches Hormon, beschleunigte in einer Studie mit 55 Patienten den Effekt einer Lichttherapie und vergrößerte die gebräunte Fläche um ca. 50 Prozent. Obwohl die Herstellerfirma Clinuvel bereits 2014 eine Zulassung für Vitiligo beantragen wollte, liegt dafür noch keine behördliche Genehmigung vor (Stand 21.7.20).

Ein Jahr nach der Studie mit Afamelanotid berichteten Hautärzte der Yale School of Medicine von einer einzigen Patientin mit Vitiligo, der sie das Rheuma-Medikament Tofacitinib gegeben hatten. Binnen fünf Monaten verschwanden daraufhin die meisten der weißen Flecken im Gesicht und auf den Händen dieser Frau. Diese Spur wurde anscheinend nicht weiter verfolgt. Eine Zulassung zu Behandlung der Vitiligo hat Tofacitinib bis heute nicht (Stand 21.7.20).

Die bislang größte Studie zur Vitiligo wurde im Juli 2020 berichtet. Gesponsert von der Herstellerfirma Incyte erhielten hier 157 Patienten eine Hautcreme entweder mit oder ohne Ruxolitinib, ein dem Tofacitinib verwandter Wirkstoff, der das Immunsystem dämpft. Die Erfolgsrate war relativ hoch; etwa die Hälfte der Betroffenen erreichten unter Ruxolitinib eine Dunkelfärbung der betroffenen Hautareale von mehr als 50 %, und im Gesicht waren es bei ca. einem Drittel der Patienten sogar mehr als 90 Prozent. In einem Kommentar zu dieser Studie schreibt Thierry Passeron von der Universität Nizza, dass Ruxolitinib womöglich in Kombination mit Sonnenlicht oder künstlicher UV-Bestrahlung noch besser wirken könne. Obwohl Ruxolitinib gegen andere Erkrankungen seit 2012 zugelassen ist, steht es für die Behandlung der Vitiligo außerhalb klinischer Studien noch nicht zur Verfügung (Stand 21.7.20).

Quellen:

So erkennt man einen Experten

Ob Corona oder Klima, Gentechnik oder Atomkraftwerke – ständig treffe ich auf Facebook, Twitter und in den Medien auf Leute, die als Experten auftreten, obwohl sie offensichtlich keine Ahnung haben. Das frustriert mich nicht nur als Wissenschaftsjournalist, ich sehe darin auch eine echte Gefahr für unsere Gesellschaft. Deshalb habe ich heute mal zur Abwechslung einen kleinen Ratgeber geschrieben, wie man echte Experten von den Großmäulern unterscheiden kann. Bitte nicht missverstehen: Jeder darf und soll seine Meinung frei äußern dürfen; von mir aus auch Verschwörungstheorien und harte verbale Attacken. Nur sollte man dann eben auch bereit sein, sich mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen. Und damit klar kommen, dass man als Depp dasteht, wenn man offensichtlich Blödsinn erzählt hat.

Also woran erkennt man nun, wer Ahnung hat? Zunächst sollte man schauen, welche Ausbildung die fragliche Person genossen hat, wie viel Erfahrung sie mit dem Thema hat, und ob sie auf dem betreffenden Fachgebiet einen Abschluss hat. Niemand käme auf die Idee, sich von seinem Frisör den Blinddarm ´rausnehmen zu lassen, und die Bremsen meines Autos würde ich lieber in einer Kfz-Werkstatt reparieren lassen, als beim Heilpraktiker.

Wissenschaft wird an Hochschulen gelehrt, und da gibt es natürlich mehr oder weniger gute. Natürlich kann man behaupten, hier oder dort dies oder jenes studiert zu haben. Das kann aber auch jeder Studienabbrecher, und bewiesen ist damit doch eher, dass man es nicht geschafft hat. Erst wer die mehrjährige Ausbildung samt Prüfungen übersteht bekommt einen Titel, und der ist dann geschützt (ausführlich erklärt in der Wikipedia).

Ich möchte mich hier auf die Naturwissenschaften und die Medizin konzentrieren. Da steht auf der untersten Stufe in Deutschland der Bachelor der Wissenschaft (B.Sc., Bachelor of Science) oder des Ingenieurswesens (B. Eng., Bachelor of Engineering). Etwa drei, manchmal auch vier Jahre muss man dafür investieren. Die nächste Stufe (früher der einzige unterhalb des Dr.) ist das Diplom. Laut Wikipedia an einer Fachhochschule oft in 3 Jahren zu erwerben, an einer „richtigen“ Universität netto in 4 – 5 Jahren. Ich habe für meinen Dipl.-Biol. 7 Jahre gebraucht – denkt, was ihr wollt. Das Diplom ist heute Voraussetzung für einen Master wie z.B. den „Master of Science“ (M. Sc.). Der frisst auch noch ´mal 1 oder 2 Jahre Lebenszeit. Von da ab sind es dann nur noch 3, 4, oder 5 Jahre für einen Doktor-Titel wie z.B. den für Naturwissenschaften (Dr. rer. nat) oder für Medizin (Dr. med.). Der Professor schließlich ist kein akademischer Grad, sondern der Ausweis dafür, dass man an einer Hochschule/Uni lehren darf.

Das ist natürlich nur ein erster Anhaltspunkt. Natürlich gibt es gute und schlechte, fleißige und faule Bachelors, Doktoren und Professoren und ebenso schwankend ist auch die Qualität der Master-, Diplom- und Doktorarbeiten. Wie gut, dass es ein wunderbares und noch dazu kostenloses Instrument gibt, um die wissenschaftliche Leistung einer Person abzuschätzen. Es nennt sich PubMed, und dahinter verbirgt sich die weltweit größte Sammlung von Literaturzitaten in der Biomedizin. Etwa 30 Millionen Einträge hat der aus amerikanischen Steuergeldern finanzierte, englischsprachige Service. Jeder Eintrag listet den oder die Autoren, den Titel, und die Fachzeitschrift, wo die Arbeit erschienen ist, meist auch eine kurze Zusammenfassung, sowie einen Link zur Originalveröffentlichung (die dann allerdings oftmals Geld kostet, wenn man sie in voller Länge lesen möchte). Gibt man in das Suchfeld zum Beispiel „coronavirus“ ein, so sieht man Folgendes:

Die Suche nach dem Begriff „coronavirus“ liefert mehr als 20000 Einträge

Ganz oben auf der Ergebnisseite steht die Zahl der Treffer (20083). Die Grafik auf der linken Seite zeigt, wann diese Publikationen erschienen sind, und wie viele pro Jahr. Mit den Kästchen darunter kann man die Suche weiter einengen – zum Beispiel auf vollständige Texte, die kostenlos verfügbar sind („Free full text“ anklicken).

Aber woher weiß ich jetzt, ob beispielsweise Professor Christian Drosten wirklich Ahnung von Coronaviren hat, oder nur ein Poser ist? Dazu gibt man den Nachnamen ein, gefolgt von dem ersten Buchstaben des Vornamens. Also „Drosten C“. Auf Anhieb liefert mir diese einfache Suche 381 Ergebnisse! PubMed selbst hat die Treffer nach Wichtigkeit sortiert und hat oben eine Veröffentlichung platziert, die noch keine 6 Wochen alt ist. Wer sich auskennt sieht auch, dass sie in einem der renommiertesten Medizinjournale erschienen ist, dem New England Journal of Medicine, und noch dazu ist sie kostenlos.

Eindrucksvoll: Die Publikationsliste von Prof. Christian Drosten auf PubMed.

Natürlich sind nicht alle Facharbeiten, die Drosten bisher geschrieben hat, über das Coronavirus. Um nur diese zu sehen, verfeinern wir unsere Suche. Das geht ganz einfach mit der Formel „drosten c AND coronavirus“. Es bleiben noch immer 146 Veröffentlichungen übrig, was uns beweist, dass wir hier einen echten Experten vor uns haben.

Weil wir gerade dabei sind, checken wir nach dem gleichen Prinzip noch einen weiteren bekannten deutschen Mikrobiologen, Professor Alexander S. Kekulé.  Ich sehe 32 Veröffentlichungen, ein paar zum Zika-Virus, einen über Ebola, aber keinen einzigen über Coronaviren. Dann schon lieber Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts und zusammen mit Drosten derzeit wohl der einflussreichste Wissenschaftler, der die Bundesregierung in Sachen Coronavirus berät. Dem wird zwar von Kritikern gerne vorgehalten, dass er ja „nur“ ein Veterinärmediziner sei, aber auch Wieler hat eine beeindruckende Publikationsliste mit 241 Einträgen, wenn auch nur 3 zu Coronaviren.

Weil ich mich so geärgert habe jetzt noch ein Mann, der definitiv kein Experte für Coronaviren ist: Dr. Wolfgang Wodarg. Der durfte sich 10. März 2020 in der ZDF-Sendung Frontal21 über die Quarantänemaßnahmen und Verbotsregelungen verbreiten, bezeichnete dies als „Panikmache“ und erklärte, für Coronaviren bräuchte es keine besonderen Schutzvorkehrungen oder Tests. Ein positiver Corona-Befund habe keine klinische Bedeutung.

Leider kein Experte für Coronaviren: Dr. Wolfgang Wodarg, der im ZDF von Panikmache sprach.

Wodarg hat genau 2 Publikationen auf PubMed vorzuweisen, eine aus dem Jahr 1989 und eine von 2015. Keiner dieser Beiträge hat auch nur im entferntesten mit Viren zu tun, und ich habe mich einmal mehr gefragt, was das eigentlich für Leute sind, die beim öffentlich-rechlichen Rundfunk derartige Beiträge zu verantworten haben.

Nachwort: Natürlich können auch Experten irren. Um die Corona-Krise zu überwinden braucht es nicht nur Virologen und Epidemiologen, Ärzte und Pfleger, sondern auch Spezialisten auf vielen anderen Gebieten. Die Guten erkennt man oft daran, dass sie sich ihrer Grenzen bewusst sind. An Sätzen wie: „Das weiß ich nicht“, „das ist nicht mein Fachgebiet“, oder „dazu kann ich nichts sagen“. Es sind Sätze, die ich gerne öfter hören würde.

Krebspatienten oft schlecht ernährt

Etwa jeder dritte Krebspatient, der in einer Schwerpunktpraxis versorgt wird, ist unzureichend ernährt. Herausgefunden hat dies ein Team um Professor Hans Hauner, Leiter des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München.

Veröffentlicht wurden die Erkenntnisse jetzt in der Deutschen Medizinischen Wochenzeitschrift. Bisher gab es keine derartigen Untersuchungen zu ambulanten Patienten in Deutschland. Dies, obwohl Schätzungen nach Angaben der Forscher ergeben haben, dass etwa ein Viertel aller Tumorpatienten nicht an ihrer Grunderkrankung versterben, sondern an den Folgen einer damit verbundenen Mangelernährung. Die Therapie ist bei den geschwächten Patienten weniger erfolgreich, es kommt häufiger zu Komplikationen und natürlich verringert sich die Lebensqualität der Betroffenen.

Um herauszufinden, wie groß das Problem ist, haben Hauner und dessen Kollegen 44 Praxen im südbayerischen Raum angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Leider haben nur 17 dieser Praxen mitgemacht, was die Genauigkeit der Ergebnisse schmälern dürfte. Vermutlich haben diejenigen, die wenig Interesse an dem Thema haben, auch seltener an der Umfrage teilgenommen. Die Daten spiegeln deshalb womöglich eher die Situation in Praxen, wo man sich des Problems bewusst ist. Heraus kam jedenfalls, dass unter 17 teilnehmenden Schwerpunktpraxen für Onkologie:

Nur eine Praxis beim ersten Kontakt systematisch nach einer Mangelernährung gesucht hat, nur drei Praxen allen Patienten eine vorbeugende Ernährungsberatung angeboten haben, in zehn Praxen eine Beratung nur dann erfolgte „wenn der Ernährungszustand dies erforderte“, und dass nicht einmal jeder dritte Patient nach der Diagnose eine Ernährungsberatung erhalten hatte.

Unter den 765 Patienten, die die Fragebögen ausgefüllt hatten, war die Mangelernährung weit verbreitet. Dies wurde mit zwei verschiedenen Skalen gemessen, der MUST (Malnutrition Universal Screening Tool) und dem NRS-2002 (Nutritional Risk-Screening-2002). Der MUST fand ein mittleres Risiko für eine Mangelernährung bei 15,4 Prozent der Teilnehmer, und ein hohes Risiko bei 19,5 Prozent. Laut NRS-2002 hatten 29,1 Prozent ein erhöhtes Risiko. Im Mittel hatten die Patienten in den drei bis sechs Monaten vor der Befragung 2,7 Kilogramm abgenommen, und etwa jeder siebte hatte sogar mehr als ein Zehntel seines Ausgangsgewichts verloren.

In einer begleitenden Pressemitteilung heißt es: “Der Ernährungsexperte sieht einen dringenden Handlungsbedarf, um vorhandene Versorgungslücken zu schließen. Ein Screening und eine darauf abgestimmte frühzeitige Ernährungsberatung sollten ein fester Bestandteil in der ambulanten Betreuung von Patienten mit einer Tumorerkrankung sein.”

(Was man aber auch erwähnen sollte ist ein potenzieller Interessenkonflikt Hauners, der natürlich die Bedeutung einer Ernährungsberatung betont, dabei neben seiner Position als Institutsleiter zugleich Buchautor und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Danone Deutschland, Oviva Gmbh, Boehringer Ingelheim und Novo Nordisk ist. Gespannt warten wir hier deshalb auf weitere Studien die zeigen, wie die geforderten Interventionen sich auf die Lebensqualität und auf die Lebenserwartung der Patienten auswirken.)

Quellen:

Hauner H et al: Häufigkeit eines Risikos für Mangelernährung bei Patienten in onkologischen Schwerpunktpraxen – eine Querschnittserhebung. Dtsch Med Wochenschr. 2020;145(1):e1–e9. doi:10.1055/a-1008-5702.

Pressemitteilung des Thieme-Verlages

Google-Technik soll Brustkrebs erkennen

Die Mammographie ist ein Verfahren, bei dem Röntgenbilder der weiblichen Brust angefertigt werden. Ziel ist es, eine Krebserkrankung möglichst früh zu erkennen, genauer zu erfassen, oder auszuschließen. Die schwierige Aufgabe erfordert ein langes Fachstudium, und selbst Radiologen mit großer Erfahrung liegen mit ihren Beurteilungen nicht selten daneben. Die Folge sind falsche Alarme („falsch Positive“), die zur Verunsicherung der Frauen führen und zu Nachuntersuchungen, die sich erst im Rückblick als unnötig herausstellen. Dazu kommen noch Tumoren, die übersehen werden („falsch Negative“), und die weniger gut behandelt werden können, wenn sie schließlich doch auffällig werden.

Genauere Diagnosen erhofft man sich von der Technik der künstlichen Intelligenz (KI), die von Firmen wie Google und Microsoft erforscht und zunehmend eingesetzt wird. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der selbstlernenden Computerprogrammen, die Anhand von Bildern und anderen Mustern Vorhersagen treffen sollen.

Eine Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht – und von Google finanziert – wurde zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Ein Forscherteam trainierte die Software mit Mammographie-Bildern von 26.000 Frauen aus Großbritannien und 3000 aus den USA. Ob die Diagnosen richtig waren, konnte man überprüfen, weil die Frauen etwa 3 Jahre später erneut untersucht wurden.

Beim Vergleich der Vorhersage-Genauigkeit hatte die Software sowohl weniger falsche Alarme verursacht, als auch weniger Tumoren übersehen. Auch als die Forscher das KI-System lediglich mit den britischen Daten trainierten, und anschließend anhand der US-Daten testeten, war „Dr. Google“ überlegen. Gegenüber den US-Ärzten hatte die Software 3,5 Prozentpunkte weniger falsch Positive und 8,1 Prozentpunkte weniger falsch Negative. Dies zeigt, dass die Software länderübergreifend zum Einsatz kommen könnte und nicht nur in jenen Regionen, wo sie ursprünglich getestet wurde. Theoretisch könnten daher weltweit Engpässe in der Versorgung gelindert und vielerorts die Qualität verbessert werden.

Kritisch anzumerken ist allerdings, dass die Studie die Praxisbedingungen in vielen Ländern mit guter Versorgung ignoriert hat. So war die „statistisch signifikante“ Überlegenheit der Google-Software in Großbritannien nicht besonders ausgeprägt und bezog sich nur auf die jeweils ersten Radiologen, die dort die Mammogramme begutachtet haben. Üblich ist im britischen System – wie auch im deutschen – allerdings die Prüfung durch (mindestens) 2 Radiologen, von denen der zweite den Befund des ersten kennt. Legt man diesen Maßstab an, so war KI-System weniger gut als jeweils 2 Fachärzte. Der Unterschied war allerdings gering, und es ist abzusehen, dass lernfähige KI-Systeme wie das hier getestete schon bald zur Ausstattung einer modernen Praxis gehören werden. Wenn schon nicht als „Dr. Google“ dann vielleicht als „Assistent Google“.

Quelle:

McKinney SM, Sieniek M, Godbole V, et al. International evaluation of an AI system for breast cancer screening. Nature. 2020;577(7788):89–94. doi:10.1038/s41586-019-1799-6.

(Publikumsversion eines nur für Ärzte zugänglichen Fachartikels für Univadis.de, erschienen am 5. Januar 2020)

Ganz kurz: Übergewicht und Demenz

Erkranken dicke Frauen häufiger an einer Demenz? Diese Frage haben sich Forscher um Sarah Floud vom Nuffield Department of Population Health an der Universität Oxford vorgenommen, und dafür Daten aus der „Million Women Study“ angeschaut. Wie der Name schon sagt haben daran – in den Jahren 1996 bis 2001 – mehr als eine Million Frauen in Großbritannien teilgenommen, die zwischen 50 und 64 Jahre alt waren.

Heraus kam, dass in der Tat Frauen, die im mittleren Lebensabschnitt stark übergewichtig sind, ein mäßig erhöhtes Risiko haben, später an einer Demenz, wie z.B. Alzheimer zu erkranken. Wegen der großen Zahl der Teilnehmerinnen und der langen Beobachtungszeit (durchschnittlich 18 Jahre) darf man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass dieses Ergebnis „real“ ist, also nicht auf zufälligen Schwankungen oder Fehlern bei der Analyse beruht.

Was wurde gemessen? Erst Mal der Body-Mass-Index (BMI), der das Körpergewicht im Verhältnis zur Größe angibt. Normal sind 18,5 bis 24,9, darüber beginnt das Übergewicht, und ab einem Wert von 30 spricht man von Adipositas (auf deutsch: Fettleibigkeit). Erfasst wurde außerdem, wieviel die Frauen sich bewegt haben, und für mehr als die Hälfte auch das Essverhalten.

Unter den 18695 Frauen, die in dieser Untersuchung später an Demenz erkrankten, waren solche mit einem (früheren) BMI über 30 eindeutig gehäuft vertreten. Das Risiko für diese, stark übergewichtigen, Frauen war aber „nur“ um 21 Prozent erhöht gegenüber jenen, deren Gewicht normal war.

Ob das Übergewicht auch die Ursache der Demenz war, ist mit solch einer Studie allerdings nicht zu beweisen. Möglich ist auch, dass die Fettleibigkeit andere Vorgänge im Körper widerspiegelt (wie beispielsweise erhöhte Blutfettwerte, die zu einer Arterienverkalkung führen, die wiederum als Ursache von Demenzen anerkannt ist).

Übrigens spielten die anderen Punkte langfristig offenbar keine Rolle: Weder wirkte sich die Kalorienaufnahme auf das Demenzrisiko aus, noch war es bei jenen erhöht, die sich weniger als ein Mal pro Woche körperlich betätigt hatten.

Quelle:
Floud S, Simpson RF, Balkwill A, et al. Body mass index, diet, physical inactivity, and the incidence of dementia in 1 million UK women. Neurology. 2019;10.1212/WNL.0000000000008779. doi:10.1212/WNL.0000000000008779.

Finanzierung: UK Medical Research Council, Cancer Research UK.

(Publikumsversion eines nur für Ärzte zugänglichen Fachartikels für Univadis.de, erschienen am 3. Januar 2020)

Reiche Frauen leben am längsten

Über Ungleichheit wird zu Recht viel diskutiert. Beim wertvollsten Gut – unserer Lebenserwartung – gibt es mindestens zwei Dinge, die entscheidend sind.

Reich zu sein ist das Eine. Eine Frau zu sein das Andere. Und am besten ist die Kombination aus beidem: Wie jetzt eine Studie ergab, leben die reichsten Norwegerinnen im Durchschnitt fast 16 Jahre länger als die ärmsten Norweger.

Hintergrund der Studie war eigentlich die Frage, ob soziale Ungleichheit in einem Land das Leben verkürzt. Dafür verglich man Norwegen, wo das reichste Prozent der Einwohner acht Prozent des Gesamteinkommens bezieht, mit den USA, wo die entsprechende Gruppe 20 Prozent des Gesamteinkommens auf sich vereinigt.

Jonas Minet Kinge vom Norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit und seine Kollegen nutzten dafür die Informationen zum Haushaltseinkommen pro Person, zur Lebenserwartung und zur Todesursache aus vier miteinander vernetzten norwegischen Datenbanken. Um Verzerrungen durch Kinder zu vermeiden, die auf Kosten ihrer Eltern leben, beschränkten sie die Analyse auf Personen ab 40 Jahren.

Am längsten lebten demnach mit 86,4 Jahren jene Frauen, die zu dem einen Prozent der Top-Verdiener zählten. Frauen mit maximal 10 Prozent des Durchschnittseinkommens lebten dagegen im Schnitt 8,4 Jahre weniger, also 78 Jahre. Damit konnten sie sich aber immer noch deutlich länger des Daseins freuen als Männer in der gleichen Einkommensgruppe. Die hatten nämlich im Durchschnitt nur 70,6 Jahre zu erwarten – also 7,4 Jahre weniger als die „armen“ Frauen; 13,8 Jahre weniger als die reichen Männer und 15,8 Jahre weniger als die reichen Frauen.

Soziale Ungleichheit alleine reicht nicht aus, um die frappierenden Unterschiede zu erklären. So hatten Norweger mit geringem und mittlerem Einkommen zwar eine höhere Lebenserwartung als US-Amerikaner im gleichen Einkommensbereich. Betrachtet man jedoch die Gesamtbevölkerung, so waren die Unterschiede im Verhältnis zum Einkommen in beiden Ländern ähnlich stark ausgeprägt. Diese, in beiden Ländern ähnlich große „Schere“ spricht gegen die Annahme, dass ein staatliches Gesundheitswesen (wie in Norwegen) per se gerechter sein muss. Auch die soziale Ungleichheit der beiden Gesellschaften taugt nicht für eine Erklärung. Die lässt sich nämlich mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten messen – und da müsste Norwegen auf Platz 4 eigentlich viel besser abschneiden als die USA auf Platz 31.

Kinge JM et al.: Association of Household Income With Life Expectancy and Cause-Specific Mortality in Norway, 2005-2015. JAMA. 2019 May 13.

Überbewertete Krebskiller?

Sie gelten als einer der größten Fortschritte im Kampf gegen den Krebs, und ihre Entdecker Tasuku Honjo und James P. Allison erhielten auch prompt den Nobelpreis für Medizin des Jahres 2018: Immuncheckpoint-Inhibitoren sind eine neue Klasse von Medikamenten, welche die eingebauten Bremsen des Immunsystems zu lösen vermögen. Vor allem beim „schwarzen Hautkrebs“ (Melanom) und bei der häufigsten Form von Lungenkrebs, dem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) wurden damit in einigen Studien die Ergebnisse der bisher angebotenen Chemotherapien übertroffen.

In den Fachzeitschriften gibt es eine wahre Flut von Berichten zu Präparaten wie Ipilimumab (Yervoy), Nivolumab (Opdivo) und Pembrolizumab (Keytruda), die bei einer wachsenden Zahl von Krebsarten erprobt werden. Bei aller Euphorie wird jedoch oft übersehen, dass die vermeintlichen Wundermittel längst nicht für alle Krebspatienten in Frage kommen. In den USA sind es, einer neuen Untersuchung zufolge, derzeit „nur“ 40 Prozent – also weniger als die Hälfte.

Unter diesen 40 Prozent wiederum profitiert längst nicht jeder von den neuen Arzneien. Wie der Hämatologe Vinay Prasad vom Knight Cancer Institute der Oregon Health & Science University in Portland mit seiner Kollegin Alyson Haslam errechnet hat, liegt die Ansprechrate vielmehr bei 13 % – und das entspricht nur etwa einem unter sieben Patienten. Dabei ist die Ansprechrate auch nicht mit einer Heilung gleichzusetzen. Gemeint ist vielmehr, dass die Tumoren zumindest vorübergehend um mehr als die Hälfte schrumpfen. Das verschafft den Patienten Zeit, und einige, die zuvor verstorben wären, verdanken den Immuncheckpoint-Inhibitoren wohl tatsächlich ihr Leben.

Die gute Nachricht ist, dass der Anteil der Patienten, die für eine Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren in Frage kommen, sich ständig erhöht hat. Er lag im Jahr 2011 erst bei 1,5% und nun bei 43,6 %. Auch für die Ansprechrate ist die Tendenz positiv – sie lag noch im Jahr 2015 erst bei 5,9 %. Zu den oben genannten Ipilimumab, Nivolumab und Pembrolizumab, sind bis 2018 drei weitere Präparate hinzu gekommen, nämlich Atezolizumab, Avelumab und Durvalumab. Und behandelt werden dürfen mittlerweile nicht mehr nur das Melanom und der Lungenkrebs, sondern auch das Hepatozelluläre Karzinom, Nierenzellkarzinom, Blasenkarzinom, Hodgkin-Lymphom, Plattenepithelkarzinom von Kopf und Hals, Merkelzell-Karzinom, Magen- und bestimmte Formen von Darmkrebs, das Zervixkarzinom und eine Form von Blutkrebs, das primär mediastinale B-Zell-Lymphom.

Auch wenn die Autoren also die Bilanz der Immuncheckpoint-Inhibitoren „bescheiden“ nennen, und ihre Zahlen tatsächlich eine wichtige Grundlage für realistische Diskussionen sind, so gibt es durchaus gute Gründe, das Glas als halb voll zu betrachten.

Haslam A, Prasad V. Estimation of the Percentage of US Patients With Cancer Who Are Eligible for and Respond to Checkpoint Inhibitor Immunotherapy Drugs. JAMA Netw Open. 2019 May 3;2(5):e192535. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2019.2535.

Patienten-Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) zur Immuntherapie und deren Nebenwirkungen (pdf-Format).

Sich regen? Von wegen!

Eine, vom Nationalen Krebsinstitut mitfinanzierte, Langzeitstudie zeigt, dass US-Amerikaner unverändert lange auf ihrem Hintern sitzen. Damit verbringen sie sechs bis acht Stunden täglich – eine Zeitspanne, die sich zwischen 2001 und 2016 kaum verändert hat.

Herausgefunden hat dies ein Team um die Epidemiologin Dr. Lin Yang von der Forschungsstelle Cancer Epidemiology and Prevention Research, CancerControl Alberta (Kanada). Sie wertete die Daten aus einer regelmäßig stattfinden landesweiten Umfrage aus, dem National Health and Nutrition Examination Survey. Unter den fast 52000 Studienteilnehmern waren 10359 Kinder, 9639 Jugendliche und 31898 Erwachsene. Die Daten beruhten allerdings nicht wie heute üblich auf der Auswertung von Fitnessarmbändern, sondern auf der Selbsteinschätzung der Befragten.

Dabei kam heraus, dass im letzten Erfassungszeitraum 2015/2016 unter den Kindern 62 Prozent täglich mindestens zwei Stunden Fernsehsendungen oder Videos anschauten.  Unter den Jugendlichen war dieser Anteil mit 59 Prozent und bei Erwachsenen mit 65 Prozent ähnlich groß, und bei den Rentnern ab 65 Jahren lag er sogar bei 85 Prozent.

Im Vergleich der Jahre seit 2001 hatte es bei den Kindern zwar eine leichte Abnahme gegeben (um 3,4 Prozentpunkte), dafür schauten die Senioren im Schnitt aber 3,5 Prozent länger, sodass die Gesamtbilanz unverändert blieb.

In allen Altersgruppen zugenommen hat der Anteil derjenigen, die täglich außerhalb der Arbeit oder Schule für mindestens eine Stunde am Computer saßen. Bei Kindern stieg dieser Anteil von 43 auf 56 Prozent, bei Jugendlichen von 53 auf 57 Prozent, und bei Erwachsenen gar von 29 auf 50 Prozent.

Experten und Fachgesellschaften haben wiederholt vor den Gefahren des zu langen Sitzens gewarnt („Sitzen ist das neue Rauchen“). Klar ist, dass zu wenig Bewegung insbesondere das Risiko für Herzkrankheiten erhöht. Genutzt haben die Appelle jedoch wenig. Im Gegenteil lief der Trend – zumindest in den USA – im vergangenen Jahrzehnt in die falsche Richtung. Als die Forscher für die aktuelle Erhebung die Gesamtsitzzeiten in den Jahren 2007 bis 2016 verglichen, fanden sie bei den Jugendlichen eine Zunahme von 7 auf 8,2 Stunden täglich und für Erwachsene von 5,5 auf 6,4 Stunden täglich. Selbst diese Zahlen könnten das wahre Ausmaß der „Sitzepidemie“ noch unterschätzen. Für die aktuelle Auswertung hatte man nämlich weder die Zeit am Telefon noch das Lesen von Büchern berücksichtigt.

Yang L et al.: Trends in Sedentary Behavior Among the US Population, 2001-2016. JAMA. 2019 Apr 23;321(16):1587-1597. doi: 10.1001/jama.2019.3636.

Hilfsstoffe in Tabletten: Von wegen „inaktiv“

Viele der angeblich „inaktiven“ Hilfsstoffe in Tabletten könnten Nebenwirkungen verursachen, warnen Experten des Massachussetts Institute of Technology (Cambridge) in der Zeitschrift Science Translational Medicine.

Für ihren Bericht haben die Mediziner um den Schweizer Dr. Daniel Reker zwar keine eigenen Experimente angestellt. Allerdings durchforsteten sie zwei große Arzneimitteldatenbanken nach Inhaltsstoffen und verglichen diese Informationen mit Literaturangaben zu möglichen Nebenwirkungen.

Die Ergebnisse der vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanzierten Recherche lauten:

  • die in den USA am häufigsten geschluckten Tabletten enthalten – außer den eigentlichen Wirkstoffen – mehr als 70 verschiedene Inhaltsstoffe.
  • Spitzenreiter war der Blutfettsenker Atorvastatin, von dem jede einzelne Tablette 0,77 Gramm „inaktiver“ Hilfsstoffe enthält. Im Durchschnitt der untersuchten Tabletten waren es 0,28 Gramm und damit fast doppelt so viel wie von dem eigentlichen Wirkstoff.
  • Am häufigsten verwendet wurde der Hilfsstoff Magnesiumstearat. Er fand sich in 72 Prozent aller Proben.
  • Im Durchschnitt waren je Tablette 8 verschiedene Hilfsstoffe enthalten.
  • Zu 38 der „inaktiven“ Substanzen fanden die Forscher Berichte über allergische Reaktionen nach der Einnahme. Mindestens einer dieser Stoffe wiederum war in mehr als 90 Prozent aller untersuchten Tabletten enthalten.
  • Ein Drittel aller Medikamente enthielt Farbstoffe und fast die Hälfte (45 Prozent) Laktose – dies obwohl 75 Prozent der Weltbevölkerung eine Laktose-Intoleranz haben.
  • Unter bestimmten Zuckern, die von Patienten mit Reizdarmsyndrom gemieden werden sollten, (den vergärbaren Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzuckern, „FODMAPs“) war in mehr als der Hälfte aller Tabletten mindestens einer enthalten, teilweise in Mengen von mehr als einem halben Gramm.

In ihrem Bericht geht es den Wissenschaftlern nicht um Panikmache. „Für die meisten Patienten macht es keinen Unterschied, ob sie ein bisschen Laktose, Fruktose oder Stärke zu sich nehmen“, sagt Erstautor Reker. Allerdings: „Es gibt eine Untergruppe von Patienten – und wir wissen nicht, wie viele das sind – die extrem empfindlich auf diese Substanzen reagieren“.

Tipp: Durch einen Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung wurde ich auf eine App aufmerksam, die hilft, unerwünschte Stoffe in Tabletten, Kapseln oder Salben zu erkennen. Sie heißt „whatsin my meds“ und ist sowohl für Android als auch für iPhone in einer kostenlosen und einer Bezahlvariante verfügbar.

Reker D et al.: „Inactive“ ingredients in oral medications. Sci Transl Med. 2019 Mar 13;11(483). pii: eaau6753. doi: 10.1126/scitranslmed.aau6753.

Trafton A. „“Inactive” ingredients may not be, study finds„, MIT News Office, 13. März 2019.